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Stiftskirche Stuttgart Sonntag, 01. Dezember 2024 Erster Advent Prälatin Gabriele Arnold Matthäus 21, 1-11

ohne Namen · Stiftskirche Stuttgart – Predigten · 2024-12-01 · Stuttgart · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Demut · tragend Gerechtigkeit · tragend

Jesu Einzug auf dem Esel zeigt, dass der König der Welt Frieden und Gerechtigkeit nicht durch Gewalt, sondern durch Sanftmut und Hingabe an das Leiden bringt, und gibt damit in einer von Kriegen geprägten Zeit Hoffnung, dass das Ende des Elends ohne Blutvergießen kommt.

Jesus ist der König der Welt, er ist es, der die Welt regiert und sie zu einem guten Ende führen wird. Aber zugleich ist es die Geschichte vom Sanftmütigen.

Die Predigt am ersten Advent zu Matthäus 21,1-11 liest Jesu Einzug in Jerusalem als bewusste Inszenierung, die königliche Macht mit dem Bild des Esels verbindet. Der Esel steht für Sanftmut, Langsamkeit und die Perspektive der kleinen Leute, im Gegensatz zu einer militärischen Machtdemonstration wie der des römischen Statthalters. Der Text stellt zwei Geschichten zusammen: die uralte Hoffnung auf einen König, der Frieden und Gerechtigkeit bringt, und die Geschichte eines Mannes, der ohnmächtig in den Tod reitet und sich der Gewalt ausliefert. Als Gegenwartsbezug werden die Kriege in der Ukraine, in Gaza, in Palästina und im Libanon sowie Sorgen über den Atlantik genannt. Die Botschaft lautet, dass Jesus als König der Welt zugleich der Sanftmütige ist, der ohne Blutvergießen das Ende des Elends bringen wird. Die Zuhörer werden ermutigt, ihm zu vertrauen und sich in der Adventszeit von ihm tragen zu lassen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Krankheit, Tod, Vergänglichkeit als Grundproblem; Ausbeutung, Unterdrückung, ungleiche Verhältnisse
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird; Genügsamkeit, Fasten, freiwilliges Opfer, Loslassen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
gefallen, aus eigener Kraft nicht heil zu machen
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf den Stifter oder Propheten der Tradition; auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Mt 21,1-11 · Sach 9,9

