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Katholisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

römisch-katholisch, Pfarreiseelsorger Peter Zürn, Klingnau AG

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) · SRF Radiopredigt · 2026-08-16 · Zuerich · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Demut · tragend Umkehr · tragend

Die Odyssee des Menschen führt nicht zwangsläufig zu Gewalt; wer sich dem Leben anvertraut, so wie er ist – ängstlich, verletzlich, bedürftig –, kann getragen wachsen und reifen, statt sich in Gewalt zu flüchten.

Lebensförderlich ist, sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, so wie wir sind, ängstlich und verletzlich, bedürftig und angewiesen auf andere, im Vertrauen darauf, dass wir getragen sind und so wachsen und reifen können.

Der Text nimmt Christopher Nolans Film 'Odyssey' als Ausgangspunkt, um den griechischen Mythos als Urmythos westlicher Kultur zu lesen. Er betont, dass Nolan keine heldenhafte Siegergeschichte zeigt, sondern verängstigte, traumatisierte Männer, deren Gewalttaten in Troja die eigene Zivilisation zerstören. Die Gewalt wird als Folge von Scham, Kontrollverlust und dem herrschenden männlichen Selbstbild gedeutet. Der Text verweist auf aktuelle Vergewaltigungsfälle und die Rede von Seevölkern als Zeichen, dass die Odyssee heute stattfindet. Am Fest Maria Himmelfahrt wird ein Bibeltext über zwei Kinder im Mutterleib eingebracht, um eine andere Erfahrung von Männern in Bäuchen zu zeigen: getragen, bedürftig, nicht beschämt. Mit Ambrosius von Mailand wird das Bild des Fisches eingeführt, der im Sturm schwimmt, weil er an das Schwimmen gewöhnt ist. Die zentrale Botschaft lautet, dass das Leben eine Odyssee ist, die nicht zu Gewalt führen muss, wenn man sich dem Fluss des Lebens anvertraut und im Vertrauen getragen wird.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit; Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung (erschlossen)
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird; innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem als Angenommener und Beschenkter beschrieben
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Lk 1,39-45

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
3 von 3
Reichweite
5 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 2, künftig 2

