Die Kirche muss sich von einer statischen Institution zu einer dynamischen 'Herberge der Mündigkeit' wandeln, um in einer säkularen Gesellschaft durch aktive Mitgestaltung und begründete Hoffnung relevant zu bleiben.
Der Bischofsbericht 2024 der Evangelischen Landeskirche in Württemberg thematisiert die aktuelle Krise der Kirche unter dem Leitbild 'Kirche im Umbau'. Zentrale Punkte sind die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch die ForuM-Studie und die Notwendigkeit einer strukturellen Transformation angesichts von Kirchenaustritten und Säkularisierung. Der Text argumentiert, dass die Kirche nicht statisch bleiben, sondern sich als 'Herberge der Mündigkeit' neu ausrichten muss, in der Mitglieder aktiv gestalten statt passiv konsumieren. Als theologisches Fundament dient die 'gegründete Hoffnung' auf Jesus Christus, die auch in Zeiten des Verlustes Halt gibt. Der Sonntagsgottesdienst wird als unverzichtbarer kultureller und theologischer Ort verteidigt, auch wenn seine Form sich wandeln muss. Der Bericht appelliert an eine Haltung des Miteinanders und der Gestaltung, um in einer polarisierten Gesellschaft stilbildend zu wirken.
1. Kor. 3,11 · 1. Petr. 1,1 · 1. Petr. 2,9f · 1. Petr. 1,3 · Offb. 21,4
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Bischofsbericht 2024 Gehalten vor der 16. Württembergischen Evangelischen Landessynode am 28. Juni 2024 von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Frau Präsidentin, hohe Synode!
An Themen und Herausforderungen mangelt es wahrlich nicht. „Kirche im Umbau“ scheint mir die passende Überschrift. Davon gleich mehr. Zuerst möchte ich aber festhalten, worauf wir bauen. In herausfordernden Zeiten erinnert der Apostel Paulus die Gemeinde i n Korinth daran: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Kor. 3,11). Allen meinen folgenden Überlegungen geht diese Gewissheit voraus. Mit Jesus Christus haben wir den einen festen Grund, der uns in allen Veränderungen trägt – das gilt für das persönliche Leben und das Leben unserer Kirche.
„Kirche im Umbau“ – so habe ich die fünfzehn Monate erlebt, die zwischen meinem letzten Bischofsbericht und heute liegen. „Kirche im Umbau“ umfasst viele Themen, die uns beschäftigen. Dazu gehört auch die Verunsicherung, die ich in unserer Landeskirche wahrnehme.
Die Veröffentlichung der ForuM-Studie1 am 21. Februar 2024 mit ihren Ergebnissen zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie Deutschland hat viele Menschen in der Kirche und säkularer Öffentlichkeit erschüttert. Die Landessynode hat sich in ihr er Frühjahrssitzung mit der ForuM -Studie ausführlich befasst und eine gemeinsame Stellungnahme von Landessynode und Oberkirchenrat verabschiedet.
1 Vgl. den Abschlussbericht: Abschlussbericht_ForuM_21-02-2024.pdf (forum-studie.de)
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Sie benennt auch die Schritte, die schon begonnen wurden und weiterhin konsequent umgesetzt werden.
Am 18. Juli findet hier im Hospitalhof ein zweiter Fachtag „Sexualisierte Gewalt und Theologie – toxische Traditionen in evangelischer Theologie und Kirche“ statt. Dass er bereits ausgebucht ist, zeigt das große Interesse am Thema. Die Aufarbeitung sexualisierte r Gewalt in der Kirche, die Hilfe für die Betroffenen und die Prävention sind ein kontinuierlicher Prozess, bei dem auch immer wieder nachgesteuert we rden muss. Die Beteiligung der Betroffenen ist dabei zentral. Nicht nur deshalb hat am 26. April in diesem Raum das nun schon vierte Betroffenenforum stattgefunden. Ich bin ausgesprochen dankbar, dass die Betroffenen unser Angebot einer Betroffenenbeteiligung angenommen haben und sich organisieren.
