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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Wachrüttelnde Störung

Pfarrer Dr. Rainer Oechslen · Predigtforum · 2026-08-02 · Berglein und Wiedersbach · Quelle

Wahrhaftigkeit · Hauptbotschaft Fürsorge · tragend Gerechtigkeit · tragend

Menschen blenden unbequeme Wahrheiten aus, um ihren Alltag aufrechtzuerhalten; Propheten sind nötig, um diese selektive Wahrnehmung zu durchbrechen und zu sozialer Gerechtigkeit aufzurufen.

Manchmal braucht es eine laute Botschaft, einen Donnerschlag oder eine Sirene, dass Menschen aufwachen. Deshalb gibt es immer wieder neue Propheten, Männer und Frauen, die im Tumult der Welt den Schmerzensschrei der Unterdrückten wahrnehmen, Männer und Frauen, die Gewohntes ausreißen und Neues pflanzen.

Die Predigt geht vom Berufungstext Jeremias aus und versteht ihn als exemplarische Darstellung des Prophetischen. Der Prediger beschreibt, wie Menschen im Alltag durch ständige Informationsflut und Werbung gezwungen sind, selektiv wahrzunehmen und vieles auszublenden. Diese selektive Wahrnehmung mache es möglich, unbequeme Nachrichten zu ignorieren, bis sie unüberhörbar werden. Am Beispiel Jeremias zeigt der Text, wie prophetische Worte den etablierten Betrieb stören: Jeremia untergräbt das Vertrauen in den Tempel als Garant der Sicherheit und fordert stattdessen soziale Gerechtigkeit. Der Prediger verweist auf die Reaktion der Mächtigen, die Jeremia in eine Zisterne werfen, und zieht Parallelen zu modernen Störungen, etwa der Vietnam-Demo vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1967. Die Kernbotschaft lautet, dass Propheten nötig sind, um die vom Lärm der Welt tauben Ohren der Menschen zu öffnen und sie aus Gewohnheiten herauszureißen. Der Text schließt mit einem Dank an Gott für die Sendung von Propheten und Prophetinnen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit; Ausbeutung, Unterdrückung, ungleiche Verhältnisse
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
praktisches Handeln am Nächsten, Werke; persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf den Stifter oder Propheten der Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
ausdrücklich auf beide

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nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Jeremia 1,4-10 · Jeremia 26,8 · Jeremia 38,12-13 · Jeremia 7,4 · Jeremia 7,5

