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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

»Gottes Engel haben keine Flügel«

Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt · Frauenkirche Dresden – Kanzelworte · 2026-07-19 · Dresden · Quelle

Fürsorge · Hauptbotschaft Barmherzigkeit · tragend Gemeinschaft · tragend

Echte christliche Nächstenliebe und das Erkennen göttlicher Gegenwart erfordern die Überwindung nationaler und gruppenbezogener Grenzen durch radikale Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Unbekannten.

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben manche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Die Predigt nutzt den politischen und religiösen Werdegang von J.D. Vance als Einstieg, um die biblische 'Rangordnung der Liebe' zu hinterfragen. Der Prediger argumentiert, dass Nächstenliebe nicht auf das eigene Land oder die eigene Gruppe beschränkt sein darf, sondern durch Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Unbekannten gelebt werden muss. Am Beispiel des Hebräerbriefs und der Abrahamsgeschichte wird dargelegt, dass Engel keine physischen Flügel haben, sondern in alltäglichen Menschen stecken können. Die Predigt ruft dazu auf, offen für das Unbekannte zu sein und in jedem Menschen die Möglichkeit göttlicher Gegenwart zu erkennen. Sie verbindet theologische Auslegung mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten über Migration und Zugehörigkeit. Der Text betont, dass wahre Spiritualität in der praktischen Begegnung mit dem Nächsten liegt, nicht in esoterischen Vorstellungen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit (erschlossen)
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
praktisches Handeln am Nächsten, Werke; persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Hebr 13,2 · Gen 18 · Ps 91,11 · Gen 28,13 · Mt 18,10

