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Judentum · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Klima: Wenn der Himmel den Hahn zudreht

Rabbiner Elischa Portnoy · Juedische Allgemeine, Wochenabschnitt · 2026-08-13 · Quelle

Verantwortung · Hauptbotschaft Dankbarkeit · tragend Gemeinschaft · tragend

Die jüdische Tradition versteht Wasser und Regen als göttliche Gabe, die an menschliches Handeln und gerechtes Leben gebunden ist, und bietet damit einen spirituellen Rahmen für den heutigen Umgang mit Wassermangel.

Wasser ist für die Schöpfung also von zentraler Bedeutung – und gleichzeitig abhängig von unserem Handeln.

Der Text verbindet die aktuelle Debatte um Wassermangel und Hitze in Deutschland mit der jüdischen Tradition, in der Wasser und Regen seit der Schöpfungsgeschichte eine zentrale Rolle spielen. Am Beispiel der Tora wird gezeigt, dass Regen erst mit dem Erscheinen des Menschen und dessen Erkenntnis seiner Bedeutung einsetzt. Die Sintflut wird als doppelte Bedeutung des Wassers gelesen: zerstörerisch bei Missbrauch, reinigend bei der Rückkehr zur Ordnung. Rituelle Praktiken wie Mikwe, Händewaschen und die Waschung der Toten werden als Ausdruck der Verbindung von Wasser, Reinheit und Hygiene dargestellt. Die Tora verspricht Regen zur rechten Zeit als Belohnung für ein gerechtes Leben, und der Talmud erzählt von Gebeten und Fasten in Dürrezeiten. Das Laubhüttenfest Sukkot wird als Fest des Wasser-Gebets beschrieben, mit Ritualen wie dem Gießen des Wassers auf den Altar und dem Schütteln der Bachweide. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass auch in der aktuellen Trockenheit ein kleines Gebet um Regen möglich ist.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Abkehr von Gott, Gleichgültigkeit, Götzendienst
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Gebet, Gottesdienst, Meditation, wiederholte Übung; innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
Wiederkehr, kein Ziel, immer dasselbe Muster
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

