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Buddhismus · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Die achtsame Zukunft: Ein Gespräch mit Jon Kabat-Zinn

ohne Namen · Buddhismus aktuell - Exklusiv online (Deutsche Buddhistische Union / DBU) · 2026-03-25 · München · Quelle

Barmherzigkeit · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Wissen · tragend

Achtsamkeit und Mitgefühl sind untrennbar verbunden und erschließen sich nicht durch konzeptionelles Wissen, sondern durch verkörperte Praxis, die eine mitfühlendere und ethischer handelnde Gesellschaft ermöglicht.

Entscheidend ist für mich aber vor allem der eine Teil des Vogels: die gelebte, verkörperte Praxis.

Der Text ist ein Gespräch zwischen Jon Kabat-Zinn und Melvin McLeod über die gesellschaftliche Relevanz von Achtsamkeit. Kabat-Zinn verweist auf wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Achtsamkeits- und Mitgefühlsprogramme ähnliche prosoziale Effekte haben. Er betont, dass Achtsamkeit und Mitgefühl untrennbar verbunden sind und in der buddhistischen Tradition als 'zwei Flügel eines Vogels' gelten. Ethik wird im MBSR-Curriculum nicht explizit gelehrt, sondern durch die verkörperte Haltung der Lehrenden vermittelt. Selbstmitgefühl wird nicht als Technik, sondern als Seinsweise verstanden, die aus der Praxis selbst hervorgeht. Nicht-Dualität erschließt sich nicht begrifflich, sondern durch die unmittelbare Erfahrung des gegenwärtigen Moments. Der Text verbindet wissenschaftliche Befunde mit buddhistischen Konzepten und betont die gelebte Praxis über konzeptionelles Wissen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Gebet, Gottesdienst, Meditation, wiederholte Übung
Was ist der Mensch nach diesem Text?
in Täuschung oder Begehren verfangen, aber befreibar
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

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nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 1, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Achtsamkeit dient nicht nur dem persönlichen Wohlbefinden. Im letzten Teil eines dreiteiligen Gesprächs spricht Jon Kabat-Zinn mit Melvin McLeod, dem Chefredakteur des Online-Magazins Lion´s Roar, darüber, wie Achtsamkeit der Schlüssel zu einer mitfühlenderen und ethischeren Gesellschaft sein kann. Kommentar von Jon Kabat-Zinn: Please consider do „not use the word ‚Achsamkeit‘ as the translation of the English ‚mindfulness‘. Instead, please use ‚Bewusstsein ‘ (oder Bewusstheit, Red.) or ‚Gewahrsein‘, or at least point out that, if what I am saying is true, that most people think of Achtsamkeit as meaning ‚attention‘ in German, rather than ‚awareness‘, whereas in English, it is understood as a synonym of awareness. I certainly see it that way. “ Wir sind dankbar für den Hinweis und geben ihn hiermit gerne weiter. Wir bleiben bei ‚ Achtsamkeit‘ in den Kontexten, in denen es sich um einen feststehender Begriff handelt, wie er beispielsweise auch auf den Seiten von MBSR-Lehrenden in Deutschland verwendet wird. Melvin McLeod:Was weiß die Wissenschaft heute darüber, wie Achtsamkeit unseren Geist, unser Gehirn und unser allgemeines Wohlbefinden beeinflusst – und welchen Nutzen das für die Gesellschaft haben könnte? Jon Kabat-Zinn: Inzwischen ist daraus ein regelrechtes Forschungsfeld geworden, das rasant wächst. Es gibt eine Vielzahl faszinierender Studien – auf die ich hier gar nicht im Detail eingehen kann –, die sowohl Menschen untersuchen, die gerade erst mit dem Meditieren beginnen, als auch sehr erfahrene Praktizierende. Dabei wird erforscht, wie sich die Praxis auf Gehirn und Körper auswirkt. Darüber hinaus beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit