Philosophie ist trotz ihres Scheiterns in der endgültigen Beantwortung letzter Fragen als förderungswürdig zu betrachten, da sie sowohl als Reinigungsdienst des Denkens als auch als Begleiterin des menschlichen Fragens nach Sinn und Ganzem unverzichtbar bleibt.
Der Text untersucht die These, Philosophie könne als eine Art Müllabfuhr verstanden werden, die begrifflichen Unrat beseitigt. Er zeichnet die Geschichte der Metaphysik von der Antike bis zur Neuzeit nach und zeigt, wie naturwissenschaftliche Disziplinen viele metaphysische Fragen verdrängt haben. Dabei verbleiben sogenannte Restfragen nach Sinn, Ursprung und Letztbestimmung, die Wissenschaften nicht beantworten. Wittgensteins Sprachkritik wird als Beispiel dafür angeführt, dass Philosophie als Reinigungsdienst des Denkens fungieren kann. Gleichzeitig wird argumentiert, dass der menschliche Drang nach letzten Fragen nicht aufhörbar ist. Die Anekdote über Hans Blumenbergs DFG-Antrag illustriert die prekäre Lage der Philosophie. Der Text schließt mit der These, dass Philosophie trotz ihres Scheiterns in der endgültigen Lösung großer Fragen weiterhin förderungswürdig ist.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Hallo! Willkommen bei aufgeklärt Staunen. Heute mit einem bewusst provokanten Titel. Die Philosophie, eine Art Müllabfuhr. Das klingt zunächst alles andere als schmarchelhaft. Er abwertend, vielleicht sogar respektlos. Schließlich gilt die Philosophie seit jeher als Mutter aller Wissenschaften. Als Königsdisziplin des Denkens. Sie richtet den Blick auf das Ganze, fragt lach den letzten Gründen und reflektiert die Voraussetzungen unseres Wissens. Ihre besondere Wertschätzung gründet jedoch nicht allein auf dieser theoretischen Ausrichtung. Sie erwächst vor allem aus ihrem Anspruch Orientierung zu geben. Das gute Handeln zu bedenken, Maßstäbe zu klären und den geistigen Horizont des Menschen über das bloß Faktische hinaus zu öffnen. Philosophie will verstehen lassen, einordnen, prüfen und letztlich auch leiten. Mit einem solchen Selbstverständnis scheint die Bezeichnung Müllabfuhr kaum vereinbar. Wie sollte ausgerechnet jene Disziplin, die nach Wahrheit, Sinn und Geltung fragt, mit dem Bild des Abtransport von Abfällen zusammenpassen? Und doch lohnt es sich, vor schnelle Empörung zu vermeiden. Denn vielleicht verbirgt sich in diesem scheinbaren Widerspruch eine überraschend aufschlussreiche Perspektive. Um diese Perspektive entfalten zu können, müssen wir allerdings etwas weiter ausholen und einen Blick in die Geschichte der Philosophie werfen. Denn erst im historischen Zusammenhang zeigt sich, warum das Bild der Müllabfuhr am Ende, womöglich, treffender ist, also zunächst scheint. Von der Antike bis in die Neuzeit prägten geschlossene Weltbilder das philosophische Denken. Sie gaben klare Antworten auf fast alles. Antike, Mittelalter und Neuzeit waren überzeugt zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie entwickelten letzte Standpunkte, Deutungen des Ganzen, Aussagen über die Wirklichkeit und über den Menschen. So entstanden mit der Kraft des reinen Denkens große Gedankengebäude, welche die Welt vollständig erklärten. Die meisten Antikengriechen verehrten den Kosmos als ewige, harmonische Ordnung, die aus sich selbst herausbestand und darum göttliche Züge trug. Im gristlichen Mittelalter sah man die Welt anders. Hier galt sie als Schöpfung eines außerwähllichen Gottes, der sie aus dem Nichts erschuf und seitdem im Sein erhält. Die Disziplin, die das alles bis ins Letzte erkundet, heißt