Die Württembergische Landeskirche steht vor einer tiefen Verunsicherung durch demografischen und finanziellen Rückgang sowie gesellschaftliche Krisen, die eine Haltungsänderung hin zu mehr Fehlerfreundlichkeit, ökumenischer Verbundenheit und klaren Weichenstellungen erfordert.
Der Text ist der erste Bischofsbericht von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl vor der Württembergischen Landessynode 2023. Er beschreibt persönliche Eindrücke aus Antrittsbesuchen bei Kirchen, Politik und Zivilgesellschaft und betont die Wertschätzung, die der Kirche noch entgegengebracht wird. Gohl benennt eine tiefe Verunsicherung in der Kirche, die er auf rückläufige Mitgliederzahlen, sinkende Kirchensteuererträge und eine kritische öffentliche Stimmung zurückführt. Er fordert eine Haltungsänderung hin zu mehr Fehlerfreundlichkeit und Experimentierfreude. Die ökumenische Verbundenheit in Europa wird am Beispiel Georgien und eines gemeinsamen Friedensgebets für die Ukraine hervorgehoben. Der Bericht skizziert die finanzielle Lage der Landeskirche mit real sinkender Kirchensteuerkaufkraft bis 2027. Er beschreibt gesellschaftliche Großkrisen wie Krieg, Klimawandel und Inflation als Herausforderungen für Kirche und Theologie. Abschließend wird auf Überlastung im Pfarrdienst und die Notwendigkeit grundlegender Weichenstellungen hingewiesen.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Bischofsbericht 2023 Gehalten vor der 16. Württembergischen Evangelischen Landessynode am 24. März 2023 von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Frau Präsidentin, hohe Synode!
Nach den ersten Monaten im Amt freue ich mich, Ihnen und Euch heute meinen ersten Bischofsbericht vortragen zu können. In diesem Bericht möchte ich die Herausforderungen beschreiben, vor denen unsere Landeskirche gegenwärtig steht und davon berichten, wie wir als Kirche darauf reagieren. Ich danke den Mitgliedern des Kollegiums des Oberkirchenrats für die gute Zusammenarbeit und die Hinweise im Vorfeld des Berichts. Bevor ich auf die gegenwärtigen Herausforderungen eingehe, beginne ich mit vier persönlichen Erfahrungen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe.
1. Neu im Amt 1.1. Erstes Schlaglicht: Kirche macht neugierig Meine ersten Wochen im Amt waren von zahlreichen Antrittsbesuchen geprägt. Die Besuche und Kontaktgespräche mit anderen leitenden Geistlichen waren herzlich und von großer Kollegialität geprägt.
Sie haben mir bewusst gemacht, wie wichtig der Austausch und die Kooperation mit anderen Landeskirchen ist – auch jenseits von den EKD-Kontakten.
Eindrücklich waren für mich auch die Besuche bei Ministerpräsident Kretschmann, Landtagspräsidentin Arras, Innenminister Strobel und vor wenigen Tagen gemeinsam mit Lande sbischöfin Heike Springhart bei Kultusministerin Schopper. Ich war positiv überrascht, wie viel Wertschätzung und Interesse Kirchenvertretern noch immer entgegengebracht wird.
2
Bei einem Treffen der Kollegien aus Baden und Württemberg mit einer Landtagsfra ktion wurde andererseits deutlich, wie groß bisweilen die Unkenntnis politischer Mandatsträger über die kirchlichen Positionen zu strittigen gesellschaftspolitischen Themen sind. Die zahlreichen Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern aus Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst waren für mich anregend und haben meinen Horizont erweitert. Ganz oft habe ich dabei gespürt, wie viel die Menschen noch immer von uns als Kirche erwarten. Kirche macht neugierig.
1.2. Zweites Schlaglicht: Der Oberkirchenrat ist anders Wer sich in unserer Landeskirche engagiert oder Verantwortung trägt, macht Erfahrungen mit dem Oberkirchenrat (OKR). So ging es mir in meiner Zeit als Pfarrer in Böblingen und Plochingen, als Dekan in Ulm und als Landessynodaler auch. Erfahrungen schaffen Bilder.
