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Katholisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Eine fremde und „lästige“ Frau: befreien oder wegschicken?

Gastautor*in · Predigtforum.com · 2026-08-16 · Quelle

Barmherzigkeit · Hauptbotschaft Fürsorge · tragend Gerechtigkeit · tragend

Die christliche Gemeinschaft soll die biblische Botschaft des Teilens als Gegenentwurf zur modernen Konkurrenz- und Ausgrenzungsethik in der Migrationsdebatte umsetzen.

In der Ökonomie der Welt geht es um Hunger und Konkurrenz, in der Ökonomie des Gottesreiches aber um Teilen und Verteilung.

Der Text analysiert das Matthäusevangelium (Mt 15), in dem Jesus eine syrophönizische Frau zunächst ignoriert, da er sich als zu Israel gesandt versteht. Die Autorin beleuchtet die Übersetzungsproblematik der Jünger, die Jesus auffordern, die Frau entweder zu befreien oder fortzuschicken. Sie stellt die biblische Szene in den Kontext von Hunger und Verteilungskämpfen, die sowohl in Israel als auch in den heidnischen Hafenstädten herrschen. Die Frau akzeptiert ihre untergeordnete Position als 'Hund', fordert aber die 'Brotkrumen', was Jesus als großen Glauben wertet. Der Text zieht Parallelen zu modernen gesellschaftlichen Debatten über Migration und Gerechtigkeit. Er argumentiert, dass die 'Ökonomie des Gottesreiches' auf Teilen basiert und auch für Fremde genug Raum lässt. Die Kernaussage ist, dass Christen in der Gegenwart nicht reflexiv ablehnend reagieren, sondern in konkreten Notlagen der anderen nachgeben und teilen sollen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft; Ausbeutung, Unterdrückung, ungleiche Verhältnisse
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
praktisches Handeln am Nächsten, Werke; Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem Teil einer Gemeinschaft oder Schöpfung
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Mt 10,5 · Mt 15,23 · Mt 15,32

