omnist.world

English

Liberal · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

BAMIDBAR

ohne Namen · Allgemeine Rabbinerkonferenz – Paraschat HaSchawua · 2026-09-10 · Berlin · Quelle

Gemeinschaft · Hauptbotschaft Geduld · tragend Wissen · tragend

Die Wüstenwanderung ist in der jüdischen Tradition ambivalent gedeutet, bleibt aber immer nur Durchgangsstation; die Regeln der Halacha gelten für das Leben im Kulturland, nicht für ein idealisiertes Wüstenleben.

Es ist kein Zufall, dass, wie auch immer positiv oder negativ die jüdische Tradition sich auf die Zeit der Wüstenwanderung bezieht, diese Zeit nie zum Vorbild für uns heute, zum Vorbild für ein reineres jüdisches Leben erhoben wird.

Der Text erklärt den Namen und den Inhalt des vierten Buches der Tora, Bamidbar, das von der Wüstenwanderung des Volkes Israel handelt. Er zeigt, dass die Wüste in der jüdischen Tradition ambivalent gedeutet wird: einerseits als Ort der Strafe und Sühne für Ungehorsam, andererseits als Zeit reiner Gottesbeziehung. Diese Spannung wird an biblischen Stellen, an der Mischna (Rabbi Akiva vs. Rabbi Elieser) und am modernen Zionismus illustriert. Die Wüste bleibt dabei immer eine Durchgangsstation; das Ziel ist der Einzug ins Land Israel. Die extremen Bedingungen der Wüste machen das Wesentliche deutlicher, erfordern aber ständigen göttlichen Eingriff. Der Text verallgemeinert: Die Wüste ist kein Vorbild für ein reineres jüdisches Leben, sondern die Regeln der Halacha gelten für das Leben im Kulturland. Die Kernbotschaft ist, dass man aus der Wüstenerfahrung lernen kann, aber im Alltag der Halacha lebt.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Sünde, persönliches Versagen, Schuld vor Gott
Wo sitzt das Übel?
in der eigenen Gemeinde, Familie, Religion
Was hilft dagegen?
Gebote befolgen, Ordnung einhalten, Pflichten erfüllen; persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem Teil einer Gemeinschaft oder Schöpfung
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
der Text kritisiert nicht

