Liberal · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen
SCHELACH LECHA
ohne Namen ·
Allgemeine Rabbinerkonferenz – Paraschat HaSchawua ·
2026-09-10
· Berlin
· Quelle
Verantwortung · Hauptbotschaft
Wissen · tragend
Umkehr
Ethisches Handeln in der jüdischen Tradition ist weder bloße Folge des religiösen Gehorsams noch bloßes Produkt des eigenen moralischen Empfindens, sondern erfordert eine innere Motivation, die den Menschen als Partner Gottes begreift und in der Gegenwart eine kritische Neuinterpretation der Quellen
G'tt befiehlt dem Menschen zwar Gehorsam, doch der Mensch ist keine Schöpfung, die zum absoluten Gehorsam gezwungen werden kann. G'tt und der Mensch sind Partner. Beide sind zu Ethik und Moral verpflichtet.
Der Text nimmt das Zizit-Gebot aus dem Wochenabschnitt Schelach Lecha als Ausgangspunkt und fragt, ob ethisches Handeln aus religiösem Glauben oder aus eigenem moralischem Empfinden kommt. Er stellt zwei philosophische Positionen gegenüber: Sokrates, der das Verhalten an das Verständnis der Realität knüpft, und Kant, der es an das innere Pflichtgefühl bindet. Die Mizwa wird so gelesen, dass sie beide Ansätze verneint: Weder das Herz noch das Auge dürfe das Handeln bestimmen, sondern der Glaube an Gottes Gebot. Raschi wird zitiert, der Herz und Augen als Kundschafter der Sünde beschreibt. Der Text verweist auf Avi Sagi und fragt, ob Ethik und Moral in der jüdischen Tradition vom Glauben abhängig sind. Er stellt die Position dar, dass moralische Pflichten Gottes Gebote sind, denen bedingungslos zu gehorchen ist, und kontrastiert sie mit Maimonides, der ethisches Handeln aus der Natur des Menschen ableitet. Abschließend wird betont, dass gute Taten nur aus innerer Motivation entstehen können und dass in einer Zeit, in der im Namen Gottes Gewalt ausgeübt wird, eine Neuinterpretation der Quellen notwendig ist.
- Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
-
Festhalten, Begehren, Nicht-loslassen-Können; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit (erschlossen)
- Wo sitzt das Übel?
-
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
- Was hilft dagegen?
-
innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung; Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis
- Was ist der Mensch nach diesem Text?
-
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
- Wohin geht die Geschichte?
-
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte (erschlossen)
- Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
-
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
- Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
-
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
- Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
-
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst
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Wozu der Text aufruft
- Die eigenen Quellen neu interpretieren (innerlich)
- Gute Taten aus innerer Motivation vollziehen (innerlich)
Genannte Stellen
4. Buch Mose 15,37–40 · Talmud Joma 67b
Gemessen
- Grundhaltung
- 1 von -2 bis 2
- Eindringlichkeit
- 2 von 3
- Reichweite
- 4 von 5
- Konkretheit
- 2 von 3
- Abgrenzung
- 0 von 3
- Zeitbezug
- früher 2, jetzt 2, künftig 1
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
SCHELACH LECHA
Die Kraft des Herzens
Gute Taten können nicht durch Befehle erzwungen werden – sie müssen von innen kommen
Auslegung von Rabbiner Gábor Lengyel
Unser Wochenabschnitt schließt mit dem »Zizit«-Gebot: »Und der Ewige sprach zu Mosche: Sprich zu den Kindern Israels und sage ihnen, sie sollen sich an die Ecken ihrer Kleider Schaufäden machen (…). Sie sollen euch als Schaufäden dienen, dass, wenn ihr sie sehet, ihr an alle Gebote des Ewigen denkt und sie haltet und nicht nach dem umherspäht, was euer Herz und Auge begehrt, denen ihr sonst buhlerisch folgt, damit ihr an alle meine Gebote denkt und sie haltet und eurem G’tt heilig seid« (4. Buch Mose 15, 37–40).
Dieser Abschnitt ist der dritte Absatz im Schma-Gebet, das ein traditionsbewusster Jude jeden Tag zweimal betet. Was beabsichtigten unsere Weisen damit, dass sie diesen Abschnitt den beiden anderen im 5. Buch Mose, »Schma« – »Höre« – und »We haja im Schamoa« – »Wenn ihr gehorchet Geboten« –, hinzufügten?
Ethik
»W’lo taturu achare Levavchem w’acharei Ejnechem« – »und nicht nach dem umherspäht, was euer Herz und Auge begehrt«. Wir öffnen damit eine Frage in der Torat HaMidot, die wir in der Alltagssprache Ethik nennen. Das Problem liegt in der Fragestellung: Verhält sich ein Mensch gemäß seinen ethischen Empfindungen oder seinem religiösen Glauben?
Die eine Lehre dazu ist die des großen griechischen Philosophen Sokrates (469–399 v.d.Z.), der davon ausging, dass sich die moralische Entscheidung eines Menschen seinem Verständnis der Realität in der Welt anpasst.