Jetzt ist das Interim am Rotebühlplatz mein häufigster Arbeitsplatz und ich habe den OKR in den vergangenen Monaten neu kennen gelernt. Ich habe durchgehend sehr engagierte, motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeit er erlebt, die sich ganz bewusst für unsere Kirche als Arbeitgeberin entschieden haben. Und mir wurde deutlich, wie viel Veränderungsdruck auch im OKR spürbar ist: Der Umzug ins Interim. Neue Bürokonzeption im Neubau. Ein weiterer Digitalisierungsschub und auch im OKR gilt es, mehr Arbeit mit weniger Personalstellen zu bewältigen. Mir ist wichtig, dass diese gestiegenen Belastungen auch außerhalb des OKR wahrgenommen werden.
1.3. Drittes Schlaglicht: Ehrenamtliche gestalten Kirche Bei vielen Besuchen in u nseren Gemeinden sind mir hochengagierte Ehrenamtliche begegnet. Sie gestalten Kirche und leisten für unsere Kirche einen unschätzbaren Beitrag an unterschiedlichsten Orten – oft ganz im Stillen und ohne große Würdigung. Ich denke an die Frauen und Männer in den Vesperkirchen, in der Flüchtlingshilfe, in den Besuchsdienstkreisen, den Chören, in den KGRs und anderen kirchlichen Gremien – nicht zuletzt auch an Sie und Euch in der Landessynode. Vielen Dank für allen Einsatz!
1.4. Viertes Schlaglicht: Macht Fehler!
In vielen Gesprächen mit Mitarbeitenden im Haupt- und Ehrenamt wurde mir bewusst, dass wir in unserer Kirche zum Teil sehr hohe Erwartungen haben – an uns selbst und an andere. Manchmal werden diese Erwartungen direkt ausgesprochen, oft aber stehen s ie unausgesprochen im Raum. Dieser hohe Erwartungsdruck bindet Kräfte und fördert letztlich den Stillstand. Aus lauter Sorge, dem Anspruch nicht
3
zu genügen oder gar etwas falsch zu machen, macht man lieber nichts. Diese Haltung begegnet mir immer wieder. Mir ist wichtig, dass wir uns da miteinander weiterentwickeln: Weg von der Angst Fehler zu machen. Hin zu mehr Fehlerfreundlichkeit und zu mehr Experimentierfreude. Schon lange gibt es in unserer Landeskirche sog. Erprobungsräume. Lasst uns diese nutzen! U nd lasst uns uns auch ehrlich eingestehen, wenn ein Projekt oder eine Idee weniger überzeugend ist als ursprünglich erhofft. Das ist nicht schlimm. Wir brauchen diese Haltungsänderung. Und da schließe ich mich selbst ganz bewusst mit ein. Ich will zum Ausp robieren ermutigen und Ideen fördern, wohl wissend, dass ich auch einmal eine falsche Entscheidung treffe. Wir sind Menschen und nicht Gott. Aber die Gefahr, einen Fehler zu machen, ist besser, als Entscheidungen aufzuschieben oder aus Angst vor Fehlern einfach am Alten festzuhalten.
1.5. Ökumenische Verbundenheit in Europa stärken Im Januar führte mich meine erste Auslandsreise zu unserer Partnerkirche nach Georgien. Anlass war die Einsetzung von Rolf Bareis als Bischof der Evangelisch -Lutherischen Kirche in Georgien und dem Südlichen Kaukasus. Im 19. Jahrhundert von pietistischen Familien aus Württemberg gegründet, umfasst unsere georgische Partnerkirche heute rund 550 Gemeindeglieder in sieben Gemeinden. Von dieser Reise habe ich vor allem zwei Eindrücke mitgebracht: Zum einen, wie stark eine zahlenmäßig kleine Kirche in die Gesellschaft hineinwirken kann – durch ein klares evangelisches Profil und eine diakonische Ausrichtung. Unsere Partnerkirche wird vor allem über ihre vielfältigen diakonischen Aktivi täten wahrgenommen, allen voran ihren häuslichen Pflegedienst – so etwas gab es vorher in Tiflis nicht. Zum anderen, mein zweiter Eindruck, wie wichtig die ökumenische Verbundenheit in Europa ist - gerade heute.
