Humanistisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen
Zeit, das Islamgesetz aufzuheben
Niko Alm ·
Humanistischer Pressedienst ·
2026-09-07
· Quelle
Gerechtigkeit · Hauptbotschaft
Wissen · tragend
Das österreichische Islamgesetz und das Konkordat mit der katholischen Kirche müssen aufgehoben werden, weil sie Religion in staatliche Institutionen einbetten und so die Neutralität des liberalen Staates untergraben sowie islamistischen Strömungen politische Hebel verleihen.
Religionen sollen auch nicht verboten werden; sie gehören privatisiert. Die Republik muss Religionsgesellschaften vollständig aus unseren staatlichen Institutionen entfernen. Das Islamgesetz gehört abgeschafft. Das Konkordat gehört gekündigt.
Der Text argumentiert, dass das österreichische Islamgesetz aufgehoben und das Konkordat mit der katholischen Kirche gekündigt werden sollten. Die zentrale These lautet, dass Religionen aus staatlichen Institutionen entfernt und privatisiert werden müssen, um die Neutralität des liberalen Staates zu wahren. Am Beispiel des Kopftuchverbots für Mädchen unter 14 Jahren wird gezeigt, dass isolierte Maßnahmen gegen religiöse Praktiken kontraproduktiv sind, wenn gleichzeitig andere Religionen durch Staatsverträge privilegiert bleiben. Der Autor kritisiert, dass konservative Politiker weniger die Demokratie schützen als vielmehr die eigene katholische Religion gegen den Islam absichern wollen. Das Islamgesetz von 2015 habe einen Monolithen geschaffen, der islamistischen Strömungen politische Hebel gegeben habe. Die Republik solle sich von 'evidenzfreiem übernatürlichem Normierungsdrang' befreien und Religionen vollständig aus ihren Institutionen entfernen.
- Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
-
Ausbeutung, Unterdrückung, ungleiche Verhältnisse; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit
- Wo sitzt das Übel?
-
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
- Was hilft dagegen?
-
gerechte gesellschaftliche oder politische Verhältnisse; Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis
- Was ist der Mensch nach diesem Text?
-
selbstbestimmt, Urheber seines Handelns
- Wohin geht die Geschichte?
-
es wird schlechter, eine Ordnung geht zu Ende
- Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
-
auf Argument, Logik, Wissenschaft
- Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
-
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
- Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
-
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen
Verwandte Texte aus anderen Traditionen
nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition
Wozu der Text aufruft
- Das Islamgesetz abschaffen (gesellschaftlich)
- Das Konkordat kündigen (gesellschaftlich)
- Religionsgesellschaften aus staatlichen Institutionen entfernen (gesellschaftlich)
Gemessen
- Grundhaltung
- -1 von -2 bis 2
- Eindringlichkeit
- 3 von 3
- Reichweite
- 4 von 5
- Konkretheit
- 3 von 3
- Abgrenzung
- 2 von 3, benannt: Religionsgemeinschaften, insbesondere die IGGÖ und die katholische Kirche als staatlich privilegierte Akteure
- Zeitbezug
- früher 2, jetzt 3, künftig 1
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Politik
Kommentar
Zeit, das Islamgesetz aufzuheben
Das Zurückdrängen des gefährlichen politischen und gesellschaftlichen Einflusses von Religion beginnt mit ihrer Privatisierung: Das Islamgesetz gehört aufgehoben, das Konkordat gekündigt.
Niko
Alm
07.09.2026
Foto: © Niko Alm
Heute tritt das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren in Österreichs Schulen in Kraft. Außerdem wird – vor allem von der Volkspartei angestoßen – ein Verbot des Politischen Islam oder Islamismus diskutiert. Dass sich Konservative dabei weniger um junge Menschen oder gar die Demokratie sorgen, wird durch die Verkürzung des Arguments und die Fokussierung auf einzelne negative Effekte einer Religion offensichtlich. Man bemüht sich gar nicht um eine systematische Aufarbeitung grundlegender Spannungen im Verhältnis einer liberalen Demokratie zu Religion im Sinne eines umfassenden Lagebildes, sondern arbeitet sich an Symptomen ab. Das geschieht weniger, um die offene Gesellschaft oder gar die Autonomie des Individuums zu schützen, als die eigene katholische Religion gegen die invasive Variante vermeintlich abzusichern und damit nur ein anderes Bild dessen, wie wir Leben sollen, durchzusetzen.
