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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Christliche Existenz

Pastor Dr. habil. theol. Günter Scholz · Predigtforum · 2026-08-23 · Magdeburg · Quelle

Gemeinschaft · Hauptbotschaft Demut · tragend

Die wahre christliche Identität besteht nicht in konfessionellen Unterschieden oder menschlicher Mündigkeit, sondern in der durch den Heiligen Geist geschenkten Heiligkeit und der gemeinsamen Zugehörigkeit zum Fundament Jesus Christus.

Der Text analysiert 1. Korinther 3 als Aufruf zur Überwindung innerkirchlicher Spaltungen durch die Betonung der gemeinsamen Mitarbeiterschaft unter Gott. Paulus wird als Beispiel herangezogen, der über den Streit um seine Person hinaus auf das Fundament Jesus Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes verweist. Der Prediger überträgt diese Logik auf die heutige Ökumene und kritisiert die Schärfe konfessioneller Profile zugunsten eines gemeinsamen christlichen Identitätsmerkmals. Er problematisiert den Begriff des 'mündigen Christen' und setzt ihn dem biblischen Konzept der durch Gott verheißenen Heiligkeit gegenüber. Die Vision eines 'gemeinsamen Hauses Kirche' wird als verborgene Gegenwart durch die Präsenz Gottes formuliert. Der Text schließt mit der Ermutigung, am gemeinsamen Haus weiterzubauen, wobei Gottes Gericht als rettendes Element für fehlerhafte Werke dargestellt wird.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
Wo sitzt das Übel?
in der eigenen Gemeinde, Familie, Religion
Was hilft dagegen?
Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit; Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem als Angenommener und Beschenkter beschrieben
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
auch verwandten Traditionen, aber nicht allen
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

