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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

»Seid auf allen gegenüber auf das Gute bedacht«

Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt · Frauenkirche Dresden – Kanzelworte · 2026-06-28 · Dresden · Quelle

Umkehr · Hauptbotschaft Fürsorge · tragend Gemeinschaft · tragend

Das biblische Gebot, auf das Gute bedacht zu sein, ist kein abstraktes Ideal, sondern wird wirksam, wenn es in konkrete, alltägliche Gesten der Zuwendung, des Friedens und der Fürsorge gegenüber dem Nächsten übersetzt wird.

Seid auf das Gute bedacht allen Menschen gegenüber. Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht, haltet mit allen Menschen Frieden.

Die Predigt erzählt die Geschichte von Justus Steinmüller, einem in Routine und Resignation verhafteten Mann, der am Silvesterabend zufällig einen Bibelabsatz liest. Dieser Text löst bei ihm eine innere Umkehr aus, die sich in konkreten, kleinen Gesten der Zuwendung gegenüber seiner Frau, seinen Nachbarn, seinen Kindern und Kollegen manifestiert. Der Text illustriert, wie das biblische Gebot, auf das Gute bedacht zu sein, alltäglich gelebt werden kann. Es wird gezeigt, wie das Brechen von Isolation und das aktive Handeln die eigene Lebensqualität und die Beziehungen zu anderen verbessern. Die Erzählung dient als exemplarische Auslegung des Epheserbriefs, der im Text zitiert wird. Der Fokus liegt auf der praktischen Umsetzung christlicher Werte im modernen Alltag. Es wird keine theologische Abhandlung geliefert, sondern eine narrative Veranschaulichung. Die Botschaft ist, dass kleine Schritte der Liebe und des Friedens das Leben verwandeln können.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung; Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
praktisches Handeln am Nächsten, Werke; innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung
Was ist der Mensch nach diesem Text?
selbstbestimmt, Urheber seines Handelns
Wohin geht die Geschichte?
es wird besser, Entwicklung zum Guten
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

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nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Röm 12,9-21