Metaphysik. Doch hat der Begriff eine besondere Geschichte. Geprägt wurde er von Andronikos von Roddos, im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Andronikos gab die Werke von Aristoteles heraus. Zuerst seine Physikbücher, dann eine Reihe von Texten ohne Titel. Aus Verlegenheit nannte Andronikos diese aristotelischen Texte ohne Titel die Bücher nach der Physik. Metaphysik. Denn Meta heißt im Griechischen sowohl nach als auch über. Erst im fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung erhielt der Begriff Metaphysik seine philosophische Bedeutung. Simplicios verstand darunter eine Lehre, die über die Physik hinausgeht, nach dem Ursprung der Welt fragt, nach Gott, nach der höchsten Bestimmung des Menschen. Später unterschied man zwischen allgemeiner und spezieller Metaphysik. Die allgemeine Metaphysik untersucht die Grundzüge aller Wirklichkeit. Die spezielle Metaphysik gliedert sich in drei Bereiche. Die metaphysische Theologie fragt nach Gott. Die metaphysische Kosmologie fragt nach dem ganzen der Welt. Und die metaphysische Psychologie fragt nach der Seele und ihrer Unsterblichkeit. Auf allen drei Feldern vertrauten die Metaphysiker auf die Macht des Denkens. Sie glaubten, durch reines Nachdenken bis zum letzten vorzuträngen und so zu umfassenden allgemeingültigen Deutungen zu gelangen. Nun wurde in der Neuzeit die traditionelle Metaphysik schrittweise vor neuen Wissensdisziplinen vertränkt. Die metaphysische Kosmologie, wiech der physikalischen Kosmologie, an die Stelle der alten Naturphilosophie, tratten die mathematischen Naturwissenschaften. Auch die metaphysische Seelenlehre verlor in der moderne Anbedeutung. Empirische Psychologie und moderne Psychoanalyse übernehmen ihr Feld. Insgesamt ersetzte das naturwissenschaftliche Weltbild die antiken Weltdeutungen und den mittelalterlichen Schöpfungsklauben. Die Erkenntnisse der mathematischen Naturwissenschaften sind zu einem erheblichen Teil messbar, tendenziell überprüfbar. Und deshalb gelten sie als verlässlicher als die Ergebnisse der klassischen Metaphysik. Doch so beeindruckend die Erfolge der Naturwissenschaften sind. Ihr Siegeszug brachte nicht nur Erkenntnisgewinne, sondern auch Verluste mit sich. Der sinnhaft geordnete Kosmos der Griechen, ebenso wie die grissliche Schöpfungslehre, gaben Antworten auf Fragen, welche die exakten Wissenschaften ihrem Selbstverständnis nach offen lassen müssen. Mit dem Ende der metaphysischen Kosmologie und der metaphysischen Psychologie etwa bleiben gewichtige Restfragen zurück. Die moderne Astrophysik etwa kann beschreiben, wie sich das Universum entwickelt. Doch sie sagt nichts darüber, ob es einen göttlichen Ursprung der Wirklichkeit gibt. Psychologie und Psychoanalyse erklären Mechanismen des Erlebens und Verhaltens. Aber nicht, ob die menschliche Seele unsterblich ist oder was der Mensch im Letzten bedeutet. Jedoch verschwinden diese letzten Fragen nicht einfach, nur weil sie wissenschaftlich nicht bearbeitet werden können. Was also tun? Mit solchen Restposten? Mit Fragen wie, was ist die Welt im Letzten? Hat das Ganze einen ersten Grund, einen höchsten Wert, einen letzten Zweck? dürfen wir auf ein ewiges Leben hoffen? Hier nun dritt, zum ersten Mal in unserem Gedankengang, die Philosophie als Müllabfuhr auf dem Blagen. Eine mögliche Antwort lautet nämlich, wir müssen diese Fragen entsorgen. Sie gehören in die graue Tonne und von dort in die gedankliche Müllverbrennung. Denn sie sind so die Überzeugung zahlreicher Metaphysikkritiker schlicht unsinnig. Da es keine