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Die Wellen tömen sich meterhoch. Das Sturmgepeitsche Meer überflutet das winzige Schiff. Verzweifelt klammern sich Männer im Schiffsbauch an die Ruder. Das Wasser droht sie in den Tod zu reißen. Ich war im Kino. In der Verfilmung der Odyssey von Christopher Nolan. Von Bildern und Tönen beinahe so überflutet, wie er Dysseus und seine Männer vom Wasser. Die Geschichte von der Dysseus gilt als ein Urmythos unserer Kultur. Kultregisseur Nolan inszeniert die Odyssey als grandioses Spektakel mit den modernsten technischen Effekten. Mit einem Starr-Aufgebot von Schauspielerinnen und Schauspielern. Er inszeniert aber keine Siegergeschichte heldenhafter Männer. Die griechische Armee, die Trojabelagert, wird als ziemlich heruntergekommene Truppe gezeigt. Nach 10 Jahren Krieg hockt sie im Sand neben den Schiffen und weiß nicht weiter. Die List der Dysseus, die schließlich doch noch zum Sieg führt, zeigt verängstigte Männer, die sich über, neben und untereinander in ein Holzpferd gequetscht haben, in ihrer eigenen Pisse und Scheiße stehen und mehr Glück als Verstand haben, dass sie nicht entdeckt werden. Traumatische Erfahrungen wie im Schützengraben gegen den Mythos des chloreichen Krieges. Auf ihrer Irrfahrt schließlich kommen nur Dysseus und seine Männer auf die Insel der Zauberin Zirze und verhalten sich dort, wie er Oberer sich eben verhalten. Zirzer leidet einige von ihnen zum Essen ein, dass sie ihn sich hineinschlingen. Daraufhin werden sie in Schweine verwandelt. Nein, sie werden nicht verwandelt. Es wird sichtbar, was sie sind. Der Mythos des männlichen Helden wird in Frage gestellt. Und das führt zu Gewalt, zu grenzenlose Gewalt. Die Männer, die aus dem Bauch des Pferdes steigen, metzeln in einer Gewaltorgie alle Menschen in Trojanida. Sie schlagen sich vom Leib, was sie erlebt haben, Angst zu haben, keine Kontrolle zu haben, ausgeliefert zu sein, sich in die Hose zu machen. Das sind Erfahrungen, die wir mit Kindern verbinden. Das lässt sich nicht mit dem herrschenden Selbstbild als Mann vereinbaren. Das muss man sich vom Leib halten, wenn es sein muss mit Gewalt. Lieber gewalttätig als unmännlich heißt eine Grunderkenntnis aus der Beratung von Männern, die gewalttätig geworden sind. Die Gewalttaten in Trojan sind es, die ihr Dysseus aus der Bahn werfen. Schließlich hat er die Gewalt durch seine List ja erst möglich gemacht. Das ist im Film letztlich der Grund für seine Irrfahrt. Er kann nicht mehr heimkehren, denn alles, wo er kommt und wohin er will, ist zerstört. Alle Werten, die er alle zerstört, durch die, die doch für sie eintreten wollten, die griechische Zivilisation, das Gesetz des Zeus, wie es im Film immer wieder heißt, nicht die anderen bedrohen es, wir selbst sind es. Nolan's Film ist von Endzeitstimmung geprägt. Die Menschen sprechen davon, dass ihre Welt untergeht. Von einer fremden Bedrohung, den Seevölkern ist die Rede. Und Dysseus erkennt, dass er und seine Mitkämpfer in Wirklichkeit selbst diese Seevölkern sind. Das Ende der Zivilisation. So beschreibt ein Zeitungsartikel Ende Juli, die Vergewaltigung betäubter Frauen durch Männer, deren Ausmaß auch bei uns immer sichtbarer wird. Die Odyssey findet heute statt. Dysseus verdrängt und vergisst die Gewalttaten in Droja, die Irrfahrt beginnt und führt ihn schließlich auf die Insel der Nymphe Calypso. Nolan zeichnet Calypso nicht als erotische Verführerin. Sie wird vielmehr zur Therapeutin des Traumatisierten. Sie gibt Dysseus zwar Lotusblüten zu essen, die das Vergessen fördern, ganz ihrem Namen entsprechen. Und Calypthain heißt auf Griechisch verhüllen. Aber sie ist es auch, die ihn immer wieder auffordert, erinner dich. So wird sie zur Apokalyptikerin in der wahren Bedeutung des Wortes Apokalypse, nämlich zur Endhüllerin von Verborgenen und Vertränken. Mit ihrer Hilfe erinnert Odysseus sich. Aber auch wenn das Vertränkte erinnert wird. Auch wenn wir mit Odysseus erkennen, warum wir nicht heimkehren können. Am Ende der Odyssee führt alles nur zu neuer Gewalt. Am Ende kommt es zu