Wir feierten den Einführungsgottesdienst zus ammen mit Vertretern weiterer europäischer Kirchen und gemeinsam nahmen wir auch an einem Friedensgebet der baptistischen Gemeinde von Tiflis teil. Aus diesem Impuls ist ein Friedensgebet für den 24. Februar entstanden, das über die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa an alle Mitgliedskirchen geschickt wurde. So konnten sich am Jahrestag des Angriffs Russlands auf die Ukraine Betende von Island bis Georgien durch ihre gemeinsamen Worte in einem aktiven Netz der Hoffnung verbunden wissen. Die Leuenberger Konkordie, auf deren Grundlage die GEKE entstanden ist, feiert dieses Jahr ihren 50. Geburtstag!
2. Unterwegs in einer verunsicherten Kirche In den letzten Monaten habe ich viele Menschen in unserer Kirche besucht, die sich in großartiger Weise für andere einsetzen. Bei den Prälaturtagen etwa habe ich mit vielen Ehrenamtlichen gesprochen. Es gab eine breite Zustimmung für die Umbauprozesse in unserer Landeskirche mitsamt den Zumutungen.
4
Vereinzelt gab es aber auch Protest. In vielen Reaktionen habe i ch aber v.a. eine tiefe Verunsicherung wahrgenommen. Diese Verunsicherung hat m.E. ihren Grund darin, dass unser Tun oft ohne Folgen bleibt. Nicht nur wir in Württemberg haben uns schon viele Projekte überlegt, um dem Trend der Austrittszahlen entgegenzusteuern. Geholfen haben sie wenig. Wir sollten uns dieser Realität stellen und uns nicht länger mit der Idee eines „Wachsens gegen den Trend” erschöpfen und frustrieren. Lasst uns vielmehr die Möglichkeiten nutzen, die wir nach wie vor haben. Lasst uns überlegen, wie wir mit unseren Kirchenmitgliedern besser ins Gespräch kommen und wie wir die frohe Botschaft in die Welt tragen.
Aber nicht nur die Austrittszahlen setzen den Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirche zu. Hinzu kommt eine öffentliche Stimmung, die sich in abwertenden und aggressiven Äußerungen gegen die Kirchen zeigt.
Für viele Engagierte in unserer Landeskirche – Haupt- und Ehrenamtliche – ist das besonders bitter. Sie sind in ihrer Kirchengemeinde aktiv. Sie haben gute Ideen und setzen diese um , aber diese positiven Impulse werden öffentlich kaum wahrgenommen. Im öffentlichen Diskurs wird dagegen ein Bild von Kirche gezeichnet, das viel mit Vorurteilen, wenig aber mit der Realität zu tun hat. Umso wichtiger, dass wir uns kirchenintern nicht auch noch schlecht reden, sondern uns gegenseitig ermutigen und auf das Gelingende schauen – und da gibt es so viel!
Ebenfalls verunsichernd wirkt sich die aktuelle finanzielle Situation der Landeskirche aus: Sie ist derzeit v.a. durch die hohe Inflation (202 2: 7,9 %) geprägt. Mittel - bis langfristig wird der starke Anstieg der Kirchenaustritte den schon jetzt erlebten realen Rückgang der Kirchensteuererträge beschleunigen. Auf längere Sicht wird die reale (!) Kirchensteuerentwicklung der Mitgliederentwicklung folgen. Auch die tendenziell eher optimistische Schätzung der Mittelfristplanung führt zu real stark sinkenden Kirchensteuererträgen. Die Landeskirche kann sich von den steigenden Kirchensteuern immer weniger leisten. Bis 2027 wird die reale Kirchensteuerkaufkraft auf 77 % des Niveaus von 2021 absinken, also um 23 % abnehmen. Die 2023 und 2024 geplanten Rücklagenentnahmen zur Deckung des landeskirchlichen Haushalts in Höhe von insgesamt rund 35 Mio. € dürfen in 2025/26 nicht fortgeführt werden.
Zur Verunsicherung trägt auch die gesellschaftliche Großwetterlage bei. Wir leben im Zeitalter der Krisen.
