omnist.world

English

Humanistisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Politische Herbstimpressionen

ohne Namen · diesseits – Das humanistische Magazin · 2026-10-19 · Berlin · Quelle

Gerechtigkeit · Hauptbotschaft Verantwortung · tragend Wahrhaftigkeit · tragend

Das wachsende politische Misstrauen und der Rechtsruck resultieren aus wahrgenommenem Staatsversagen und struktureller Ungerechtigkeit, die durch transparente, faire und kompetente Politik wieder ausgeglichen werden müssen.

Der Text nutzt das Bild des Herbstes, um die politische Lage in Deutschland als mager und teilweise verfault zu beschreiben. Er analysiert die Ursachen für den Unmut in der Bevölkerung, der laut Text durch wahrgenommenes Staatsversagen und Ungerechtigkeit geschürt wird. Der Autor kritisiert die ungleiche Anwendung staatlicher Macht, etwa bei Steuern und Rettungspaketen, sowie die mangelnde Aufarbeitung von Krisen wie der Corona-Pandemie. Ein zentraler Fokus liegt auf der Gerechtigkeitsdebatte, wobei Thesen von Otfried Höffe zu Generationengerechtigkeit und Pflichten diskutiert werden. Internationale Proteste in Frankreich und Spanien dienen als Beleg für strukturelle Probleme im Bildungswesen und auf dem Wohnungsmarkt. Der Text fordert eine konstruktive Fehlerkultur und gerechte Reformen, um das Vertrauen in den Staat zurückzugewinnen. Abschließend wird die Notwendigkeit einer differenzierten Debatte über die deutsche Staatsräson und die Kritik an der israelischen Politik betont.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Ausbeutung, Unterdrückung, ungleiche Verhältnisse; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
gerechte gesellschaftliche oder politische Verhältnisse; Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis
Was ist der Mensch nach diesem Text?
selbstbestimmt, Urheber seines Handelns
Wohin geht die Geschichte?
es wird schlechter, eine Ordnung geht zu Ende
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf Argument, Logik, Wissenschaft; auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
1 von 3
Zeitbezug
früher 1, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Im Herbst wer­den die Äcker umge­pflügt. Die poli­ti­sche Ern­te war 2026 mager, teil­wei­se ver­fault; zum Ein­ma­chen bleibt fast nichts. Man/frau besinnt sich auf Grund­sätz­li­ches; gleich­zei­tig ist die Früh­jahrs­aus­saat zu pla­nen, tun­lichst mit mehr Weit­sicht als 2026. Heu­te möch­te ich nicht ein ein­zel­nes poli­ti­sches Pro­blem her­aus­grei­fen und huma­nis­tisch bewer­ten, son­dern im mil­den, aber kla­ren Herbst­licht drei Fel­der durch­strei­fen, wo gera­de Fun­da­men­ta­les beackert wird. Ob sich der Per­so­nal­wech­sel bei den Traktorist*innen in der Bun­des­re­gie­rung dafür als frucht­bar erweist, bleibt abzu­war­ten. Woher kommt der Unmut, der dann rechts ein­zahlt? Hier­zu wur­de vie­les gesagt; zum The­ma Gerech­tig­keit kom­me ich gleich. In Bür­ger­ge­sprä­chen am 3. Okto­ber in Bre­men ist mir eines kla­rer gewor­den: Vie­le haben den Ein­druck, dass unser Staat sehr wohl funk­tio­niert, wenn er denn will: bei der Steu­er- und Gebüh­ren­ein­trei­bung von den „Nor­ma­los“, bei der Ret­tung der hoch­nä­si­gen Auto­in­dus­trie und ihrem Umbau zu Rüs­tungs­schmie­den, bei der Ukrai­ne-Hil­fe, deren Details zuneh­mend nicht nur von AfD und BSW hin­ter­fragt wer­den. Auch bei den