Der Begriff „Kirche im Umbau“ steht also für eine in vielerlei Hinsicht verunsicherte Kirche. Diese Verunsicherung muss sich äußern können. Dafür braucht es Raum. Denn sie lässt sich nicht mit Beschwichtigungen und einfachen Rezepten beiseite wischen. Ich will heute aber auch deutlich machen, wie wir als evangelische Landeskirche in Württemberg mit diesen Herausforderungen umgegangen sind – und zukünftig umgehen sollten. Für Hinweise und Diskussionen im Vorfeld des Berichts danke ich den Mitgliedern des Kollegiums des Oberkirchenrats und meinem persönlichen Referenten Dr. Jan Peter Grevel.
Teil I: Kirche im Umbau In vielen Besuchen in Gemeinden und Bezirken höre ich unmissverständlich: „Die Veränderungen gehen uns zu weit. Wir sind überfordert!“ Viele kritisieren die Vielzahl der Prozesse, die parallel laufen, die endlosen Strukturdebatten, beklagen die Hoffnungslosigkeit angesichts von Kirchenaustritten und kritisieren die Kirchenleitung für deren Entscheidungen und für ihre Informationspolitik.
Herausforderungen besteht man nur miteinander und nicht gegeneinander. Das bedeutet nicht, dass alle einer Meinung sein müssen. Es geht um unsere Haltung. Eine Haltung, die auf dem gemeinsamen Grund, Jesus Christus, beieinanderbleiben will. Das heißt: Mite inander bei den kontroversen Themen im Gespräch bleiben und Lösungen suchen: in den Gemeinden, mit der Landessynode, mit dem Oberkirchenrat, mit Menschen aus dem Quartier, dem Nachbardorf oder in den einzelnen Brennpunkten der großen Städte. Mit dieser Haltung sind wir dann auch in positiver Weise stilbildend für unsere zunehmend polarisierte Gesellschaft und leisten so einen wichtigen Beitrag für ein gutes Miteinander.
Transformationsprozesse sind schwierig. Da gilt es nichts zu beschönigen. Allein der Begriff ist für viele schon ein Reizwort. Denn Transformation erleben viele als Verlust und Abbruch von vertrauten Strukturen
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und liebgewordenen Angeboten. Auch hier bedarf es einer Haltungsänderung. Transformation meint nicht Abbruch, sondern Umgestaltung. Auch die Chance, Lasten abzulegen, Neues zu entdecken und ausprobieren, weil „jedes Ding seine Zeit hat“ . Genau diese Überlegung stand auch am Beginn des Prozesses „#gemeindebegeistert“. Der Innovationstag am 4. Mai in Reutlingen war ein gelungenes Fest unserer Landeskirche. Die spürbare Aufbruchsstimmung hat allen gutgetan. Ich habe mich gefreut, wie viele Menschen inspirierende Ideen in unsere Kirche einbringen und wieviel in den einzelnen Arbeitsfeldern geschieht. Vielen Dank allen aus Synode, Oberkirchenrat, Bezirken und Einrichtungen, die hier geplant haben und allen, die an diesem Tag in Reutlingen waren.
„Kirche im Umbau“ – diese Formulierung verlangt uns viel ab. Denn sie hält offen, wohin dieser Umbau geht: Aufbruch oder Abbruch. „Kirche im Umbau“ – das heißt für mich aber vor allem: Wir erstarren nicht vor diesen Veränderungen, wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir gestalten diese mit. Wir haben einen festen Grund: Jesus Christus. Und schließlich: „Kirche im Umbau“ heißt, wir haben ein Hoffnungsbild von der neuen Gestalt der Kirche.
Wie kann eine Kirche der Zukunft aussehen?