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 2, künftig 1

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
»Gottes Engel haben keine Flügel« Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt -- Liebe Gemeinde, die interessanteste Erscheinung in der für uns sehr gewöhnungsbedürftigen „Trump II“-Administration ist wohl der Vizepräsident J. D. Vance. „Interessant“ meine ich ganz wertneutral. In dem Sinn, dass es sich bei diesem Vance mehr lohnt hinzuschauen, was er so sagt und schreibt, als bei seinem Chef mit dessen allnächtlichen Ergüssen in den Social media. J. D. Vance hat mehrere ziemlich grundstürzende Lebenswenden vollzogen. Politisch und kulturell - er definiert sich früher einmal als überzeugter Liberaler -, aber auch religiös. Als junger Mann ungetauft, aber stark evangelikal beeinflusst. Dann lange Zeit Atheist, der mit einer indischstämmigen Hinduistin die Ehe einging. In den letzten Jahren hat Vance dann einen Weg eingeschlagen, der schließlich zur Taufe in die katholische Kirche geführt hat. Wie übrigens immer mehr Menschen in diesem kulturell eigentlich immer noch tief vom Protestantismus geprägten Land - es gilt in den USA inzwischen als ziemlich cool, katholisch zu werden. Gerade unter Intellektuellen. I. J. D. Vance ist ein Politiker, der eine echte literarische Gabe hat. So hat er kürzlich auch über seinen Weg in die „Una Sancta“ ein ganzes Buch geschrieben. In einem Kapitel entfaltet er eine „Rangordnung der Liebe“ aus christlicher und biblischer Sicht. Unter Berufung u.a. auf den lateinischen Kirchenvater Augustinus schreibt er: „Zuerst und vor allem liebst du deine Familie. Dann liebst du deinen Nachbarn. Dann liebst du deine Gemeinde. Dann liebst du die Mitbürger in deinem Land. Erst danach kannst du dich auf den Rest der Welt fokussieren.“ Und einige Abschnitte später erklärt Vance dann die „MAGA“-Bewegung, die Donald Trump ins Präsidentenamt getragen und die USA enorm verändert hat, zu einem Musterbeispiel einer solchen biblischen Rangordnung der Liebe. Weil dort an die eigenen Leute, also die Amerikaner, eben „zuerst“ gedacht wird. Wahrscheinlich löst diese amerikanische Regierung bei den meisten unter uns keine allzu freundlichen Regungen aus. Aber ich möchte doch die einfache Frage in den Raum stellen: Wenn wir ehrlich in uns selbst reinhören - sehen wir das denn so anders mit der „Rangordnung der Liebe“? Nächstenliebe geht vor Fernstenliebe: das denken wir doch eigentlich auch und leben so. Und dass vor 11 Jahren, als die vielen Geflüchteten hierher kamen, die anfangs so zugewandte Stimmung irgendwann kippte - das waren ja nicht (nur) einfach dumpfe Ressentiments, sondern das hatte etwas mit dem tiefsitzenden Gefühl zu tun, dass zu viele Ferne zu Lasten der Nahen die Fürsorge der Regierenden erhielten. Die Bibel, auf die J. D. Vance (da ist er als Katholik dann doch protestantisch geblieben) sich so gerne beruft, erspart uns aber nicht, auf die Sache mit dem Vorrang der Nächsten- vor der Fernstenliebe einen genaueren Blick zu werfen - indem sie uns die Frage stellt, ob das denn überhaupt so alternativ gesehen werden kann. Das berühmte Gleichnis Jesu vom Barmherzigen Samariter kann Vance jedenfalls nicht vor Augen gehabt haben. Die beiden Geistlichen, die den verwundeten Fremden buchstäblich links liegen lassen, weil sie pünktlich zu ihren Gemeinden zum Gottesdienst müssen, praktizieren ja genau die Vance’sche Rangordnung der Liebe. Aber sie werden gerade nicht als Vorbilder herausgestellt. II. Und auch den vorhin gehörten Predigttext aus dem Hebräerbrief kennt J. D. Vance wohl eher nicht. „Manche haben ohne ihr Wissen Engel beherbergt“. Engel, das sind diese geheimnisvollen und viele faszinierenden himmlisch-irdischen Zwitterwesen, die einen besonders exklusiven Draht zu Gott und die ehrenvolle Funktion von Sonderbotschaftern innehaben, um in seinem Auftrag überall und jederzeit einzugreifen und verfahrene irdische Situationen glücklich aufzulösen. Bei den vielen Engelsgeschichten in der Bibel fällt immer wieder auf: Engel sind freie, souveräne Wesen. Sie lassen sich nicht festhalten, nicht für unsere Bedürfnisse vereinnahmen. Sie kommen meistens auf leisen Sohlen, unerwartet, erfüllen ihren Auftrag - und sind dann auch flugs wieder weg. Und, deshalb mag ich diesen Engel-Satz aus unserem Text „Manche haben ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ ganz besonders: Oft merken die, denen sie geholfen haben, erst im Nachhinein, dass sie es da mit einem Engel zu tun hatten. Engel können unscheinbar, ja verwechselbar sein. Sie können wie ganz normale Menschen daherkommen. Den Boten des Heiligen sieht man die Heiligkeit nicht unbedingt an. Wir dürfen uns die Engel also nicht so vorstellen, wie sie die „christliche Kunst“ gerne dargestellt und womit sie so einiges verbrochen hat – also mit weißem Kleid, pausbäckig-kindlichen Gesichtszügen und goldenen Flügeln. „Gottes Engel haben keine Flügel“: unter diesem schönen Titel hat ein Theologe eine Lehre von den Engeln geschrieben. Er meinte damit: Gottes Engel können ein ganz alltägliches, menschliches Gesicht haben. Wenn uns jemand aus einer vertrackten Lage rausgeholfen hat, platzt es ja manchmal aus uns heraus: „Du bist ein Engel!