Jüdische Neujahrsbräuche sind keine verbotene Wahrsagerei, sondern legitime symbolische Handlungen, die als Impuls für Gebet, Reue und positive Lebensveränderung dienen.
Der Text analysiert die jüdischen Neujahrsbräuche (Simanim) und deren scheinbaren Widerspruch zum biblischen Verbot der Wahrsagerei (Nichusch). Er verweist auf talmudische Quellen, die symbolische Speisen wie Kürbis oder Bockshornklee als legitime Impulse für gute Vorsätze deuten. Die halachische Auslegung durch Gelehrte wie den RaN und den Meiri stellt klar, dass nur willkürliche Omen ohne kausalen Zusammenhang verboten sind, während Symbole mit logischer oder spiritueller Tiefe erlaubt sind. Die Bräuche dienen nicht der Magie, sondern als Erinnerung an Gebet, Reue und Wohltätigkeit. Ein zentrales Kriterium ist die Positivität der Symbole, da das Gute von Gott kommt und das Böse durch Umkehr abgewendet werden kann. Auch der Brauch der Kapparot wird als Übung der Demut und Dankbarkeit, nicht als magische Schuldübertragung, interpretiert. Der Text schließt mit der Aufforderung, Symbole als Gebete mit Intention zum Handeln zu verstehen.
5. Mose 18,10 · Keritot 5b · Sifrei 171 · Chullin 95b
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Jedes Jahr vor Rosch Haschana begebe ich mich voller Vorfreude auf die Suche. Wo gibt es frische Fische zu einem angemessenen Preis? Welche Äpfel sind die schönsten und süßesten, und hat die Granatapfelsaison bereits begonnen?
Unabhängig davon, wie man die Hohen Feiertage begeht und feiert, werden die meisten festlichen Tische in jüdischen Häusern mit Äpfeln und Honig und anderen landes- und familienüblichen Simanim, symbolischen Speisen, gedeckt. Wir nehmen die süßen Mahlzeiten zu uns und sprechen dabei unterschiedliche Wünsche und Segenssprüche für das kommende Jahr. Dabei sollen ebendiese Speisen als ein Symbol für bestimmten Segen in den kommenden zwölf Monaten dienen: Wohlstand, Fruchtbarkeit oder das Trotzen denjenigen gegenüber, die uns feindlich gesinnt sind.
Doch erst vor wenigen Wochen lasen wir im Wochenabschnitt Schoftim (5. Buch Mose 18,10) über Nichusch – »Es soll sich unter dir niemand finden …, der Wahrsagerei, Zauberei oder Omenbeobachtung treibt.« Die Tora spricht sich dabei eindeutig gegen abergläubische Praktiken aus.
Kürbis, Bockshornklee, Lauch oder Rote Bete sollen im neuen Jahr Gutes bringen.
Stehen also die oben erwähnten Rituale zu Neujahr nicht im Widerspruch zu diesem Verbot? Wie kann es sein, dass allein die Tatsache, dass wir bestimmte Speisen essen, uns ein gutes Jahr bescheren soll? Oder wie soll uns das Schwingen von Hühnern vor Jom Kippur von den Sünden befreien?
Diese Fragen sind keineswegs neu. Bereits im Talmud finden sich Passagen, die auf den ersten Blick wie Vorhersagen, Aberglaube und Hexerei wirken. Im Traktat Keritot (5b) berichtet Rabba von Praktiken, bei denen Kerzen in windstillen Räumen beobachtet oder Hühner gemästet wurden, um den Ausgang von Lebensjahren oder Geschäftsvorhaben vorherzusagen.
Darauf erklärte der Gelehrte Abbaje: »Nun, da du gesagt hast, dass ein Zeichen eine Bedeutung hat, sollte sich ein Mensch angewöhnen, zu Rosch Haschana Kürbis, Bockshornklee, Lauch, Rote Bete und Datteln zu essen.«
Aus dieser talmudischen Anregung entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte vielfältige regionale Bräuche. Der Tur (Rabbi Jaakov ben Ascher) dokumentiert im 14. Jahrhundert, wie sich in Deutschland der Brauch etablierte, zu Beginn der Mahlzeit einen süßen Apfel in Honig zu tauchen, verbunden mit dem Wunsch nach einem »süßen neuen Jahr«. In der Provence servierte man Schafsköpfe und Lungen mit dem Wunsch, »am Kopf und nicht am Schwanz zu sein«, während Rabbi Meir von Rothenburg einen Widderkopf aß – in Erinnerung an die Bindung Jizchaks. Diese Bräuche haben sich samt ihren schönen Bedeutungen durch die Jahre im gesamten jüdischen Volk verbreitet.