den prosozialen Dimensionen von Achtsamkeit – also mit Aspekten, die über messbare körperliche Veränderungen, individuelle Gesundheit oder das Gefühl von Zugehörigkeit hinausgehen. Ein Beispiel: Über Jahre hinweg wurde immer wieder darüber diskutiert, ob Achtsamkeit eigentlich etwas anderes ist als Mitgefühl – und ob ein Achtsamkeitstraining dieselben Effekte hat wie Übungen, die gezielt Mitgefühl kultivieren. Eine Gruppe Forschender aus Boston hat diese Frage 2013 auf elegante Weise untersucht. An der Studie nahmen Menschen teil, die entweder ein achtwöchiges Achtsamkeitsprogramm oder ein achtwöchiges Mitgefühlsprogramm absolviert hatten – oder zu einer Kontrollgruppe ohne Intervention gehörten. Das Versuchsdesign war ebenso schlicht wie aufschlussreich: Alle Teilnehmenden wurden gebeten, in einem Wartezimmer Platz zu nehmen, in dem es nur drei Stühle gab. Zwei davon waren bereits von eingeweihten Mitarbeitenden des Forschungsteams besetzt. Kurz darauf betrat eine weitere Person den Raum – ebenfalls Teil des Experiments –, auf Krücken, mit deutlich sichtbaren Schmerzen. Unbemerkt beobachteten die Forschenden, ob die Versuchsperson innerhalb von zwei Minuten von sich aus ihren Sitzplatz anbot. Das Ergebnis war bemerkenswert: Nach acht Wochen Training gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen der Achtsamkeits- und der Mitgefühlsgruppe. Beide jedoch waren fünfmal so häufig bereit, der sichtbar leidenden Person ihren Platz anzubieten wie die Teilnehmenden der Kontrollgruppe ohne Meditation. Ein wirklich eindrucksvoller Befund. Ich habe mich darüber sehr gefreut, denn ich habe immer vertreten, dass Achtsamkeit und Mitgefühl nicht voneinander zu trennen sind. In der buddhistischen Tradition heißt es manchmal: „Zwei Flügel, ein Vogel“ – Achtsamkeit und Mitgefühl. Entscheidend ist für mich aber vor allem der eine Teil des Vogels: die gelebte, verkörperte Praxis. Es gibt unzählige Zugänge zur Meditation. Doch wenn man sich wirklich darauf einlässt und lernt, im Gewahrsein zu ruhen und sich hier gewissermaßen niederzulassen, ist das Erste, das man erlebt, eine unmittelbare, nicht-konzeptionelle Erfahrung von Verbundenheit und Zugehörigkeit. Man ist ganz – und zugleich Teil eines größeren Ganzen, eingebettet in ein noch größeres Ganzes, und so weiter, ohne Ende. Diese direkte Erfahrung von Verbundenheit und Nicht-Getrenntsein ruft ganz natürlich Mitgefühl, liebende Güte und ein tiefes Gefühl innerer Verbundenheit mit anderen hervor. Die Bostoner Studie unterstreicht diese zutiefst menschliche Anlage auf elegante Weise. Bild von Shahariar Lenin auf Pixabay Auch wenn Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) von Beginn an eine starke ethische Dimension hatte, ist Ethik kein ausdrücklich ausgewiesener Bestandteil des Curriculums. Dafür sind wir gelegentlich kritisiert worden – etwa mit dem Hinweis, wir würden sila (Ethik) nicht deutlich genug betonen, obwohl dies natürlich ein grundlegender Bestandteil des Dharma in allen Traditionen ist. Doch wie beim Mitgefühl, war unser Ansatz immer, Ethik zu verkörpern statt nur über sie zu sprechen. Auch, weil im Kontext eines ambulanten Stressbewältigungsprogramms in einem Krankenhaus würden viele Menschen zunächst nicht verstehen, warum Ethik hier eine Rolle spielt – und sich womöglich vom gesamten Programm oder von der Meditation selbst abwenden. Wenn Sie sich bewusst und tiefgreifend einer ethischen Haltung wie dem hippokratischen Eid oder dem Bodhisattva-Gelübde verschreiben – einer Haltung, die für MBSR-Lehrende unverzichtbar ist –, werden Sie sich ganz natürlich der potenziellen Schäden bewusst, die Sie anrichten könnten, wenn