verlässliche Methode gibt, sie zu entscheiden, sollten wir sie aufgeben. Mehr noch, es handele sich um blose Scheinfragen, erzeugt durch sprachliche Verwirrung, um metaphysisches Geschwetz. Die vermeintlich tiefsinnigsten Probleme beruhen, so der Vorwurf, auf einem fehlerhaften, irregeleiteten Sprachgebrauch. Dementsprechend sieht etwa Ludwig Wittgenstein, die eigentliche Aufgabe der Philosophie nicht darin, neue Lehren über das Sein zu entwerfen, sondern, begriffliche Verwirrungen zu beseitigen. Wittgenstein schreibt, ich zitiere, Die meisten Fragen und Sätze der Philosophie beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen. Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind. Nach Wittgenstein entstehen solche Rätsel aus falschen Vorstellungen über die Wirkungsweise unserer Sprache. Sie lösen sich auf, wenn wir unsere Begriffe durch eine Art Sprachtherapie klären. Philosophie, also nicht mehr als Produzentin großer Weltbilder, sondern als Reinigungsdienst des Denkens. Nicht mehr Bauherrin metaphysischer Systeme, sondern Instanz der Begriffshygiene. Philosophie als Müllabfuhr. Dabei ist der Begriff Müllabfuhr keineswegs abschätzig gemeint, auch wenn es so klingen könnte. Man stelle sich nur einen Augenblick vor, was geschehe, würde unser Abfall nicht regelmäßig abgeholt und fachgerecht entsorgt. Schnell würde aus Ordnung Verwahrlosung, Aus- sauberkeit Gesundheitsgefährdung. In diesem Sinne ist die Müllabfuhr eine unverzichtbare Kulturleistung. Ähnlich verstanden kann auch die Philosophie eine reinigende Funktion haben. Sie beseitigt begrifflichen Unrat, klärt Missverständnisse und verhindert, dass sich gedanklicher Wildwuchs ausbreitet. Und doch, aller Metaphysikkritik und Sprachanalyse zum Trotz, steht nicht zu erwarten, dass die Menschen jemals vollständig von letzten Fragen ablassen wird. So berechtigt die Einwände gegen manche spekulative Überdehnung sein mögen? Der Drang nach dem Ganzen zu fragen, lässt sich nicht einfach stilllegen. Schon Immanuel Kant hat diese Lage präzise beschrieben. Die menschliche Vernunft, so Kant, habe das eigentümliche Schicksal von Fragen bedrängt zu werden, die sie sich notwendigerweise stellt. Die sie aber weder endgültig beantworten, noch einfach abweisen kann. Diese Fragen entspringen nicht bloßer Neugier, sondern der Natur der Vernunft selbst. Demnach kann der Mensch gar nicht anders als nach einer Letztbestimmung der Dinge zu fragen, sich selbst und die Welt als Problem zu begreifen. Jedenfalls werden sich nachdenkliche Gemüter weder durch methodisches Kepsis noch durch Sprachanalyse davon abhalten lassen, weiterzufragen. Selbst die Ungewissheit möglicher Antworten wird sie hier vor nicht abbringen können. Im Gegenteil, wer von den letzten Fragen bewegt ist, wird immer wieder erwägen, was es mit der Wirklichkeit und dem eigenen Leben auf sich hat. Mögen solche Überlegungen als altmodisch oder unzeitgemäß gelten, angesichts der Wunder und Wunden des Lebens, beginnt das Nachdenken hierüber immer wieder von Neuem. So werden sich auch künftig bedrängte Grübler die Antwort an den Grundfragen nicht ausreden lassen. Nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern weil sie schlicht dazu fähig sind, allumfassend zu denken. Und weil es sich mit der Wirklichkeit im Ganzen und mit dem Leben im Letzten ja irgendwie verhalten muss. Auf diese Weise ist die Philosophie abermals herausgefordert, dem suchenden Menschen mit Antworten beizustehen. Doch ihre Lage bleibt prekär, denn die letzten Fragen überfordern sie heute nicht