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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

LANDESBISCHOF Ernst-Wilhelm Gohl

ohne Namen · Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl – Predigten und Texte · 2025-07-04 · Stuttgart · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Gerechtigkeit · tragend Wahrhaftigkeit · tragend

Die Kirche muss in der Polykrise durch nüchterne Wahrheitsfindung und das Bannen von Angst polarisierende politische Kampfbegriffe vermeiden und gleichzeitig ihre historische Schuld an Gewalt und Antisemitismus aufarbeiten.

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden

Der Text ist der Bischofsbericht 2025 von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl vor der Württembergischen Landessynode. Er thematisiert den Umgang mit Angst in einer Zeit multipler Krisen (Krieg, Ökologie, Rechtsradikalismus). Gohl kritisiert das 'Fast-Thought-Denken' und die Polarisierung, insbesondere im Kontext der ÖRK-Erklärung zur Lage in Israel und Palästina. Er argumentiert, dass die Bezeichnung Israels als Apartheidstaat sachlich falsch sei und die historische Schuld der Kirchen am Antisemitismus nicht ignoriert werden dürfe. Gleichzeitig bekennt er sich zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche als 'doppelter Skandal'. Der Text ruft zu einer Haltung der Nüchternheit, des Zuhörens und des Gottvertrauens auf, um Angst zu bannen statt sie zu schüren.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit; Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis; persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
in Täuschung oder Begehren verfangen, aber befreibar
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Argument, Logik, Wissenschaft
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
ausdrücklich auf beide

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nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Joh 16,33

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
2 von 3, benannt: Vertreter des ÖRK und Befürworter der Apartheid-These
Zeitbezug
früher 1, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
...2 LANDESBISCHOF Ernst-Wilhelm Gohl Bischofsbericht 2025 gehalten vor der 16. Württembergischen Evangelischen Landessynode am 4. Juli 2025 von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl Es gilt das gesprochene Wort! Sehr geehrte Frau Präsidentin, hohe Synode, Jesus sagt zu seinen Jüngern und zu uns: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh. 16,33). Jesus redet die Welt nicht schön. Konkret benennt er die Situationen, die seinen Jüngern Angst machen. Zugleich verspricht er: „Eure Situation wird sich so grundlegend verändern, dass Eure Ängste überwunden werden“. Und das ist für mich heute entscheidend: Wie gehen wir in Kirche und Gesellschaft mit der Angst um? „In der Welt habt ihr Angst“ -- Der erste Teil meines Berichts bündelt die Konfliktfelder zwischen Kirche und Gesellschaft. Er beschreibt, was in den letzten Monaten geschehen ist und wo wir als Evangelische Landeskirche in Württemberg stehen. „Aber seid getrost“ -- Unter dieser Zusage greift der zweite Teil die Fragen auf, denen sich unsere Kirche stellen muss – auch im ökumenischen Dialog. Zunächst einige Sätze zu den Krisen unserer Tage. Corona liegt hinter uns. Der Krieg in der Ukraine dauert an. Die ökologische Krise ist in der öffentlichen Wahrnehmung wohl in den Hintergrund gerückt, sie verschärft sich aber weiter. Die Situation in Israel, Gaza und im Iran haben zu einer weiteren Zuspi tzung der Lage im Nahen Osten geführt. Dazu kommen beunruhigende Signale aus den USA, wo viele ...3 Bürgerrechte massiv bedroht sind. Schließlich die rasante