Was unter einem verbotenen Aberglauben zu verstehen ist
Doch wie sieht es nun mit dem Verbot von Nichusch aus? Die halachische Midrasch-Sammlung Sifrei (171) erklärt, was unter einem verbotenen Aberglauben zu verstehen ist: Wenn jemand seine Entscheidungen einzig und allein von willkürlichen Zufällen abhängig macht – etwa weil Brot aus dem Mund fällt, eine Schlange von rechts oder ein Fuchs von links den Weg kreuzt, oder weil Neumond ist. Daraufhin erklärt Rabbeinu Nissim, der RaN (1320–1376), diese Grenzziehung in seinem Kommentar zu Chullin 95b: Verboten ist Nichusch nur dann, wenn Handlungen an Zeichen geknüpft werden, für die es keinerlei logischen oder kausalen Zusammenhang gibt.
Haben die Zeichen aber eine logische Grundlage, wie die Absage einer Reise aufgrund schlechten Wetters, handelt es sich nicht um Aberglauben, sondern um vernünftiges Handeln. Der RaN betont, dass erst das unbegründete, willkürliche Ausrichten des eigenen Handelns an sinnfreien Zeichen das biblische Verbot verletzt.
Der Meiri, Menachem ben Salomo (1249–1306), fügt hinzu, dass die Simanim nie als Zauberei gedacht waren, sondern als Impulsgeber, die im Zusammenspiel mit dem Gebet, mit Wohltätigkeit und ehrlicher Reue an den Hohen Feiertagen als spirituelle Anregungen dienen sollten. Der Kern liegt nicht im Aufsagen der Formel, sondern in der Motivation zur eigenen Veränderung zu einem besseren Menschen. Dadurch, dass der Mensch sich durch das Essen symbolischer Speisen beispielsweise Gesundheit wünscht, wird er im kommenden Jahr auch mehr darauf achten, gesund zu leben.
Im Judentum haben nur positive Symbole Bestand
Der Maharscha, Rabbi Samuel Eidels (1555–1631), fügt eine fundamentale Bedingung hinzu: Im Judentum haben nur positive Symbole Bestand. All das Gute, das von Gott kommt, ist nachhaltig. Das Böse hingegen kann durch die eigene Umkehr jederzeit abgewendet werden. Deshalb stehen auf dem Festtagstisch keine bitteren oder sauren Speisen, sondern lediglich süße Symbole für Wachstum und Wohlstand. Wer ein Zeichen für das Gute setzt, treibt keine Wahrsagerei, sondern drückt seinen Glauben aus.
Wer ein Zeichen für das Gute setzt, betreibt keine Wahrsagerei.
Nur gilt dieses Prinzip auch für den Brauch der Kapparot am Vorabend von Jom Kippur, bei dem ein Huhn über dem Kopf geschwungen wird? Der Meiri verteidigt diese oft kritisierte Praxis. Auch hier gehe es keineswegs um eine magische Übertragung von Schuld, sondern um eine tiefgreifende Einsicht und Demut. Die Person soll sich anstelle des Huhns imaginieren und Dankbarkeit verspüren, dass ihr durch die eigene Reue und Zedaka (Wohltätigkeit) das Schicksal des Tieres erspart bleibt.
Das Judentum unterscheidet strikt zwischen Handlungen ohne Sinn (Davar bli Ta’am) und Symbolen mit Tiefe (Ta’am baDavar). Willkürliche Omen sind Aberglaube. Verbindet sich eine Geste jedoch mit dem aufrichtigen Wunsch nach Versöhnung, Gebet und guten Taten, verwandelt sie sich in eine heilige Handlung.
Unsere Feiertagssymbole sind keine Magie, sondern sie sind Gebete mit der Intention zum Handeln. In diesem Sinne: Stellen Sie dieses Jahr vielleicht auch ein paar Erbsen (Englisch: »peas«) zu den anderen Simanim auf Ihren Tisch und denken Sie daran, sich und dem gesamten jüdischen Volk Frieden (»peace«) zu wünschen!
Der Artikel basiert auf den Quellen von Ilana Epstein, mit freundlicher Genehmigung. Die Autorin leitet das Eishet Chayil Programm des Rabbinerseminars zu Berlin und lebt in Basel.
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