“ Dieses Wording trifft die Sache geistlich ganz genau! Wer also die Engel nicht verpassen will, braucht einen offenen Blick und ein offenes Haus. Und die Bereitschaft, Unbekannte aufzunehmen. Der Hebräerbrief ist voll von gesamtbiblischen Bezügen und Rückverweisen ins Alte Testament. Die Aufforderung unseres Textes, gastfrei zu sein, um den Besuch der Engel nicht zu versäumen, ist eine für seine damaligen Leser unüberhörbare Anspielung auf das biblische Urbild eines solchen Besuchs. Davon berichtet gleich das erste Bibelbuch, die Genesis. Der Urvater des Glaubens, Abraham, sitzt in der Hitze des Tages im Hain Mamre vor seinem Zelt und dämmert vor sich hin. Als er in dieser Siesta seine Augen öffnet, sieht er plötzlich drei Männer, die sich nähern. Da wird Abraham hellwach, läuft ihnen von der Tür entgegen, verneigt sich vor ihnen und unternimmt alles, was einen richtigen Gastgeber ausmacht. Er lässt Wasser bringen, um den Gästen die Füße zu waschen, und unter dem Schatten der Bäume wird ihnen Brot gereicht. Und während Abrahams Ehefrau Sara im Zelt so schnell wie möglich ein festliches Mahl vorbereitet, hört sie Gott durch die Männer ankündigen, übers Jahr werde sie, die schon 90jährige, kinderlos Gebliebene, einen Sohn bekommen. Und Sara lacht. Durch diesen Sohn Isaak aber wird Israel zu Gottes Bundesvolk, an dem Gottes Segen sichtbar werden soll. Und als Abraham später die Gäste beim Aufbruch begleitet, hört er aus ihrem Mund Gottes Urteil über Sodom und Gomorra, ein Urteil, das Abraham auch durch sein Ringen mit Gott um die Menschen dort nicht mehr verändern kann. Segen und Fluch, Gnade und Gericht begegnen Abraham in den drei Männern, in denen er Gottes Stimme erkennt. Denn eben das sind Engel: Botschafter der Gegenwart Gottes. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben manche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ III. Es gab eine Zeit, so vor 50 Jahren, da war es um die Engel still geworden. Man nahm sie hin als Ornamente in den Kirchen, zumindest soweit diese ein bisschen barock sind. Vertreiben ließen sie sich nicht, vor allem nicht aus der Weihnachtsfolklore. Um ihnen trotzdem jede mögliche Wirkung zu nehmen, nannte ein übereifriger Politfunktionär in der DDR sie „geflügelte Jahresendfiguren“, Vielleicht war der Mann sogar etwas stolz auf diese skurrile Wortschöpfung, die in der Bevölkerung allgemein Erheiterung auslöste. Aber sogar einer der berühmtesten Theologen des letzten Jahrhunderts, der große Erforscher des Neuen Testaments Rudolf Bultmann, behauptete programmatisch, wer Radio höre und einen Rasierapparat benutze, könne unmöglich an Engel glauben. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger! Und so sind auch die Engel längst wieder da, haben sich wieder in unsere Welt eingeschlichen. Es ging mit ihnen wie mit manchen Tierarten, die irgendwann auf der Liste der gefährdeten Arten erschienen waren, sogar als ausgerottet galten, und auf einmal entdeckte man sie wieder. So ähnlich wie mit Biber oder Wolf ist es auch mit den Engeln. Leise, aber unaufhaltsam kehrten sie zurück, vor allem nach 1989. Im Fühlen und Sehnen der Herzen haben sie sich wieder ihren Lebensraum erobert. Unsere Sehnsucht nach Orientierung und Bewahrung in einer Welt, in der so viele Sicherheiten weggebrochen sind, ist ihr Revier. Deshalb sind unter allen Engeln die Schutzengel am beliebtesten. Und deshalb nimmt seit vielen Jahren auf der Hitliste der Bibelworte, die Eltern für ihr Kind als Taufspruch auswählen, der Vers aus Psalm 91 unangefochten den Spitzenplatz ein: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie sich behüten auf all deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest“ (Ps 91,11). Musikliebenden sicherlich im Ohr durch Mendelssohns wunderbare Vertonung in seinem „Elias“. In relativ wenigen Jahren sind in Deutschland über 200 Bücher zu diesem Thema erschienen. Und in der Werbung sind sie sowieso omnipräsent. Was sollen wir, soweit wir Christen sind, von dieser Engelkonjunktur halten? Ist das so eine Art spirituelle Wellness, Religion light? Oder steckt darin ein ernstzunehmender Kern? Dieser Frage kann man nicht ausweichen - in einem Kirchenraum mit 72 Engeln schon gar nicht. Die Bibel, liebe Gemeinde, ist da jedenfalls eindeutig: Engel