Zunahme von rechtsradikalen Straftaten in Deutschland. All das macht Menschen Angst. Gerade die zeitgleiche Aufschichtung unterschiedlicher Krisen, die sog. Polykrise, verunsichert und ängstigt Menschen – und die ganz persönlichen Krisen kommen ja noch hinzu. Das habe ich in den vielen Begegnungen und Gesprächen der letzten Monate erfahren. Oft höre ich dann den Wunsch, die Kirche müsse diese Mehrfachkrisen besser bearbeiten – seelsorgerlich und politisch. In der Konkretion zeigt sich aber, wie schwierig das ist: Von der Frage von Waffenlieferung in die Ukraine bis hin zum ökologischen Fußabdruck. An der Art, wie die Kirchen diese Krisen begleiten, wird auch ihr Selbstbild deutlich. Ist unser Auftrag in erster Linie politisch? Oder geistlich? Oder soll man das gar nicht auseinanderhalten? Dieses kirchliche Selbstbild ist zum Gegenstand gesellschaftlicher Debatten geworden. Zuletzt machte dies die Kontroverse um Äußerungen von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner deutlich, die kritisierte, die Kirchen würden sich zu stark als politischer Akt eur verstehen.1 Wir müssen solche Debatten führen. Und nicht nur diese, auch die anderen, wo es uns zu zerreißen scheint. Allerdings erlebe ich, dass dabei schnell in falschen Alternativen gedacht wird. Vielleicht ist dies unserer Empörungskultur geschuldet? Zur Lösung ab er tragen Empörung selten und das Denken in falschen Alternativen nie bei. Denn in der Regel haben beide Alternativen auch nachvollziehbare Argumente für ihre Position. Alarmismus hilft nicht weiter. Es bedarf des Zuhörens und Abwägens. Viele Ängste haben ihren Ursprung darin, dass Menschen sich einfache Lösungen wünschen. Die Soziologin Eva Illouz nennt dieses Phänomen „Fast -Thought-Denken“. Gemeint ist nicht ein Schnelldenken, sondern ein „Schnell -fertig-werden-Denken“ analog dem „Schnell-satt-werden“ beim Fast Food. 1 https://www.bild.de/politik/inland/bundestagspraesidentin-julia-kloeckner-die-kirche-hat-wirklich-einechance-verpasst-680366d42793c538f560545c abgerufen am 03.07.2025 ...4 Ich zitiere Eva Illouz: „‘Fast Thought‘ ist eine Denkweise, die schnell produziert und schnell konsumiert werden kann, weil sie eine sehr einfache These präsentiert, die auf Schwarz -Weiß-Denken beruht und an moralische Intuitionen appelliert und so von jedem verarbeitet und verstanden werden kann (…) Es aktiviert den instinktiven Sinn für richtig und falsch, macht moralisch starke Aussagen, die unsere Empfindsamkeit kitzeln, vermischt Gedanken und Fakten. Es ist für Erwachsene und Jugendliche leicht zu verstehen und fühlt sich gut an, weil es eine klare moralische Position von einem hohen Standpunkt aus formuliert. Es zieht die Süße der Gewissheit jener Form des Denkens vor, die das Vergnügen einer moralischen Sofortbefriedigung nicht bieten kann.“ 2 Meine Erfahrung ist es, dass gerade kirchliche Verlautbarungen in der Gefahr stehen, diesem „Fast -Thought -Denken“ zu erliegen. So ganz aktuell die Erklärung des Zentralausschuss des Ökumenisches Rats der Kirchen (ÖRK) zu Israel und Palästina, der vom 18.-24. Juli 2025 in Johannesburg / Südafrika tagte.3 Diese Erklärung verurteilt Israel scharf wegen seiner Politik gegenüber den Palästinensern und fordert, diese „Realität der Apartheid beim Namen“ zu nennen und „Sanktionen gegen Israel“ zu verhängen. In mehreren Stellungnahmen verteidigte der Vorsitzende des Zentralausschusses des ÖRK, der früher e EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm diese Erklärung. Der Begriff Apartheid stammt aus Südafrika. Er bezeichnet das gewalttätige System rassistischer Diskriminierung, das bis 1994 den Lebensalltag in Südafrika komplett bestimmt hat. Aufgrund dieses besonderen historischen Kontextes ist der Begriff auf Israel nicht übertragbar. 