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Genannte Stellen

4. Mose 14,35 · Psalm 50,5 · Sanhedrin 10

Gemessen

Grundhaltung
0 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3
Zeitbezug
früher 3, jetzt 2, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
BAMIDBAR Fluch und Segen Was die öde Landschaft für das Volk Israel bedeutet Auslegung von Rabbinerin Gesa Shira Ederberg Der hebräische Name unseres Wochenabschnitts und auch des ganzen vierten Buches der Tora lautet Bamidbar, zu Deutsch: „in der Wüste“. Ursprünglich hat sich dieser Name nur ergeben, weil hebräische Texte oft nach ihren Anfangsworten benannt werden, und es hier heißt: Der Ewige sprach zu Mosche in der Wüste … In diesem Fall trifft der Name auch tatsächlich den Inhalt, denn dieses Buch erzählt von 38 der insgesamt 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste gewandert ist. Jahre der Mühsal und des Kampfes, aber auch Jahre, in denen aus einem Haufen befreiter Sklaven ein Volk wurde, das diese Wanderung überstand und sich nicht mehr unterdrücken ließ. Jeder von uns hat ein Bild, ja vielleicht viele Bilder der Wüste im Kopf. Manche dieser Bilder sind mit Not verbunden, mit Durst und Hunger, mit Sandstürmen und erbarmungsloser Sonne. Andere Bilder sind positiver und zeugen von Freiheit und Reinheit, von der Abwesenheit von Menschenmengen und von spirituellen Erfahrungen. Auch in der jüdischen Tradition gibt es diese beiden Deutungen der Wüste, und sie sind beide in der Bibel verankert: In der Tora wird die 40-jährige Wanderung als Strafe verstanden. Mosche und dem ganzen Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist, werden Kleinmut und Ungehorsam gegenüber Gott vorgeworfen. Und tatsächlich spielen die Geschichten vom Goldenen Kalb oder von der Rotte Korach alle in der Wüste. Die Wüste ist hier der Ort der Verfehlung und der Bestrafung. Auch der Sündenbock wird „in die Wüste geschickt“. Die Dauer der Wüstenwanderung ist Sühne für die mangelnde Bereitschaft, auf Gott zu vertrauen. Die Propheten Hoschea und Jeremia aber verstehen die Zeit der Wüstenwanderung ganz anders: Für sie ist es die Zeit der aufkommenden Liebe zwischen Gott und seinem Volk, eine Zeit der ungestörten, reinen Gottesbeziehung, bevor das Zusammenleben mit anderen Völkern auch zur Übernahme von fremden Gottesvorstellungen kommt. In der Mischna vertreten Rabbi Akiva und Rabbi Elieser diese beiden Gegensätze: In Sanhedrin 10 heißt es: „Ganz Israel hat Anteil an der kommenden Welt“. Für Rabbi Akiva gehört die Wüstengeneration zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel im jüdischen Volk. Sie hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt, denn – so zitiert er aus der Tora (4. Buch Moses 14,35): „In dieser Wüste sollen sie hinschwinden und da sollen sie sterben.“ Rabbi Elieser beruft sich dagegen auf Psalm 50,5: „Versammelt meine Frommen mir, die meinen Bund geschlossen über dem Opfer.“ Selbstverständlich zählt die Generation, die am Sinai die Tora erhalten hat, zu den Frommen, die Anteil an der kommenden Welt haben. Auch im modernen Zionismus kann man diese Ambivalenz gegenüber der Wüste sehen. Der Staat Israel ist einerseits stolz darauf, die Wüste zu besiegen, sie zum Blühen zu bringen – und die Israelis sind weltweit als Experten für Bewässerungstechnik in Wüstenklimaten anerkannt. So liegt beispielsweise mitten im Negev der Kibbuz Jotvata, der eine äußerst erfolgreiche Milchviehwirtschaft betreibt. Andererseits war gerade für viele junge Kibbuzniks und Stadtbewohner zur Zeit der Staatsgründung vor 60 Jahren der (muslimische!) Beduine, der als freier Mensch die Wüste durchstreift, das Ideal und Vorbild schlechthin. In allen Fällen bleibt die Zeit in der Wüste jedoch in der Tora nur eine Durchgangsstation. Sei diese Zeit gut oder schlecht, das Ziel ist der Einzug in das Land Israel. Die Wüste ist per Definition die Ausnahme, selbst da, wo sie als der Ort gilt, in der Gott reiner zu erfahren ist, als es in dem von Menschen und ihrem Alltagsleben überquellenden Kulturland möglich ist. Ohne die direkte Hilfe Gottes hätte das Volk Israel in der Wüste nicht überleben können. Nur weil Gott jeden Tag Manna regnen ließ und Mosche in der Not aus Stein Wasser fließen lassen konnte, war es mit der Geschichte der Nachkommen Abrahams und seiner Verheißung nicht damals schon vorbei. Viele der Regeln und Anweisungen, die die Tora für das Leben in der Wüste gibt, üben letztlich nur ein, was später im Lande Israel passieren wird. So ist zum Beispiel das Stiftszelt in der Wüste ein Modell und Vorgeschmack des Tempels, den David für Gott erbauen lässt. Man kann diese Ambivalenz zwischen der Wüste als dem Ort der besonderen Gottesbegegnung und dem gelobten Land als dem Ort des gelebten Alltags sicher auch verallgemeinern. Unter den extremen Bedingungen der Wüste wird das Wesentliche deutlicher, das Lebensnotwendige lässt sich besser erkennen. Zugleich aber kann man unter diesen extremen Bedingungen ohne Gottes ständigen rettenden Eingriff gar nicht leben. Es ist kein Zufall, dass, wie auch immer positiv oder negativ die jüdische Tradition sich auf die Zeit der Wüstenwanderung bezieht, diese Zeit nie zum Vorbild für uns heute, zum Vorbild für ein reineres jüdisches Leben erhoben wird. Wir können aus den Erfahrungen der Wüstengeneration lernen, ja wir können sogar selber spirituelle Erfahrungen in der Wüste machen. Doch wir leben im Kulturland, dafür sind die Regeln des jüdischen Lebens, die Regeln der Halacha, gemacht. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen. Der Artikel ist dort am 29.05.2008 erschienen. 29.05.2026 Artikelarchiv >> Rabbiner & Rabbinerinnen Strömungen Positionen Bet Din Publikationen Links Impressum Home © Allgemeine Rabbinerkonferenz