Sie in Selbstbezogenheit verfallen oder sich an ein bestimmtes Ergebnis klammern. Beispielsweise indem Sie darauf bedacht sind, von anderen gemocht zu werden, oder bestimmte Ergebnisse aus der Meditationspraxis erwarten. Das wäre nicht nur unklug, sondern auch unethisch und somit ein Gräuel für einen authentischen Achtsamkeitslehrenden. All diese Elemente – Ethik, Mitgefühl und Weisheit – laufen im MBSR-Curriculum zusammen. Für die Lehrenden ist es gewissermaßen ein fortwährendes Koan zu schauen: Was ist jetzt gefragt? Wer MBSR unterrichtet, verlässt sich nicht einfach auf ein Handbuch oder einen starren Lehrplan. Das Curriculum entfaltet sich in dem Moment, in dem man sich diese Frage stellt, den Raum wahrnimmt und mit offenem Herzen präsent ist. Aus dieser Haltung heraus antwortet man auf das, was im gegenwärtigen Augenblick gebraucht wird – getragen von der eigenen Praxis und im Einklang mit dem formalen Rahmen von MBSR. Sie sprechen von drei zentralen Qualitäten der Achtsamkeit, die uns befähigen, anderen zu dienen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen: Weisheit – die uns die wechselseitige Verbundenheit allen Lebens erkennen lässt; Mitgefühl – das uns motiviert, uns selbst und anderen Glück und Wohlergehen zu wünschen; und Ethik – die uns darin leitet, tatsächlich heilsam zu handeln. Gerade beim Thema Mitgefühl gibt es allerdings ein verbreitetes Missverständnis. Achtsamkeit gilt vielen als etwas beinahe Klinisches, als emotional neutral oder distanziert. Doch ohne Selbstmitgefühl ist es kaum möglich, die eigenen Erfahrungen – unsere Schwierigkeiten, unsere Unzulänglichkeiten, unsere ganze Menschlichkeit – wirklich anzunehmen. Und zwar mit derselben Wärme und Freundlichkeit, die wir einem guten Freund entgegenbringen würden. Wie also lässt sich Selbstmitgefühl durch Achtsamkeitspraxis kultivieren? Mit einem Wort: Verkörperung. Lehrende verkörpern Mitgefühl – nicht als Technik, nicht als inszenierte Haltung, sondern ganz selbstverständlich, aus einer inneren Haltung der Liebe heraus. Wenn man auf diese Weise präsent ist, fühlen sich Menschen in ihrer Ganzheit gesehen und angenommen, nicht reduziert auf ihre Symptome oder ihre Geschichte. Allein Mitgefühl zu praktizieren, kann als radikaler Akt der Gesundheit und Liebe gesehen werden. Daher müssten Lehrende Selbstmitgefühl gar nicht eigens betonen, und im Rahmen von MBSR ist es möglicherweise nicht einmal besonders geschickt, es in den Vordergrund zu stellen. Wir haben in einem achtwöchigen Kurs nur einen begrenzten Zeitraum, um Teilnehmende idealerweise auf einen lebenslangen Weg formeller und informeller Praxis auszurichten und sie mit der ihnen innewohnenden Wachheit und Freiheit im gegenwärtigen Moment in Kontakt zu bringen. Bild von erwin bosman auf Pixabay Wenn man in diesen acht Wochen „Selbstmitgefühl“ einführt, liegt die eigentliche Schwierigkeit im Wort „Selbst“. Freundlichkeit und Mitgefühl – sich selbst und anderen gegenüber – sind der Achtsamkeit ohnehin immanent, sowohl als formelle Praxis als auch als Lebenshaltung. Was wir tun können, ist Menschen behutsam darauf aufmerksam zu machen, wie wenig mitfühlend sie in bestimmten Situationen mit sich selbst umgehen. Hier treffen Achtsamkeit und Herzensbildung zusammen – wobei sie nie wirklich getrennt waren. Wenn Sie in einem bestimmten Moment mitfühlend sind, besteht die Einladung darin, es bewusst wahrzunehmen, es im Körper zu verorten, in diesem Augenblick Mitgefühl zu sein – jenseits von Gedanken über „mich“ oder „mein Mitgefühl“. In gewisser Weise ist das ansteckend. Und es bewahrt uns davor, in Dualismen von Selbst und Anderem zu verfallen oder die persönlichen Fürwörter „ich“, „mich“ und „mein“ zu verfestigen. Natürlich können wir im Unterricht durchaus fragen, wie mitfühlend jemand mit sich selbst umgeht, und dem, was sich zeigt, aufmerksam zuhören. Aber wir vermitteln keine Technik und setzen kein Gegenmittel gegen ein bestimmtes inneres Erleben ein. Tatsächlich vermeide ich im Zusammenhang mit Meditation das Wort Technik ganz bewusst. Selbstmitgefühl wird häufig so dargestellt, als gäbe es eine festgelegte Methode. Doch es geht um Praxis im Sinne einer Seinsweise. Und die Sprache, die wir verwenden, entscheidet maßgeblich darüber, ob Menschen wirklich verstehen, worum es geht: nämlich all die Dualismen und das ständige Streben nach etwas Besonderem hinter sich zu lassen – und zu erkennen, dass das, was wir suchen, längst da ist und zu ihnen gehört. DENN DIE FREUDE, DIE WIR GEBEN – Großzügigkeit ist eine grundlegende buddhistische Praxis. Die Buddhismus aktuell -Redaktion bemüht sich täglich darum, buddhistische Wortmeldungen und Texte aus allen Traditionen sowohl aus Deutschland wie weltweit wahrzunehmen, zusammenzutragen und für diese Webseiten, auf Social Media und in der Print-Ausgabe aufzubereiten und weiterzugeben. Unser digitales Angebot ist zu einem großen Teil kostenfrei – doch uns kostet es sehr viel Geld. Darum sind wir auf Ihre SPENDE , auf deine GROßZÜGIGKEIT angewiesen – und gerne auch auf ein ABONNEMENT , das uns wertvolle Planungssicherheit liefert. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück. Vielen Dank! schon dabei unterstützen Wie erschließt sich Menschen durch MBSR so etwas wie Nicht-Dualität? Begrifflich werden sie das nicht unbedingt fassen – und der Ausdruck selbst taucht im MBSR-Curriculum auch nicht explizit auf. Doch durch eine achtsame, präzise Anleitung kann eine Erfahrung ermöglicht werden: die Einsicht, dass es in diesem Moment, den wir Jetzt nennen, keinen besseren Ort gibt, an den man gelangen müsste, nichts zu tun und nichts Besonderes zu erreichen – selbst dann nicht, wenn Unangenehmes auftaucht wie Schmerz, Langeweile, Ungeduld, Ergebnisfixierung oder Sehnsucht. Die Einladung lautet, wahrzunehmen, was in diesem Augenblick da ist – Empfindungen, Gefühle, Gedanken – und für einen Moment mit größtmöglicher Offenheit und Klarheit hinzuschauen. Und zwar unterhalb oder jenseits der Geschichte von mir und meinem Schmerz, meinem Stress, meinen Problemen. Diese Bewusstheit wird gewissermaßen zur inneren Heimat, zu einem Ort der Zuflucht, in dem man wohnen kann und zu dem man immer wieder zurückkehrt, wenn man sich im Gedankenstrom, in emotionaler Reaktivität oder Tagträumen verliert. Sich unter die Gedanken zu begeben und in der Bewusstheit zu verweilen heißt nicht, dass Entwicklung, Lernen, Heilung oder Veränderung aufhören. Im Gegenteil: Angemessenes Handeln entfaltet sich gerade dann, wenn wir lernen, präsent zu sein, mit dem, was sich im Feld von Körper, Geist, Herz und Umgebung im jeweiligen Moment zeigt. Wenn man mit der Erwartung an die Meditation herangeht, ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen, einen erstrebenswerten besonderen Zustand zu erlangen, kann man dreißig Jahre lang meditieren, streben, hoffen, idealisieren und doch nie erreichen, wonach man sich sehnt. Das passiert, wenn Menschen einer zukünftigen Erleuchtung hinterherjagen und glauben, es handle sich um einen besonderen Zustand, den sie erreichen müssen. Doch was du suchst, ist bereits da und gehört dir bereits – wobei ich zögere das so zu formulieren, wer wäre hier der Besitzende? Vielleicht ist es treffender zu sagen: Du bist es bereits. Bewusstsein ist wahrlich eine Superkraft, und jeder Mensch wird damit geboren. Allerdings ist der verlässliche