Gemessen

Grundhaltung
-1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
1 von 3, benannt: Mächtige, die den etablierten Betrieb aufrechterhalten und Störungen unterdrücken
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Predigttext & Einführung Predigt Predigttext: Jeremia 1,4-10 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, HERR HERR, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du zerreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. Zwei Hinweise zur Predigt Ich habe mich in diesem Text eng angelehnt an die Predigt „Jeremia einmal anders“, die der britische Rabbiner und Direktor des Leo Baeck Colleges Jonathan Magonet am 25.7.1992 im Hedwig-Dransfeld-Haus in Bendorf gehalten hat. (J. Magonet, Die subversive Kraft der Bibel, Gütersloh 1998,188 – 192) Es erscheint exegetisch mehr als plausibel, dass Jeremia 1,4-10 kein „echter“ Berufungsbericht ist, sondern eine Vorbemerkung, die Jeremias Schüler dem gesamten Jeremiabuch vorangestellt haben. Deshalb habe ich auf eine Einzelauslegung des Textes verzichtet, sondern versucht, das Wesen des Prophetischen und die damit die Verkündigung Jeremias exemplarisch darzustellen. „Ausreißen und einreißen, zerstören und verderben und bauen und pflanzen“. Mitdem Mund, mit Worten einreißen und neu bauen. Was für ein Auftrag! Kein Wunder, dass Jeremia sagt: „Ich bin zu jung“. Für diesen Auftrag ist ein Mensch auch mit siebzig Jahren noch zu jung. Ich fange darum noch einmal an, anderswo scheinbar. I Es gibt zu viel Information. Die Eindrücke legen sich über unsere Augen, die Ohren, auf Nase, Mund und Haut. Alle unsere Sinne werden ununterbrochen bombardiert. Die Masse unserer Wahrnehmungen droht uns zu überwältigen. Deshalb müssen wir zeitweilig abschalten. Wir sehen nicht alles, was es zu sehen gibt, wir hören nicht alles, was hörbar wäre. Aus dem Lärm einer überfüllten Straße hört ein Kind die Glocke des Eiswagens heraus, die Mutter das Weinen ihres Kindes. Der Rest wird herausgefiltert. In unserem Körper, im Gehirn, in unseren Nervenzellen gehen ununterbrochen Millionen von Botschaften, von Informationen hin und her. Sie steuern unseren Atem, unseren Herzschlag, die Arbeit unseres Darms, unsere Leber, der Nieren. Sie steuern auch unser Denken. Würden wir uns jemals nur eines Teiles davon bewusst werden, wir könnten es nicht aushalten. Wir würden taub werden vom Dröhnen der Nachrichten, würden ertrinken in der ununterbrochenen Beanspruchung unserer Aufmerksamkeit. Wir können nur überleben, weil unsere Informationsaufnahme selektiv arbeitet, weil wir nicht alles registrieren, bemerken, weil wir auswählen. Wir wachen nachts nicht auf, wenn ein Schaf im Pferch leise blökt oder der Kühlschrank in der Speisekammer summt. Wenn aber die Feuersirene schallt, dann erwachen wir. Ein ganzer Wirtschaftszweig kämpft um unsere Aufmerksamkeit. Die Werbung arbeitet mit bunten Bildern, eingängiger Musik, schmeichelhaften Worten. Sie gebraucht Sirenensignale, um zu uns durchzudringen. Und wieder müssen wir auswählen. Wir können nicht alles kaufen, was uns aufgedrängt wird. Das ununterbrochene Auswählen ist anstrengend. Wir können müde werden nur vom Nichthören, Nichtsehen, Nichtreagieren. Mir reicht eine Viertelstunde auf dem Hauptbahnhof in Nürnberg, dann suche ich nach einer ruhigen Ecke. Zugleich ist diese Ermüdung eine große Gefahr. Oft genug blenden wir auch das aus, was wir unbedingt bemerken müssten. Der Klang des Motors beim Fahren hat sich verändert. Aber du fährst weiter, bis die Kolben zu heiß werden und der Wagen stehenbleibt. Die Kritik an den Politikern gehört zum Alltag unsers Landes. Wir hören nicht hin, auch wenn sich der Ton der Kritik verändert. Bis einer von dem Bild Angela Merkels im Bode-Museum in Berlin öffentlich sagt: „Angela Merkel steht auf diesem Bild, weil sie weiß, dass sie bald sitzen wird. Später wird sie aufgehängt“. Manche merken auch dann noch nicht auf, finden es momentan lustig und vergessen es wieder. Der Alltag soll weitergehen. Wir filtern die Nachrichten: die Nachrichten unseres Körpers und unserer Seele, die Nachrichten in der Zeitung und im Radio. Wir filtern natürlich auch in der Kirche. „Was hat die Pfarrerin heute gesagt?“ – „Nun ja, sie hat gepredigt. Man kann sich ja nicht alles merken. ‚Wie es war im Anfang‘, hat sie bestimmt gesagt und ‚Lasst uns beten‘.