Gemeinden wachsen nicht trotz, sondern durch die konstruktive Bearbeitung von Konflikten, indem sie Verantwortung teilen und zuvor übersehene Gruppen in die Mitgestaltung einbinden.
Die Predigt analysiert den Konflikt in der Jerusalemer Urgemeinde aus Apostelgeschichte 6,1-7, bei dem griechischsprachige Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Durch die erfundene Figur Eunike wird die emotionale Dimension des Übersehenwerdens und das Gefühl der Exklusion greifbar gemacht. Die Apostel reagieren nicht mit Abwehr, sondern erkennen ihre eigenen Grenzen und delegieren die Versorgungsaufgabe an sieben ausgewählte Männer, die überwiegend griechische Namen tragen. Dies wird als Akt der Gerechtigkeit und geteilten Verantwortung gedeutet, der die zuvor benachteiligte Gruppe in die Mitgestaltung einbindet. Der Text betont, dass Konflikte in der Gemeinde nicht als Scheitern, sondern als Chance zum Wachstum verstanden werden können. Die zentrale Botschaft lautet, dass Kirche dort entsteht, wo Menschen gemeinsam im Vertrauen auf Gott nach tragfähigen Lösungen suchen und Verantwortung teilen. Die Predigt ruft dazu auf, auf Übersehene zu achten und Konflikte konstruktiv zu bearbeiten, statt sie zu ignorieren oder zu eskalieren.
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Predigttext & EinführungPredigtPredigttext: Apostelgeschichte 6,1-7 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.
Exegese zur Aposelgeschichte 6,1-7
Apostelgeschichte 6,1-7 erzählt von einem Konflikt in der Jerusalemer Urgemeinde. Bemerkenswert ist zunächst, dass dieser Konflikt gerade im Zusammenhang mit dem Wachstum der Gemeinde entsteht. Lukas berichtet zuvor mehrfach, dass die Zahl an Jüngern stark zunimmt (vgl. Apg 2,41; 2,47; 4,4; 5,14). Die Gemeinde ist also keine gescheiterte Gemeinschaft, sondern eine wachsende und engagierte Gemeinde. Gerade dieses Wachstum bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich.
Der konkrete Konflikt betrifft die Versorgung der Witwen. Lukas unterscheidet zwischen den Hebräern und den Hellenisten, den griechischsprachigen Judenchristen. Die Witwen der Hellenisten werden bei der täglichen Versorgung übersehen. Dabei geht es nicht nur um ein organisatorisches Problem: Wer bei der Versorgung übergangen wird, erlebt möglicherweise auch, dass er innerhalb der Gemeinde weniger gesehen und weniger zugehörig ist. Das „Murren“ der Hellenisten ist deshalb Ausdruck eines tatsächlichen Konflikts und wird von den Aposteln ernst genommen.
Die Predigt greift diesen Gedanken auf, indem sie den Konflikt zunächst aus der Perspektive einer einzelnen Witwe erzählt. Eunike ist dabei ausdrücklich eine erfundene, beispielhafte Figur, die stellvertretend für die betroffenen Witwen steht. Anhand ihrer Person wird erfahrbar, was es bedeutet, übersehen zu werden. Zugleich wird deutlich: Der Text erzählt nicht von einer perfekten Gemeinde. Auch die erste Gemeinde kennt Spannungen, Ungerechtigkeiten und organisatorische Grenzen.
Die Reaktion der Apostel ist entscheidend. Sie weisen den Konflikt nicht zurück, sondern erkennen, dass eine neue Form der Verantwortungsverteilung notwendig ist. Ihre eigene Aufgabe sehen sie vor allem in Gebet und Verkündigung des Wortes Gottes. Die Versorgung der Bedürftigen wird deshalb nicht abgewertet, sondern als eigenständige wichtige Aufgabe anderen anvertraut. Die Gemeinde wählt dafür sieben Männer aus, die angesehen, weise und vertrauenswürdig sind. Auffällig ist, dass alle sieben griechische Namen tragen. Das legt nahe, dass gerade die bisher benachteiligte Gruppe stärker in die Verantwortung einbezogen wird, auch wenn Lukas ihre genaue Herkunft nicht ausdrücklich erklärt.