Vor 325 Jahren haben 2000 Waldenser, die um ihres Glaubens willen aus dem Piemont fliehen mussten, in Württemberg Zuflucht gefunden. Aufgrund dieses Jubiläums haben Synodalpräsidentin Foth, Kirchenrätin Dr. Keim und ich die Waldensertäler besucht. In den Gesprächen wurde mir wieder neu deutlich: Als Kirche im Umbau können wir von dieser kleinen Diasporakirche Großes lernen: Hoffen und Handeln stehen im Mittelpunkt. Die Gemeinden dort sind winzig klein. Vieles, was für uns unaufgebbar zum Kirche- Sein dazuzugehören scheint, können sie schlicht und einfach nicht leisten. Unaufgebbar ist aber der Gottesdienst am Sonntagmorgen. Auch wenn die Gemeinden dort vor denselben Fragen stehen wie wir: Wie schaffen wir es, dass mehr Gemeindeglieder, v.a. auch jüngere den Weg in den Gottesdienst finden?
Auch in den Waldensertälern wurden schon einige Neuerungen versucht – mit beschränktem Erfolg. In den großen Städten, wie Turin, dagegen sieht es anders aus. Dort trifft sich eine größere Gemeinde, auch mit vielen Jungen und viele Gemeindeglieder sind Geflüchtete. Anders als in ihrem Alltag erleben sie hier im Gottesdienst keine Abweisung, sondern Respekt und fröhliche Gemeinschaft.
Seit einigen Wochen wird v.a. in den sozialen Medien eine Debatte um die Zukunft des Sonntagmorgengottesdienstes geführt. Die Heftigkeit dieser Debatte zeigt mir, wie sehr die Umbauprozesse in unserer
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Kirche die Menschen bewegen. Manche sehen die „Kirche im Umbau“ als eine Kirche, die ganz auf die Gottesdienste am Sonntag verzichtet. Ich halte das aus zwei Gründen für problematisch:
Der Sonntagsgottesdienst ist Träger christlicher Kultur. Er bietet einen verlässlichen Ort für die unterschiedlichen Milieus und Gruppen. Aus dem Bereich der Medien hören wir, dass dort gerade der Sonntagmorgengottesdienst in besonderer Weise gefragt ist.
Wenn wir tatsächlich auf den Sonntagmorgengottesdienst verzichten würden, würde ein großes Stück öffentliches und damit sichtbares Christentum verloren gehen. In einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft halte ich das für nicht klug. Eine Lehre der Coronazeit ist doch, dass wir die Räume der Andacht verlässlich offenhalten und zeigen, dass wir da sind.
Der zweite Grund betrifft die Gottesdienstgemeinde. Oft ist ihre Zahl überschaubar. Im Durchschnitt nehmen 3-4 % einer Gemeinde ein solches Angebot wahr. Das steht in Widerspruch zum normativen Anspruch des Gottesdienstes. Theologisch ist er die Mitte der Gemeinde. Durch Gottes Wort angesprochen, versammelt sich die Gemeinde zum Gottesdienst. Durch das Hören des Wo rtes wird sie gebildet. Gemeinde ist nur, weil Gottes Wort diese Gemeinde schafft, ruft, versammelt, ermutigt und sendet.
In einer Zeit, die massiv von Traditionsabbrüchen und Säkularisierungsschüben geprägt ist – Stichworte wie Freiburger Studie und KMU 6 mögen genügen – kann dieser Anspruch nicht einfach empirisch messbar umgesetzt werden. Für die „Kirche im Umbau“ brauchen wir ein anderes Bild von Kirche. Dieses Bild muss zeigen, wie sich Vielfalt und Einheit im Leibe Christi zukünftig bedingen.
Der 1. Petrusbrief hilft mir dabei. Er wendet sich an Gemeinden, die zum Teil weit voneinander entfernt leben – inmitten von Menschen, die anders glauben und auch andere Wertevorstellungen haben. Diese verstreuten Christen nennt der Apostel „auserwählte Fremdlinge“ (1. Petr. 1,1) und verleiht ihnen den Ehrentitel „Gottes Volk“ (1. Petr. 2,9f).
Diese verstreute Gemeinde verliert sich nicht in der Fremde. Christus hält sie zusammen. Christinnen und Christen sind erkennbar, an der Hoffnung, die sie ausstrahlen. An der „lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi“, wie es im 1. Petrusbrief (1,3) heißt. Und diese „lebendige Hoffnung“ sieht weiter als die Augen sehen.