Die Finanzkrise 2009. Die Europakrise mit dem Brexit. Die große Anzahl von Geflüchteten aus Syrien und dem Irak 2015. Dann kam der dramatische Klimawandel mit FFF stark in den öffentlichen Blick. Die Coronapandemie drängte diese Krise wieder in den Hintergrund. Seit über einem Jahr ist Krieg in der Ukraine. Und seit einigen Tagen die Sorge: Droht eine zweite Bankenkrise? Längst sind diese Krisen im Alltag der Menschen auch in unserem Land angekommen.
5
Für die Kirchen sind diese Krisen ebenfalls eine besondere Herausforderung. In der Coronapandemie wurde das besonders deutlich. Kirchliches Leben hat sich seither verändert. Einerseits gab es einen starken Digitalisierungsschub, andererseits führte die Pandemie auch zu Vereinsamung. Veranstaltungen in Präsenz werden seit der Pandemie von weniger Menschen besucht – auch Gottesdienste. Der Rückgang ist nicht so dramatisch wie in der Kulturszene. Dennoch spürbar.
Der Krieg in der Ukraine hat Kirche und Theologie ebenfalls herausgefordert. Nicht nur in der Hilfe von Geflüchteten, sondern vor allem in einer aus meiner Sicht notwendigen Neujustierung friedensethischer Grundpositionen. Die Energie - und Armutskri se fordert uns als Kirche ebenfalls heraus und führt zur Klärung notwendiger Gerechtigkeitsdiskurse, in denen Kirche und Diakonie mitunter für die Politik unbequeme Positionen beziehen.
Schließlich ist die Klimakrise ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das nicht nur Regierungen und Verantwortungsträger zum Handeln zwingt, sondern auch die Kirchen.
Auch in der Mitte unserer Gemeinden macht sich Verunsicherung breit. Sie betrifft den Pfarrdienst. In den vielen Gesprächen, die ich in den zurückliegenden M onaten mit Pfarrerinnen und Pfarrern unserer Landeskirche geführt habe, habe ich zahlreiche Überlastungsanzeigen wahrgenommen. Diese zeigen sich in der Skepsis gegenüber dem Entlastungspotential der Verwaltungsreform für den Pfarrdienst, einer als mangelhaft erlebten Unterstützung in den Transformationsprozessen durch den Oberkirchenrat, durch oft zu hohen Erwartungen von Seiten der KGRs und schließlich auch Konflikte zwischen den generationentypischen Bedürfnissen im Pfarrdienst. Und jetzt müssen wir in di eser Situation der Gleichzeitigkeit vieler Krisen und der damit verbundenen Verunsicherung auch noch grundlegende Weichenstellungen vornehmen und entscheiden, welche Aufgaben Priorität haben! Mich beeindrucken die vielen Klärungen, die im Sonderausschuss h erbeigeführt worden sind und die die Landessynode im Zusammenspiel mit dem Oberkirchenrat weiter beschäftigen. Gegenwärtig geht es um eine grundlegende Aufgabenkritik, die Frage nach Stellenkürzungen und der Profilierung kirchlicher Aufgaben.
3. Vordringliche Aufgaben In meinem Bericht heute will ich diese Beratungen nicht im Einzelnen kommentieren. Ich will vielmehr einige große Linien nachzeichnen und mit Impulsen für die weitere Arbeit versehen. Im Wesentlichen geht es mir um folgende sechs Punkte: 1. D ie Stärkung kirchlicher Arbeit in den Gemeinden. 2. Die
6
Weiterentwicklung des Pfarrdienstes. 3. Den weiteren Kulturwandel zum Schutz vor sexualisierter Gewalt.
4. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg in der Ukraine. 5. Die Ablösung von Staatsleistungen und 6.
schließlich die Auseinandersetzung mit der Klimakrise.