1 Mose 1,2 · 1 Mose 2,5 · 5 Mose 11,13-14

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3
Zeitbezug
früher 3, jetzt 2, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Verheerende Brände, die durch lange Trockenzeiten entstehen, Behinderungen im Schiffsverkehr, weil die Flüsse austrocknen, stillgelegte Kernkraftwerke, weil Wasser für die Kühlung fehlt: Diesen Sommer vergeht kein Tag, ohne dass über die Probleme berichtet wird, die durch den Wassermangel infolge der Hitze entstehen. Auch in Deutschland steht dieses Thema immer öfter auf der Tagesordnung, Wasser zu sparen wird zur Notwendigkeit. Wer die klimatischen Bedingungen des Nahen Ostens kennt, wird sich nicht wundern, dass der Umgang mit Wassermangel tief in der jüdischen Tradition verankert ist. Hitzewellen und Dürreperioden, wie sie aufgrund des Klimawandels heute auch Europa heimsuchen, waren im biblischen Israel Alltag. Ob im Tanach, der jüdischen Bibel, in der Philosophie, im jüdischen Gesetz, der Halacha, oder in der Mystik – überall finden wir Diskussionen und Zitate großer Rabbiner über das kostbare Element. Nach den sechs Schöpfungstagen und dem darauffolgenden Ruhetag wird zum ersten Mal Regen erwähnt Schon am Anfang der Schöpfungsgeschichte kommen das Wasser, ja die Gewässer mehrmals vor. Bereits im zweiten Vers der Tora, bevor die Schöpfung an sich begonnen hat, heißt es: »Es war die Erde wüst und leer gewesen und Finsternis auf der Fläche des Abgrundes, und der Geist G’ttes schwebend über der Fläche der Wasser.« Nach den sechs Schöpfungstagen und dem darauffolgenden Ruhetag wird zum ersten Mal Regen erwähnt: »Und alles Gewächs des Feldes war noch nicht auf der Erde, und alles Kraut des Feldes spross noch nicht auf; denn nicht hatte regnen lassen Herr, der G’tt, auf die Erde, und ein Mensch war nicht da, zu bauen den Erdboden.« Unsere Weisen bringen hier eine bemerkenswerte Erklärung: Weil kein Mensch da war, der die Wichtigkeit des Regens erkennen konnte, gab es auch keinen Regen. Erst als der erste Mensch erschaffen wurde und verstand, dass ohne Regen nichts wachsen könnte, flehte er zum Himmel, und G’tt ließ die ersten Tropfen fallen. Wasser ist für die Schöpfung also von zentraler Bedeutung – und gleichzeitig abhängig von unserem Handeln. Gleich danach widmet sich die Schöpfungsgeschichte dem Garten Eden. Bemerkenswert ist hier, dass fast die Hälfte dieser Erzählung dem Wasserstrom und den vier Flüssen, die daraus hervorgehen, gewidmet ist. Auch in der jüdischen Mystik, der Kabbala, wird zu diesen vier Flüssen sehr viel gedeutet. Die rituelle Reinigung im Wasser ist bis heute ein wichtiger Bestandteil des jüdischen Lebens. Schon bald darauf folgt die Erzählung über die Sintflut. Sie ist so prägend, dass es kaum eine Kultur auf dieser Welt gibt, in der die Geschichte einer überwältigenden Flut nicht auf irgendeine Weise vorkommt. Das Wasser erscheint hier in einer anderen, gefährlichen und zerstörerischen Rolle: Wenn die Welt für niedrige Zwecke missbraucht wird, wird die Quelle des Lebens zum Tod und der Segen zum Fluch. In der Geschichte um Noachs Arche erfahren wir aber wiederum auch von einer dritten Rolle des Wassers: seiner Kraft der Reinigung. So wie die Welt bei der Sintflut vom Bösen gereinigt wurde, so können auch Menschen und sogar Gegenstände von ritueller Unreinheit gereinigt werden. Die rituelle Reinigung im Wasser ist bis heute ein wichtiger Bestandteil des jüdischen Lebens. Sogar nach der Zerstörung des Zweiten Tempels, als die Reinheitsgesetze nicht mehr nötig waren, haben unsere Weisen mehrere Regeln etabliert, die auch für die körperliche Hygiene wichtig waren. Auch im Mittelalter, als manche Könige nur einmal in ihrem Leben badeten, stiegen jüdische Männer und Frauen regelmäßig ins rituelle Tauchbad, die Mikwe. Und dies selbst im tiefen Winter, wenn das eiskalte Bad große Überwindung erforderte. Rituelles Händewaschen Das rituelle Händewaschen nach dem Toilettengang und vor dem Brotessen, das ebenfalls von unseren Weisen etabliert wurde, hat ebenso zur Hygiene beigetragen. Auch dieses Waschen erforderte oft viel Anstrengung. In den Städten, in denen es nur wenige Wasserquellen gab, musste es mehrmals am Tag aus großer Entfernung herbeigetragen werden. Dieses kostbare Wasser nicht nur zum Trinken und Kochen, sondern auch zum regelmäßigen Händewaschen zu benutzen, erforderte eine starke Hingabe an die jüdische Lebensweise. Nicht nur während des Lebens eines Menschen dient das Wasser seiner Reinigung, sondern auch nach seinem Ableben. Die Leiche soll nach jüdischem Gesetz vor der Beisetzung unbedingt gewaschen werden. Auch für