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Umbau zu einer Kirche als Herberge der Mündigkeit Wie muss der Umbau unserer Kirche aussehen, damit sie inmitten einer mul tireligiösen und säkularen Gesellschaft „lebendige Hoffnung“ ausstrahlt? Die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Kristin Jahn, hat den Veränderungsprozess, der dafür notwendig ist, als „Umbau zu einer Kirche als Herberge der Mündigkeit“ zusammengefasst.2
„Kirche als Herberge der Mündigkeit“. Dieses Konzept inspiriert mich. Gleich an zwei Punkten vollzieht es einen Perspektivwechsel. Eine Herberge ist ein Ort auf Zeit. Wenn Kirche nicht mehr nur statisch ist, dann ist sie und ihre Angebote viel stärker vom Unterwegssein geprägt. Unsere Landeskirche ist an vielen Orten noch immer verlässliche Größe im Ort und pflegt ihren Gebäudebestand. Aber in vielen Gemeinden erleben wir starken Veränderungsbedarf. Gebäude müssen aufgegeben werden, Zugehörigkeit muss sich ständig neu definieren. Für die Kirche als „Herberge“ ist dies keine Kränkung, sondern Teil ihrer Existenz.
Und als „Herberge der Mündigkeit“ sind Kirchenmitglieder nicht länger Versorgungsempfänger/innen kirchlicher Zuwendung, sondern mündige Mitgestalter/innen einer kleiner werdenden Kirche.
Gegründete Hoffnung als Fundament der Kirche Gerade die Ostergeschichten zeigen: Durch die Auferstehung Jesu schöpfen Menschen neue Hoffnung.
Hoffnung ist im Neuen Testament immer mit einem Grund verbunden : mit Jesus Christus. Sie ist die Aufforderung, die Welt neu mit den Augen des gekreuzigten und auferstandenen Christus zu sehen. Deshalb ist diese Hoffnung auch paradox. Die christliche Hoffnung gründet sich nicht in der Macht Christi, sondern in seiner Ohnmacht. Gegründete Hoffnung ist also kein Marktphänomen, das die Hoffnung nach den Chancen ihrer konkreten Verwirklichung bewertet. Gegründete Hoffnung hat immer etwas Überschießendes und der Zukunft Zugewandtes. Im letzten Buch der Bibel heißt es über diese Zukunft: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Offb. 21,4).
Christliche Hoffnungsbilder sind Sehschulen der Hoffnung. Jede Hoffnungsrede muss sich an der Wirklichkeit messen. Aber sie darf sich nicht in ihre Geiselhaft begeben.
Der vor wenigen Tagen verstorbene Tübinger Theologe Jürgen Moltmann steht wie kein zweiter für diese Neuentdeckung christlicher Hoffnung. Damit hat er Generationen von Theologinnen und Theologen in
2 Kristin Jahn, Von Hemmschwellen und heiligem Geist. Hindernisse beim Umbau der Kirche hin zu einer Herberge der Mündigkeit, in: Risse und Glanz: Röntgenbilder einer Kirche. H. v. E. Handke u.a., Altenburg 2022, 67 -77.
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Tübingen und weltweit geprägt. Moltmann traut der Hoffnung etwas zu: Nämlich, dass Hoffnung unsere Welt verändern kann. Diese Rede von Hoffnung hat er wie folgt wunderbar zusammengefasst: „Die Hoffnungssätze der Verheißung wollen […] der Wirklichkeit nicht die Schleppe nachtragen, sondern die Fackel voran.3“
Die Zukunft der Kirche ist geprägt von der christlichen Hoffnung. Sie lebt aus dieser Hoffnung und gibt sie weiter. Was wir glauben und beten, ist kein frommer Selbstzweck, sondern geschieht auf Hoffnung hin. Bonhoeffers Vermächtnis ist ja, dass wir als Ki rche in einer religionslosen Zeit der Welt mit einer radikalen Hingabe begegnen sollen und Kirche für andere sind.