Die Predigt macht daraus den zentralen Gedanken: Der Konflikt wird nicht dadurch gelöst, dass eine Seite gewinnt und die andere schweigt. Verantwortung wird geteilt. Konfliktbewältigung bedeutet hier nicht, dass alle Unterschiede verschwinden, sondern dass Menschen gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung suchen und Verantwortung übernehmen.
Von besonderer Bedeutung ist schließlich die Verbindung von praktischem Dienst, Gebet und Verkündigung. Die sieben Männer werden nicht einfach als Organisatoren eingesetzt; die Apostel beten für sie und legen ihnen die Hände auf. Damit wird ihr Dienst in den geistlichen Zusammenhang der Gemeinde gestellt. Die Predigt greift dies auf, wenn sie betont, dass Fürsorge, Zuhören, Organisieren und das Wahrnehmen von Menschen ebenso zum Leben der Gemeinde gehören wie Predigt und Leitung.
Der Schluss der Perikope ist bewusst positiv: Das Wort Gottes breitet sich aus und die Zahl der Jünger wächst. Lukas erzählt damit nicht, dass die Gemeinde nach der Konfliktlösung konfliktfrei geworden wäre. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass eine Gemeinde an einem Konflikt wachsen kann, wenn sie hinschaut, Verantwortung teilt und sich im Gebet Gott anvertraut. Genau darin liegt die Botschaft der Predigt im Blick auf heute: Kirche ist nicht dort, wo es keine Konflikte gibt, sondern dort, wo Menschen sich durch Konflikte nicht auseinanderbringen lassen und gemeinsam im Vertrauen auf Gott nach einem Weg suchen.
Leitgedanken zur Predigt
Gemeinde kann an Konflikten wachsenGerechtigkeit beginnt mit HinsehenGeteilte Verantwortung in der GemeindeJeder Mensch wird gebrauchtWachstum durch VeränderungLesung
Lukas 10,25-37
Lieder
„Strahlen brechen viele aus einem Licht“ (EG 268)
„Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263)
„So jemand spricht, ich liebe Gott“ (EG 412)
„Brich mit den Hungrigen dein Brot“ (EG 420)
Fürbitten
Gott,
wir bitten dich für deine Kirche.
Schenke uns offene Augen alle, die übersehen werden,
und offene Ohren für die, die sich nicht gehört fühlen.
Gib uns Mut, Konflikte anzusprechen,
Weisheit, Verantwortung zu teilen,
und Bereitschaft, einander Raum zu geben.
Wir bitten dich für alle, die in unseren Gemeinden Verantwortung tragen,
und für Menschen, die sich ausgeschlossen oder nicht zugehörig fühlen.
Dass sie erfahren: Du siehst sie, du kennst sie, sie sind willkommen.
Literatur
Pesch, Rudolf, Die Apostelgeschichte, EKK V/1-2, 3. Aufl., Göttingen 2005 u. 2. Aufl., 2013.
I
Jerusalem. Nur wenige Jahre sind seit Jesu Tod und Auferstehung vergangen. Die junge Gemeinde in Jerusalem wächst. Immer mehr Menschen finden zum Glauben an Jesus Christus. Immer mehr Menschen schließen sich dieser neuen Gemeinschaft an. Heute nennen wir sie „Christen“.
Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die Menschen wollen so leben, wie Jesus es vorgelebt hat: füreinander da sein, niemanden allein lassen. Sie teilen, was sie haben. Sie sorgen dafür, dass die Bedürftigen versorgt werden. Niemand soll hungern. Niemand soll übersehen werden. Besonders im Blick sind die Witwen. Für sie gab es damals kaum Absicherung. Sie konnten schnell in Armut geraten. Jeden Tag werden deshalb Lebensmittel gesammelt und verteilt.
Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Eine Gemeinde, die das tut, was Jesus gepredigt hat. Sich um die Schwächsten kümmern. Und doch läuft nicht alles glatt. Die wachsende Gemeinschaft bringt Herausforderungen mit sich. Denn manchmal entstehen Konflikte nicht dort, wo alles schlecht läuft. Manchmal entstehen sie gerade dort, wo Menschen etwas Gutes wollen – aber merken: So wie es bisher läuft, damit stoßen wir an Grenzen. Hier beginnt die Geschichte, die Lukas in der Apostelgeschichte erzählt.