Zugang dazu nicht selbstverständlich. Sich mit dieser Bewusstheit vertraut zu machen und sie zunehmend als Grundmodus des Seins zu bewohnen, verlangt Übung – gewissermaßen das Trainieren des Muskels nicht-dualen Gewahrseins: das Erkennen selbst zu sein, und auch das Nicht-Wissen, das Bewusstheit immer schon ist. Dieser Zugang fördert zugleich eine tiefere Gelassenheit – und eine offene, mitfühlende Antwortfähigkeit angesichts von innerem Unbehagen, Leid und auch gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Mari Smith, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0 , via Wikimedia Commons Ich möchte über Ethik sprechen, weil das der nächste Schritt zu sein scheint. Wenn Weisheit unser Herz dafür öffnet, uns um andere zu kümmern und Leiden zu verringern, dann geht es bei Ethik darum, zu verstehen, was in der Welt wirklich hilft, und entsprechend zu handeln. Sie haben erwähnt, dass man sich auf das konzentrieren soll, was an uns richtig ist, anstatt auf das, was an uns falsch ist. Ist das der Schlüssel, um der Gesellschaft als Ganzes zu helfen? Unbedingt. Ein Teil meiner Motivation für MBSR geht auf den Bericht Healthy People des US-Gesundheitsministeriums von 1979 zurück. Der Bericht argumentierte, dass keine noch so hohen Ausgaben für die Behandlung von Krankheiten die allgemeine Gesundheit der amerikanischen Bevölkerung verbessern würden; was nötig sei, sei eine Änderung des Lebensstils. Das weckte mein Interesse, und ich sagte: Okay, betrachten wir das Ganze einmal aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit. Vielleicht könnte eine Ambulanz in Form eines Kurses, wenn genügend Menschen auf Empfehlung ihrer Ärzte daran teilnehmen würden, im Laufe der Zeit die Glockenkurve der gesamten Gesellschaft in Richtung eines höheren Gesundheits- und Wohlbefindens verschieben. MBSR und andere Achtsamkeitsprogramme, von denen es mittlerweile viele gibt, können dabei helfen. Und die Möglichkeiten sind unbegrenzt, denn die Ursachen für Leiden in der Welt sind endlos. Das bedeutet, dass diese Praktiken in vielen verschiedenen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft angewendet werden können, darunter auch – was angesichts der aktuellen Weltlage besonders wichtig ist – in der Politik. Das Wort „Dharma“ beispielsweise bedeutet „Rechtmäßigkeit“. Und bei der Regierung geht es darum, Gesetze zu schaffen und aufrechtzuerhalten, die unsere sozialen Energien in positive Bahnen lenken, um zu verhindern oder zumindest zu minimieren und zu regulieren, dass Gier, Hass und Verblendung in all ihren Formen die soziale und planetarische Ordnung dominieren. Natürlich ist das in kapitalistischen Gesellschaften ein fragwürdiges Terrain, da Geld in hohem Maße dominiert und Geld, Macht und Korruption unweigerlich zusammenwirken, wenn es keine strikte Einhaltung angemessener und gerechter Gesetze gibt, die ohne Vorurteile oder Privilegien gleichmäßig angewendet werden. Wir sehen dies derzeit in der amerikanischen Politik in enormem Ausmaß. Gleichmut, Klarheit, Mitgefühl, innere Unabhängigkeit – und zugleich engagiertes Handeln – sind in solchen Zeiten unverzichtbar. Entscheidend ist, dass sie sich jeweils in einer Weise ausdrücken, die der konkreten Situation angemessen ist. Der Grundwert einer weisen Regierungsführung besteht jedoch darin, dass jeder Mensch innerhalb der Grenzen des Gesetzes das gleiche Maß an Freiheit und Möglichkeiten hat, das zu verfolgen, was er liebt. Wenn also Staaten Rechtsordnungen brauchen, um Freiheit zu ermöglichen: Brauchen wir dann nicht auch eine innere Gesetzmäßigkeit, die Geist, Körper und Herz leitet? Diese innere Gesetzmäßigkeit nennen wir Dharma. In einem medizinischen