Zugespitzt formuliert: Kirche als ein Segen für die Welt. Sie gibt Gottes Segen weiter. Und sie weiß, dass sie in Konkurrenz zu anderen steht. Der Segen Gottes ist das sichtbare Zeichen, dass Gott nicht nur das Leben schenkt, sondern es auch erhält und schützt. Die christliche Tradition hat dafür viele Formen entwickelt. Der Segen begleitet Menschen an den Bruch - und Nahtstellen ihres Lebens. Am Beginn und Ende des Lebens, bei der Familiengründung, beim Verlust eines lieben Menschen und bei den Stationen zum Erwachsenenwerden.
Eine in der Hoffnung gegründete Kirche auf dem Weg gibt diesen Segen an andere Menschen weiter und wird zum Segen für andere. Ich denke dabei etwa an die Tauffeste vor knapp einem Jahr. An Flüssen, an Seen, unter Bäumen, auf Dorfplätzen, auf dem Fernsehtur m und natürlich auch in Kirchen: Gottes Segen wurde weitergegeben und die Menschen waren dankbar dafür.
„Kirche im Umbau“ – vieles verändert sich. Manches muss anders werden, weil das Geld fehlt. Anderes hat sich einfach überlebt und passt nicht mehr. Für die Zukunft der Kirche ist entscheidend, dass sie bei allem Neuen und aller Bewegtheit im Kontakt mit Gott bleibt. Entscheidend ist, dass Kirche Gotteserfahrungen ermöglicht und die Menschen, die diese Erfahrungen ihr machen, nicht in die Abhängigkeit oder Passivität drängt, sondern sie aufbrechen lässt. Darin ist sie „Herberge auf Zeit“.
Im Blick auf die Waldensergemeinden habe ich von dem Zweiklang von „Hoffen und Handeln“. gesprochen. Aus dieser gegründeten Hoffnung erwächst das Handeln.
3 Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen christlicher Eschatologie. Gütersloh (1964) 1997, 13f.
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Mich beeindruckt an der Waldenserkirche das starke diakonischen Engagement. Eine Kirche der Zerstreuung, die gleichzeitig eine Kirche der lebendigen Hoffnung ist, ist Kirche für andere. Sie kann gar nicht ohne diese Zuwendung zur Welt sein. Diese Zuwendung zur Welt will ich nun etwas konkretisieren.
Teil II: Die Kirche der lebendigen Hoffnung und ihr Dienst am Nächsten Blicke ich auf die letzten fünfzehn Monate zurück, ist diese Zeit durch eine Vielzahl von Konflikten und Kontroversen geprägt. Sie prägen unser Land und fordern die Kirchen heraus: Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober und der Krieg in Gaza. Der Krieg in der Ukraine. Das Erstarken der AfD. Die Debatte um eine mögliche Neuregelung des § 218 StGB und der gesellschaftliche Streit um den Klimawandel. Dasselbe gilt für die Debatte um Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz. Aus Zeitgründen werde ich dieses Themenfeld erst im nächsten Bericht ansprechen. Heute will ich nur sagen: Als Landeskirche – vor allem über Prälat Ralf Albrecht – sind wir mit unterschiedlichen Playern schon lange und gut im Gespräch. Dies zeigte sich etwa beim Thementag „KI, Ethik, Kirche“, der am 8. April auf dem Bildungscampus in Heilbronn stattgefunden hat. Rund 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Bereichen der Landeskirche kamen zusammen, um sich über Künstliche Intelligenz zu informieren und die Anwendungsmöglichkeiten in Kirche und Diakonie zu diskutieren.
Die Zeitenwende in Israel Welche Auswirkungen der bestialische Überfall der Hamas auf Israel und die Verschleppung von jüdischen Geiseln nach Gaza auf die Menschen in Israel und auf die jüdischen Gemeinden auch bei uns in Baden-Württemberg hatten, beschreibt die jüdische Schriftstellerin Lena Gorelik:
„Ich sehe seit Monaten verschwommen. Ereignisse, die einander überblenden, Sätze, Worte legen sich wie Bauchbinden über die Zeit. Der Buchstabe G in groß: Geiseln, dann Gaza. In Schlagworten denken.