einer zweiten Gewalt, Orgie. Diesmal schlachtet Odysseus in seinem Palast in Itacar all die Freie ab, die seit Jahren darauf warten, dass Penelope ein von ihnen heiratet und zum König macht. Am Ende dominiert wieder Gewalt. Angesichts dessen wirkt die Schlussszene des Films, mit der Fahrt von Odysseus und Penelope mit dem Schiff in den Sonnenuntergang graunhaft kitschig. So einfach kommen wir doch nicht davon. Kann unsere Geschichte auch anders weitergehen? Schauen wir nochmal zurück auf die Männer im Bauch des Schiffes, im Sturm mit ihrer Angst. Schauen wir nochmal zurück auf die Männer im Bauch des Pferdes, im Krieg. Und ihre Scham gibt es andere Erfahrungen und andere Geschichten von Männern in Bäuchen. Am 15. August feiert die römisch-gatholische Kirche das Fest Maria Himmelfat. An diesem Tag wird ein Bibeltext von zwei männlichen Kindern im Bauch ihrer Mütter gelesen. Die Schwangere Maria besucht die Schwangere Elisabeth und grüßt sie. Elisabeth sagt, als der Klang deines Grußes an mein Ohr drang siehe, da hüpfte das Kleine in meinem Bauch voller Jubel. Die zwei Kinder im Bauch sind Johannes und Jesus. Aber wir haben die Erfahrung ja alle gemacht, Männer und Frauen. Wir sind getragen im Urozean, im Bauch unserer Mutter. Wie es der Dichter und Theologe Andreas Knapp ausdrückt. So wachsen und reifen wir. So lernen wir uns und die Welt kennen. Das ist nicht beängstigend und nicht beschämend. Das ist ein Grund zum Jubeln. Wir haben gute Erfahrungen damit klein und bedürftig zu sein. Gute Erfahrungen auf andere angewiesen zu sein. Gute Erfahrungen, ein Körper zu sein, verbunden mit einem anderen Körper. Wir haben gute Erfahrungen damit, im Bauch unserer Mutter und im Wasser des Lebens zu schwimmen. Ambrosius von Mailand, ein christlicher Theologe im 3. Jahrhundert, lädt dazu ein, wie ein Fisch zu sein. Immitiert den Fisch, sagt er. Er ist im Meer. Er schwimmt mit den Wogen des Wassers. Der Sturm wütet auf der See, die Winde brüllen, doch der Fisch schwimmt. Er wird nicht verschlungen, denn er ist an das Schwimmen gewöhnt. Das Leben ist ein Abenteuer. Es gibt Chaos und Gefahren. Der Ausgang ist unsicher. Es ist eine Ottisee, aber sie muss nicht zu Gewalt führen. Es gibt andere Kräfte. Lebensförderlich ist, sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, so wie wir sind, ängstlich und verletzlich, bedürftig und angewiesen auf andere, im Vertrauen darauf, dass wir getragen sind und so wachsen und reifen können. Als Kinder haben wir es erfahren. In der Religion laden wir ein, dem ein Leben lang zu trauen. Zu vertrauen, dass wir im Strom des Lebens getragen sind von einem Geheimnis, das wir Gott nennen. Dieses Geheimnis lockt ins Abenteuer des Lebens. Der Fisch schwimmt in der Gnade, sagt Ambrosius. Oder modern gesagt, Religion ist Schwimmlern. Eine weitere wichtige Frage in der Ottisee ist die nach den Toten der Erfurt. Odysseus ist ja der Einzige Überlebende. Wie soll er mit all diesen Toten und seiner Verantwortung für sie umgehen? Oder in der Sprache des Films, wie kann er sie ehren? Das ist der eigentliche Sinn der letzten Reise von der Dysäuse und Penelope nach Westen in den Sonnenuntergang. Wie das geschieht, erzählt der Film leider nicht. Aber eine Legende zu Maria Himmelfart erzählt dazu eine Geschichte. Maria wird nach ihrem Tod in einem Felsengrab beerdigt. Nach drei Tagen wird das Grab noch einmal geöffnet und ist leer. Aber ein wunderbarer Duft nach Blumen und Kräutern strömt aus dem Grab und verbreitet sich überall. Das ist der Hintergrund für die Kräuterstreuse, die an vielen Orten am Fest Maria Himmelfart gebunden, gesegnet und zu Hause aufgehängt werden. Etwas salopp gesagt, Maria ist nicht tot, sie ist verduftet. Wir ehren Maria und all unsere Toten, wenn wir dem Wohlgeruch des Lebens Raum geben, damit er sich verströmten kann. Maria war im Bauch des Grabes. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Das Leben strömt weiter, verströmt sich als Wohlgeruch. Liebe Männer und Frauen, fürchte euch nicht, schwimmt. Das war ein Podcast von SRF produziert im Auftrag der SRG.