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3, benannt: Heiden, Fremde, Syrophönizier
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Jesus wusste sich nur zu seinem jüdischen Volk gesandt. Hier gab es neben den klassischen Frommen auch viele Außenseiter:innen, die er wieder in die Mitte holte. Jesus wird aber auch schon mit Menschen außerhalb des Judentums konfrontiert, die seine heilende Botschaft und Nähe suchen. Im heutigen Evangelium ist es eine Frau mit schwerkranker Tochter außerhalb Israels, die ihn ordentlich herausfordert. Nach der Heilung ihrer Tochter wird sie wohl in den phönizischen Hafenstädten von Tyrus und Sidon die Frohe Botschaft verbreitet haben. Israel gegen Tyrus und Sidon Für wen ist diese Evangelienstelle gedacht? Wer soll davon profitieren? In zweitausend Jahren ist die Frohe Botschaft bis an die Enden der Erde verkündet worden – nicht immer mit friedlichen Mitteln –, und so hat sich das Christentum weltweit ausgebreitet. Wenn wir zurückgehen auf das Matthäusevangelium, aus dem wir gerade einen Abschnitt gehört haben, dann ist das gar nicht selbstverständlich. Jesus weiß sich als frommer Jude zur Sammlung der Menschen aus den versprengten zwölf Stämmen des Volkes Israel berufen, darum auch die Zahl Zwölf für die Apostel. Diese sendet er nach Kapitel 10 aus mit den Worten: „Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen Israels.“ (Mt 10,5 ff.) Nun geht aber Jesus selbst in heidnisches Gebiet, wie es im heutigen Evangelium heißt: „Er zog sich ins Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.“ – Sogleich wird er mit einer Frau aus der Gegend und ihrer Not konfrontiert. Sie ruft: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids. Meine Tochter wird von einem Dämon gequält!“ – Jesus aber gibt ihr keine Antwort. Er ignoriert sie also vorerst. Als Fremde gehört sie sozusagen nicht zu seiner Zielgruppe. Es scheint nur logisch, dass seine Jüngerschaft ihn auffordert, die fremde und lästige Frau fortzuschicken: „Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!“ (Mt 15,23). Soweit die neue Einheitsübersetzung. In anderen Übersetzungen, z. B. auch der alten Einheitsübersetzung, sagen die Jünger zu Jesus aber nicht: „Schick sie fort“, sondern: „Befrei sie (von ihrer Sorge)“. Nach der Luther-Übersetzung sagen sie zu Jesus: „Lass sie doch gehen / Entlass sie doch“ – mit einer Fußnote: „Andere Übersetzung: Stell sie zufrieden“. Was gilt also? Zögert Jesus selbst, wenn er ganz allgemein antwortet: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt?" - Für wen ist die frohe Botschaft gedacht? Wer soll davon profitieren? Nur die eigene Bevölkerung? Alle hungern Tatsächlich haben seine eigenen Leute nichts zu essen, wie es einige Verse später (Mt 15,32 ff.) heißt. Das ist im Nachkriegsisrael, das von den Römern vollkommen zerstört ist, bittere Realität, von der der Evangelist ausgeht. Eine Menschenmenge von viertausend Menschen hat sich um Jesus versammelt. Er ruft seine Jünger:innen zu sich und sagt: „Ich habe Mitleid mit diesen Menschen. Sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. Ich will sie nicht hungrig entlassen, sonst brechen sie auf dem Weg zusammen.“ (Mt 15,32). Aber auch in den Hafenstädten von Tyrus und Sidon herrscht Hungersnot. Wenn es also nicht für alle reicht, wer geht vor? Regiert das Gesetz der großen Zahl gegenüber einem Einzelinteresse? Müssen die eigenen Leute auf jeden Fall zuerst satt werden? Auch wenn wir hier und heute nicht hungern: Diese Art von politischer Debatte kommt uns vermutlich bekannt vor. Die fremde Frau, die allen lästig wird, entscheidet die Angelegenheit nicht allgemein, aber sehr konkret für sich und für ihre Tochter. Jesus erwidert ihr: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.“ Sie darauf: „Ja, Herr. Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Sie stellt Jesu Prinzipien also nicht infrage, was uns vielleicht befremdet. Sie stimmt ihm zu: Ihr seid die Herren, ihr esst am Tisch. Ihr könnt uns Hunde nennen, und das sind wir. Wir essen von den Resten am Boden. Jederzeit können wir mit einem Fußtritt verscheucht werden. Verteilungskämpfe Wir im Westen des 21. Jahrhunderts sind schockiert von dieser Weltsicht. Aber wie schaut es, zweitausend Jahre später, mit den großen Fragen von Hunger und Gerechtigkeit aus? Haben die Armen in der Welt, haben Frauen und Kinder in unserer Gesellschaft Stimme und Macht in den großen Verteilungskämpfen? Die fremde Frau im Evangelium entscheidet nicht die Weltlage und nicht die großen Fragen der Gerechtigkeit. Nur die Reste fordert sie für sich und ihre Tochter, aber das entschieden genug. Es scheint wenig, und doch hängt alles davon ab, vor allem das Leben und die Gesundheit ihrer Tochter. Darauf antwortet ihr Jesus: „Frau, dein Glaube ist groß. Es soll geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt“. Ihr festes Vertrauen hat ihn überzeugt. „Dein Wille geschehe“ – das sagt Jesus sonst nur zu seinem Vater am Ölberg… „Befrei sie“ oder „Schick sie fort“, das ist in unserer heutigen Bibelstelle also die Alternative, für die Jünger:innen und für Jesus selbst, wie es sich hier darstellt. Die großen Fragen der Gerechtigkeit können wir vermutlich, auch als Christinnen und Christen, nicht lösen. Vielleicht ist es wenig, was wir tun können. Aber wir können dranbleiben, wenn es uns selbst unter den Nägeln brennt, und wir können überlegen und abwägen und müssen nicht reflexartig nein sagen, wenn uns die Not anderer konkret trifft. Ökonomie des Gottesreiches Wenn die fremde Frau von den Resten spricht, werden wir an die Brotwundergeschichten erinnert, von denen bei Matthäus gleich eine im selben Kapitel folgt. In der Ökonomie der Welt geht es um Hunger und Konkurrenz, in der Ökonomie des Gottesreiches aber um Teilen und Verteilung. Dann werden die „Eigenen“ satt, aber von den Brotresten werden auch noch sieben Körbe voll. Genug also für die Ausländer:innen, die „Fremden“, die „Anderen.“ Genug gegen die Dämonen des Hungers, der Angst und des Brotneides. © Dr.in Maria Prieler-Woldan, Linz Die jüdische Wurzel trägt uns als Christen <div