Nichtjuden, die den jüdischen Weg wählen und sich dem jüdischen Volk anschließen wollen, ist Wasser essenziell. Erst nach dem Auftauchen aus der Mikwe ist der Übertrittsprozess, der »Giur«, vollzogen. Die Tora selbst wird von jüdischen Gelehrten mit dem Wasser verglichen. So wie das Wasser die Quelle des materiellen Lebens ist, so ist die Tora die Quelle des geistigen Lebens. Interessanterweise verspricht die Tora an mehreren Stellen für ein gerechtes Leben und für das Einhalten der Gebote nicht das Paradies und keine spirituelle Belohnung, sondern Regen zur passenden Zeit. Es ist sogar ein fester Bestandteil unseres Glaubensbekenntnisses, des Schma Jisrael: »Und es wird geschehen, wenn ihr hört auf meine Gebote (…). So werde ich den Regen eures Landes geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, dass du einsammelst dein Getreide und deinen Most und dein Öl.« Der Regen soll zur richtigen Zeit fallen Der Text akzentuiert, dass der Regen zur richtigen Zeit fallen soll, denn sonst wird er für die Ernte nicht zum Segen, sondern zum Fluch. Fällt er, wenn die Ernte schon fast reif ist, kann er großen Schaden anrichten. Der Regen, der von der Tora versprochen wird, soll im Winter fallen. Bleibt er in dieser Zeit aus, droht Hungersnot. Im Talmud wird dies gar als himmlische Strafe gesehen. Regnete es lange Zeit nicht, wurde in ganz Israel gefastet und gebetet. Im Talmud werden etliche Geschichten darüber erzählt, wie im Verdienst großer Gerechter und ihrer Gebete das ganze Volk von der Trockenheit erlöst wurde. Der Talmud erzählt etliche Male, wie ein Volk von der Trockenheit erlöst wird. Unsere Weisen sahen im Regen jedoch nicht nur eine notwendige Voraussetzung für eine gute Ernte, sondern auch ein Zeichen gʼttlicher Zuwendung. So galt es als besonderes Zeichen der Zufriedenheit G’ttes mit dem jüdischen Volk, wenn der Regen in der Freitagnacht fiel – zu einer Zeit also, in der die Menschen wegen der Schabbat-Ruhe zu Hause waren und nicht unterwegs. Auf diese Weise konnte selbst der Zeitpunkt des Regens zu einem Zeichen des gʼttlichen Wohlwollens werden. Die Wichtigkeit des Regens unterstreicht die Tatsache, dass praktisch ein ganzes Wallfahrtsfest dem Niederschlag gewidmet wurde: Zu Sukkot bitten wir um genug Wasser im näherrückenden Winter. Zum Beispiel schütteln wir jeden Tag die »Arba Minim« – die vier Arten von Pflanzen –, unter ihnen einen Zweig der Bachweide. Die Weide wächst neben den Flüssen, benötigt viel Wasser und steht so symbolisch für diesen Wunsch. »Das Gießen des Wassers« auf den Altar im Tempel Ein ganz spezielles Ritual, das nur während des Laubhüttenfestes durchgeführt wurde, ist »Nesuch HaMajim« – »das Gießen des Wassers« auf den Altar im Tempel. Während des Jahres gehörte es zum Tempeldienst, Wein auf den Altar zu gießen. Jedoch wurde an Sukkot zusätzlich auch reines Wasser darauf geschüttet. Denn laut der jüdischen Tradition wird gerade in dieser Zeit die Welt »auf das Wasser gerichtet« – es wird also entschieden, wo und wann es im kommenden Jahr wie viel regnen wird. Im Gegensatz zu Rosch Haschana, wenn die Schicksale der Menschen bestimmt werden und wir versuchen, Gʼttes Plan für unsere Zukunft in aller Ernsthaftigkeit positiv zu beeinflussen, sind die Tage von Sukkot viel ausgelassener und fröhlich. Die Freude beim »Nesuch HaMajim« war so überragend, dass die Weisen des Talmuds sagten, dass diejenigen, die dieses Ritual nicht gesehen haben, keine echte Freude in ihrem Leben gesehen haben. Jedoch gibt es auch an Sukkot einen ernsten Tag, und das ist »Hoschana Rabba« – der siebte und letzte Tag des Festes. Denn an ihm besteht die letzte Chance, das eventuell schlechte Urteil bezüglich des Regens doch noch abzuwenden. Deshalb sind die Gebete an diesem Tag nicht nur länger, sondern auch recht einzigartig. Beim Morgengebet in der Synagoge werden sieben Runden mit den Arba Minim um die Tora gedreht, und am Ende werden die Bachweidenzweige auf den Boden geschlagen. Den krönenden Abschluss bildet das »Tefilat HaGeschem«, das Gebet um den Regen, an Schemini Azeret, dem zusätzlichen Feiertag nach dem Sukkotfest. Das heißt aber keineswegs, dass wir bei Wassermangel bis zu den entsprechenden Ritualen an Sukkot warten sollten. Gerade während der aktuellen Trockenheit kann jeder ein kleines Gebet für den Regen sagen – schließlich sind wir gerade jetzt von den Auswirkungen betroffen. Der Autor ist Militärrabbiner und arbeitet in der Gemeinde Halle . Simanim Äpfel, Erbsen, schwingende Hühner Die Feiertage sind voller symbolischer Speisen und Rituale. Ist das Aberglaube? 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