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
2 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 1, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
»Seid auf allen gegenüber auf das Gute bedacht« Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt -- Liebe Gemeinde, „wie schnell das Jahr doch schon wieder vergangen ist“, murmelte Justus Steinmüller, als er die Sektflasche in den Kühlschrank stellte. Es klang halb resigniert, halb erleichtert. Die Vorbereitungen für den Silvesterabend gingen ihm routiniert von der Hand. Der Ablauf war über die Jahre quasi zum liturgischen Ritual geworden: Same procedure as every year. Gegen 19 Uhr zog er sich den Anzug an, und seine Frau ein hübsches Kleid. Dann machten sie es sich vor dem Fernseher bequem. Miss Sophie und Butler James. Danach wie immer die Tagesschau, und nach der Neujahrsansprache des Kanzlers, in der es wie immer und wie bei allen Kanzlern um ernste Herausforderungen, aber noch mehr um Mut und Zuversicht ging, bereitete seine Frau in der Küche das Abendessen zu. Es gab Heringssalat, wie immer. Dann schalteten sie den Fernseher wieder an und sahen eine Silvestershow. Während Justus nicht allzu konzentriert die Show verfolgte, breitete sich ein Gefühl von Zufriedenheit in ihm aus. Das tat ihm gut, denn eigentlich war er einer, für den das Glas eher halbleer als halbvoll war. Das Häuschen war abbezahlt. Seine Frau war pflegeleicht, machte nie Scherereien. Die Kinder waren ganz gut geraten. Der Sohn war als Jugendlicher ein Sorgenkind gewesen, aber nun doch ganz gut gesettelt. Sie hörten nicht oft von ihm. Justus Steinmüller pflegte zu sagen, das sei kein schlechtes Zeichen. Die Tochter wohnte 600 Kilometer weg. Sie hatte Mann und Kinder und einen Beruf als Lehrerin, der ihr Freude machte. Justus grübelte, wann sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Um Pfingsten herum musste das gewesen sein. Die Mädchen waren wieder ein ganzes Stück größer geworden. Manchmal spürte er eine leise Wehmut, wie wenig er vom Aufwachsen seiner Enkelkinder mitbekam. Aber was sollte man machen, sie lebten ihr eigenes Leben. Justus Steinmüller hatte seinen Beruf und sein Hobby: jeden Freitagabend traf er sich mit drei Kollegen in der Eckkneipe zum Doppelkopf. - Kurz vor Mitternacht öffnete Justus die Sektflasche. Seine Frau und er warteten, dass der Countdown ihnen das Startzeichen zum Zuprosten gab. Die Nachbarn rechts, die Schulzes, hatten schon angefangen zu böllern. Typisch, machten sie doch auch sonst eine Menge Lärm, weshalb Justus Steinmüller schon lange nicht mehr mit ihnen sprach. Prosit Neujahr, schrie ein enthusiasmierter Showmaster im Fernsehen. Justus prostete seiner Frau zu. „Gutes Neues“, murmelten sie. „Dass nur die Kinder gesund bleiben“, sagte seine Frau dann noch. Justus Steinmüller hätte auch einen Neujahrswunsch anbringen können. Aber es fiel ihm nichts ein. In zwei Jahren würde er in Rente gehen. Er hatte es bei der Sparkasse bis zum Abteilungsleiter gebracht. Frau schien es nicht zu stören, dass er nichts sagte. Sie gingen auf die Terrasse und schauten sich den Raketenregen an. Dann ging seine Frau ins Bett. Justus Steinmüller schaute noch ein bisschen aus dem Fenster und beschloss, das neue Jahr mit einem Glas Wein zu begrüßen anstelle des zu süßen Sekts. Er ging in den Keller und wählte ein gutes Fläschchen aus, fand aber den Korkenzieher nicht. Seine Frau musste ihn wieder irgendwohin verlegt haben. Aber ganz oben im Wohnzimmerschrank hatten sie noch einen Korkenzieher, einen versilberten, den ein Freund ihnen zur Hochzeit geschenkt hatte und der für einen besonderen Anlass aufgehoben wurde, der in den letzten 40 Jahren aber nie gekommen war. Justus Steinmüller zog sich einen Stuhl heran, um hinten im Schrank zu kramen. Er kam etwas ins Schwanken, seine Hände fuchtelten umher auf der Suche nach Halt. Dabei fegte er ein paar Bücher auf den Boden. Dann fand er den Korkenzieher original verpackt ganz hinten und stieg vorsichtig vom Stuhl ab. Die Bücher lagen aufgeschlagen auf dem Teppich. Justus Steinmüller glättete die Seiten von Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“ und einem Bildband über die Dolomiten. Dann nahm er die Familienbibel in die Hand, die sie noch von ihrer Hochzeit hatten. Ein paar Seiten waren auch in ihr umgeknickt. Justus tat sein Bestes, die dünnen Seiten glattzustreichen. Dann fingen seine Augen