weniger als früher. Eine kleine, ebenso geistreiche wie entlarvender Anekdote mag das illustrieren. Als 1957 die Sowjetunion mit Sputnik 1 den ersten künstlichen Satelliten in eine Erdumlauf brachte und dieser unseren Planeten in nur 96 Minuten umrundete. Gerieten die USA und Westeuropa in eine tiefe Verunsicherung. Der sogenannte Sputnik-Shock traf die westliche Welt, die sich technologisch bislang überlegen wählte. Eine unmittelbare Reaktion war 1958 die Gründung der NASA. Fortan sollten die Anstrengungen in der Raumfahrt massiv verstärkt werden. In genau diesem Jahr 1958 reichte der Philosoph Hans Blumenberg bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG einen Forschungsantrag ein mit dem ebenso kühnen wie augenswinkenden Titel, ich zitiere, Erforschung der Rückseite des Mondes durch reines Denken. Blumenberg behauptete, eine Methode entwickelt zu haben, mit der sich kosmologische Fragen allein durch gedankliche Reflexion klären ließen. Voraussetzung dafür sei allerdings eine stufenweise Reinigung des Gehörts und diese Reinigung verlang eine kostspielige besonders hochwertige Ernährung. Erste Experimente mit Helgoländer Hummerspitzen, persischem Karovia und indischem Vorrelnestragu hätten, so ließ er verlauten, bereits erstaunliche Resultate erbracht. Der damalige Vizepräsident der DFG antwortete in feiner Ironie. Da philosophische Forschungsanträge bekanntlich von Fachgutachtern, also wiederum Philosophen, geprüft würden und diese für ihre Einschätzungen erfahrungsgemäß sehr viel Zeit benötigten, sei, Zitat, nicht damit zu rechnen, dass sich in absehbarer Zeit eine definitive Stellungnahme wird erziel lassen. Besonders bemerkenswert an dem Antwortschreiben des DFG-Vizepräsidenten ist, so finde ich, was er nicht schrieb. Er hätte nämlich etwas weniger höflich dafür aber umso deutlicher Blumenberg entgegten können. Wenn man bedenkt, wie viele Probleme die Philosophen in den vergangenen Jahrtausenden tatsächlich gelöst haben, dann dürfte wohl auch jetzt kaum zu erwarten sein, dass durch reines Nachdenken belastbare Erkenntnisse über die Rückseite des Mondes gewonnen werden. Eine solche Antwort wäre kaum zu widerlegen gewesen. Trotzdem taugt solche durchaus berechtigte Skepsis – und das mag erst einmal verwunderlich klingen – kaum dazu, der Philosophie ihre Förderungswürdigkeit abzusprechen. Gewiss. Alle philosophischen Versuche, die großen Lebens- und Welträtsel endgültig zu lösen, sind bislang gescheitert. Doch dieses Scheitern ist weit weniger unerquicklich, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Eine zweite Anekdote mag das verdeutlichen. Eugen Gerstenmaier, Einstpräsident des Deutschen Bundestages, war passionierter Großwildjäger. Als er von einer Safari zurückkehrte, fragte ihn der damalige Bundeskanzler, Konrad Adenauer, wie viele Löwen er diesmal erlegt habe. Gerstenmaier antwortete, keinen. Worauf Adenauer trocken bemerkte? Nun, Herr Gerstenmaier, bei Löwen ist das schon viel. Ähnlich könnte man die Philosophen fragen. Wie viele Lebens- und Welträtsel habt ihr eigentlich gelöst? Antwort keines. Kommentar, angesichts des Schwierigkeitsgrades eurer Fragen und vielleicht sogar ihrer mutmaßlichen Unsinnigkeit, ist das schon viel. Doch was heißt hier ernsthaft gefragt? Schon viel. Die Bedeutung dieses schon viel erschließt sich nur demjenigen, der nicht zwingende Beweiskraft, absolute Gewissheit oder endgültige Wahrheit zum alleinigen Maßstab des Erfolgs erhebt. Wer stattdessen die existenzielle Not des von letzten Fragen betränkten Menschen ernst