Vom Regen in die Taufe
Ungeachtet dieser Kritik an dieser sehr christlichen Herangehensweise sind das Kopftuchverbot und ein entschiedenes Vorgehen gegen Islamismus isoliert betrachtet Schritte in die richtige Richtung. Damit sie gesellschaftlich und politisch nachhaltig wirken, muss die Ausgestaltung aber Prinzipien folgen, die auch an anderer Stelle ähnliche Ergebnisse bringen. Wenn es ein Kopftuchverbot für Mädchen gibt, warum bleibt beispielsweise die rituelle Beschneidung ohne medizinische Indikation (Genitalverstümmelung) bei Burschen weiter erlaubt? Wenn der Politische Islam zurückgedrängt werden soll, warum werden an anderer Stelle institutionelle Verflechtungen zwischen Republik und Religion wie etwa beim Militär und im gesamten Bildungsbereich nicht aufgelöst?
Der liberale Staat sollte sich seinem Neutralitätsgebot folgend Religionen gegenüber indifferent verhalten. Er muss dort wachsam sein, wo Grundwerte verletzt und die Demokratie an sich angegriffen werden. Religionsfreiheit darf nicht zu der Fiktion führen, dass im Namen der Religion mit Demokratie unvereinbare Haltungen und Handlungen verharmlost und Sonderrechte geschaffen werden. Das Problem ist naturgemäß, dass diese Ausnahmen längst bestehen. Tolerierte religiöse Gesetze und Normen führen zu einer Beschränkung individueller Freiheit und schreiben antiquierte Geschlechterrollen fort. Sie erzeugen Parallelgesellschaften und sozialen Druck innerhalb der Gemeinschaften. Und in letzter Konsequenz begründen sie Herrschaftsansprüche, denen über gesetzliche Bevorzugungen schon jetzt nachgekommen wird.
Ein Werkzeug zur Unterdrückung
Das Kopftuchverbot ist eine erste Stopptafel, um ein materielles Werkzeug zur Unterdrückung von Frauen nicht mehr in den Mythos individueller, religiöser Selbstbestimmung umzudeuten. Religionsfreiheit schützt nicht umstandslos alle religiösen Praktiken, schon gar nicht jene, die von Erziehungspflichtigen an ihren Kindern ausgelebt werden. Dass das Kopftuchverbot hier als Einzelmaßnahme umgesetzt wird und sich nur auf eine Religion bezieht, muss – wie eingangs erwähnt – kritisch angemerkt werden. Trotzdem: Der Staat darf hier nicht nur Grenzen ziehen, er muss auch Grenzen ziehen, um der politischen Deutungsherrschaft von Religion keinen Boden aufzubereiten. Zu diesem Behufe muss er Religionen zwar an sich gleich behandeln, aber darf einzelne Praktiken, die gegebenenfalls auch nur einzelne Religionen oder Geschlechter betreffen, auch punktgenau behandeln. Auch wenn es sich hier um keinen Differentialismus im engeren Sinn handelt, lädt die Vorgangsweise zu dieser Unterstellung ein.
Religion instrumentalisiert Politik
Gerne wird behauptet, dass Religion politisch instrumentalisiert wird. Doch es ist genau umgekehrt. Religionen wirken als gesellschaftliche Leitsysteme normierend. Sie haben ja auch tatsächlich ihre eigenen Gesetze und nützen das politische System der liberalen Demokratie und die prävalent fehlerhafte Anwendung der Glaubensfreiheit aus, um es zu “kolonialisieren”. Ich setze diesen bewusst überzeichnenden Begriff an diese Stelle, um zu verdeutlichen, dass genau jene, die gerne mit dieser Begrifflichkeit arbeiten, gerade bei der Expansion des Islam gerne die Augen verschließen. Die beispielsweise von der Muslimbruderschaft angewandte Strategie, Politik und demokratische Gesellschaft zu durchwachsen, wird von Nina Scholz, Heiko Heinisch und Gustav Gustenau in ihrem aktuellen Buch “Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas” analytisch dargelegt und entspricht in ihrem Wesen tatsächlich einer Form der Kolonialisierung. Die historischen Berührungspunkte mit dem Faschismus sind nicht zufällig. (Siehe dazu Hamed Abdel-Samad “Der islamische Faschismus”.)
