omnist.world

English

Judentum · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Schabbat: Ein Kommentar zum Wochenabschnitt Re’eh

Jay Schlesinger · Juedische Allgemeine, Wochenabschnitt · 2026-08-06 · Quelle

Wissen · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Umkehr · tragend

Die Tora ruft auf, Segen und Fluch im eigenen Leben zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die den Werten der Überlieferung entsprechen, wobei das Sehen als zentrales Motiv der Bundesbeziehung gilt.

Nur indem wir das bleiben, worin wir einzigartig sind, geben wir der Menschheit das, was nur wir ihr geben können.

Der Text analysiert den Wochenabschnitt Re’eh und rückt den Vers 5. Mose 11,26 in den Mittelpunkt, in dem Gott Segen und Fluch dem Volk vorlegt. Der Autor betont die Verschiebung vom Hören zum Sehen als zentrales Motiv und verknüpft dies mit der Warnung vor Götzendienst und Verführung. Die israelische Toraforscherin Zippora Lifschitz wird zitiert, die den mittleren Teil des 5. Buches Mose als 'Gebotsrede' bezeichnet. Der Text behandelt die Zerstörung fremder Kultorte als religiöse Revolution und die Frage, warum die Tora ein Gesetz lehrt, das nie angewandt werden kann. Das Gebet Alejnu wird als Beispiel für die Spannung zwischen Besonderheit und Universalität herangezogen. Der Text schließt mit dem Aufruf, Segen und Fluch im eigenen Leben zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die den Werten der Überlieferung entsprechen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Abkehr von Gott, Gleichgültigkeit, Götzendienst; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Gebote befolgen, Ordnung einhalten, Pflichten erfüllen; Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