2 Eva Illouz, Eure Fast -Food-Argumente. Rede zum Aby -Warburg -Preis, in: Süddeutsche Zeitung v. 14.10.2024, 9. 3 https://www.oikoumene.org/de/news/wcc-central-committee-end-apartheid-occupation-and-impunity-inpalestine-and-israel abgerufen am 02.07.2025. ...5 So arbeiten z. B. in israelischen Krankenhäusern viele Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte palästinensischer Abstammung. In der Initiative „Standing together“ engagieren sich viele von ihnen gemeinsam mit jüdischen Menschen für Koexistenz aller religiösen und ethnischen Gruppen im Land. Arabische und palästinensische Israelis sind gleichberechtigte Staatsbürger. Sie dürfen an den Hochschulen studieren, sind Mitglieder des Parlaments und haben in der Regierungszeit von Premierminister Benett Regierungsverantwortung mitgetragen. All das war im Apartheidsystem Südafrikas undenkbar. Mit der Behauptung, Israel sei ein Apartheitsstaat, macht sich der Zentralausschuss des ÖRK einen politischen Kampfbegriff zu eigen, der sachlich falsch ist und in der aufgeheizten Debatte um den Weg zum Frieden im Nahen Osten nur zur weiteren Polarisierung führt. Ohne Frage ist das Leiden der Menschen in Gaza furchtbar. Und genauso müssen die Besetzung der Westbank und die Gewalt jüdischer Siedler scharf kritisiert werden. Aber neben den Opfern israelischer Gewalt gibt es auch Opfer palästinensischer Gewalt. Beide gegeneinander aufzurechnen, ist nicht angemessen. Empathie ist nicht teilbar! Mir ist vor Allem auch wichtig, dass die Menschen in Gaza endlich ausreichend mit Wasser, Nahrungsmitteln und medizinischen Hilfsgütern versorgt werden. Das Grundproblem dieser ÖRK -Erklärung besteht allerdings darin, dass sie keinerlei Empathie mit Jüdinnen und Juden in Israel erkennen lässt. Sie verschweigt die Tatsache, dass es die Hamas war, die mit ihrem brutalen Massaker am 7. Oktober 2023 die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat. Mit keiner Silbe wird die bedingungslose Freilassung der Geiseln und Rückgabe der Toten gefordert. Sie verschweigt, dass Israel seit seiner Staatsgründung 1948 um sein Existenzrecht kämpft. Seit ihrer Gründung 1988 hatte die Hamas nur ein Zeil: eine Koexistenz von Israel und einem Staat Palästina zu verhindern – mit Terroranschlägen, Selbstmordattentaten und durch die gewaltsame Übernahme des Gazastreifens und Angriffen von dort. Israel ist kein Apartheidstaat und auch ‚kein ...6 kolonialer Outpost, sondern ein posttraumatisches Gemeinwesen mit realen Feinden‘, so der Psychologe und Publizist Carlo Strenger. Israel ist eine ‚existentielle Demokratie‘“.4 In Zeiten, in denen der Antisemitismus weltweit zunimmt, sollten sich gerade christliche Kirchen ihrer historischen Schuld am Antisemitismus bewusst sein und ihn nicht noch befeuern. In Krisen ist die Sehnsucht nach moralischer Eindeutigkeit, nach Schuldigen und Opfern, nach Gut und Böse, besonders groß. Das „Schnell-fertig-werden-Denken“ hilft dabei nicht. Ich komme zurück zum Thema Angst. Was hilft gegen die Angst? Der katholische Theologe Sebastian Kleinschmidt fast das wie folgt zusammen: „Im Umgang mit Angst sind uns drei Reaktionen vertraut: Verkleinern, Vergrößern oder Bannen. Angst verdrängen, macht blind für Gefahr. Angst schüren macht zittern bei Gefahr. Angst bannen macht stark in Gefahr. Ins Politische gewendet: Angst ignorieren füh rt zu Illusionismus, Angst schüren zu Machiavellismus. Angst bannen zu Wachsein und Besonnenheit. Für unser Christsein heißt das: Wir setzen auf eine Doppelbewegung aus Nüchternheit und Gottvertrauen“. 