Bezugsrahmen lässt sie sich durch die Vier Edlen Wahrheiten beschreiben: Diagnose, Ursache, Prognose und Behandlungsweg. Ein Grundgesetz lautet etwa: Wenn wir etwas begehren, uns damit identifizieren, daran festhalten und selbstbezogen danach streben, schaffen wir die Bedingungen für Leiden. Nehmen wir hingegen eine offenere, großzügigere und weniger ich-zentrierte Haltung ein, können wir genauso kreativ, fantasievoll und produktiv sein – nur ohne die Geschichte vom „Ich“ als zentralem Endpunkt. Dann stehen wir in einer guten Position, vielleicht einen kleinen, aber dennoch tiefgreifenden, heilenden und transformativen Beitrag zu leisten – für die Welt und für unser eigenes Leben. Der ehemalige Gesundheitsminister Vivek Murthy hat in den USA eine Epidemie der Einsamkeit und sozialen Isolation festgestellt. Kann Achtsamkeit bei der weit verbreiteten Erfahrung von Einsamkeit in der modernen Gesellschaft helfen? Achtsamkeit spielt auch im Zusammenhang mit der neuen „Epidemie der Einsamkeit“, vor der Vivek Murthy – selbst langjähriger Meditationspraktizierender – gewarnt hat, eine wichtige Rolle. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass soziale Isolation ein erheblicher Risikofaktor für psychische wie körperliche Erkrankungen ist. Interessanterweise zeigen inzwischen erste Studien, dass Menschen, die an ein MBSR-Programm überwiesen werden, schon nach kurzer Zeit berichten, sich weniger einsam zu fühlen. Ein möglicher Grund liegt sicher darin, dass sie über acht Wochen hinweg mit anderen in Kontakt kommen, die auf ähnliche Weise leiden – und plötzlich erkennen: Ich bin nicht allein. Diese Effekte wurden bislang vor allem für Präsenzkurse nachgewiesen. Spannend wäre die Frage, ob sich Vergleichbares auch in Online-Formaten zeigt – und wie nachhaltig dieser Effekt tatsächlich ist. Zugleich lohnt es sich, zwischen „einsam sein“ und „allein sein“ zu unterscheiden. Wer durch die Praxis des schlichten Daseins lernt, sich im eigenen Erleben wohler zu fühlen, kommt oft auch besser mit dem Alleinsein zurecht – im Sinne eines Bei-sich-Seins. Das schließt jedoch nicht aus, dass wir andere Menschen brauchen. Im Gegenteil: Vielleicht werden wir gerade dadurch offener dafür, aktiv Wege aus der Einsamkeit zu suchen – etwa indem wir alte oder neue Freundschaften pflegen, familiäre Beziehungen stärken oder uns in Gemeinschaften engagieren, in einer Art moderner Sangha . Das ist ein weiterer Aspekt von Befreiung: Wenn man mit sich selbst im Reinen ist, kann man in diesem Moment auch allein sein – nicht für immer, sondern jetzt. Und plötzlich erschließen sich innere Ressourcen, die es ermöglichen, in eine kluge, stimmige Beziehung zu anderen zu treten – eine Form von Verbundenheit, die zutiefst erfüllend sein kann. Bild von vined mind auf Pixabay Im Kern geht es im Dharma darum, die Ursachen von Leiden zu erkennen – und sie so gut es geht zu verringern – ebenso wie die Quellen von Glück zu identifizieren und zu kultivieren. Zugleich sagt die Dharma-Perspektive: Die eigentlichen Ursachen von Glück sind bereits in uns angelegt. Wir müssen sie nicht erst erschaffen oder entwickeln. Wenn wir also in einer historisch angespannten Zeit darüber nachdenken, wie wir konstruktiv zur Welt beitragen können, stellt sich die Frage: Wie halten wir beides zugleich im Blick – die realen gesellschaftlichen Probleme und die Quellen von Glück und heilsamer Kraft, die wir bereits in uns tragen? Eine der Gefahren unserer Zeit sind soziale Medien, deren Algorithmen auf maximale Aufmerksamkeit und Interaktion optimiert sind – nicht auf ethisches Handeln. So haben etwa die Algorithmen von Facebook nachweislich zur Eskalation der Gewalt