Das wahre Sehen besteht darin, die Augen für die heilende Gegenwart Gottes und die Schönheit der Schöpfung zu öffnen, anstatt in Schuldfragen und Gleichgültigkeit verhaftet zu bleiben.
Die Predigt interpretiert das neutestamentliche Heilungswunder des Blindgeborenen als doppeltes Sehen: die physische Heilung und das geistliche Erkennen Gottes. Der Sprecher betont, dass Jesus als Arzt auftritt und das Christentum zur aktiven Weltgestaltung und Medizin aufruft, statt nur passiver Gottergebenheit. Am Beispiel des Theologen Ulrich Wilckens wird gezeigt, wie Heilungserfahrungen zu einer neuen Dankbarkeit und theologischen Wende führen können. Gleichzeitig wird die Realität des Leidens anerkannt, das Gott nicht immer abwenden kann, aber durch Mitleid und die Hoffnung auf Ostern begleitet. Die Jünger werden kritisiert, weil sie die Schuldfrage stellen, während Jesus den Blick auf die Zukunft und die Werke Gottes lenkt. Abschließend wird die Geschichte von Joshua Bell in Washington erzählt, um zu illustrieren, wie Erwachsene die Schönheit übersehen, während Kinder sie erkennen. Der Text ruft dazu auf, die Augen für die Neuschöpfung in der alten Welt zu öffnen und dankbar zu sein.
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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»Doppelt sehend werden«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
manche Augenerkrankungen galten in der Antike durchaus als heilbar, aber nicht eine Blindheit von Geburt an. Und doch handelt Jesus hier nicht als Magier. Er rührt eine Augensalbe an aus Speichel und Dreck. Igitt! - ist da unser natürlicher Reflex. Aber dieses archaisch anmutende Prozedere war kein Voodoo-Zauber, sondern ein medizinisch anerkanntes Therapeutikum, das in der Antike zur Behandlung von Augenleiden benutzt wurde. Dem Speichel wurde Heilkraft für die Augen zugeschrieben. Jesus tritt hier also als Arzt auf, der rettet und heilt. Auch das ist ein Verdienst des Christentums, einer Religion, die von Anfang an nicht zu schicksalspassiver Gottergebenheit, sondern zu aktiver Weltgestaltung aufgerufen hat: Kranke sollen nicht nur seelsorgerlich begleitet, sondern medizinisch therapiert werden. Deshalb gibt es seit dem Mittelalter kirchliche Krankenhäuser. Die Medizin hat heute zum Glück bessere Medikamente zur Verfügung als Speichel und Lehm. Aber mit ihrem Grundimpuls, Leben zu retten, Krankheit zu heilen, steht die moderne Medizin ganz in der Tradition Jesu.
I.
Manchmal geschieht sie ja, die Rettung aus Krankheit, aus Dunkelheit und Verzweiflung. Ulrich Wilckens, ein früherer evangelischer Bischof und vor allem einer der bedeutenden Erforscher des Neuen Testaments, erkrankte mit Anfang 60 an einer der schlimmsten Krebsarten, wo die Heilungsrate immer noch ganz gering ist. Wie durch ein Wunder wurde er geheilt und ist erst vor fünf Jahren, weit über 90, gestorben. Ulrich Wilckens hat diese Erfahrung als im Wortsinn wunder-bares Eingreifen Gottes erlebt. Das hat bei ihm dazu geführt, dass er in vorgerücktem Alter eine tiefgehende geistlich-theologische Wende vollzog, die ihn in Distanz zur historisch-kritischen Bibelauslegung brachte, in der er über Jahrzehnte Großes geleistet hatte. Wie immer man so etwas dann verarbeitet, aber wenn man sie erfährt, die Rettung aus großer Not und tiefer Nacht: dann ragt die neue Schöpfung in die alte Schöpfung hinein. Dann bekommen wir das Leben neu geschenkt, und empfinden eine tiefe, elementare Dankbarkeit. David Ben Gurion hat gesagt: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Es ist und tut gut, in dieser Weise Realist zu sein.
Was aber, wenn die Rettung ausbleibt? Wenn viel darum gebetet wurde, Gott aber nicht eingreift, kein Wunder geschieht und das Dunkel bleibt? Viel mehr Menschen müssen mit dieser Erfahrung leben - und oft daran sterben. Sie erfahren die dunkle Seite Gottes. Krankheit und Behinderung können dämonische Kräfte entbinden. Menschen in Einsamkeit führen, manche auch in Verbitterung, in eine innere Unerreichbarkeit. Deshalb geht für Jesus der Kern seiner Predigt, die Ankündigung der Nähe des Gottesreiches, immer auch mit konkreter Heilung einher. Er ist ja nicht als Gottmensch in einem überirdischen Scheinleib über die Erde gewandelt, sondern hat Fleisch angenommen wie wir alle. Deshalb nimmt er unsere Leiblichkeit ernst. Aber auch Jesus hat nicht allen Menschen helfen, nicht alle Kranken heilen können. Auch deshalb musste es so sein, dass er selbst am Leiden nicht vorbeigekommen ist. Im entscheidenden Moment, in jener Nacht, die unser Altar ins sandsteinerne Bild bringt, blieb auch ihm die Rettung versagt, obwohl er inständig darum bat, dass Gott ihm dieses Leid ersparen möge. All das, wo wir durch müssen, hat Jesus selbst durchlebt. Wenn wir uns im Gottesdienst zum gekreuzigten Gott bekennen, heißt das also: Gott kennt unser Leid von innen, wir sind nicht allein, er ist ganz nah dabei, wenn wir durch die Nacht müssen. Nicht daraus rettend, aber mitleidend. Vor allem aber: mit dem Versprechen, dass die Nacht nicht endlos sein wird - so oder so. Das ist die durch Karfreitag und Ostern begründete Hoffnung.