(Lesung des Predigigttextes, Apg 6,1-7)
II
Ein neuer Tag in Jerusalem. Es sind wieder viele Menschen zusammengekommen. Noch mehr als gestern. Die Gemeinde ist wieder größer geworden. Mehr Namen, mehr Geschichten, mehr Schicksale. Mehr Menschen brauchen Unterstützung. Schüsseln stehen bereit, gefüllt mit Brot, dazu Obst – Datteln, Feigen, Trauben – und andere Lebensmittel.
Am Rand steht eine Frau. Eine Witwe. Sie wartet. Stellen wir uns vor, dass sie Eunike heißt. Eunike hört, wie Namen aufgerufen werden. Hebräischklingende Namen. Namen wie Hanna, Miriam, Lea, Tamar, Salome. Die Frauen gehen nach vorne und bekommen Essen. Aber ihr eigener Name fällt nicht. Eunike. Ein griechischer Name. Auch kein anderer griechischer Name wird genannt. Eunike wartet noch ein wenig. Vielleicht denkt sie: Gleich bin ich dran. Doch die Schüsseln werden leerer. Und irgendwann sind sie leer. Eunike geht nach Hause. Mit leeren Händen und leerem Magen.
Vielleicht war es keine Absicht. Vielleicht hatte niemand beschlossen, sie auszuschließen. Vielleicht ist sie einfach in der wachsenden Gemeinde übersehen worden. Aber für sie macht das keinen Unterschied. Sie hat erlebt: Ich wurde nicht gesehen. Und genau hier beginnt der Konflikt. Denn die Gemeinde in Jerusalem wächst nicht nur, sie wird auch zunehmend bunter. Den Kern bilden die Hebräer. Mit der Zeit kommen immer mehr griechischsprachige Christen und Christinnen dazu. Auch sie glauben an Jesus. Auch sie feiern Gottesdienste. Und doch erleben sie: An einer entscheidenden Stelle werden wir übersehen. Ihre Witwen erleben: Wir werden übergangen. Eben einer dieser Witwen ist – wir nennen sie – Eunike.
III
Eunike macht sich auf den Heimweg. Sie kommt an einigen Menschen vorbei und hört, wie sie tuscheln. Sie kann sie gut verstehen. Denn sie sprechen Griechisch: „Hast du das gesehen? Unsere Witwen gehen mit leeren Händen nach Hause.“ „Und das nicht zum ersten Mal“, erwidert ein anderer.
Zunächst sind es einzelne Stimmen. Doch langsam wird deutlich: Dieses Gefühl betrifft nicht nur Eunike. Auch andere griechischsprachige Christinnen und Christen haben den Eindruck: Wir werden nicht wirklich gesehen.
Lukas beschreibt diese Situation in der Apostelgeschichte mit einem Wort: Es entsteht ein „Murren“. „Murren“ klingt zunächst fast harmlos. Nach Unzufriedenheit, die schnell wieder verschwinden kann. Aber wer schon einmal erlebt hat, wie ein Konflikt entsteht, weiß: Oft beginnt es genau so. Nicht mit einem großen Streit. Nicht mit offenen Anschuldigungen. Sondern mit einer Erfahrung, die sich festsetzt: Ich werde nicht gesehen, nicht ernst genommen. Meine Bedürfnisse zählen nicht. Und irgendwann geht es in Jerusalem nicht mehr nur um die Verteilung von Lebensmitteln. Es geht um eine viel grundsätzlichere Frage: Gehöre ich wirklich dazu? Bin ich wirklich Teil dieser Gemeinde? Oder bin ich ein Christ, eine Christin zweiter Klasse?
IV
Dieses Murren dringt schließlich bis zu den Aposteln vor.Die Apostel leiten die Gemeinde. Sie tragen die Verantwortung. Sie verkündigen die Botschaft von Jesus, beten, begleiten Menschen in ihrem Glauben und versuchen, die junge Gemeinde zusammenzuhalten. Keine leichte Aufgabe. Da hat dieser Konflikt gerade noch gefehlt.
