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Liberal · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

BESCHALACH

ohne Namen · Allgemeine Rabbinerkonferenz – Paraschat HaSchawua · 2026-09-10 · Berlin · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Umkehr · tragend Gemeinschaft

In einer nicht-linearen, seelischen Zeit können uralte Verstockungen in Stärken gewandelt werden, sodass selbst der Abgrund zum Schutz wird.

Wir alle kennen sie, die ganz andere, seelische Zeit, in der losgelöst von der linearen Zeit, es uns gelingt, irgendwann im Leben uralte Verstockungen endlich aufzulösen und in Stärken zu wandeln.

Der Text ist eine Auslegung des Tora-Abschnitts Beschalach durch Rabbinerin Elisa Klapheck. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass die Erzählung vom Auszug aus Ägypten mit einer anderen Art von Zeit arbeitet: Vorher und Nachher, Tag und Nacht, Finsternis und Licht werden umgekehrt oder gleichzeitig für verschiedene Gruppen wirksam. Die rabbinische Auslegungstradition wird herangezogen, um die Verben verhärten, bestärken und verstocken zeitlich zu unterscheiden: Verhärtung und Verstockung laufen aus der Vergangenheit hinterher, Starksein weist in die Zukunft. Die Kernaussage ist, dass uralte Verstockungen in Stärken gewandelt werden können, ohne dass dies einer linearen Entwicklung folgen muss. Der Text überträgt dies auf seelische Heilungsprozesse: In einer anderen, seelischen Zeit gelinge es, Vergangenem in die Zukunft zu stellen und Zukünftigem in der Vergangenheit wirken zu lassen. Die Botschaft ist an die Hörenden gerichtet: In jedem Menschen lebe etwas vom untergehenden Pharao und etwas von Mose, der Verhärtung in Kraft wandle. Der Text endet mit der Zusage, dass selbst die Wassermassen des Abgrunds zum Schutz werden, wenn diese Wandlung gelingt.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Festhalten, Begehren, Nicht-loslassen-Können
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung; persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
in Täuschung oder Begehren verfangen, aber befreibar
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Ex 13,17-18 · Ex 13,21-22 · Ex 14,19-20 · Ex 14,21 · Ex 14,23-24 · Ex 14,4 · Ex 14,17 · Ex 14,22.29

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
1 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3, benannt: Ägypter und Pharao als Gegenbild
Zeitbezug
früher 3, jetzt 2, künftig 2