5 Es wäre nun leicht, uns allen zu raten, zu beten und Gott zu bitten, diese Ängste von mir zunehmen. Beten ist gut und richtig. Davon bin ich überzeugt. Aber was, wenn die Angst so groß ist, dass sie überhaupt nicht mehr damit rechnet, dass Gott mir helfen kann? Was, wenn mir das Gebet im Halse stecken bleibt vor lauter Übel und Unglück? Was, wenn Not eben nicht beten lehrt, sondern Lähmung oder verzweifelte Wut mich im Griff haben? Diese Frage hat eine gesellschaftliche Dimension. Wenn vielen Menschen die Angst näher ist als Gott. Dann wird die Angst irgendwann zur Grundmelodie unserer Gesellschaft. 4 Zauberwort Ambiguitätstoleranz – SK-Bulletin – Jerusalem, Juni 2025, 2. Der Newsletter kann angefordert werden über www.sktours.net. 5 Sebastian Kleinschmidt, Angst in Sicht! Kleine Theologie der Nautik, in: ders./Th. A. Seidel, Angst, Glaube, Zivilcourage. Folgerungen aus der Corona-Krise, Holzgerlingen 2025, 36f. ...7 Die reformatorische Bewegung hat vor 500 Jahren vieles in Gang gebracht, was uns bis heute prägt. Die liebgewordenen Choräle, der Ernst unserer Bibelauslegung, unsere aufgeräumten Kirchen und noch vieles mehr. Im Kern aber war die Reformation eine Protestbewegung. Eine Protestbewegung gegen die Angst. Auf diesem Hintergrund ist das Leid, das Kirche und Diakonie über Betroffene sexualisierter Gewalt gebracht haben, ein doppelter Skandal und zutiefst beschämend. Doch mit solchen Worten allein ist nichts gewonnen. An keiner Stelle wird mir das so deutlich, wie im Gespräch mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt – etwa bei den Betroffenenforen. Wohlgemeinte Worte werden missverstanden. Oft genug auch als unerträglich empfunden. Deshalb müssen wir unser Reden immer wieder daraufhin überprüfen, ob wir es tatsächlich ernst meinen oder ob es letztlich nur Phrasen sind. Stellvertretend für die ganze Leitung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, erkläre ich, dass wir das geschehene und erlittene Leid erkennen. Wir beklagen, dass niemand Kindern und Jugendlichen beigestanden ist, als sie in Heimen Demütigungen und entmenschlichenden, sadistischen Praktiken schutzlos ausgeliefert waren. Im historischen Abstand erkennen wir, wie menschenverachtende Pädagogik – durchsetzt mit christlichen Floskeln – den Nährboden für ein System struktureller Gewalt geschaffen hat. Ebenso wenig sind wir eingeschritten, wenn pastorale Macht missbraucht bzw. manipulativ eingesetzt wurde. Deshalb stehen wir uneingeschränkt hinter allen Bemühungen um ein einheitliches System der Anerkennung und Aufarbeitung – wohl wissend, dass das schwierig umzusetzen ist. Wir stehen auch dazu, dass ein Systemwechsel nicht von heute auf Morgen geschieht. Das ist keine Entschuldigung, sondern ein Hinweis auf die Größe der Aufgabe. Ich bin froh, dass im März dieses Jahres die Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommission eingesetzt werden konnte und ihre Mitglieder, sowie die Geschäftsführerin Frau Binder sich der Synode vorstellen konnten. Ich danke allen, die sich in unserer Landeskirche für diesen Systemwechsel stark machen und engagieren und fordere von allen, die in unserer Landeskirche Verantwortung tragen – ...8 in den kirchlichen Gremien, in der Jugend - und Seniorenarbeit, in der Kirchenmusik, als Hausmeister/in oder Mesner/in – dass alle an diesem Systemwechsel mitarbeiten. Asymmetrische Machtverhältnisse sind das Einfallstor für Missbrauch aller Art. Diese zu reflektieren und so eine „Ethik der Nähe“ zu entwickeln, ist unsere Aufgabe in allen gemeindlichen und kirchlichen Bereichen. Teil I: Kirche mischt sich ein Zukunft der Arbeit Die schlechte wirtschaftliche Lage in Deutschland fordert nicht nur die Sozialpartner heraus. Auch die Kirchen müssen sich im Rahmen ihrer spezifischen Kompetenzen zu Vorschlägen