ernst zu nehmen, an ihr Dasein zu glauben und mit ihrem Wirken zu rechnen, das ist kein religiöser Kitsch. Sondern ein Ernstnehmen der Menschenfreundlichkeit Gottes. Ohne himmlische Boten und Dolmetscher, die die Botschaft von Gottes Gnade erden, sie für uns fassbar und bekömmlich machen, würde uns diese Botschaft vielleicht gar nicht erreichen. Ohne den Besuch der drei Männer hätten Abraham und Sara von dem späten Elternsegen nichts erfahren. Ohne die himmlischen Interpreten in Worten und Klängen wäre die Geburt eines unehelichen Kindes in Bethlehem vor 2026 Jahren ohne große Resonanz geblieben. Ohne die Boten der unglaublichen Nachricht vom Sieg des Lebens über den Tod hätten die Frauen am Ostermorgen auf dem Friedhof das leere Grab nicht deuten können. Ohne die Zeugen für Gottes Gegenwart hätten die Apostel die Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes nicht am eigenen Leib erfahren - wie Petrus, dem ein Engel den Weg aus dem Gefängnis öffnet. In all diesen Fällen sind die Engel Interpreten, Boten, Wegweiser. Sie sind Einweiser in das Mögliche, Anwälte dafür, dass mehr möglich ist. Und sie verbinden Himmel und Erde - wie jene Engel, die Jakob im Traum erscheinen und auf einer Himmelsleiter auf und ab steigen. Deren einzige Bedeutung ist es, auf Gott selbst hinzuweisen, der am obersten Ende der Himmelsleiter steht und sagt: „Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott“ (Gen 28,13). IV. „Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“ So beten viele Evangelische zu Tagesbeginn mit Martin Luthers Morgensegen. Wir kennen in der evangelischen Kirche kein direktes Gebet an die Engel, sondern wir bitten Gott um Begleitung durch seine Engel. Wir vertrauen darauf, dass sie unsere Anwälte bei Gott, und Gottes Anwälte bei uns sind. Davon, dass gerade Kinder ihre Fürsprecher und Schutzengel haben, spricht übrigens schon Jesus selbst: „Seht zu, dass ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel“ (Mt 18,10). Ein kleiner Bronzeengel erinnert mich an diese größere Wirklichkeit. In meinem Studierzimmer daheim liegt er auf dem Schreibtisch. Oft liegt ein Brief oder eine Adresse unter ihm: Menschen, denen ich einen Gruß schicken, die ich ins Gebet nehmen will. So wie auf Gott weist mich der Engel auch auf den Nächsten, auf Menschen, die mir nahe sind oder denen ich nahekommen sollte. Engel sind immer auch Brückenbauer. Dazu abschließend eine persönliche Erinnerung. An den Herbst 2015: eine Zeit, die Deutschland verändert, auch aufgewühlt hat und inzwischen leider für viele Menschen zu einem, wie man neudeutsch sagt, „Triggerpunkt“ geworden ist. Jene Zeit, als die Regierung die Grenzen öffnete für die nach Ungarn geflüchteten und dort festsitzenden Menschen, vor allem aus Syrien. Wir lebten damals in Freiburg. Als dann mehrere Tausend Geflüchtete auch dorthin kamen, entschlossen wir uns, einen von ihnen zu uns zu nehmen. Das war überhaupt keine moralische Großtat. Erstens war unsere Wohnung nach dem Auszug der beiden älteren Töchter viel zu groß; und zweitens war die zunächst so breite Welle der Hilfsbereitschaft in Freiburg besonders stark. Der „Spiegel“ notierte damals beeindruckt: „In keiner deutschen Stadt ist die Relation zwischen der Zahl der Flüchtlingshelfer und der Zahl der Geflüchteten so günstig wie in Freiburg, nämlich 4:1“ So kam Yusuf zu uns. 22 Jahre, ganz allein losgezogen aus der Hölle des von Putin dem Erdboden gleich gebombten Aleppo. Er hatte dort Mathematik studiert, konnte kein Deutsch, aber ziemlich gut Englisch, so dass wir sofort gut kommunizieren konnten. Am Ende blieb er viel länger als zunächst von uns wie vom ihm gedacht, fast zwei Jahre. Er setzte sofort seinen Ehrgeiz darein, Deutsch zu lernen, in Kursen an der Uni und by doing natürlich bei uns. Nach einem Jahr konnte er sein Studium in Freiburg fortsetzen, irgendwann lernte er eine Kommilitonin kennen und lieben, und heute ist er ein wichtiger Mitarbeiter in einer IT-Firma. Vor allem aber: Er hat unserer in Mathe notorisch schwächelnden Tochter, der wir aufgrund desselben Defizits nicht helfen konnten, Tag für Tag geholfen, bis sie zum ersten Mal in Mathe eine 2 im Zeugnis stehen hatte. Und uns, meiner Frau und mir, hat er - vom Essen bis zur Literatur - den Reichtum syrischer Kultur erschlossen, von der wir sonst nie etwas erfahren hätten. Erst spät erfuhren wir, dass sein Name - Yusuf - die Bedeutung hat: „Gott fügt hinzu“. Wie stimmig: denn in ihm wurde unserem Leben damals wirklich etwas sehr Schönes und Gutes zugefügt. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Vielleicht entdeckt J.D. Vance ja auch einmal so ganz unverhofft einen Engel, wo er ihn nie erwartet hätte. Und denkt über seine „Rangordnung der Liebe“ noch einmal nach. Amen.