5. Mose 11,26 · 5. Mose 11,13 · 5. Mose 11,16 · 5. Mose 30,15 · 5. Mose 12,3 · Sanhedrin 71a

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3, benannt: Völker, die Nichtigkeit anbeten
Zeitbezug
früher 2, jetzt 2, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Paraschat Re’eh beginnt mit einer ungewöhnlichen Anweisung: »Siehe, Ich lege euch heute Segen und Fluch vor« (5. Buch Mose 11,26). Wenn wir einmal davon absehen, dass die Anrede in diesem Satz vom Singular zum Plural wechselt, verblüfft in diesem wichtigen Vers vor allem die Betonung des Sehens. Im zweiten Abschnitt des Schma, einem anderen bedeutsamen Text (11,13), mit dem wir den vorherigen Wochenabschnitt Ekew abgeschlossen haben, war noch das Hören der zentrale Ausdruck unseres Bundes mit dem Ewigen. »Wenn ihr auf meine Gebote hört«, hieß es da, woraufhin die Tora Segen und Fluch als Folge von Gehorsam oder Ungehorsam darlegte. Nun rückt an diese Stelle das Sehen. Dies bedarf einer Erklärung. Eine der zentralen Warnungen des vorangegangenen Abschnitts galt der Gefahr des Götzendienstes. Dort (11,16) heißt es: »Hütet euch, dass euer Herz nicht verführt werde (jifte).« Über die Bedeutung des Wortes »jifte« streiten die Kommentatoren seit Jahrhunderten. Geht es dabei um einen äußeren Akt der Täuschung – dass das Herz also von äußeren Einflüssen irregeführt wird – oder doch eher um eine innere, gleichsam selbst initiierte Verführbarkeit? Verschiedene Deutungen sind üblich. Auf jeden Fall scheint dieser Vorgang aber dem zu entsprechen, was wir im dritten Abschnitt des Kriat Schma gewissermaßen als Erklärung des zweiten lesen: »Auf dass ihr euren Augen nicht nachhurt.« Wir entfernen uns von Gott, der Tora und unserem Volk nicht nur durch den Vorgang des Hörens, sondern auch – oder vielleicht primär – durch das Sehen. Nicht umsonst werden kanaanitische Kultpraktiken von den Propheten in äußerst sinnlichen, körperlichen Begriffen verstanden und getadelt. Die israelische Toraforscherin Zippora Lifschitz bezeichnet unseren Wochenabschnitt als »Gebotsrede« Doch hält unsere Parascha noch mehr bedeutsame Botschaften für uns bereit. Die israelische Toraforscherin Zippora Lifschitz bezeichnet den mittleren Teil des 5. Buches Mose, der mit unserem Wochenabschnitt Re’eh beginnt, gar als die »Gebotsrede«. Dieser Mittelteil sei – wie bereits der sefardische Exeget Abarbanel (Don Isaac Abarbanel, 1437–1508) bemerkt hat – das Herzstück des ganzen Buches. Besonders aufschlussreich ist hierbei Lifschitz’ Beobachtung zur Parallelität zwischen dem Beginn dieser Parascha und dem Abschluss der Parascha Nizawim. Auch dieser Abschnitt (30,15) beginnt mit dem Wort »Siehe«. Doch während unsere Parascha Segen und Fluch einführt, lautet der Vers dort: »Siehe, Ich habe dir heute Leben und Glück, Tod und Unheil vorgelegt.« Lifschitz hält dazu fest: »Die Tora wechselt (von unserer Parascha hin zu Nizawim) von einer symmetrischen Darstellung zweier gangbarer Optionen zu einer Schlussfolgerung‚ nämlich: ›Wähle das Leben.‹« Zu Beginn des 12. Kapitels erhalten die Israeliten außerdem den Auftrag, beim Einzug ins Gelobte Land die Kultorte und Altäre der anderen Völker zu vernichten. Die Hinwendung zu einem einzigen Ort der Gottesverehrung, »an dem Ort, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird«, war nicht bloß eine kultische Anordnung, sondern eine religiöse Revolution. Die polytheistischen Kulturen der Levante praktizierten Riten, die mit den Grundsätzen des Judentums unvereinbar waren; der Monotheismus bedeutete eine fundamentale Zäsur. Und doch war der lange Schatten auch in den Jahrhunderten danach noch spürbar und bedeutete, durch das Abweichen der Augen auf andere Pfade, eine stetige spirituelle Gefahr. Weshalb lehrt die Tora ein Gesetz, das niemals angewandt werden kann? Das Kapitel 13 befasst sich dann, so Rabbiner Joseph Hertz (1872–1946), mit religiösen Verführern: falschen Propheten, Angehörigen der eigenen Familie und ganzen Städten, die dem Götzendienst verfallen sind. Die angedrohten Strafen erscheinen uns heute hart. So soll eine Stadt, die vollständig dem Götzendienst anheimgefallen ist – die »Ir Hanidachat«, die verführte Stadt –, vernichtet werden. Doch auch diese düstere Lehre birgt einen Silberstreifen am Horizont. Unsere talmudischen Weisen versichern (Sanhedrin 71a), dass eine solche Stadt weder existiert habe noch je existieren werde; die Voraussetzungen für die Anwendung dieses Gesetzes seien praktisch unerfüllbar. Der tannaitische Gelehrte Rabbi Elieser behauptet, eine Stadt mit auch nur einer Mesusa könne nicht zur »Ir Hanidachat« werden. Weshalb also lehrt die Tora ein Gesetz, das niemals angewandt werden kann? Die Antwort des Talmuds lautet: »Lerne es und empfange Lohn!