und Entwicklungen äußern. Dazu gehört ganz aktuell die Forderung des Rats der Wirtschaftsweisen auf Streichung des Pfingstmontags als arbeitsfreiem Feiertag. Zu den schwierigen Rahmenbedingungen der deutschen Wirtschaft gehört die ungelöste Frage nach billiger Energie im Kontext des Klimawandels. Dazu kommt der inzwischen dramatische Fachkräftemangel. Gleichzeitig erleben wir die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI), die zum Wegfall vieler Arbeitsplätze führen wird. Deshalb ist es falsch, die Streichung eines Feiertags an den Anfang einer Debatte, um Zukunft der Arbeit zu stellen. Am Anfang der Debatte steht die Solidarität mit denen, die unter prekä ren Arbeitsbedingungen leiden. Dazu gehören: Arbeitsverhältnisse, die nicht auskömmlich sind. Arbeitsbedingen, die gesundheitsgefährdend sind. Monopolstrukturen in einzelnen Branchen (z. B. Paketdienste), und die Dauerkrisen seit Corona. Theologisch geht es um die Antwort auf die Herausforderungen durch KI und das Problem fehlender Rhythmisierung des Alltags, das durch den Wegfall von Feiertagen und der Schleifung des Sonntagsschutzes eher noch verstärkt wird. Zunächst zum Zusammenhang von Arbeit und KI. In den letzten fünf Jahren ist die Nutzung von KI zu einem Massenphänomen geworden. Mit der kostenfreien Software ChatGPT ist das Thema KI so richtig in unserem Alltag ...9 angekommen. Gefolgt von einer Flut KI -generierter Bilder und Videos, die Realität und Fiktion kaum mehr unterscheiden lassen. Die Folgen dieses Technologiesprungs lassen sich gegenwärtig noch schlecht abschätzen. Überwiegt der Freiheitsgewinn oder eher der Freiheitsverlust? Mit der KI tun sich neue ethische Fragen auf. Auch hier gilt es nicht in falschen Alternativen zu denken. Es wäre falsch, KI im Blick auf die ethischen Fragen pauschal zu verdammen. Vielmehr sollten wir unsere Perspektive im Lichte der b iblischen Überlieferungen informiert und differenziert in die innerkirchlichen, aber auch gesellschaftlichen Debatten einbringen. In diesem Zusammenhang bin ich erleichtert, dass die EU mit dem AI -Act 2024 einen verbindlichen rechtlichen Rahmen für die Verwendung von KI in der EU schaffen will. Der nächste Entwicklungsschritt nach dem Einsatz von ChatGPT und anderen Sprachmodellen ist „Agentic AI“, die handelnde künstliche Intelligenz. Damit ist diese KI nicht mehr länger nur Werkzeug eines Arbeitnehmers, sondern Begleiter. Für die Software- Entwicklung z. B. bedeutet dieser Fortschritt, dass Agentic AI selbstständig einzelne Schritte von Programmierung und Evaluation autonom vornimmt. Damit werden zukünftig nicht mehr nur einfache Tätigkeiten automatisiert, sondern auch komplexere und anspruchsvolle Arbeiten, wie die eines Programmierers. Die Umwälzu ngen in der Arbeitswelt werden gewaltig sein, zu diesem Schluss kommt der Wissenschaftsjournalist Andrian Kreye. 6 Es werden wohl neue Jobs entstehen, die wir heute noch nicht kennen. Andererseits müssen sich ca. 14 % aller Arbeitnehmer/innen in den nächsten Jahren umorientieren, weil Maschinen ihre Arbeit besser, schneller und billiger machen. Die Folgen dieses tiefgreifenden Umbaus unserer Arbeitsgesellschaft sind bislang nur schemenhaft erkennbar. Die Sorge vieler Menschen vor Arbeitsplatzverlust – besonders in einer allgemein wirtschaftlich angespannten Lage (man denke an die Automobilindustr ie) – ist mehr als nachvollziehbar. Und selbst, wenn die Zahl der neu entstehenden Arbeitsplätze im IT -Bereich einen gewissen Anteil der wegfallenden Jobs kompensieren 6 Andrian Kreye, Die Macht der Helferlein, in: Süddeutsche Zeitung v. 15.10.2024, 9. ...10 kann, müssen viele Arbeitnehmer/innen erkennen, dass die neuen Aufgaben nicht mit ihrem