Auch wenn islamistischen Strömungen innerhalb des Islam eine unverkennbare Affinität zum Terrorismus auszeichnet und sie damit im Spektrum politisch-religiöser Bewegungen besonders gefährlich macht, verfolgt die Muslimbruderschaft primär das Ziel gesellschaftlicher Transformation, indem islamistische Positionen in zivilgesellschaftlichen und politischen Strukturen verankert werden. Der Staat kommt dem Politischen Islam auf der Suche nach moderaten Ansprechpartnerinnen dabei sogar noch entgegen.
Äquidistanz mit Betonung auf Distanz
Mit dem Islamgesetz aus 2015 hat die damalige rot-schwarze Regierung mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) ohne Rücksicht auf die Heterogenität des Islams einen Monolithen als Spoc (einzigen Kontaktpunkt) geschaffen. Man wollte einen säkular orientierten Islam über eine institutionelle Vereinheitlichung erzwingen. Das Gegenteil ist passiert. Hinter dem Schild des politisch willfährigen Kooperationspartnes der IGGÖ wurden islamistische Teilorganisationen nicht gezähmt, sondern ihnen vielmehr ein politischen Hebel in die Hand gedrückt. Die Republik politisiert durch diese Vorgangsweise Religion, um später durch manche ihrer Repräsentanten die Bedrohung durch politische Religion zu beklagen. Die Republik drängt mit einem Kopftuchverbot die manifeste frauenverachtende Normvorstellung einer Weltanschauung zurück, die sie auf der anderen Seite durch eine Kooperationsvereinbarung in Form eines Islamgesetzes mit Sonderrechten ausstattet, subventioniert und ihr einen Freifahrtschein in unser Bildungssystem gibt. Das ist genauso verrückt, wie es klingt.
Das gleiche hat man übrigens mit der katholischen Kirche gemacht. Nach der Aufklärung waren große Teile Europas auf einem Pfad der Säkularisierung, mit dem Trennungsgesetz aus 1905 in Frankreich wurde die Grundlage für laizitäre Verfassungen gelegt, die mit den Konkordaten der frühen 1930er Jahre durch die sogenannten kooperativen Modelle zwischen Republik und Religion in Folge wieder ausgehebelt wurden. Abtreibung (noch immer im Strafgesetzbuch), Ehe für alle, Sterbehilfe und einiges mehr, musste und muss noch immer politisch gegen den vehementen Widerstand der katholischen Kirche durchgesetzt werden. Jetzt andere Religionen äquinah an die Republik heranzführen, ist in dieser Genealogie ausschließlich kontraproduktiv.
Wir sollten nicht den gleichen Fehler immer wieder machen, Religion zu verstaatlichen. Religionen sollen auch nicht verboten werden; sie gehören privatisiert. Die Republik muss Religionsgesellschaften vollständig aus unseren staatlichen Institutionen entfernen. Das Islamgesetz gehört abgeschafft. Das Konkordat gehört gekündigt. Die Republik gehört endlich von evidenzfreiem übernatürlichem Normierungsdrang befreit.
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Niko Alm
Der Autor ist Pastafari, Medienmanager und ehemaliger Abgeordneter zum Nationalrat im österreichischen Parlament. In seinem Buch "Ohne Bekenntnis - Wie mit Religion Politik gemacht wird" widmet er sich der Trennung von Republik und Religion. Er ist Teil des Vorstands des Zentralrats der Konfessionsfreien Österreich .