Coro­na­maß­nah­men hat er sehr strin­gent funk­tio­niert – aller­dings mit erheb­li­chen sozia­len Ver­wer­fun­gen. Die unvoll­stän­di­ge Auf­ar­bei­tung ist Was­ser auf die rech­ten Müh­len. Gleich­zei­tig zeigt sich die ehe­ma­li­ge BND-Spit­ze tief kor­rupt; der Ver­fas­sungs­schutz, der ja die „Extre­mis­ten“ aller Far­ben beob­ach­ten soll, bleibt im Zwie­licht. Für vie­le wirkt so Staats­ver­sa­gen nicht wie Dys­funk­tio­na­li­tät, schlimm genug, son­dern wie pure Absicht fins­te­rer Mäch­te. Zure­chen­ba­re poli­ti­sche Feh­ler, z.B. beim Ber­li­ner Woh­nungs­pro­blem oder in der Ver­kehrs- und Bahn­po­li­tik, wer­den ver­ne­belt. Es bleibt der Ein­druck eines Selbst­be­die­nungs­la­dens; inte­gra­ti­ve Sym­bo­le wie die Flag­ge und die Natio­nal­hym­ne über­lässt man kampf­los den Rech­ten. Fatal. Hier muss die demo­kra­ti­sche Poli­tik Schritt für Schritt Ver­trau­en zurück­ge­win­nen. Nicht durch per­fek­te per­sön­li­che Per­for­mance (Politiker*innen sind Men­schen!), son­dern durch kon­struk­ti­ve Feh­ler­kul­tur, durch gutes, in punc­to Ziel­ge­nau­ig­keit den Tan­kra­batt deut­lich über­tref­fen­des Regie­ren und durch klu­ge, gerech­te Refor­men, womit wir den zwei­ten, teils staub­tro­cke­nen, teils mat­schi­gen Acker der Gerech­tig­keit betre­ten. Hier tref­fen wir jetzt auch den Kanz­ler mit sei­nem Merz-Bull­dog an, auf den er eigen­hän­dig, natür­lich in Süt­ter­lin-Schrift, „Leis­tungs­ge­rech­tig­keit“ und „Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit“ geschrie­ben hat. Der Phi­lo­soph Otfried Höf­fe, der ein ein­schlä­gi­ges Buch zur Gerech­tig­keits­fra­ge geschrie­ben hat, über­rasch­te jüngst mit ein paar stei­len The­sen: Die „sozia­le Gerech­tig­keit“ sei aus der poli­ti­schen Debat­te zu strei­chen, weil sie zu sehr mit christ­li­chen Wer­ten wie Wohl­tä­tig­keit und Men­schen­lie­be ver­knüpft wer­de. Kon­kret sieht er vie­le Unwuch­ten: Die Älte­ren müss­ten zuguns­ten der Jün­ge­ren zurück­ste­cken. Zur staat­li­chen Grund­si­che­rung gehö­re eine Pflicht zur Gemein­schafts­ar­beit. Schließ­lich sei­en Frau­en­quo­ten unge­recht; die Dis­kri­mi­nie­rung der Groß­müt­ter kön­ne nicht mit einer Bevor­zu­gung der Enke­lin­nen wie­der­gut­ge­macht wer­den. Auch wenn das kon­ser­va­tiv tönt, fin­de ich den Dis­kus­si­ons­an­stoß frucht­bar. Es soll­te immer ein Geben und Neh­men sein; zu Rech­ten gehö­ren auch Ver­ant­wor­tun­gen und Pflich­ten. Die Schü­ler­pro­tes­te in Frank­reich und die Mie­ter­pro­tes­te in Spa­ni­en wei­sen auf ähn­li­che Fra­gen und Pro­ble­me in Deutsch­land hin: Das Bil­dungs­sys­tem ist auch bei uns krass unter­fi­nan­ziert – erst recht, wenn man bedenkt, wofür alles Geld da ist. Hohe Staats­schul­den engen den Hori­zont der Jün­ge­ren ein. Ich hof­fe sehr, dass es bei uns nicht so weit kommt, dass ein 14-jäh­ri­ger Schü­ler mit einer Schrot­flin­te auf sei­nen Schul­lei­ter schießt. Die Wut auf das unge­rech­te Sys­tem und auf unnö­tig eska­lie­ren­de Poli­zei­här­te ist nach­voll­zieh­bar. Auch die Mie­ter­pro­tes­te in Spa­ni­en zei­gen vie­le erhel­len­de Par­al­le­len zur Ber­li­ner Situa­ti­on: Die Poli­tik muss die Bürger*innen end­lich vor über­zo­ge­ner Ren­di­te­gier des glo­ba­li­sier­ten, angeb­lich zum Woh­le aller frei flie­ßen­den, kaum besteu­er­ten Kapi­tals schüt­zen. Woh­nen ist ein Grund­recht. In den 1920ern war