Die zweite Lehre sagt, der Mensch benimmt sich nicht so, wie er das Weltgeschehen versteht, sondern gemäß seinem eigenen Wesen und Pflichtgefühl. Diese Lehre vertrat Immanuel Kant (1724–1804).
Nun betrachten wir aber unsere Mizwa. Der erste Teil – »Und nicht nach dem umherspäht, was euer Herz begehrt« – ist eine klare Verneinung der Idee von Kant, der das Verhalten eines Menschen in Abhängigkeit seines Herzens, also gemäß der »moralischen Gesetze«, sieht. Der zweite Teil unserer Mizwa – »Und nicht nach dem umherspäht, was euer Auge begehrt« – ist eine Absage an die Haltung von Sokrates.
Die Begründung erfahren wir sofort im Anschluss daran: »Ich bin der Ewige, euer G’tt.« Danach ist also eindeutig: Die Einhaltung des Gebotes der Tora ist eine Sache des Glaubens und nicht der moralischen Empfindung, die davon abhängt, wie der Mensch die Welt sieht.
Sünde
Raschi (1040–1105) kommentiert unseren Vers »Und nicht nach dem umherspäht, was euer Herz und Auge begehrt«, wie folgt: »Das Herz und die Augen sind die Kundschafter des Körpers und vermitteln ihm die Sünden. Das Auge sieht, und das Herz begehrt, und der Körper begeht die Sünde.«
Der bekannte zeitgenössische israelische Philosoph Avi Sagi (Jahrgang 1953) schrieb ein sehr lesenswertes hebräisches Buch, dessen Titel sich mit »Judentum zwischen Religion und Moral« (Verlag: Hakibbutz Hameuchad 1998) übersetzen lässt. In der Einleitung stellt Sagi zwei Grundfragen: Sind Ethik und Moral in der jüdischen Tradition vom religiösen Glauben abhängig? Und: Gibt es einen normativen Gegensatz zwischen den religiösen und den moralischen Pflichten?
Pflicht
Diejenigen, die eine große Abhängigkeit der Moral von der Religion sehen, betonen, dass eine Tat ohne G’ttes Befehl keine moralische Tat ist. G’tt und nur G’tt definiert die moralische Pflicht. Aus dem Blickwinkel eines religiösen Juden, der nach den Gesetzen der Halacha lebt, steht ohne zu hinterfragen fest, die Gebote G’ttes zu befolgen. Nach seiner Meinung sind die moralischen Pflichten keine autonomen moralischen Werte, sondern G’ttes Gebote, die bedingungslos zu erfüllen sind, weil G’tt sie befiehlt. Und Er befiehlt sie, weil sie aus Seinen moralischen Gründen gut sind. Hierzu ein Satz von Rabbi Joschijahu Pinto: »Der Mensch sollte nicht das tun, weil seine Vernunft oder sein Kopf (Sechel) es so beurteilt, sondern weil Gott es befohlen hat.«
Der Rambam, Maimonides (1138–1204), meint, dass der ethisch handelnde Mensch das Richtige aus der Natur heraus tut und nicht, weil er G’ttes Befehl gehorcht.
Über die Mizwot, kein Blut zu vergießen, nicht zu stehlen, zu rauben und zu täuschen, schreiben unsere Weisen: »Wenn sie nicht geschrieben worden wären, müssten sie geschrieben werden« (Talmud Joma 67b). Es gebe also keinen Zweifel daran, dass eine gesunde Seele nicht nach diesen Taten strebt. Maimonides schreibt, der Mensch sei gezwungen, zu den Höhen (Maalot) zu kommen und nicht zu den Mängeln (Migraot). Die guten Eigenschaften des Menschen führten dann gerade zum Humanismus. Diese edlen Ziele könnten nur dann erreicht werden, wenn die moralische Aktivität nicht unter Zwang geschieht, sondern natürlich ist.
Auch Raw Abraham Isaak Kook (1865–1935) betont, dass moralische Taten nur aus dem Inneren, aus der natürlichen Motivation kommen und nicht erzwungen werden können durch den Gehorsam gegenüber G’tt.
Gehorsam
Die Stellung der Ethik in der jüdischen Tradition kann auch eine andere Beziehung zwischen dem Menschen und G’tt zeigen. G’tt befiehlt dem Menschen zwar Gehorsam, doch der Mensch ist keine Schöpfung, die zum absoluten Gehorsam gezwungen werden kann. G’tt und der Mensch sind Partner. Beide sind zu Ethik und Moral verpflichtet.
In unseren Tagen, wo im Namen G’ttes oder im Namen von Religion viel Gewalt ausgeübt wird, ist es für alle Religionen absolut notwendig, mit den Versen der jeweiligen Quellen zu hadern und sie, wenn notwendig, neu zu interpretieren.
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen. Der Artikel ist dort am 04.07.2016 erschienen.
19.06.2026
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