bisherigen Ausbildungs - und Kompetenzprofil geleistet werden können. Eine bittere Erkenntnis. In diesem Zusammenhang warnt Yuval Noah Harari „vor einer Klasse der Nutzlosen und massiven sozialen Verwerfungen“.7 Allerdings zeigen auch Studien, dass Arbeit viele Arbeitnehmer/innen krank macht. Anzeichen dafür sind die Zunahme psychischer Erkrankungen und der allgemein hohe Krankenstand. Würden auf diesem Hintergrund die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen kritisch hin terfragt, könnte KI dazu beitragen, dass Arbeit attraktiver und menschengerechter wird. Wenn Maschinen zahlreiche unserer Aufgaben erledigen, entsteht ein Freiraum, den wir zu unserem Vorteil nutzen können. Natürlich stellt sich dabei auch die Frage der Wertschöpfung: Können die Arbeitnehmer/innen der Zukunft, von ihrer Arbeit zu leben? Darauf versucht der Philosoph Christian Uhle aktuell eine Antwort zu geben. Er entwickelt dabei drei mögliche Zukunftsszenarien von Arbeit und Gesellschaft im Jahr 2035.8 Szenario I: Die große Sinnexplosion Zahlreiche Aufgaben in Verwaltung, Logistik und computergestützte Dienstleistung sind automatisiert und werden mit KI bearbeitet. Die Menschen haben viel freie Zeit, die sie für „soziale, kreative, handwerkliche, politische und strategische Aufgaben zur Ve rfügung“ stellen. (ebd.). Szenario II: Die große Langeweile Im Jahr 2035 haben viele Menschen ihre Arbeit verloren. Um soziale Unruhen vorzubeugen, wurde ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt. Die Menschen sind materiell abgesichert. Ohne Arbeit fehlt aber vielen die Struktur, um mit der gewonnenen Freiheit etwas anfangen zu können. Soziales Engagement ist unterentwickelt. 7 Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, München 2021, 25. Vgl. Bruno Guissani und Robert Muggah, Die KIs kommen. Künstliche Intelligenz wird Millionen Arbeitsplätze schaffen – und hunderte Millionen vernichten, in: Süddeutsche Zeitung v. 12. Mai 2025, 9. 8 Christian Uhle, Künstliche Intelligenz und echtes Leben, Berlin 2024, 250ff. ...11 Der Zusammenhalt erodiert. Geld steht im Mittelpunkt. „Diese Gesellschaft ist hochgradig materialistisch, egozentrisch, ungleich und gespalten“ (ebd., 255). Szenario III: Der große Burnout Im Jahr 2035 hat der vermehrte Einsatz von KI in zahlreichen Arbeitsprozessen zu einer Arbeitsverdichtung geführt. KI -Tools haben zu keiner Entlastung geführt. Umgekehrt, sie haben die Erwartung erhöht, mehr Output zu leisten. Die Schere zwischen Arbeiten den in prekären Arbeitsverhältnissen und den hochbezahlten IT-Spezialisten nimmt immer weiter zu. Das führt zu physischen und psychischen Erkrankungen und einer Zunahme zwischenmenschlicher Entfremdung. Soweit die drei Szenarien. In zahlreichen Erklärungen und Grundlagentexten hat sich die evangelische Kirche zum Thema Arbeit geäußert. Im biblischen Verständnis gibt es zwei zentrale Merkmale von Arbeit. Zum einen geht es um die Aufforderung Gottes an den Menschen, „die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2,15). Menschliche Arbeit ist weltgestaltend. Durch die Arbeit drückt sich der Mensch aus. Er bringt sich in diesen Prozess mit ein. Diese Arbeit gibt dem Leben Sinn. Zugleich ist Arbeit nicht das ganze Leben. Die Arbeit wird heilsam unterbrochen. Das Sabbatgebot macht deutlich, der Mensch braucht Phasen der Ruhe und des Abstands von der Arbeit: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun, aber am siebten Ta g ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun“ (2. Mose 20,9f). Wie der Sonntag sind auch Feiertage für eine Gesellschaft ein hohes kulturelles Gut. Sie rhythmisieren den Wechsel von Arbeit und freier Zeit. Eine auf ständiges Wachstum orientierte Kultur