1. Kor 3,1-8 · 1. Kor 3,9-17 · 1. Kor 3,11 · 1. Kor 3,16

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3
Zeitbezug
früher 1, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Predigttext & EinführungPredigtPredigttext: 1. Kor 3, (1-8) 9-17 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) [1 Und ich, Brüder und Schwestern, konnte nicht zu euch reden wie zu geistlichen Menschen, sondern wie zu fleischlichen, wie zu unmündigen Kindern in Christus. 2 Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr's noch nicht, 3 denn ihr seid noch fleischlich. Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise? 4 Denn wenn der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos –, ist das nicht nach Menschenweise geredet? 5 Was ist nun Apollos? Was ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. 7 So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. 8 Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.] 9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. 10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. 11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. 14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. 15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr. Exegetische Bemerkungen In Kapitel 1 – 6 geht es um das rechte Verständnis christlicher Existenz in Abgrenzung gegen Spaltungen (1,10-17; 3,5-8; 3,21-23), gegen gnostische Weisheitsspekulation und Ruhmsucht der Korinther, als seien sie darin die besseren Christen (1,18 – 2,16; 3,18-23; 4,6-13). Paulus setzt dagegen da einzig wahre „Wort vom Kreuz“ (1,18), dem er sich verpflichtet weiß (2,2), und er sieht wahres Christsein durchdrungen allein vom Geist Gottes (2,12; 3,16; 6,19.20). In Kapitel 7 kommt er zu anderem: „Nun zu dem, wovon ihr geschrieben habt …“. So kann man Kapitel 3,1-16 als die Mitte der Kapitel 1 – 6 ansehen, nicht nur nummerisch, sondern auch thematisch. Denn hier sind Überwindung der Spaltung (3,1-4) im irenischen allumfassenden Mitarbeitergedanken (3,5-10), in der Besinnung auf das Fundament Jesus Christus (3,11) und im Gedanken der Einwohnung des heiligen Geistes in allen Christen angestrebt. Der Text gliedert sich in 5 Abschnitte: 3,1-4: Gegen Spaltungstendenzen in der Gemeinde … 3,5-8: … mit dem Argument des „Diakonats“ aller Apostel unter Gottes Gnade (Gärtnerbild). 3,9-11: … mit dem Argument der Mitarbeiterschaft aller Apostel unter Gottes Gnade (Baumeisterbild); … mit dem verbindenden Fundament Jesus Christus. 3,12-15: Einschub: Gericht über gute und schlechte „Bauwerke“ (Gemeindekonzepte). Trennung von Person und Werk: Gottes Rettungswille setzt sich an der Person durch. „Gnade“ zu behaupten ist nur sinnvoll „durch das Gericht hindurch“. 3,16-17: … mit dem verbindenden Band des heiligen Geistes. Es geht um die Einheit der Gemeinde. Die Klammer quasi „von unten“ sind die Apostel im Dienst Gottes, die Klammer „von oben“ ist Jesus Christus und der Heilige Geist. Exegetisch interessant ist die bibliodramatische Struktur des Textes. Es gibt vier „Personen“ bzw. Instanzen: Ich/Paulus: habe gepflanzt, bin Diener und Mitarbeiter Gottes, habe den Grund gelegt (werde gerichtet). Sie/Apollos und die anderen: haben begossen, sind Diener und Mitarbeiter Gottes, haben weiter gebaut, werden gerichtet. Ihr: seid Gottes Ackerfeld, seid Gottes Bau, seid Gottes Tempel. Gott: gibt Gedeihen, hat den Grund gelegt: Jesus Christus, gibt Lohn, rettet, erfüllt mit seinem Geist. Die bibliodramatische Struktur unterstreicht die Einheit der Gemeinde als Gottes Gabe. Sie hat per se auch die Form des Appells. Homiletische Bemerkungen Die Perikopenordnung sieht für den 12. Sonntag nach Trinitatis den Predigttext 1. Kor 3,9-17 vor. Sie blendet den historischen Hintergrund der irenischen Feststellung „Wir sind Gottes Mitarbeiter“ aus, die Konkurrenz zweier „Konfessionen“, der paulinischen und der apollonischen. Übrig bleibt ein Mitarbeiterprofil, geeignet für einen Gottesdienst zu Ehren eben der gemeindlichen Mitarbeiter. Aber gerade der urchristliche Bekenntnisstreit ist doch interessant für den Gottesdienstbesucher, weil dieser Analogien zur evangelisch-katholischen Gegenwart herzustellen vermag und beobachten kann, wie Paulus über den Konfessionsstreit hinausführt. Hier läge ein Anknüpfungspunkt. Selbst dieses Thema droht freilich zu einem innerkirchlichen Dialog zu werden, das nur Pastoren/innen, Diakone/innen und Kirchenleitungen interessiert. Andererseits ist davon auszugehen, dass der/die Gottesdienstteilnehmer/in angesprochen ist von der Frage, was die Gemeinde Jesu Christi, zu der er/sie gehört, eint: das Fundament Jesus Christus (3,11) und das einigende Band des heiligen Geistes (3,16). Gelegentlich versuche ich, die Grenzen des innerkirchlichen Dialogs zu überschreiten, indem ich den Begriff des „mündigen Christen“ problematisiere oder die Vision eines „gemeinsamen Hauses Kirche“ entwickle. 1. Korinther 3,12-15 berühre ich kaum. Das ist ein Thema für sich. Wie geht die katholische Kirche mit den Pius-Brüdern um? Sie hat das Mittel der Exkommunikation, aus der evangelischen Kirche kenne ich abgesehen von den Verwerfungen der Bekennenden Kirche so etwas nicht. „Wisst ihr nicht …“ damals Gibt es eine höhere Wertschätzung und Würdigung unseres christlichen Lebens als zu sagen: „Ihr seid ein Tempel Gottes. Gott wohnt in euch. Ihr seid heilig“? Der Apostel Paulus spricht seiner Gemeinde in Korinth diese Heiligkeit zu, obwohl sie gespalten zu sein scheint. Die einen sagen: „Ich gehöre zu Paulus“, die anderen sind Anhänger eines gewissen Apollos, und es gibt Zank und Streit um die rechte Lehre. Für Paulus ist diese Fehlentwicklung nicht hinnehmbar: „Wisst ihr nicht, dass ihr alle allzumal heilig seid? Gott wohnt in euch! Ihr alle seid Gottes Tempel. Ihr alle, egal ob ihr mir oder Apollos folgt, ihr alle seid miteinander verbunden durch den Geist Gottes, durch seinen heiligen Geist.