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 2, künftig 3

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Stiftskirche Stuttgart Sonntag, 01. Dezember 2024 Erster Advent Prälatin Gabriele Arnold Matthäus 21, 1-11 Jesu Einzug in Jerusalem 1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht Sach 9,9: 5»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! 10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa. Liebe Gemeinde Es gibt wohl kaum eine Geschichte im Neuen Testament, in der sich Jesus so in Szene setzt, ja sich geradezu inszeniert und auf die Bühne stellt, wie in dieser Geschichte vom Einzug in Jerusalem. Und weil diese Geschichte so prominent und so besonders ist, ist sie gleich zweimal als Predigttext im Laufe des Kirchenjahres vorgesehen. Am ersten Advent und an Palmsonntag. Es ist als ob Jesus mit seiner Einzugsinszenierung seine Botschaft in die Welt hinausposaunen wollte; Laut, schrill und total grotesk, ganz anders als es sonst so seine Art ist. Es ist eine komische Geschichte, die Geschichte vom König auf einem Esel. Können Sie sich Friedrich den Großen oder Wilhelm II auf einem Esel vorstellen? Oder wenn wir uns an die verstorbene Queen erinnern, wie würde es aussehen, wenn sie ihre Geburtstagsparade auf einem Eselchen abgenommen hätte statt auf einem Pferd? Auf einem Esel macht man nichts her. Man sieht nicht besonders erfolgreich aus, und es ist nicht sehr fotogen. Die meisten Menschen hierzulande finden Pferde interessanter als Esel. Pferde sind angesehene und stolze Reittiere und Sehnsuchtsobjekt vieler weiblicher Teenager. Pferde sind Symbole von Größe, Stärke und Macht, von geballter und gebündelter Energie. Stellen sie sich mal die Quadriga auf dem Brandenburger Tor vor, und jetzt stellen sie sich vor, sie würde von 4 Eseln gezogen? Lächerlich oder? Esel sind Lasttiere. Sie halten eine Windmühle am Laufen oder eine Getreidemühle, und sie schleppen die Säcke von A nach B. Esel sind die Tiere der kleinen Leute, der Bauern und der Händler. Auf einem Esel kommt man nur langsam voran. Zu Zeiten Jesu war das nicht anders. Vermutlich zur selben Zeit wie Jesus ist Pilatus in Jerusalem eingezogen, um für Ruhe und Ordnung während des Festes zu sorgen. Herkommend von seinem Wohnsitz im vornehmen Caesarea mit Meerblick und guter Luft zog Pilatus zog durch das andere Tor ein, bewaffnet und in schnellem Galopp, begleitet von Leibgarde und Soldaten, und er saß sicher auf nicht einem Esel. Er wurde begleitet von Offizieren hoch zu Ross. Das war eine Machtdemonstration, der verkörperte Führungsanspruch, und bis heute ist das nicht anders. Wer etwas auf sich hält, fährt ein Auto mit viel PS, auch wenn das für unsere Umwelt tödlich ist. Und auf einem Esel zieht Jesus ein. Er bespielt die Szene der Machtdemonstration, aber er sitzt auf einem Esel Er lässt sich huldigen wie ein König und konterkariert zugleich das, was da passieren sollte. Eine verrückte Provokation. Der da kommt, ist ein König, aber auch ein bisschen ein Narr, ein Unruhestifter, einer der die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Einen Tag später wird er schon nicht mehr gefeiert, als er die Tische der Banker im Tempel umstößt. Und am Ende steht das Kreuz auf Gogatha. Warum also diese Inszenierung? War es ein Versehen? Nein, ganz bestimmt nicht. Jesus wusste genau was er tat! Er wusste, dass er in den Tod reiten würde. Und wir wissen es auch. Mir kommt es so vor als würden hier zwei Geschichten von Jesus in einer erzählt. Als würde Jesus zusammenfügen und zusammenlegen, was gerade gar nicht zusammenpasst. Das eine ist die Geschichte vom heldenhaften Retter, vom Held aus Juda, vom König aus Davids Stamm. Es ist die Geschichte von dem, der durch seine Autorität den Sturm zur Ruhe bringt, der den Tod besiegt, der die Gewaltigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht. Sein Name steht für Gerechtigkeit und für die Hoffnung auf das Ende von Krieg und Gewalt. Das ist die uralte Hoffnungsgeschichte, die Geschichte, die die Menschen sich immer wieder und wieder erzählen, um nicht verrückt zu werden angesichts des Elends, der Bedrohung und des Unrechts. Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit für alle. Wir spüren alle, wie zerbrechlich diese Hoffnung ist. Gerade im Moment fühlen sich viele belastet durch die Kriege in der Ukraine, in Gaza, in Palästina, im Libanon. Viele von uns blicken mit Sorge über den großen Teich. Frieden und Gerechtigkeit, was für ein Traum. Wann wird der König, der da einzieht das endlich durchsetzen? Und dann ist da die Geschichte von dem Mann auf dem Esel, dem Mann der leisen Töne, dem Mann, der in den Tod reitet, ohnmächtig und ängstlich. Da zieht der ein, der Frieden und Gerechtigkeit eben nicht mit Gewalt durchsetzt. Da zieht einer ein auf einem kleinen Eselein, der sich der Gewalt ausliefert. Die Könige und Fürsten, die Mächtigen dieser Welt, ja die besten unter ihnen kommen ohne Gewalt nicht aus. Wer Frieden und Gerechtigkeit durchsetzen muss, kann das nicht ohne staatliche Gewalt, und dabei fließt auch im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden eben oft viel Blut. Die Befreiung von den Nazis in Deutschland sie wurde erkämpft mit viel Blut der Alliierten. Die Geschichte von Jesus, ohnmächtig und auf einem Esel, ist die Geschichte von Jesus, der ins Leiden geht und so solidarisch ist mit den Leidenden indem er selber leidet, der sich nicht groß aufspielt. Es ist die Geschichte seiner Jüngerinnen und Jünger. Es ist die Geschichte von Mutter Teresa, Franz von Assisi oder Nelson Mandela. Da sehen wir, dass Gutes auch bewirkt werden kann durch Verzicht auf Macht und Gewalt. Die Welt wird dann nicht richtig besser, wird aber ein bisschen besser. Mit Sanftmut und Gewaltlosigkeit lässt sich auf Dauer nichts erreichen sagen manche. Aber wenn wir z. B. auf die Gewalt gegen die Natur verzichten würden und wirklich versuchen würden, mit der Schöpfung besser umzugehen, würde sich natürlich etwas ändern. Was ist nun die Botschaft an diesem ersten Advent mit dieser grotesken Geschichte vom König auf dem Esel? Jesus ist der König der Welt, er ist es, der die Welt regiert und sie zu einem guten Ende führen wird. Aber zugleich ist es die Geschichte vom Sanftmütigen. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ und „Es soll nicht durch Heer oder Kraft sondern durch meinen Geist geschehen.“ Das ist die Botschaft des Eselreiters, der sanftmütig und freundlich, menschenfreundlich und uns zugetan ist. Aber er ist in seiner Zuneigung zu uns doch kraftvoll. Und er gibt uns Kraft. Wir können uns auf ihn verlassen. Er reitet bis heute durch unsere Dörfer und Städte. Er ist unter uns auf dem Weihnachtsmarkt, er sitzt hier im Gottesdienst und ist in den vollen Läden und unter den Brücken. So verändert er die Menschen und dann vielleicht doch auch die Welt. Leise und unaufdringlich und irgendwann wird er mit heilsamer Macht das Ende allen Elends bringen. Aber ohne Blutvergießen. Die Geschichte vom Einzug Jesu ist gerahmt von einer Heilungsgeschichte und der Tempelreinigung. Jesus bewirkt Unglaubliches. Jetzt schon und dann am Ende. Die Geschichte vom Einzug heute am ersten Advent sagt uns: Siehe dein König kommt zu dir, nicht ein König sondern dein König. Er trägt uns durchs Leben. Und zugleich ist es der König, der König aller Könige. So geht Jesus durch die Weltgeschichte als mein König in seinen Geschichten, mit seinen Worten. Und er ist der König aller Zeiten, und darin ist er angewiesen auf unseren Glauben. Er ist angewiesen auf unseren Glauben, dass es am Ende gut wird. „Den aller Welt Kreis nie beschloss der liegt in Marien Schoß“, der Weltenherrscher wird aller Menschen Diener. Für uns heißt das, ihn anzubeten und ihm zu vertrauen. Die Adventszeit ist eine große Hoffnungskraft. Es wird am Ende nicht dunkel bleiben. Und bis dahin werden wir von dem Eselsreiter getragen. Sitzen wir hinter ihm auf dem Eselchen und halten uns fest an ihm, damit wir nicht runterfallen. Wir sind vom Dunkel bedroht und doch dem Licht auf der Spur Amen