Der Mensch ist nicht primär ein Mühsaliger, sondern ein Gepflegter: Gott tut von sich aus so viel, dass die eigentliche Aufgabe des Menschen darin besteht, das Gegebene zu erkennen, zu hüten und dankbar zu empfangen.
Die Predigt nimmt den Predigttext aus 1. Mose 2 auf und erzählt die Schöpfungsgeschichte vom Garten Eden in Form eines Dialogs zwischen Großvater und Enkel. Der Mensch wird als aus Erde geformt und von Gott mit Atem erfüllt vorgestellt, was seine Herkunft und Abhängigkeit von Gott betont. Im Garten Eden ist die Arbeit des Menschen keine Last, sondern Freude, da er nur pflegt und hegt. Der Text grenzt sich von der modernen Arbeitswelt ab, in der Arbeit oft als Müssen und Mühe erscheint. Die zentrale Botschaft ist, dass Gott von sich aus viel tut und für die Menschen sorgt, was durch den Wochenspruch 'Alle eure Sorge werft auf ihn' unterstrichen wird. Der Gegenwartsbezug liegt in der Einladung, die vielen vorausgehenden Gaben des Alltags zu erkennen und Sorge loszulassen. Die Predigt schließt mit dem Bild, dass sich der Vorhang zum Garten Eden in der Alltagsnähe ein wenig öffnet.
1. Mose 2 · Mt 6,26-30 · 1. Petrus 5,7
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
»Für uns ist gesorgt«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
der vorhin gehörte Predigttext für diesen Sonntag aus dem ersten Buch der Bibel nimmt uns mit auf einen weiten Weg zurück nach vorne. Hört sich komisch an. Ist aber sehr einfach. Der Weg führt uns dorthin, wo wir eigentlich herkommen, als wir noch ursprünglich waren, so wie Gott uns gedacht und gemacht hat: hinein ins sog. Paradies, in den Garten Eden. Also dorthin, wo die Gemeinschaft mit Gott, miteinander und mit der Kreatur noch nicht gestört oder gar zerstört war. Betreten wir also den Garten Eden! Damit wir hineinfinden, schließen wir uns einem alten Mann an, der seinem Enkelkind die uralte Geschichte schon einmal erzählt hat. Und nun, wie Kinder so sind, wenn es um Geschichten geht, will der Enkel sie wieder hören und stellt tausend Fragen.
I.
„Großvater“, fragt der Junge, „warum gab es denn damals noch keine Sträucher und Bäume? Warum war denn alles so trocken, wie du mir erzählt hast? Und warum gab es noch keinen Menschen? Wer hat denn den Menschen gemacht?“ - „Langsam“, antwortet der Großvater, „eins nach dem anderen“. Und dann malt er dem Enkel noch einmal den kahlen, trockenen Boden vor Augen, wo nichts wächst, nur staubige, steinige Wüste. Wie die Oberfläche des Mondes. „Aber pass auf, auf einmal stieg aus dem Boden wunderbar der Nebel auf und machte ihn feucht, er wurde zu Lehm, aus dem man etwas formen kann. Viel weiche, feuchte Erde nahm Gott in die Hände und bildete damit liebevoll einen Menschen.“ –
„Das war dann ja ein Erdmann, Großvater.“ - „Das hast du gut gesagt! In der Sprache, in der die Bibel aufgeschrieben wurde, im Hebräischen, heißt Erde Adama, und Mensch heißt Adam. Schon daran kannst du‘s gut sehen: Wir sind alle Erdmänner und Erdfrauen. Erinnerst du noch, vor zwei Jahren, als deine Omi beerdigt wurde: Wie die Pastorin am Grab gesagt hat ‚Von der Erde bist du genommen, zur Erde sollst du wieder zurückkehren!‘“ - „Aber Großvater, du hattest mir doch erzählt, dass der Erdmann sich noch nicht bewegen konnte. Er konnte noch gar nicht gehen, nicht mal atmen konnte er!“ - „Richtig. Deshalb nahm Gott ihn auch und blies ihm in beide Nasenlöcher hinein, ganz kräftig und lange. Bis es in dem Erdmann zu atmen anfing. So atmet es auch in uns. Einatmen, ausatmen, Tag um Tag, Jahr um Jahr. Vom ersten Schrei beim Zurweltkommen, bis zum letzten Aushauchen beim Sterben. Auch wenn du schläfst, atmet es in dir, ganz von selbst, du brauchst nichts dafür zu tun. Das ist das Leben, es kommt von Gott. Und der Erdmann, der Adam, richtete sich auf, konnte gehen, er war lebendig, ein Mensch mit Leib und Seele.“ –
„Aber Großvater, er hatte ja nichts zu essen, es war ja noch nichts gewachsen!“ - „Ja, und darum pflanzte unser Gott einen Garten in Eden. In den setzte er den Menschen mitten rein. Für den war’s eine Freude, eine Augenweide, sich umzusehen: hohe Palmen mit süßen Datteln. Granatapfelbäume mit knallroten, saftigen Früchten. Der Feigenbaum mit seinen schattenspendenden Blättern, der Frucht bringt vom Frühling bis in den späten Herbst. Silbergrün schimmernde Ölbäume mit zahllosen kleinen Oliven, und auch der mächtige Nussbaum, in dem du so gerne herumkletterst. Und zwischen all den Bäumen lauter Triebe vom Weinstock. Sie rankten sich von Ast zu Ast und trugen schwere, blaue Trauben. Und mitten im Garten“ - hier wurde Großvaters Gesicht ernster - „mitten im Garten stand der Baum des Lebens und der Erkenntnis des Guten und des Bösen.“ - „Was waren das für Bäume?“ - „Davon erzähle ich dir ein andermal, heute wird’s zu viel.“
II.