II.
Was auffällt in dieser Geschichte: Die Jünger interessieren sich für den Blindgeborenen und sein Ergehen überhaupt nicht! Es wirkt fast verstörend, wie selbstverständlich sie Jesus nach der Ursache der Krankheit fragen, bzw. ganz unbestritten davon ausgehen, dass diese in einer Schuld liegen müsse: „Wer hat gesündigt, er selbst oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ Die erste Vermutung ist abstrus. Der Blindgeborene müsste dazu ja schon im Mutterleib gesündigt haben. Diese Vorstellung gibt es in keiner Tradition. Aber Jesus korrigiert das gar nicht. Er schiebt diese Frage einfach als überholt weg und weist auf Gott. „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden.“ In dem, was Jesus tut, tut eigentlich Gott sein heilendes Werk am Menschen. Darüber wird die Frage, woher die Blindheit rührt, unwichtig. Eine „Schuldfrage“, der sog. Tun-Ergehens-Zusammenhang, wie er für die damalige religiöse Welt charakteristisch war, interessiert Jesus nicht. Er lehnt dieses Denken ab. Jesus ist nicht auf die Vergangenheit fixiert, sondern auf Zukunft ausgerichtet. Er blickt nicht in den dunklen Raum der Kindheit, sein Blick ist nach vorne gerichtet. „Wer zurückblickt, taugt nicht für das Reich Gottes“ (Lk 9,62), sagt er an anderer Stelle. Wir sind nicht auf unsere Vergangenheit festgelegt. Wir können ein:e andere:r werden. Was für eine Freiheit!
Im weiteren Fortgang der Geschichte wird noch viel Spannendes erzählt. Von der ungläubigen Reaktion der Mitwelt auf das Geschehene, vor allem aber auch von dem schrittweisen Erkennen des Geheilten. Erst nennt er Jesus einfach einen Menschen. Später einen Propheten. Am Ende des Tages nennt er ihn den Menschensohn, den er anbetet. Der Blindgeborene ist im doppelten Sinn sehend geworden. Um ihm, aber auch in ihm ist es hell geworden.
III.
Dazu, zu diesem doppelten Sehen, eine Erinnerung. An eine Begebenheit, die sich an einem bitterkalten Januarmorgen 2007 in Washington zugetragen hat. Dort steht an der Treppe hinunter in eine U-Bahn-Station ein Mann mit einer Geige. Er trägt eine Baseball-Kappe und spielt Bach. Im morgendlichen Berufsverkehr kommen Hunderte an ihm vorbei. Es dauert ein paar Minuten, bis der erste Passant den Geiger bemerkt. Er hält kurz inne, geht dann aber hastig weiter. Kurz darauf wirft eine Frau den ersten Dollar in den Hut des Musikers, aber stehen bleibt sie auch nicht. Dann nähert sich ein vierjähriges Mädchen. Mit großen Augen fixiert es den Geiger. Die Kleine möchte stehen bleiben, aber ihre Mutter zieht sie an der Hand weiter. Das Kind schaut im Gehen zurück, will der Musik weiter zuhören. Die Mutter treibt es an. Wie das kleine Mädchen reagieren mehrere Kinder, aber jedes Mal drängen ihre Eltern zur Eile. Nur sieben Menschen bleiben vor dem Geiger stehen und hören ihm für einige Zeit zu. Etwa 20 Leute werfen ihm eine Münze in den Hut. Nach einer Dreiviertelstunde beendet er sein kleines Straßenkonzert. Es wird still. Aber keiner nimmt davon Notiz, keiner applaudiert. - Der Künstler war Joshua Bell, einer der großen Geiger unserer Zeit. Er spielte u.a. eines der schwierigsten Stücke, die es für die Violine gibt, Bachs Chaconne in d-Moll. Die Geige, die er spielte, war eine Stradivari, 3 Millionen Dollar wert. Zwei Tage vorher hatte Joshua Bell vor ausverkauftem Haus in Boston zu teuren Eintrittspreisen das gleiche Programm gegeben.
Warum ich das hier erzählt habe? Nun, die Kinder haben Joshua Bell gesehen. Sie haben ihn erkannt, auch wenn sie seinen Namen wohl noch nie gehört hatten. Sie ließen sich berühren von seiner Musik. Die Erwachsenen aber blieben blind für die Schönheit der Musik, für das Kunstwerk am ungewohnten Ort, für das Besondere des Augenblicks. Jesus will, dass wir sehen, er will uns die Augen öffnen: für die Schönheit dieser Welt, für die Neuschöpfung inmitten der alten Welt. Jesus will, dass wir uns und unsere Welt in seinem Licht sehen: dankbar für Rettung, getröstet in Krankheit und Dunkelheit, offen und der Zukunft zugewandt.
Amen.