“ „Wisst ihr nicht …“ heute Ich höre, wie dieses „Wisst ihr nicht …“ durch die Zeiten schallt. Es schallt bis heute in unsere Zeit herüber. Wir reden von Ökumene und sind doch meilenweit von ihr entfernt. Jede Konfession schärft ihr Profil, und ich höre und lese Begriffe wie „Evangelischer Glaube“ oder „Katholische Religion“. Gibt es das – „evangelischer Glaube“ oder „katholische Religion“? Nein, niemals! Es gibt nur eines: „christlichen Glauben“ und „christliche Religion“. Denn „einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Uns allen, evangelischen wie katholischen Christen, gilt das „Wisst ihr nicht …“ des Paulus: Wisst ihr nicht, dass ihr alle, jeder einzeln und ihr alle als Gemeinde, Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Ja, der Geist Gottes ist es, der uns als Christen erkennbar macht in Haltung und Verhalten; der Geist Gottes ist es, der uns untereinander verbindet – über Konfessionsgrenzen hinweg. Der Geist Gottes zeichnet uns aus. Den haben wir uns nicht wie einen Orden oder einen Pokal verdient, sondern der ist uns geschenkt. Durch ihn sind wir Gott geweiht, durch ihn sind wir heilig. Heilig, weil Gott unter uns wohnt. In kirchlichen Denkschriften lese ich gelegentlich etwas darüber, was der „mündige Christ“ erkennen oder tun sollte. Ich frage mich: Ist der „mündige Christ“ die Gestalt, die das Neue Testament anstrebt? Wir brauchen den „mündigen Bürger“ – keine Frage. Der Bürger wird mündig durch Erwerb bestimmter Kenntnisse und Fähigkeiten. Mündig zu sein ist sein Verdienst. Für den Christen bzw. die Christin jedoch hält das Neue Testament das Prädikat „heilig“ bereit. Jeder Christ ist ein Heiliger, von Gott geheiligt – ohne Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten, einfach so. Das ist Gottes außerordentliches, unvergleichliches Geschenk an uns. Gottes Geist verbindet uns, und an uns ist es, in diesem Geist zu leben, in Haltung und Verhalten. Das „gemeinsame Haus Kirche“ Ich spreche von uns als Christen. Paulus kannte diese Religionsbezeichnung noch nicht. Aber der Sache nach gab es sie für ihn; denn – wie er bekennt – „mögt ihr dem Apollos folgen oder mir, einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Jesus Christus ist das Fundament unseres Glaubens. Wer auf diesem Fundament aufbaut, hat eine Wohnung im gemeinsamen Haus Kirche. Vom „gemeinsamen Haus Europa“ zu reden, war einmal Vision, ist nicht mehr zeitgemäß. Vom „gemeinsamen Haus Kirche“ zu reden, ist Vision, aber noch nicht zeitgemäß. Ich glaube aber, dass es schon verborgene Gegenwart ist, weil Gott unter uns wohnt. Jesus Christus ist der Garant. Denn in Jesus Christus ist Gott zur Welt gekommen. Seitdem dürfen wir gewiss sein: Er wohnt unter uns. Er verbindet uns alle, die wir uns nach ihm Christen nennen. Die Gemeinschaft der Heiligen Dabei gerade an Jesus Christus als verbindendes Fundament zu denken, ist für mich eine schöne Vorstellung. Denn Gott ist als wehrloses Kind zur Welt gekommen, Frieden ausstrahlend, geborgen im Schoß der Mutter. Das Kind wuchs heran, wurde 12, löste sich vom Elternhaus und ging zur Verwunderung der Eltern eigene Wege, fand seinen Weg als Rabbi und als Krankenheiler, erregte Anstoß in seiner jugendlichen Radikalität und ging, der Gotteslästerung angeklagt, in Gottergebenheit in den Tod. So verbindet Gott in Jesus Christus uns alle zu einer großen Gemeinde – mündiger Christen? – Nein! Zu einer großen Gemeinschaft der Heiligen. Dazu gehören die Babys mit ihren Müttern und Vätern, dazu gehören die Teenager und Twens, dazu gehören die Bürgerlichen und die Unkonventionellen, dazu gehören die Kranken, die Verurteilten und die Sterbenden. Gott ist in ihnen gegenwärtig, Jesus Christus ist in ihnen gegenwärtig. Weil Jesus Christus gegenwärtig ist bei uns in jedem Alter, in jeder Lebensphase, dürfte eigentlich auf dem Altar neben dem Kreuz noch ein weiteres Symbol stehen: die Krippe. Krippe und Kreuz gehören zusammen, als Beginn und Ende des Lebensweges Jesu, als Beginn und Ende unseres Lebens mit Jesus. – Aber vielleicht reicht es auch, die kunstvoll gestalteten Kirchenfenster in manchen Kirchen und Domen zu betrachten. Sie berichten vom Leben Jesu, oft von jeder Phase seines Lebens. Und der Sinn ist nicht allein, eine Biografie Jesu zusammenzustellen, sondern ihn mit deinem Leben in Verbindung zu bringen, mit deinem Leben, mit deinem Beruf, mit deiner Aufgabe, mit deinem Glauben und mit deinen Zweifeln. So wird Jesus für dich, für dich, für uns alle gegenwärtig und zum verbindenden Band, zum Fundament des Tempels, der wir sind. Paulus lässt grüßen. „Baut weiter am gemeinsamen Haus. Manches ist gut, manches ist schädlich. Gott wird es letztendlich beurteilen. Vielleicht wird er manches Werk verurteilen. Aber der Baumeister, der den falschen Hammerschlag getan hat, muss zwar „durchs Feuer“, „aber er wird gerettet werden.“ Ermutigung zum Weiterbau in unserer Zeit.