„Aber Großvater, wer gab denn all den Bäumen zu trinken?“ - „Na, das habe ich dir doch schon erzählt. Eine mächtige Quelle entsprang in dem Garten, sprudelndes, frisches Wasser, viel mehr als der Garten Eden brauchte. In einem Strom floss das Wasser dahin, und der Strom teilte sich in vier Arme, die flossen nach Norden und Süden, nach Osten und Westen, in die ganze Welt.“ -„Dann kommt ja alles Wasser aus dem Gottesgarten!“ - „Ja, alles Wasser ist ein Geschenk von Gott, wir können gar nicht genug dafür danken. Wir vergessen das so schnell, weil wir nur den Hahn aufdrehen müssen. Aber du weißt ja, anderswo in der Welt ist Wasser so selten und kostbar wie Gold, weil es für zu viele Menschen zu wenig Wasser gibt. Und wenn wir so weitermachen, wirst du es leider erleben, dass auch bei uns das Wasser ein Luxusgut wird.“
„Aber Großvater, es gab ja noch keine Tiere! Keine Katze, keine Maus, kein Eichhörnchen, keinen einzigen Schmetterling. Hat der Erdmann da nicht total einsam gefühlt, so allein im Garten? Musste er nichts arbeiten?“ - „Langsam, mein Kind, nicht alles auf einmal. Für heute ist’s wirklich genug. Nur das noch: Ja, er hatte viel zu tun, der Adam. Aber die Arbeit war ihm eine Freude, eine richtige Lust! Ganz anders als es für uns oft ist. Das meiste war ja schon getan, bevor er ran musste. Die Bäume standen ja schon. Nur die Erde musste er etwas lockern rings um die Bäume, und das Gestrüpp wegschneiden, damit die Früchte auf die Wiese fielen und nicht unter die Sträucher, um dort zu verfaulen. Auch einen Wassergraben musste er hin und wieder ziehen und den Ranken des Weinstockes ein wenig weiterhelfen, indem er sie da und dort festband. Eigentlich brauchte der Mensch im Garten Eden nur nach dem Rechten zu sehen. Er brauchte ihn nur zu hegen und zu pflegen.“ - „Dann war der Mensch ja ein Gärtner, ein richtiger Obstgartenhalter?“ - „Ja, er hatte den schönsten Beruf, den man sich denken kann. Gärtner in Gottes Garten.“ --
III.
Liebe Gemeinde, vielleicht ahnen wir: diese uralte Geschichte vom Garten Eden ist kein Märchen. Und wenn sie eines wäre, wäre es richtig gut erzählt worden vor 3000 Jahren. Von Menschen, die in einem solchen Garten lebten, ihn hegten und pflegten. Auf einem schmalen Streifen fruchtbaren Landes vielleicht, wie man das in Palästina öfters sieht, umgeben von Wüste. Es spiegelt sich in der alten Geschichte das ehrfürchtige Staunen über den Wasserreichtum und das grünende Leben in diesem Garten. Und noch nichts kündigt sich an von dem menschlichen Drang, Grenzen auszutesten und zu überschreiten, ja wie Gott sein zu wollen mit all den verhängnisvollen Folgen. Die Mühe und Qual seiner oft vergeblichen Arbeit, sei es auf dem Acker, wo die Ernte durch den viel zu heißen Sommer kümmerlich ausfällt, oder sei es am Rechner, der abstürzt, nachdem die Predigt geschrieben wurde und alle Mühe war umsonst. Hier im Garten Eden ist das Leben einschließlich der Arbeit eine Lust. Keiner muss mit keinem ringen um das Verhältnis von Lebensarbeitszeit und Renteneintritt. Arbeiten ist noch kein Müssen, es ist ein Dürfen. Alle Voraussetzungen sind ja schon gegeben, es gilt nur, das Gegebene zu pflegen.
Das ist es, was uns heute an dieser Geschichte aufgehen soll, und warum 1.000 Jahre später Jesus in er Bergpredigt seinen Hörern empfohlen hat, sich die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Feld einzuprägen: weil auch für uns so viel von selbst geschieht, ohne dass wir dafür erst die Ärmel hochkrempeln müssen. Ehe der Nachbar morgens in den Garten geht, um seine Hühner zu füttern, ehe wir unsere Kinder wecken und uns an den Frühstückstisch setzen, ist schon ganz viel geschehen. Ohne dass wir’s gemerkt haben, ist die Nacht der Morgendämmerung gewichen. Die Vögel haben bereits das erste Mal gesungen. Die Menschen, die mir heute freundlich begegnen werden, obwohl ich vielleicht nicht freundlich zu ihnen war, sind auch schon wach. Der Zeitungsausträger hat mir längst meine geliebte FAZ in den Postkasten gelegt, so dass ich mich am Morgen updaten kann. Der Zahnarzt, bei dem ich heute leider aufschlagen muss, hat seine Instrumente schon geordnet. Die Postmappe ist schon hergerichtet, wenn ich morgens ins Büro komme. Vieles von dem, was ich in meiner täglichen Arbeit tue, könnte ich nicht oder viel weniger tun, wenn dieses alles und noch viel mehr nicht vorausgegangen wäre.
„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“, lautet der heutige Wochenspruch. Dieser 15. Sonntag n. Tr. ist von seinen biblischen Texten her der Anti-Sorgen-Sonntag im Kirchenjahr. Wir ahnen wieder, wie unglaublich viel Gott von sich aus tut. Er, der - wie Jesus auch in der Bergpredigt sagt - seine Sonne jeden Morgen neu aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte. Wenn uns dafür die Augen wieder ein Stück aufgehen, dann öffnet sich der Vorhang zum Garten Eden auch hier schon ein wenig. In allernächster Nähe.
Amen.