man dies­be­züg­lich z.B. in Frank­furt oder in Wien schon viel wei­ter. Hin­zu­kom­men müs­sen Anrei­ze für Älte­re, unge­nutz­te Wohn­flä­chen frei­zu­ge­ben. Bei der Erb­schaft­steu­er war­ten alle aufs BVerfG. Dass mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men nahe­zu steu­er­frei auf die nächs­te Gene­ra­ti­on über­tra­gen wer­den kön­nen und Super­rei­che pro­fi­tie­ren, fin­det mitt­ler­wei­le auch die kon­ser­va­ti­ve Pres­se unge­recht. Ein beacht­li­cher Lern­fort­schritt! Beim The­ma „Sozi­al­ver­si­che­rung“ gibt es eben­falls Bewe­gung: Wäh­rend der Armuts­for­scher Chris­toph But­ter­weg­ge kon­se­quent eine Bür­ger­ver­si­che­rung für alle bei Ren­te, Krank­heit und Pfle­ge for­dert, skiz­ziert Frau­ke Bro­si­us-Gers­dorf beim The­ma „Zwei-Klas­sen-Medi­zin“ einen Kom­pro­miss: Aus­gleichs­zah­lun­gen könn­ten die Gerech­tig­keits­lü­cke kurz­fris­tig über­brü­cken. Und aus der CDU kommt end­lich der ver­nünf­ti­ge Vor­schlag, klei­ne­re Ein­kom­men durch die Sen­kung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen ziel­ge­nau­er zu ent­las­ten und die Zusatz­auf­ga­ben der Kas­sen aus Steu­ern zu finan­zie­ren. Kom­men wir abschlie­ßend zu einer wei­te­ren Gerech­tig­keits­fra­ge, die uns auf ein nicht nur stei­ni­ges, son­dern ver­min­tes Berg­ter­rain führt: „Frie­den braucht Gerech­tig­keit“, sagt Phil­ipp San­ders, der dies­jäh­ri­ge Frie­dens­preis­trä­ger des Deut­schen Buch­han­dels. San­ders fragt auch, war­um Deutsch­land zu Isra­els Vor­ge­hen in Gaza so laut schwei­ge. Die Ver­ga­be des Frie­dens­no­bel­prei­ses an die süd­afri­ka­ni­sche Juris­tin Nava­n­e­them Pil­lay weist in die­sel­be Rich­tung. Die Koali­ti­ons­ge­sprä­che zwi­schen Lin­ken, Grü­nen und SPD in Ber­lin wer­den seit Wochen nicht nur von den Kon­ser­va­ti­ven hef­tig ange­grif­fen: Beim Kern­punkt „Ver­ge­sell­schaf­tung von Woh­nungs­un­ter­neh­men“ kom­men mitt­ler­wei­le erstaun­li­che Kom­pro­miss­vor­schlä­ge. Die – unstrit­ti­gen und unbe­dingt zu lösen­den! – Pro­ble­me der Lin­ken mit Anti­se­mi­tis­mus und Isla­mis­mus-Ver­harm­lo­sung in ihrer ara­bisch-mus­li­mi­schen Wäh­ler­schaft vor allem in Neu­kölln wer­den hin­ge­gen dämo­ni­siert. Klar ist: Kon­tak­te zur Clan-Kri­mi­na­li­tät gehen gar nicht, und die Men­schen­wür­de muss in alle – gera­de auch in dog­ma­tisch-reli­giö­se – Rich­tun­gen gel­ten. Über die Kon­kre­ti­sie­rung der deut­schen „Staats­rä­son“, den Umgang mit Isra­el und sei­ner Regie­rung, über leben­di­ge Erin­ne­rungs­kul­tur, libe­ra­le Anti­se­mi­tis­mus-Defi­ni­tio­nen und die Ver­pflich­tun­gen der Deut­schen gegen­über unse­ren heu­ti­gen jüdi­schen Mitbürger*innen muss offen und dif­fe­ren­ziert dis­ku­tiert wer­den. Wenn der Bun­des­prä­si­dent bei San­ders Fra­gen nicht klatscht, hilft das nicht. Die Ein­sicht setzt sich durch, dass Isra­el alles Recht zu sei­ner Selbst­ver­tei­di­gung hat, aber kei­nen Frei­brief für men­schen­feind­li­che Kolo­ni­al- und Kriegs­po­li­tik. Und auch nicht Ter­ror und Kriegs­ver­bre­chen mit glei­cher Mün­ze heim­zah­len darf, wie der israe­li­sche Phi­lo­soph Omri Boehm bald nach dem 7. Okto­ber 2023 besorgt kon­sta­tier­te. Kri­tik an der israe­li­schen Poli­tik muss ohne einen reflex­haf­ten Anti­se­mi­tis­mus-Vor­wurf mög­lich sein, und die deut­sche Poli­tik muss dar­aus end­lich auch Kon­se­quen­zen zie­hen.