Liberal · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen
SCHEMINI
ohne Namen ·
Allgemeine Rabbinerkonferenz – Paraschat HaSchawua ·
2026-09-10
· Berlin
· Quelle
Wissen · Hauptbotschaft
Hoffnung · tragend
Demut
Auch aus tragischen und scheinbar unerklärlichen göttlichen Handlungen lässt sich durch rabbinische Auslegung Trost und Lehre gewinnen, die die Gemeinschaft durch schwierige Zeiten trägt.
Wichtig ist, dass wir immer versuchen, auch aus einer negativen Erzählung etwas Lehrreiches für uns zu ziehen. Die Kommentatoren beleuchten den Umstand des fragwürdigen Todes, und sie suchen einen Ausweg, damit das Vorgehen Gottes, auch wenn sein Ratschluss unergründlich ist, doch irgendwie verständlich wird.
Der Text ist eine Auslegung des Wochenabschnitts Schemini (3. Mose 9,1–11,47) durch Rabbiner Boris Ronis. Er behandelt die Geschichte von Nadav und Avihu, den Söhnen Aharons, die durch ein göttliches Feuer ums Leben kamen, nachdem sie ein nicht befohlenes 'fremdes Feuer' dargebracht hatten. Der Text stellt verschiedene rabbinische Erklärungsansätze vor: Vorwürfe wie Trunkenheit, Arroganz oder die Weigerung zu heiraten, sowie Verteidigungen, die ihre Absicht als rein darstellen. Eine weitere Deutung sieht in ihrem Tod eine Heiligung des Heiligtums durch einen großen Menschen. Der Text verknüpft diese Auslegungen mit der Gegenwart, in der Pandemie und Krieg das Leben erschweren, und betont, dass auch aus negativen Erzählungen Trost und Lehre gezogen werden kann. Die Haggada und die Pessach-Feier werden als Rahmen für das Gedenken an die Befreiung aus Ägypten genannt. Der Text schließt mit der Feststellung, dass die jüdische Tradition es erlaubt, Tragödien aus verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten und daraus etwas Lehrreiches zu gewinnen.
- Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
-
Krankheit, Tod, Vergänglichkeit als Grundproblem
- Wo sitzt das Übel?
-
in der Epoche selbst, im Zustand des Zeitalters
- Was hilft dagegen?
-
Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis; Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit
- Was ist der Mensch nach diesem Text?
-
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
- Wohin geht die Geschichte?
-
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte
- Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
-
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
- Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
-
den eigenen Glaubensgeschwistern
- Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
-
der Text kritisiert nicht
Verwandte Texte aus anderen Traditionen
nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition
Wozu der Text aufruft
- aus negativen Erzählungen etwas Lehrreiches ziehen (innerlich)
- sich konzentriert auf Pessach einlassen (rituell)
Genannte Stellen
3. Mose 10,3 · 3. Mose 9,1–11,47
Gemessen
- Grundhaltung
- 1 von -2 bis 2
- Eindringlichkeit
- 2 von 3
- Reichweite
- 3 von 5
- Konkretheit
- 2 von 3
- Abgrenzung
- 0 von 3
- Zeitbezug
- früher 3, jetzt 2, künftig 1
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
SCHEMINI
Ungebetenes Opfer
Die Kommentatoren rätseln darüber, warum ein göttliches Feuer die Söhne Aharons verzehrte
Auslegung von Rabbiner Boris Ronis
Wir leben in Zeiten, die es uns durch Pandemie und den Krieg in der Ukraine nicht leicht machen. Und dennoch steht Pessach vor der Tür. Da werden wir hoffentlich wieder zusammen essen können und es uns ein wenig gut gehen lassen. Es wird eine gewisse Zeit der Vorbereitung brauchen, dass wir uns konzentriert darauf einlassen können – trotz der aktuell schrecklichen Gegebenheiten um uns herum.
Aber dennoch bleibt unsere Absicht (Kawana) offensichtlich: Es geht um das Gedenken an die Befreiung der Kinder Israels und den Auszug aus Ägypten. Die Haggada gibt genau vor, wie wir Pessach feiern sollen. Wir haben also eine Leitlinie, die uns allerdings auch einen gewissen Spielraum lässt.
REGELN Beim Darbringen bestimmter Opfer gab es früher keinerlei Spielräume. Verstöße gegen das entsprechende Ritual hatten verheerende Folgen. Die Regeln, wie das Opfer dargebracht werden musste und wie man sich dem Allerheiligsten nähern durfte, waren strikt einzuhalten. Alles hatte seine feste Form, gegen die nicht verstoßen werden durfte.
Darum ist für uns die Geschichte von den beiden Söhnen Aharons, Nadav und Avihu, nicht leicht zu verstehen, denn das Handeln der beiden jungen Männer scheint redlich gewesen zu sein, und ihre Intention wird in der Tora nicht als böse beschrieben.