nimmt, wird anders urteilen. Denn die großen Menschheitsfragen sind nun einmal da. Sie lassen sich nicht ausrotten. Immer wieder brechen sie auf. Was ist die Welt im Ganzen? Was ist der Mensch im Letzten? Woher kommt alles und wohin geht es? Die Wissenschaft weiß solche Fragen zurück. Sie fallen nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Vorhin haben wir sie als Restprobleme bezeichnet. Als eine Art Müll, der von der Philosophie abtransportiert wird. Manche dieser Fragen gehören tatsächlich in die graue Tonne. Hierüber haben wir gesprochen. Andere jedoch nicht. Im Prozess unserer Selbstverständigung über Leben und Welt werden wir kaum eher aufgeben, als bis wir unter in Kaufnahme grober Denkfehler und schmerzlicher Irrtümer einen alles umgreifenden Letztstandpunkt gefunden haben. Genau hier kommt der Philosophie eine wesentliche Funktion zu. Sie ist darauf spezialisiert. Jene unausrottbaren Fragen, die nicht in die graue Mülltonne gehören, sorgfältig aufzubereiten. Um im Bild zu bleiben. Diese Fragen wandern nun in die grüne, gelbe oder blaue Tonne. Aus Papier wird neues Papier, aus Biomüll, fruchtbarer Kompost, aus Kunststoffen neue Wertstoffe. Die Philosophie recycelt gewissermaßen die letzten Fragen. Sie verwandelt diffuses Staunen, religiöse Erregung oder existenzielle Angst in argumentativ gebrüfte Positionen. Auch wenn sie keine allgemein verbindlichen Antworten liefern kann, leistet sie durch ihre rationale Behandlung letzter Positionen einen unschätzbaren Beitrag. Sie wirkt als Gegengewicht zu religiösem Fundamentalismus, esoterischer Beliebigkeit und allerlei schrägen Halsversprechen. Rationale Behandlung heißt freilich nicht endgültige Lösung und gerade hier könnte sich nun doch wieder leicht Unmut regen. Denn man wünscht sich doch Gewissheit, Klarheit, Abschluss. Aber diese Erwartungen wären überzogen. Vielleicht hilft ein letzter Vergleich. Die Medizin kann zahlreiche chronische Erkrankungen nicht heilen, sondern nur behandeln. Silinder schmerzen, milder Symptome, stabilisier Zustände und verbessert Lebensqualität. Niemand würde deshalb behaupten, Medizin sei nutzlos. Ähnlich verhält es sich mit der Philosophie. Sie löst die letzten Fragen nicht, sie behandelt sie nur, strukturiert sie, klärt ihre Voraussetzungen, prüft ihre Argumente, begrenzt ihre Reichweite, bewahrt vor Kurzschlüssen. Und das ist tatsächlich schon viel. Doch was bedeutet das Knauer? Was heißt es eine letzte Frage nicht zu lösen, sondern sie lediglich zu behandeln? Dies heißt unter anderem, die großen Lebens- und Weltdeutungen, wie sie uns Pursi, Kunst, religiöse Zeugnisse und philosophische Entwürfe überliefern, als Sinnressourcen lebendig zu halten, indem ihre Gehalte erschlossen, geklärt und ins Gespräch gebracht werden. Die Philosophie macht diese Sinnangebote jedoch nicht verbindlich. Sie zwingt sie niemandem auf. Sie bewahrt sie und bringt sie kritisch gebrüft als Orientierungsangebote zur Geltung. Das bedeutet konkret. Die Philosophie hält die großen Lebens- und Weltanschauungen präsent, interpretiert ihre Kernaussagen, überprüft ihre rationale Vertretbarkeit und ihre Vereinbarkeit mit naturwissenschaftlichen Hypothesen. Sie wägt ab, differenziert, entwickelt Argumente, zur Stützung ebenso, wie zur Zurückweisung einer bestimmten Abschlussdeutung. Freilich gibt es eine Vielzahl von Perspektiven und Stimmen im öffentlichen Raum. Besonders drei letzten Standpunkte rivalisieren miteinander. Erstens der Pantheismus. Dieser geht von der Göttlichkeit des Kosmos aus. Pan bedeutet alles, Theos