3.1. Die Arbeit in den Kirchengemeinden stärken Im letzten Sommer besuchte ich eine malerische kleine Kirche im Kirchenbezirk Freudenstadt. Die Kirche ist weithin bekannt als Traukirche. Dort traf ich ein junges Paar, das im letzten Jahr in dieser Kirche seine kirchliche Trauung gefeiert hatte. Längst wohnen die beiden nicht mehr in Freudenstadt, aber sie sind mit ihrer Heimat verbunden. Dazu gehört für sie auch die Kirche. Die beiden hatten die Kirche ganz bewusst ausgesucht. Sie wollten mit allen ihren Freunden feiern, das Gott ihnen für ihre Ehe seinen Segen gibt.
Mich hat berührt, wie klar für sie war, dass Kirche mit ihrem Leben zu tun hat. Nicht jeden Sonntag und nicht immer so wie wir es uns vorstellen, aber immer, wenn es drauf ankommt.
Damit Menschen auch in Zukunft in einer Kirche Hochzeit feiern können, braucht es viel: Pfarrerinnen und Pfarrer, die sie trauen, zu denen sie Vertrauen haben und die sich Zeit für sie nehmen. Es braucht Kirchengebäude. Es braucht Menschen, die Sorge für diese Gebäude tragen und Gemeinden. Sie sind das Herz des Christentums. Sie tragen. Sie bilden, sie geben Heimat.
Die Fragen, die mit den Pfarrplänen, Strukturveränderungen und Kürzungsdebatten in den Gemeinde n und Bezirken verbunden sind, sind viel mehr als reine Strukturfragen. In all diesen Veränderungsprozessen brauchen wir in erster Linie Vergewisserung. Theologisch heißt das für mich:
Unser Glaube und auch unsere Kirche lebt aus der Verheißung Jesu Christ i. Glauben wir das wirklich?
Und was können wir dazu beitragen, dass sich diese Vergewisserung wieder stärker einstellt?
Mehr denn je brauchen wir in unserer Kirche eine neue Konzentration auf das, was im Zentrum steht:
religiöse Erfahrung, oder wie es P rof. Erne in einem Vortrag vor wenigen Tagen sagte: Wir brauchen Daseinsweitung1. Unser ständiges Reden von Strukturen, von Prozessen und von Zielen, übersieht, dass es gerade die Erfahrung ist, die Menschen in einer technisierten und weitgehend säkularen Gesellschaft mehr denn je machen wollen. Religiöse Erfahrungen können in Kirchen und an kirchlichen Orten gemacht werden. Diese Orte gilt es neu zu entdecken und ihre Chancen zu nutzen. In unserem kirchlichen Arbeiten
1 Thomas Erne, Daseinsweitung, Sakrale Kunst im Ulmer Münster im Spannungsfeld von ästhetischer Rezeption und religiösem Anspruch Vortrag zum Kolloquium „Rudolf Yelin und die Glasmalerei der Nachkriegszeit im Ulmer Münster“ am 16. März 2023.
7
versuchen wir zu oft die Asche zu bew ahren und geben zu wenig das Feuer weiter. Daseinsweitung ist Feuer!
3.2. Den Pfarrdienst weiterentwickeln Über die großen strategischen Grundentscheidungen zum Pfarrdienst wie den PfarrPlan 2030 gibt es in der Synode einen breiten Konsens. Und doch macht mir die Grundstimmung gerade in der Pfarrerschaft Sorgen. Für mich ist der Kern des Problems daher auch kein Ressourcen -Problem – obwohl es dieses Problem natürlich gibt – sondern ein Kommunikationsproblem.
Wenn der Grundauftrag im Pfarrdienst die Kommunikation des Evangeliums ist, sind die Pfarrerinnen und Pfarrer damit in vielfältige Kommunikationsprozesse eingebunden, die ich gegenwärtig als konfliktreich erlebe. Verbesserung muss auf vier Ebenen geschehen:
• Pfarrerschaft – Oberkirchenrat (Stichwort: Fortschreibung des Kulturwandels), • Pfarrerschaft – Pfarrerschaft (Stichwort: Generationengerechtigkeit, Moderation der unterschiedlichen Interessen), • Pfarrerschaft – andere Berufsgruppen (Stichwort: Weiterentwic klung multiprofessioneller Teams), • Pfarrerschaft – KGR (Stichworte: Gemeinsame Leitung. Spannungen wegen unterschiedlicher Erwartungen zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, Arbeitszeit).