“ Wenn dann eine Nachricht kommt oder eine Predigt, die wir einfach nicht überhören können, dann ist Ärger über die Störung die erste Reaktion, manchmal sogar die blanke Wut. Es ist diesem Spiel des Ausblendens wenig Raum für Unvorhergesehenes. Ein Virus im Körper, eine Frage, die den einzelnen nicht ruhen lässt, ein Prophet, der die fette Selbstzufriedenheit der Mächtigen nicht hinnimmt – sie alle sind gefährlich. Solange die Störungen bloß jucken, kann man sie noch ertragen, ignorieren oder einfach wegerklären. Aber wenn man sie nicht mehr überhören kann, dann werden sie gefährlich. Dann halten sie den Betrieb auf. Die Worte der Propheten werden zensiert, die Propheten selbst unter Hausarrest gestellt, ins Gefängnis geworfen oder umgebracht. Der Alltag geht weiter. Damit sind wir wieder bei Jeremia. II Jeremia ist seinem Auftrag gefolgt, und es ist ihm geschehen, was Propheten oft widerfährt. Es steht geschrieben: „Da nun Jeremia alles gesagt hatte, was ihm der HERR befohlen hatte, allem Volk zu sagen, ergriffen ihn die Priester und Propheten“ – es gibt andere Propheten, bravere, regierungstreuere Propheten; es ergriffen ihn also die Priester und Propheten „und das ganze Volk und sprachen: Du musst sterben!“(Jeremia 26,8) Schließlich werfen sie Jeremia in eine Zisterne. Sie lassen ihn an Seilen hinab, unten ist kein Wasser, nur Schlamm, in dem der Prophet versinkt. Dort unten wäre Jeremia verhungert, wenn nicht ein Beamter des Königs, ein Ausländer aus Kusch (Kusch ist da, wo heute der Sudan ist) hingegangen wäre. Es heißt, dieser Ebed-Melech, dieser dunkelhäutige Diener des Königs, habe alte Lumpen aus der Schatzkammer des Königs geholt und habe drei Mann mitgenommen und zuerst die Lumpen zu Jeremia hinabgelassen. Dann rief er hinunter: „Lege diese zerrissenen alten Lumpen unter deine Achseln und um die Stricke“. Dann zogensie Jeremia„an den Stricken herauf und holten ihn aus der Zisterne“. (Jeremia 38,12-13) Womit hat Jeremia den Betrieb im Königreich Juda gestört? Ein Beispiel ist die massive Störung des Tempelbetriebs und der täglichen Gottesdienste. Jeremia tritt unter das Tor des Tempels in Jerusalem und ruft: „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel“. (Jeremia 7,4) Eine solche Störung würde auch in den Kirchen von Obersulzbach und Berglein als Ärgernis wirken. Geschähe es am Sonntagmorgen in der Lorenzkirche in Nürnberg, würde vermutlich die Polizei gerufen und der Störer würde abgeführt. Es gibt eine Geschichte vom Heiligen Abend 1967. Da standen Studenten und Studentinnen vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und hielten den Besuchern Plakate hin, die „von dem Grauen in Vietnam eine Vorstellung gaben. Dann sind vor dem Gottesdienst ein paar Studierende hineingegangen und wollten … der Gemeinde ein paar erklärende Worte sagen“ (Helmut Gollwitzer). Gemeindeglieder prügelten mit Stöcken und Regenschirmen auf die Störer ein, so dass am Ende einer blutüberströmt war. In Jerusalem ist die Lage noch weitaus sensibler. Die Gedächtniskirche ist nur eine von Hunderten Kirchen in Berlin. In Jerusalem aber sind die Worte „hekal adonaj“ / „der Tempel Gottes“ eine Art Lebensversicherung der Stadt und des Königreichs Juda. Denn der Tempel war der Ort der Gegenwart Gottes. Gott würde diesen Tempel, diese Stadt und das Land auch in bedrohlicher Lage nicht den Feinden preisgeben. Das war die offizielle Lehre, das Dogma. Darauf verließen sich alle: der König, die Priester und die einfachen Leute, das „Volk“, wie es hier heißt. Umso ärgerlicher wirken die Worte Jeremias. Sie sind erstens eine Ungehörigkeit, man stört doch einen Gottesdienst nicht. Nebenbei bemerkt: Jeremia stammt selbst aus einer Priesterfamilie, die im nahegelegenen Anatot lebt. Er hätte doch wissen müssen, was sich gehört. Zum anderen aber, und das ist noch viel wichtiger: Jeremias Worte sind eine Art Hochverrat. Er untergräbt mit seiner Botschaft das Vertrauen des Volkes in die Regierung und das Vertrauen der Regierung in die Sicherheit des Landes. Diese Botschaft ist so gefährlich, weil sie sich nicht überhören, weil sie sich auch mit aller Kraft nicht ausblenden lässt. Und warum das alles? Jeremia sagt: Es gibt etwas, das weitaus wichtiger ist als der Tempel und der Gottesdienst. Verlasst euch nicht auf den Tempel, „macht vielmehr eure Wege besser und eure Taten. Wenn ihr wirklich Recht schafft untereinander und den Fremden, die Waise und die Witwe nicht unterdrückt – und kein unschuldiges Blut an dieser Stätte vergießt“ (Jeremia 7,5 nach der Zürcher Bibel), dann wird Gott euch eine Zukunft in diesem Land geben. Fromme Gefühle, Kirche, Gottesdienst, Musik sind gut. Aber niemals werden sie ein Ersatz sein für soziale Gerechtigkeit. III Es ist schade, und es ist zugleich verständlich, wenn Menschen auf eine solche Botschaft wütend reagieren. Solche Worte reißen sie heraus aus ihren Gewohnheiten, auch aus ihren religiösen Gewohnheiten. Manchmal braucht es eine laute Botschaft, einen Donnerschlag oder eine Sirene, dass Menschen aufwachen. Deshalb gibt es immer wieder neue Propheten, Männer und Frauen, die im Tumult der Welt den Schmerzensschrei der Unterdrückten wahrnehmen, Männer und Frauen, die Gewohntes ausreißen und Neues pflanzen.Weil die Propheten hören und sehen, was andere nicht sehen oder hören können, deshalb ist ihr Kampf oft einsam. Wir aber danken Gott, dass er Propheten und Prophetinnen sendet, die unsere vom Lärm der Welt tauben Ohren öffnen.