ganz von selbst an, die Wörter zu lesen. Er las: „Die Liebe sei ungeheuchelt. Verabscheut das Böse, hanget dem Guten an, seid einander herzlich zugetan, in der Ehrerbietung kommt einander zuvor. In der Einsatzbereitschaft werdet nicht lässig, seid vom Geist entfacht, dem Herrn zum Dienst bereit. Freut euch in der Hoffnung, haltet stand in Bedrängnis, seid beharrlich im Gebet. Wo die Heiligen in Not sind, teilt mit ihnen. Setzt alles darein, Gastfreundschaft zu üben. Segnet eure Verfolger; segnet und verfluchet sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Trachtet nach Einmütigkeit untereinander. Nicht nach dem Hohen trachtet, sondern lasst euch auch für die niedrigen Dienste in Anspruch nehmen. Haltet euch nicht selbst für klug! Niemandem gebt Böses für Böses zurück. Seid auf das Gute bedacht allen Menschen gegenüber. Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht, haltet mit allen Menschen Frieden.“ Justus Steinmüller setzte sich in den Sessel, entkorkte endlich den Wein, las den Abschnitt noch einmal und trank ein Glas und dann noch eins, während er den letzten Raketen vor dem Fenster nachsah. Dann ging er ins Bett. Er schlief tief und traumlos. Als er am Morgen erwachte, war Sigrid schon auf. Justus Steinmüller öffnete das Fenster, im Nachbargarten sah er Herrn Schulze, der Reste der nächtlichen Silvesterraketen aus den Büschen fischte. Als Justus Steinmüller ans Fenster trat, sah Nachbar Schulze auf. „Guten Morgen“, rutschte es Justus Steinmüller heraus. Nachbar Schulze, der seit Jahren keinen Morgengruß von Justus gehört hatte, starrte ihn verdattert an. Dann brachte auch er ein „Guten Morgen“ heraus. Nachbarin Schulze kam zwischen den Büschen hervor und fügte ein „Gute Gesundheit fürs neue Jahr“ an, was Justus Steinmüller freundlich erwiderte. Er ließ das Fenster weit offen stehen und hatte plötzlich richtig gute Laune. Und wunderte sich darüber. Als er hinunterkam, saß Sigrid schon am Frühstückstisch und schaute, eine Tasse Kaffee in der Hand, gedankenverloren in den winterkahlen Garten hinaus. Justus setzte sich zu ihr, seine Hand wollte schon nach der Zeitung greifen, damit er wie jeden Morgen die Aktienkurse studieren konnte, aber dann zog er die Hand zurück und fragte stattdessen seine Frau, wie sie geschlafen habe. Erstaunt wanderten ihre Augenbrauen nach oben, dann gab sie Antwort. Dann erkundigte sich Justus Steinmüller, was sie denn heute Schönes tun könnten. Sigrids Augenbrauen verschwanden nun ganz unter dem blondgefärbten Pony. Wir könnten am Kanal spazieren gehen, schlug Justus vor. Aber…, sagte Sigrid, da waren wir ja, seit die Kinder groß sind, nicht mehr. Justus nickte und fügte etwas onkelhaft an, es sei ja nie zu spät, alte Gewohnheiten wieder aufzunehmen und nickte seiner Frau aufmunternd zu. Nachdem sie im Fernsehen das Neujahrskonzert angehört hatten, gingen sie an den Kanal. Justus packte eine kleine Flasche Piccolo ein, die ihm vor Monaten eine dankbare Kundin geschenkt, und die neue Kamera, den ihm Sigrid zu Weihnachten überreicht hatte. Auf dem Weg am Kanal tranken sie den Sekt und wurden richtig fröhlich. Mit viel Gekicher fand Justus Steinmüller den Selbstauslöser an der Kamera und sie machten ein paar Bilder von sich, wie sie einander mit Sekt zuprosteten. Zu Hause angekommen setzte sich Justus Steinmüller an seinen Laptop; er schickte die Fotos mit Neujahrsgrüßen an seine Tochter. Spontan schrieb er auch eine Mail an seine Enkelinnen und lud sie für die Faschingsferien ein: Sie würden dann zusammen ins Planetarium und in den Zoo gehen und mit der Oma könnten sie in der Stadt bummeln. Hoch zufrieden mit seiner Idee rief Justus Steinmüller auch noch seinen Sohn an. Er telefonierte eine halbe Stunde mit ihm, ohne vielsagende Bemerkungen über dessen Ehrgeiz bzw. den Mangel an demselben zu machen. Am nächsten Morgen ging Justus Steinmüller wieder in die Sparkasse. Ihm war es immer wichtig, dass er der erste war. In den ersten Stunden arbeitete er das wenige weg, das auf seinem Schreibtisch lag. Es war ruhig gewesen zwischen den Jahren. Um 10 Uhr kam der Azubi; das beunruhigte ihn. Vor Weihnachten hatte dem jungen Mann die Auflösung des Ausbildungsvertrages nahegelegt. Nicht, dass der Junge nicht begabt gewesen wäre, aber er war schon mehrmals zu spät gekommen und die Schulung im November hatte er auch geschwänzt - alles Dinge, die Justus Steinmüller nicht akzeptieren