Gott. Alles ist Gott. Pantheistisch betrachtet trägt die Welt selbst göttliche Züge. Sie besteht aus sich heraus, bildet einen sinnhaften Zusammenhang und umgreift uns Menschen gleichsam fürsorglich. Eine Position, wie sie von den alten Griechen über die neuzeitlichen Romantiker bis zu den Anhängern asiatischer Religionen vertreten wird. Zweitens Theismus. Hierfür stehen die monotheistischen Religionen. Judentum, Christentum, Islam. Aus deren Sicht ist die Welt das vergängliche Werk eines transzendenten Schöpfers, der dem Menschen einen besonderen Platz in der Ordnung der Natur zuweist und ihn, so der Glaube, mit Unsterblichkeit ausstattet. Drittens der Naturalismus. Er führt das Universum auf natürliche Prozesse zurück, über die hinaus es nichts gibt. Der Mensch ist demnach ein kluges, aber sterbliches Lebewesen unter vielen. Ein winziger Teil eines grenzenlosen Kosmos ohne übernatürlichen Hintergrund. Gefühlsmäßig können wir alle drei Positionen teilen. Wenn wir frisch verliebt am sommerlichen Strand einen Sonnenuntergang erleben, spüren wir beinahe pantheistisch die Göttlichkeit des Kosmos. Wenn wir für glückliche Lebensumstände einer höheren Macht danken möchten, empfinden wir theistisch die Nähe Gottes. Und wenn wir uns intensiv mit Astrophysik oder Evolutionsbiologie beschäftigen, kann der Naturalismus eine beeindruckende Überzeugungskraft entfalten. Die Philosophie, jene so verstandene Müllabfuhr der letzten Fragen, hält alle drei Positionen kritisch am Leben. Sie sammelt Argumente, prüft Einwände, beleuchtet Konsequenzen. Der eine Philosoph neigt stärker zum Pantheismus, der andere zum Theismus. Der Dritte, wie ich etwa, zum Naturalismus. Doch sie alle leisten denselben Dienst. Sie halten die Alternativen offen und diskutierbar und scheuen nicht davor zurück, zum Teil tabuisierte Fragen vor dogmatischen Abwehrreaktionen zu schützen. Doch die Entscheidung, welche dieser Deutung schließlich das individuelle persönliche Leben prägen soll, nimmt die Philosophie niemandem ab. Diese Entscheidung kann und sollte jeder von Euch selbst treffen. Und sie sollte im Rahmen der Weltanschauungsfreiheit möglich sein, wie sie aber nur in liberalen Demokratien garantiert ist. Am Ende verlangt ein Letztstandpunkt, das Einverständnis jedes Fragenden, ein innehalten im Schwanken, ein bewusstes Sich-Fest-legen auf eine Position, die man für verantwortbar hält. Viele Menschen übernehmen früh einen solchen Letztstandpunkt, geprägt durch Herkunft, Lebensgeschichte oder persönliche Neigungen. Andere bleiben gleichgültig oder skeptisch und verzichten auf eine Entscheidung. Wieder andere ergreifen die Chance zum reflektierten Nachdenken über das Ganze und eignen sich einen begründeten Standpunkt an, der ihnen plausibel erscheint, auf der Grundlage bestimmter Argumente. Gerade hier zeigt sich die scheinbar kleine in Wahrheit aber große Aufgabe der Philosophie. Als Müllabfuhr der Restprobleme, hält sie Letztstandpunkte reflektiert gegenwärtig. Sie bewahrt sie vor dem Vergessen ebenso wie vor gedankenloser Verabsolutierung. Sie prüft Argumente, wägt Einwände ab und bringt konkurrierende Deutungen des Ganzen in ein vernünftiges Gespräch. Zugleich verteidigt sie das Recht auf Weltanschauungsfreiheit. Sie widersetzt sich allen Versuchen eine bestimmte Deutung der Welt autoritär oder gar autokratisch durchzusetzen. Selbst wenn eine Antwort auf letzte Fragen mit Zwingen der Gewissheit entschieden werden könnte, würde sich deren gewaltsame Durchsetzung dennoch verbieten. Philosophie setzt sich dahe