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
BESCHALACH Eine andere Art von Zeit Auslegung von Rabbinerin Elisa Klapheck „Als nun Pharao das Volk ziehen ließ“ – so beginnt der Tora-Abschnitt „Beschalach“ im 2. Buch Mose an diesem Schabbat – „führte sie Gott nicht den direkten Weg durch das Land der Philister, denn Gott dachte, es könnte das Volk reuen, wenn sie Krieg vor sich sähen, und sie würden nach Ägypten zurückkehren. Und Gott ließ das Volk auf einem Umwege ziehen, den Weg nach der Wüste zum Schilfmeer.“ (Ex. 13:17-18) Der Umweg, auf dem sich das, was das Volk erwartete, nicht direkt zeigte, sollte in Bezug auf die zeitlichen Abfolgen noch viel Verwirrung stiften. Das Vorher und das Nachher geraten in diesem Tora-Abschnitt in eigenartige, zeitliche Umkehrungen; selbst was gleichzeitig geschieht, spielt sich in der Zeitsequenz, in der den Israeliten der Auszug aus Ägypten gelingt, offenbar in einer anderen Art von Zeit ab. Zunächst scheint die normale Abfolge von Tag und Nacht – auch in Bezug auf Gott – klar. Gott führt das Volk – am Tage in einer Wolkensäule, des Nachts in einer Feuersäule. (13:21-22) Wenige Verse später, als das Heer des Pharaos mit seinen Reitern und Kriegswagen das Volk eingeholt hat, kommt es jedoch zu einer ungeahnten Verwirrung. Es steht im 2. Buch Mose, Kapitel 14, ab Vers 19: „Und der Engel Gottes, der dem Lager Israels voranzog, brach auf und zog hinter ihnen her, und die Wolkensäule, die vor ihnen war, brach auf und stellte sich hinter sie. Und sie trat zwischen das Lager der Ägypter und das Lager der Israeliten; dort war Gewölk und Finsternis, und hier erhellte sie die Nacht; und sie näherten sich einander nicht, die ganze Nacht hindurch.“ (Ex. 14:19-20) Vorher und nachher sind aufgehoben, was für die Einen zur Nacht wird, wird für die Anderen zum Tag – was den Einen Finsternis bedeutet, erhellt sich den Anderen zum Weg. „Da streckte Mose seine Hand gegen das Meer aus, und der Ewige trieb das Meer durch einen heftigen Ostwind die ganz Nacht hindurch zurück und machte das Meer zum trocken Boden, und das Wasser teilte sich.“ (14:21) Die Verwirrung um Nacht und Tag, Finsternis und Klarheit, nachher und vorher hat eine eigene rabbinische Auslegungstradition geschaffen. Es geht um so etwas wie eine „absolute Zeit“, in der die lineare Zeit zurücktritt und andere Bewegungen die Geschichte bestimmen – sich dasselbe also in gleichzeitiger Verschiedenheit offenbart. Was für die Einen festen Boden unter den Füßen bietet, wird den Anderen zum Abgrund. „Und die Kinder Israels gingen mitten im Meer auf trockenem Boden. Die Ägypter aber verfolgten sie und kamen hinter ihnen her, alle Rosse Pharaos, seine Kriegswagen und seiner Reiter, mitten in das Meer hinein. In der Morgenwache aber schaute der Ewige auf das Lager der Ägypter in einer Feuer- und Wolkensäule und verwirrte das Lager der Ägypter. (14:23-24) Gleichzeitig erzählt derselbe Abschnitt noch eine andere Geschichte über das Vorher und das Nachher. Jetzt sind Menschen mit ihren jeweiligen Verhaltensweisen die Akteure. Die Tora drückt dies mit drei Wörtern aus: hart sein, stark sein und verstockt sein. Die Botschaft scheint immer dieselbe – Gott verhärtete, bestärkte oder verstockte das Herz des Pharaos. Den Rabbinen fiel jedoch auf, dass die Zeit jeweils eine andere Rolle in diesen Wörtern spielt. Stark sein gehe in die Zukunft, ermögliche etwas vorwärtsgehendes - verhärtet und verstockt sein erfolgten hingegen aus der Vergangenheit, liefen nur hinterher. In diesem Sinne lasen die Rabbinen Gottes Ankündigung: „Ich aber verhärte das Herz Pharos, dass er sie verfolge – „(14:4) „Und ich – siehe, ich verhärte das Herz der Ägypter, dass sie hinter ihnen hineingehen - “ – (14:17) Die Verhärtung des Pharaos lässt ihn nur hinterherlaufen und schließlich im Meer untergehen. Gleichzeitig verherrlicht sich Gott aus der Kraft einer Zukunft, die er gerade mit seinem Volk verwirklicht. Eine in diesem Abschnitt auch an uns gerichtete Frage ist demnach – wie sich die Verhärtung von etwas Vergangenem in ein Starksein wandelt, das in die Zukunft weist. Der Abschnitt hilft uns zu verstehen, dass dies keine Sache einer linearen Entwicklung sein muss. Wir alle kennen sie, die ganz andere, seelische Zeit, in der losgelöst von der linearen Zeit, es uns gelingt, irgendwann im Leben uralte Verstockungen endlich aufzulösen und in Stärken zu wandeln. Auch in unseren seelischen Heilungsprozessen geschieht dies zumeist, indem sich Tag und Nacht verkehren, die Feuersäule aus der Finsternis in den Tag leuchtet, die Wolkensäule wiederum die Nacht erhellt – indem ein Aspekt der Vergangenheit in die Zukunft gestellt wird, einer aus der Zukunft in der Vergangenheit wirken darf. Letztlich lebt in jedem von uns etwas vom Pharao, der untergeht, und etwas von Moses, der das Potential hat, die Verhärtung in Kraft zu wandeln und trockenen Fußes über den Abgrund zu gehen. Gelingt dies, so bedeutet uns jedenfalls die Tora, werden sogar die Wassermassen des Abgrundes zum Schutz für unseren Weg durch die trockene Mitte: „Und die Kinder Israel gingen mitten im Meer auf trockenem Boden, und das Wasser war ihnen eine Schutzmauer zur Rechten und zur Linken.“ (14:22. 29) 06.02.2026 Artikelarchiv >> Rabbiner & Rabbinerinnen Strömungen Positionen Bet Din Publikationen Links Impressum Home © Allgemeine Rabbinerkonferenz