Irgendwann ruft jemand, noch so ein G, noch so ein Wort: Genozid. Die Nachrichten-App, ich habe Angst sie zu schließen, als würde dann etwas geschehen. Etwas Schlimmeres als das, was bereits geschieht:
als ließe sich noch eine Steigerung denken. Ein Gefühl der Kälte. (…) Was ich noch weiß: Wie jemand in meiner Küche weinte. Hemmungslos, laut, zerrissen. Zitternd wie fiebrig, und ich stand da und wusste nicht, was tun, wie diesen Menschen halten. (…) Ich war zu langsam, bewegte mich zu langsam auf den
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weinenden Menschen in meiner Küche zu, auf sein mir neues, fremdes Zittern. „Sie haben uns….“, weinte jemand in meiner Küche. Und ich (…) verstand das „sie“ und das „uns“ erst später.“4
Das Massaker der Hamas hat nicht nur Israel erschüttert, sondern auch weltweit jüdische Gemeinden.
Für sie ist das eine Zeitenwende.5 Erschüttert hat mich, dass nach dem Überfall der Hamas die Zahl der antisemitischen Übergriffe auch in Deutschland zugenommen hat. In dieser Situation war und bleibt es unsere Aufgabe als Kirchen an der Seite unserer jüdischen Geschwister zu stehen. Wie kann es gelingen, jetzt mit Jüdinnen und Juden hier in Deutschland so solidarisch zu sein, dass sie ein Gefühl der alltäglichen Sicherheit zurückgewinnen können und in unserem Land sicher und willkommen leben können?
An meiner Einschätzung des Massakers der Hamas und der anschließenden Geiselnahme hat sich nichts geändert. Aber in den letzten Monaten und Wochen hat sich die Lage im Gazastreifen weiter dramatisch verschlechtert. Eine humanitäre Katastrophe droht. Viele Menschen dort sind vom Tod bedroht. Ich denke besonders an die vielen palästinensischen Frauen und Kinder. Ich denke aber auch an die Mitglieder der christlichen Gemeinden und natürlich auch an die israelischen Geiseln, die noch immer von der Hamas im Gazastreifen festgehalten werden.
Jedem Menschen, der dort zu Schaden kommt oder gar sein Leben verliert, gehört unser Mitgefühl. Das gilt für alle Opfer in diesem Krieg und natürlich auch für die Palästinenserinnen und Palästinenser. Empathie kennt keine Grenzen. Menschenrechte gelten für alle Menschen und sind nicht verhandelbar. Und Barmherzigkeit, so lehrt uns die Bibel, ist an keine Voraussetzung gebunden. Wir müssen weg vom „ja – aber“ hin zu einem „und“. Das Leid der Menschen in Israel und das Leid der Menschen in Gaza ist furchtbar.
Auch die Politik des Staates Israel spielt in unserer kirchlichen und gesellschaftlichen Diskussion eine Rolle. Ich erlebe die Debatte darüber regelrecht vergiftet. Auf der einen Seite wird schnell und scharf Kritik an Israel geübt. Ich denke etwa an die Proteste an den Universitäten, in denen mit keiner Silbe das Massaker der Hamas erwähnt wird. Ebenso gibt es keinerlei Bereitschaft, die Situation des permanenten Ausnahmezustands des Staates Israels wahrnehmen, der von Feinden umgeben ist, die nur eines wollen:
4 Lena Gorelik, Kontaktanzeige, in: trotzdem sprechen. Hg. v. Lena Gorelik, Miryam Schellbach u. Mirjam Zadoff, Berlin 2024, 184ff.
5 Die folgenden Äußerungen sind zum ersten Mal in einem Interview des Evangelischen Gemeindeblatts mit mir veröffentlicht worden, vgl. https://www.evangelisches-gemeindeblatt.de/aktuelles/mitgefuehl-mit-allen-opfern.
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Seine Vernichtung. Schnell werden in der Kritik rote Linien überschritten und uralte Bilder des Judenhasses aktualisiert. Der israelbezogene Antisemitismus kommt dabei sowohl von links wie auch von rechts.
Auf der anderen Seite wird jede Form der Kritik an der Politik der israelischen Regierung pauschal als an