« Die Beschäftigung mit der Tora ist Zweck genug. Ein lehrreiches Nachspiel zu diesen Themen bietet das Alejnu. Ursprünglich als Einleitung zur Malchujot-Sektion des Rosch-Haschana-Mussaf konzipiert, wurde das Gebet spätestens im 12. Jahrhundert auch täglich rezitiert, zunächst in Nordfrankreich und England, wie die Liturgieforscherin Ruth Langer belegt. Die erste Strophe preist den Ewigen dafür, Israel erwählt zu haben, im Gegensatz zu den Völkern, die »Nichtigkeit anbeten und zu einem Gott beten, der nicht rettet«. Dieser Satz zog in der Folge die Aufmerksamkeit christlicher Zensoren auf sich. Noch im 18. Jahrhundert schickte die preußische Regierung Zensoren in Synagogen, um sicherzustellen, dass er nicht laut gebetet wurde. Heute lassen viele nichtorthodoxe aschkenasische Gemeinden diesen Satz stillschweigend aus. Andere setzen ihn in Klammern oder übergehen ihn melodisch. In Israel hingegen gehört er seit dem Erscheinen des Siddurs »Kol Rina« wieder zum Standardtext; ArtScroll folgte, und Koren druckt die Zeile in Klammern – eine faszinierende Dialektik von Hören und Sehen der ganz eigenen Art. »Nur indem wir das bleiben, worin wir einzigartig sind, geben wir der Menschheit das, was nur wir ihr geben können« Zwischen der Pflicht zur Vernichtung fremder Altäre (12,3) und der Hoffnung im Alejnu, dass Gott selbst die Götzen von der Erde entfernen möge, liegt eine aufschlussreiche Verschiebung: von menschlichem Handeln zur göttlichen Vollendung. Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948–2020) meinte dazu: »Es gibt keinen Widerspruch zwischen Besonderheit und Universalität. Nur indem wir das bleiben, worin wir einzigartig sind, geben wir der Menschheit das, was nur wir ihr geben können.« Das Gebot »Re’eh« (Siehe) ist mehr als eine Einladung, Optionen abzuwägen. Es ist ein Aufruf, Segen und Fluch im eigenen Leben zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die den Werten unserer Überlieferung entsprechen. Der Autor studiert am Abraham Joshua Heschel Seminar. inhalt Der Wochenabschnitt Re’eh beginnt mit den Worten, die Mosche an das Volk richtet: »Siehe, Ich lege heute vor euch Segen und Fluch!« Den Segen erhalten die Bnei Israel, wenn sie auf die Gebote Gottes hören. Der Fluch wird über sie kommen, wenn sie sich nicht entsprechend verhalten und sich fremden Götzen zuwenden. Bei den nachfolgenden Ritualgesetzen geht es um die Errichtung eines zentralen Heiligtums, um Schlachtopfer, die Entrichtung des Zehnten (Ma’aser) und um die Erfüllung von Gelübden (Neder). Dann folgen die Speisegesetze, und zum Schluss werden die Regeln für das Schabbatjahr beschrieben und die Feiertage Pessach, Schawuot und Sukkot sowie die damit verbundenen Vorschriften erwähnt. 5. Buch Mose 11,26 – 16,17 Simanim Äpfel, Erbsen, schwingende Hühner Die Feiertage sind voller symbolischer Speisen und Rituale. Ist das Aberglaube? Nicht unbedingt, sagen die Weisen von Rebbetzin Chana Baumel 10.09.2026 Hohe Feiertage »Die Sterne neu berechnen« Aster Taylor über Astrophysik, die Berechnung des Himmels und den Ausgang der Festtage von Mascha Malburg 10.09.2026 9/11 Suche nach Gewissheit Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe von Rabbiner Dovid Gernetz 08.09.2026 Talmudisches Sitzen Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten von Detlef David Kauschke 04.09.2026 Nizawim–Wajelech Geheimnis des Neubeginns Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl 03.09.2026 Interview »Meine Musik soll Herzen öffnen« Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen von Jan Feldmann, Mascha Malburg 02.09.2026 Ki Tawo Demut ist größer als Erfolg Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt von Rabbiner Elie Dues 28.08.2026 Rezension »Eine ziemlich dramatische Zeit« Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben von Detlef David Kauschke 28.08.2026 Talmudisches Die Folgen des Hasses Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten von Chajm Guski 27.08.2026 zurück