Damit ist auch eine Weiterentwicklung des Berufsbildes der Pfarrerin und des Pfarrers verbunden. Gerade die Anliegen der jüngeren Kolleginnen und Kollegen müssen in diesen Weiterentwicklungsprozess stärker gehört werden. Zur Weiterentwicklung des Pfarrdienstes gehört auch die Diskussion um alternative Ausbildungs-Zugänge.
Der Beschluss der zurückliegenden Herbstsynode hat in der EKD, aber auch in der Theologischen Fakultät in Tübingen Irritationen ausgelöst. Damit Studierende an den verschiedenen Theologischen Fakultäten in Deutschland studieren können, und die Studienabs chlüsse innerhalb der EKD anerkannt werden, gibt es verbindlich vereinbarte Ausbildungsstandards. Diese sind auch der württembergischen Prüfungsordnung zu Grunde gelegt.
Am 1. März habe ich auf Einladung der Internationalen Hochschule in Liebenzell einen Vortrag gehalten und mit Studierenden und Lehrenden diskutiert. Der Austausch war für mich erhellend. Die
8
Studienangebote, die dort oder an vergleichbaren Hochschulen angeboten werden, sind mit einem akademischen Theologiestudium an einer Theologischen Fa kultät nicht zu vergleichen. Das sollte allen klar sein. Die Ausbildungsgänge an solchen Hochschulen setzen einen viel höheren Praxisbezug voraus und sind vergleichbar mit den staatlichen Bachelor - und Masterstudiengängen. Wir sollten miteinander und mit d er Fakultät darüber nachdenken, welche Studienleistungen im Rahmen einer Ausbildung anrechenbar sind, die den Pfarrdienst zum Ziel hat. Meines Erachtens sind dabei drei Punkte zu unterscheiden:
Erstens: Ein Bachelorstudiengang kann kein grundständiges Th eologiestudium ersetzen. Mir wurde allerdings deutlich, dass viele Studierende oft mit einem unklaren Berufsbild in ihre Ausbildung starten.
Berufsbiographien sind heute nicht mehr so gradlinig. Deshalb braucht es praxistaugliche Wechselmöglich-keiten. Derzeit werden überhaupt keine dieser Studienleistungen von der Theologischen Fakultät in Tübingen anerkannt. Das ist unbefriedigend. Hierüber sind Gespräche zu führen, mit dem Ziel gute Kompromisse zu finden.
Zweitens: Die Evangelische Landeskirche in Württ emberg ermöglicht bewährten Jugendreferenten, Religionspädagoginnen und Diakoninnen, die mindestens 5 Jahre Berufserfahrung besitzen, bereits jetzt eine vom Pfarrseminar verantwortete zweieinhalbjährige ‚Berufsbegleitende Ausbildung im Pfarrdienst‘ (BAiP) , die mit der selbständigen Versehung einer Pfarrstelle verbunden ist. Anschließend können diese Personen nach einer zu absolvierenden Anstellungsprüfung in den ständigen Pfarrdienst aufgenommen werden.
Drittens: Der staatliche Masterstudiengang wird von allen Landeskirchen anerkannt und wird durch den entsprechenden Studiengang an den beiden theologischen Fakultäten in Tübingen und Heidelberg angeboten. Die in der EKD für die theologische Ausbildung zuständige Oberkirchenrätin Dr. de Vos bemerkt dazu: „Der Evangelisch-Theologische Fakultätentag hat 2022 beschlossen, die Kriterien für die Anerkennung an Ausbildungsstätten in freier / freikirchlicher Trägerschaft neu zu entwickeln. Sowohl von kirchlicher wie von universitärer Seite gibt es eine grundsätzlic he Offenheit für die Arbeit dieser von den EKD-Gliedkirchen nicht anerkannten Hochschulen”.2
2 Konferenz der Ausbildungsreferentinnen und -referenten der EKD am 09.12.2022.
9
Hier wünsche ich mir ebenfalls eine größere Offenheit für die teilweise Anerkennung von Studienleistungen freier Hochschulen. Der wichtigste Klärungsbedarf bes teht m.E. darin: Welche Studienleistungen, die an freien Hochschulen erworben wurden, werden in einem weiteren A