Nadav und Avihu kamen vor den Ewigen ins Allerheiligste mit ihren Rauchpfannen und brachten ein »fremdes Feuer« dar, heißt es – ein Feuer, das ihnen nicht befohlen worden war. Sie traten also vor den Ewigen, ohne dass sie dazu aufgefordert wurden.
Absicht
Die Folgen waren verheerend: Beide Männer wurden von einem »reinen Feuer des Ewigen« verzehrt, kamen also sofort ums Leben. Obwohl ihre Absicht rein war, mussten sie mit dem Leben dafür bezahlen – ein Vorfall, der den Gelehrten in späterer Zeit einiges Kopfzerbrechen bereitete. Wie kann etwas, das ich reinen Herzens tue, mit dem Tod bestraft werden?
Im Laufe der Jahrhunderte versuchten die Rabbiner einige Lösungsansätze, um zu dieser Geschichte eine passende Erklärung zu finden: Zuerst versuchten sie, die Tat der beiden Söhne Aharons durch einen Frevel zu erklären – sie bezogen sich auf das Verbot des Berauschens vor dem eigentlichen Gottesdienst. So warfen sie den beiden jungen Männern vor, sie hätten, unmittelbar bevor sie das Heiligtum betraten, zu viel Wein getrunken.
Ein weiterer Vorwurf war die Unbeschwertheit und Arroganz der beiden. So sollen sie sich der göttlichen Gegenwart genähert haben, als ob sie ein Mensch wäre. Ihre Augen wandten sie nicht ehrfürchtig und demütig nach unten, wie Mosche es einst am brennenden Dornbusch getan hatte.
Auch wurde ihnen vorgeworfen, sie hätten sich geweigert zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen und dadurch einen falschen Stolz gezeigt, der sich gegen die Autorität von Mosche und Aharon wandte.
VERTEIDIGUNG Andere Gelehrte versuchten, Nadav und Avihu in Schutz zu nehmen. Sie verwiesen darauf, dass das sogenannte fremde Feuer viermal erwähnt wurde und es jedes Mal die einzige Erklärung für ihren Tod war. Keine andere Sünde hätten sie sich zuschulden kommen lassen.
Obwohl die jungen Männer ein falsches Mittel gewählt haben, um die göttliche Gegenwart anzusprechen, war ihre Absicht doch ehrwürdig. Ihre Strafe zeigt das Ausmaß der hohen geistigen Kompetenz, die sie erreicht hatten. Und so wurde ihr »unreines Feuer« durch ein »göttliches reines Feuer« geheiligt, das aber zur Folge ihren Tod nach sich zog.
Als weitere Erklärungsmöglichkeit haben die Weisen versucht, Nadav und Avihu weder als besonders schuldig noch als besonders schuldlos zu beschreiben – sondern sie seien beide durch eine bedauerliche Unachtsamkeit ums Leben gekommen.
Und als letzte Betrachtungsmöglichkeit haben die Rabbinen eine Heiligung des Ortes erkannt. So gibt es eine seltene Vorstellung im Judentum, dass durch den Tod eines großen Menschen ein Heiligtum geweiht werden kann: »Durch die, die mir nahe sind, will ich geheiligt werden« (3. Buch Mose 10,3). Mosche kam nach dem tragischen Tod von Nadav und Avihu zu seinem Bruder Aharon und sagte, der Ewige habe ihm am Sinai anvertraut, dass das Heiligtum eines Tages durch einen großen Menschen geheiligt werden würde. Mosche ging davon aus, dass er selbst oder sein Bruder Aharon damit gemeint seien. Doch der Ewige hatte zwei andere dazu auserwählt. Nach diesen Worten habe Aharon sich beruhigt und ein wenig Trost gefunden.
TRAGÖDIE
Wir sehen, dass im Judentum eine Tragödie unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Wichtig ist, dass wir immer versuchen, auch aus einer negativen Erzählung etwas Lehrreiches für uns zu ziehen. Die Kommentatoren beleuchten den Umstand des fragwürdigen Todes, und sie suchen einen Ausweg, damit das Vorgehen Gottes, auch wenn sein Ratschluss unergründlich ist, doch irgendwie verständlich wird.
Wir heutigen Leser profitieren von solchen Überlegungen. Vielleicht ist dies der Trost, den wir brauchen, der uns durch die Jahrhunderte und Jahrtausende unserer manchmal nicht ganz so einfachen Geschichte begleitet hat.
Inhalt
Der Wochenabschnitt Schemini schildert zunächst die Amtseinführung Aharons und seiner Söhne als Priester sowie ihr erstes Opfer. Dann folgt die Vorschrift, dass die Priester, die den Dienst verrichten, weder Wein noch andere berauschende Getränke trinken dürfen. Der Abschnitt listet auf, welche Tiere koscher sind und welche nicht, und er erklärt, wie mit der Verunreinigung durch tote Tiere umzugehen ist.
3. Buch Mose 9,1 – 11,47
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen. Der Artikel ist dort am 25.03.2022 erschienen.
24.04.2026
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