Es wäre verständlich gewesen, wenn sie sich zunächst verteidigt hätten. Sie hätten sagen können: „Schaut doch mal, wie viel wir bereits tun. Ihr wisst gar nicht, wie viele Aufgaben wir jeden Tag meistern müssen. Müsst ihr jetzt auch noch damit kommen?“ Sie hätten erklären können: „Das war sicher keine Absicht. Das ist nur ein Missverständnis.“ Oder sie hätten versuchen können, das Problem möglichst kleinzureden: „So schlimm ist das doch gar nicht“.
Aber die Apostel reagieren anderes. Sie nehmen das Murren ernst. Sie erkennen: Hier stimmt etwas nicht. Gleichzeitig erkennen die Apostel ihre eigenen Grenzen. Die Versorgung der Menschen ist nicht unwichtig. Im Gegenteil. Aber auch die Apostel sind nur Menschen. Sie können nicht jede Aufgabe selbst übernehmen. Ihr Auftrag ist zuallererst die Verkündigung der Botschaft Jesu und das Gebet. Und so sprechen sie eine Wahrheit aus, die zeitlos ist. Wir schaffen nicht alles allein.
V
Diese Ehrlichkeit wird zum Wendepunkt. Die Apostel schlagen vor: „Setzt sieben Männer ein. Sie sollen sich um die Versorgung der Menschen kümmern.“ Und es sollen nicht irgendwelche Männer sein, sondern: „Männer, die in der Gemeinde angesehen sind, die Weisheit besitzen und denen die Menschen vertrauen können.“ Und was auffällt: Alle sieben Männer tragen griechische Namen – Lukas hat sie überliefert: Stephanus, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus.
Das ist kein Zufall. Ausgerechnet Menschen aus der Gruppe, die sich bisher übergangen gefühlt hat, werden nun beteiligt. Griechischsprachige Christen. Sie erhalten Verantwortung. Sie werden zu Mitgestaltern der Gemeinde. Das ist entscheidend. Der Konflikt wird nicht dadurch gelöst, dass eine Seite gewinnt und die andere schweigt. Er wird gelöst, indem Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Die Apostel sagen: Ihr gehört dazu. Wir brauchen euch. Auch ihr seid wichtig.
VI
Auf den ersten Blick übernehmen die sieben Männer eine ganz praktische Aufgabe: die tägliche Verteilung des Essens. Aber Lukas erzählt, dass die Apostel für sie beten und ihnen die Hände auflegen. Damit wird deutlich: Dieser Dienst ist nicht weniger geistlich als die Verkündigung des Evangeliums. Denn Gottes Liebe zeigt sich nicht nur in Worten. Sie wird sichtbar, wenn Menschen füreinander sorgen. Wenn jemand Verantwortung übernimmt. Wenn Menschen füreinander da sind.
Vielleicht unterschätzen wir heute solche Dienste manchmal. Wir schauen häufig zuerst auf die Menschen, die vorne stehen: diejenigen, die predigen, leiten, sichtbar Verantwortung überneh en. Aber eine Gemeinde lebt genauso von den Menschen, die im Hintergrund wirken: von Menschen, die besuchen, die zuhören, die organisieren, die die Kirche schmücke und in der Küche stehen, die merken: Moment mal, da fehlt doch jemand. Von Menschen, die anderen helfen, ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.
VII
Wie es mit den Witwen weitergeht, erzählt Lukas nicht. Aber eines hat sich verändert: Die Menschen, die bisher übersehen wurden, bekommen einen Platz und Verantwortung in der Gemeinde. Ausgerechnet diejenigen, die am Rand standen, werden zu Mitgestaltern.
Lukas erzählt damit nicht von einer perfekten Kirche. Auch die erste Gemeinde kennt Überforderung, Missverständnisse und Konflikte. Aber sie bleibt nicht dabei stehen. Sie hört hin, übernimmt Verantwortung und sucht gemeinsam nach einem neuen Weg. Und sie tut das im Vertrauen auf Gott.
Deshalb endet die Geschichte auch nicht mit dem Satz: „Und von da an gab es keine Probleme mehr.“ Sondern Lukas schreibt: „Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.“ Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Kirche wächst nicht dort, wo alles reibungslos läuft. Sie wächst dort, wo Menschen einander sehen, Verantwortung teilen und darauf vertrauen, dass Gott daraus etwas Neues entstehen lässt. Das ist Kirche. Damals und heute.