konnte. Er kannte den Jungen, seine Mutter wohnte mit ihm zwei Straßen weiter. Sie hatte es nicht leicht gehabt, nachdem der Mann sie verlassen hatte, als das Kind noch klein war. Als der junge Mann dann blass und schmal vor ihm saß, begann Justus Steinmüller mit der kleinen Rede, die er sich zurechtgelegt hatte. Er wollte sie in den Vorschlag münden lassen, dass der Junge ging und sich etwas anderes suchte. Aber dann unterbrach er sich plötzlich und verlor völlig den Faden, als er dem Jungen in die Augen sah. „Also, wir machen es so“, hörte er sich sagen, „wir fangen noch mal von vorne an. Du kannst doch was. Mensch, Du gibst Dir Mühe, das wird dann schon, und ab jetzt kommst Du jeden Montagmorgen um zehn in mein Büro, klar? Und dann will ich hören, was Du gerade machst.“ Dem Jungen stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Sprachlos nickte er und sah froher aus, als er ging. Justus Steinmüller blickte ihm nach. Aus dem wird schon was, dachte er bei sich. Plötzlich gutgelaunt beschloss er, sich einen Kaffee zu holen. Um den Kaffeeautomat hatte sich ein kleines Grüppchen versammelt, offenbar eine spontane kleine Pause zwischendurch, was Justus Steinmüller immer missbilligt hatte. Nun stellte er sich dazu und hörte, was die anderen von ihren Weihnachts- und Jahreswechselerlebnissen erzählten. Er unterschrieb auch die Genesungskarte für Frau Liebscher, die schon seit drei Wochen fehlte, und endlich erfuhr er, was sie eigentlich hatte. Er bot sich an, ihr nach der Arbeit die Karte ins Krankenhaus zu bringen. Auf dem Weg kaufte er noch ein kleines Sträußchen dazu, obwohl das schon was kostete, jetzt mitten im Winter. Justus Steinmüller fand Krankenhäuser furchtbar. Er hatte Mühe, die Beklemmung niederzukämpfen, als er das Krankenhaus betrat. Frau Liebscher lehnte blass in ihrem Kissen, aber es war spürbar, wie sie sich freute, über die Karte, die Blumen und wohl auch über Justus Steinmüller. Er blieb eine Viertelstunde und unterhielt sie mit dem Sparkassen-Tratsch, den er in der Kaffeerunde am Morgen aufgeschnappt hatte. Die aufmunternden Worte, die er am Schluss etwas verlegen herausbrachte, kamen ihm eher kläglich vor, aber Frau Liebscher verabschiedete ihn wie einen alten Freund. Als sie eine Woche später zur weiteren Genesung nach Hause entlassen wurde, war es Justus Steinmüller, der sie mit dem Auto abholte. Seine Frau hatte er dazu gebracht, den Kühlschrank in Frau Liebschers Wohnung mit allerlei Nahrhaftem zu füllen, so dass diese in den ersten Tagen nichts kochen musste. Bald schaute sie aus eigenem Antrieb jeden zweiten Tag bei Frau Liebscher vorbei und machte notwendige Besorgungen. In den Faschingsferien kamen Emma und Antonia, die Enkelinnen. Es war anstrengend mit ihnen für Sigrid und Justus, aber auch beglückend. Sie übertrafen sich jeden Tag damit, den Enkelinnen ein Programm zu bieten. Justus Steinmüller hatte eigens ein paar Tage seines Resturlaubs geopfert, statt ihn wie die Jahre zuvor verfallen zu lassen. Emma und Antonia versprachen - oder drohten, wie man es nahm -, in den Pfingstferien wieder zu kommen. Sie waren schon ein paar Tage weg, als Justus Steinmüller in der Zeitung las, wie überlastet die Schuldnerberatung im Diakonischen Werk doch war. Also davon verstand er doch wirklich was. Am nächsten Tag rief er dort an und bot an, ein paar Stunden in der Woche mitzuhelfen. Die Leiterin Frau Morsch erbat sich Bedenkzeit - so etwas hatten sie noch nie versucht. Aber bald war klar, dass Justus Steinmüller jeden Freitagnachmittag Ratsuchenden in der Schuldnerberatung sein Ohr und sein Wissen leihen würde. Um 18 Uhr würde er fertig sein, das reichte für die Doppelkopfrunde. Freitagabend kam Justus Steinmüller nun immer sehr müde nach Hause, manchmal auch bedrückt von der Not, in der manche Familien steckten, aber auch froh, weil er etwas tun konnte. Sigrid Steinmüller kam manchmal aus dem Staunen nicht mehr heraus, sie kannte sich nicht mehr aus bei ihrem Mann - und das mit der Bibel in der Silvesternacht hatte sie ja nicht mitbekommen. Justus hatte es ihr nicht erzählt. Er war eben nie ein großer Redner. Aber bei der Doppelkopfrunde erzählte er nun hin und wieder doch ein bisschen von der Schuldnerberatung und warum er dort mithalf, erzählte von seinen Gedanken und Vorhaben und fragte, wie die anderen dazu denken. - Das ist die Geschichte von Justus Steinmüller. Oder auch unsere? Amen.