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Liberal · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

KI TISSA

ohne Namen · Allgemeine Rabbinerkonferenz – Paraschat HaSchawua · 2026-09-10 · Berlin · Quelle

Verantwortung · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Wissen

Gesellschaften fallen in mythische Abgründe zurück, wenn sie die geistige Kraft verlieren, Verantwortung ohne einen äußeren Führer zu tragen.

Ebenso müssen auch wir die geistige Kraft entwickeln, die Verantwortung tragen zu können. Die Tora gemahnt uns, das einstige Blutbad nicht zu vergessen – zumal wir niemals wirklich wissen, ob wir die Krisen bestehen.

Der Text analysiert die biblische Erzählung vom Goldenen Kalb im Wochenabschnitt Ki Tissa und stellt sie in den Kontext moderner gesellschaftlicher Krisen. Die Rabbinerin Elisa Klapheck interpretiert den Abfall des Volkes nicht als linearen Rückfall in die Archais, sondern als Ausdruck eines zeitlichen Vakuums, das durch die Verspätung Moses entstand. Dieses Vakuum führte zu Panik und dem Verlust der zivilisatorischen Errungenschaften. Der Text verweist auf Ernst Cassirer, um zu zeigen, dass mythische Kräfte in politischen Krisen immer wieder aufflammen. Am Beispiel der aktuellen Entwicklungen in den USA wird ein neuer 'Tanz um das Goldene Kalb' durch die Verehrung von Reichtum diagnostiziert. Die zentrale Forderung lautet, die geistige Kraft zu entwickeln, Verantwortung ohne einen äußeren Führer zu tragen. Das einstige Blutbad dient als Mahnung, dass Krisen ohne innere Stabilität katastrophal enden können.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Abkehr von Gott, Gleichgültigkeit, Götzendienst; Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis; Genügsamkeit, Fasten, freiwilliges Opfer, Loslassen (erschlossen)
Was ist der Mensch nach diesem Text?
selbstbestimmt, Urheber seines Handelns
Wohin geht die Geschichte?
Wiederkehr, kein Ziel, immer dasselbe Muster
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

2. Mose 32 · 2. Mose 32,1

Gemessen

Grundhaltung
-1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 3, jetzt 2, künftig 1

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
KI TISSA Blutbad Auslegung von Rabbinerin Elisa Klapheck Es gibt Geschichten, deren Botschaft so unmissverständlich klar zu sein scheint, dass sich Deutungen zu erübrigen scheinen. Eine solche Geschichte ist die des plötzlichen Abfalls der Israeliten in der Wüste und der Bau des Goldenen Kalbes. Die Geschichte steht im Wochenabschnitt des heutigen Schabbat, Ki Tissa, im zweiten Buch Mose, Kapitel 32. Zwei Pole stehen sich hier schwarz und weiß gegenüber. Auf der einen Seite Moses, der die monotheistische Gesetzesordnung, die steinernen Tafeln mit den Zehn Geboten, empfängt. Auf der anderen das Volk, das einem mythischen Kult verfällt, sich einen animalischen Abgott baut und ekstatisch um diesen tanzt. Man braucht nicht nachzusinnen, um zu wissen, für welche Seite man sich zu entscheiden hat. Wir sind geneigt, die Geschichte als einen Rückfall in eine ältere, archaische Ordnung zu lesen. Aber der jüdischen Auslegung geht es nicht um zeitliche Linearität. Beides - Gesetz und Mythos - sind immer als zwei Möglichkeiten gleichzeitig gegeben. Der Philosoph Ernst Cassirer schreibt: "In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens des Menschen sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher. In diesen Momenten ist die Zeit für den Mythos wieder gekommen. Denn der Mythos ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auch auf seine Stunde und Gelegenheit wartend." (Vom Mythus des Staates, 2000, S. 364) Diese Worte, die sich eigentlich auf den Nationalsozialismus beziehen, treffen ziemlich genau auch auf die Geschichte des Goldenen Kalbes zu. Ich frage mich, welche Bedeutung ihr in unserer Gesellschaft zukommt. Erleben wir angesichts der Entwicklungen in den USA nicht auch einen archaischen Rückfall in den Mythos und da, wo die Superreichen zum Maßstab werden, einen neuen Tanz um das Goldene Kalb? Die Geschichte in der Tora endet mit einem Blutbad – Moses zertrümmert die Gesetzestafeln, 3000 Menschen werden dahingemetzelt. Im Volk herrscht Katzenjammer und Reue. Moses zieht ein weiteres Mal auf den Berg, um mit einem zweiten Paar Gesetzestafeln zurückzukehren. Im Talmud fragten sich die Rabbinen, wie es zu dem plötzlichen Abfall – nach so vielen Zeichen und Wundern, das heißt so vielen handgreiflichen Erfolgen auf dem Weg in die Freiheit kommen konnte. Ihre Deutung fällt unerwartet verständnisvoll aus. Ohne die Vorgänge um das Goldene Kalb gutzuheißen, erkennen die Rabbinen das Problem in der vom Menschen als linear erlebten Zeit. Sie gehen in der Geschichte einen Schritt zurück und verweisen auf Moses‘ zeitliche Verspätung. Es heißt in der Tora: "Als aber das Volk sah, dass Mose säumte, vom Berg herabzukommen…" (32:1). Es ging um nicht mehr als eine Nacht. Die Tage beginnen im Judentum mit dem Abend. – Moses hatte angekündigt, am 40. Tag zurückzukehren. Aber er kommt nicht am Abend, sondern erst am darauffolgenden Mittag. Diese zeitliche Verspätung stellte für die Rabbinen ein Vakuum von einer Nacht her, in der Panik das Volk erfasste. Sie machte mit einem Schlag alle bis dahin erzielten zivilisatorischen Errungenschaften zunichte. Vielleicht ist es dieses Zeitvakuum, dieser plötzliche Bewusstseinsrutsch in die Panik und der unverhoffte Zusammenbruch aller Gewissheiten, auf den auch wir unseren Blick richten sollten. Das Volk war einen Moment auf sich allein gestellt, trug selbst die Verantwortung. In diesem Moment, da es sich nicht mehr sicher war, ob es noch eine Führung hatte, geschah der Absturz in den Abgrund. Die israelitische Gesellschaft musste in den folgenden 40 Jahren lernen, auch ohne Moses, ohne einen Führer, bestehen zu können. Ebenso müssen auch wir die geistige Kraft entwickeln, die Verantwortung tragen zu können. Die Tora gemahnt uns, das einstige Blutbad nicht zu vergessen – zumal wir niemals wirklich wissen, ob wir die Krisen bestehen. Schabbat schalom 20.03.2026 Artikelarchiv >> Rabbiner & Rabbinerinnen Strömungen Positionen Bet Din Publikationen Links Impressum Home © Allgemeine Rabbinerkonferenz