Gott schafft den Auserwählten, die beharrlich rufen, in Kürze Recht, und die Christen sind aufgerufen, durch ihr eigenes beharrliches Handeln und Gebet zur Verwirklichung dieses gerechten Reiches beizutragen.
Die Predigt interpretiert das Gleichnis vom ungerechten Richter und der Witwe als Aufruf zur beharrlichen Gerechtigkeit. Die Witwe wird als Symbol für Rechtlose dargestellt, die durch ihre Stimme und ihren unermüdlichen Kampf Recht erlangen, selbst wenn der Richter aus Eigennutz handelt. Der Text betont, dass Gott im Gegensatz zum korrupten Richter aus Liebe und Gerechtigkeit handelt und nicht lange wartet. Hörer werden ermutigt, gegen Resignation anzukämpfen und aktiv für die Rechte anderer einzutreten. Es wird ein Bezug zur heutigen deutschen Rechtsstaatlichkeit hergestellt, die es Christen ermöglicht, sich solidarisch für Bedürftige weltweit einzusetzen. Die Predigt schließt mit der Hoffnung auf das angebrochene Reich Gottes, das durch kleine Taten des Rechts und der Fürsorge wächst.
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Stiftskirche Stuttgart Sonntag, 17. November 2024 Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs Prälatin Gabriele Arnold Lukas 18, 1-8
Der Richter und die Witwe 1 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, 2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. 3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! 4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, 5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.
6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! 7 Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? 8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?
Was für eine unerhörte Geschichte. Eigentlich eine absolut skandalöse Geschichte, eine Geschichte, die immer wieder und überall auf der Welt passieren kann und vielleicht auch passiert. Eine Frau, die kämpft um ihr Recht. Eine Frau, die nicht locker lässt, die so kämpft, so radikal und konsequent, dass sogar ein mit allen Wassern gewaschener, korrupter, mafiöser Richter sich schließlich geschlagen gibt. Die Witwe kämpft. Tag und Nacht. Morgens steht sie vor der Tür des Richters und schreit: schaffe mir Recht. Sie kommt in die Verhandlungen und schreit: Schaffe mir Recht. Abends schreit sie unter dem Fenster: Schaffe mir Recht. Ich will mein Recht. In der Gesellschaft zur Zeit Jesu waren Witwen nicht so abgesichert wie Witwen bei uns. Es gab weder Witwenrente noch hatten sie verbriefte Rechte. Im Gegenteil. Sie gehörten zu den Menschen ganz am Rand der Gesellschaft. Ohne einen Mann ohne Kinder, wohlgemerkt ohne Söhne, waren sie rechtlos. Unbeschützt, ausgeliefert der Willkür der Mächtigen im Dorf.
Angewiesen auf Gaben und Spenden. Unsere Witwe hatte vielleicht noch einen kleinen Acker, der ihr weggenommen wurde, oder jemand hatte sie um ihr Geld betrogen oder
bestohlen. Jesus erzählt nicht was der Witwe geschehen war nur dass sie um ihr Recht kämpfte.
In der Bibel, vor allem im Alten Testament, wird immer wieder betont, dass Gott Witwen und Waisen beschützt, dass er die Menschen auffordert, Witwen und Waisen nicht zu bedrängen sondern ihnen zu helfen. Sie gehören zu denen, die ganz auf Hilfe angewiesen sind. Im Neuen Testament wird dann erzählt, dass die ersten Christen sich dadurch auszeichneten, dass sie die Witwen in der Gemeinde unterstützten und sie als gleichwertige Gemeindeglieder aufnahmen.
Die Witwe in der Geschichte, die Jesus erzählt, ist eine besondere Frau. Sie wartet nämlich nicht passiv bis Hilfe kommt. Sie nimmt ihre Sache in ihre eigene Hand. Und für Ihren Kampf hat sie nichts anders als ihre Stimme. Keine Mitstreiter, kein Geld um eine Unterstützung zu bezahlen. Nur Ihre Stimme. So, wie viele Menschen bis heute nur ihre Stimme haben, um für Ihre Rechte einzustehen. Schaffe mir Recht. Der Richter in unsere Geschichte, er lässt sich nicht überzeugen, weil er einsieht, dass die Frau Recht hat, dass sie Recht bekommen muss, sondern sie ist ihm einfach lästig. Er schafft ihr Recht, damit sie nicht kommt und ihm ins Gesicht schlägt. Er hat das Schreien und Rufen einfach satt. Er will seine Ruhe. Ein Richter der nicht Recht spricht aus Überzeugung sondern aus purem Eigennutz. Dieses Motiv ist nicht nur zweifelhaft, es ist richtig zynisch, eigentlich widerwärtig. Aber immerhin: Es wird Recht gesprochen.
Die Witwe siegt. Der Richter wird dadurch nicht besser, er bleibt ein Widerling, aber die Welt wird an einer Ecke ein kleines bisschen heller und für die Witwe bedeutet der Richterspruch möglicherweise den Unterschied zwischen einem menschenwürdigen Leben und einem unmenschlichen Dahinvegetieren oder gar dem Tod in Armut und Elend.
Das gefällt uns nicht, oder? Wieviel schöner wäre es, wenn der Richter ein Einsehen gehabt hätte und aus guten Gründen Recht gesprochen hätte. Aber die Geschichte ist wahrscheinlich doch realistisch. Auch in unserer Welt, auch heute gibt es ja vieles was aus Eigennutz, Selbstsucht, Gleichgültigkeit oder anderen zweifelhaften Motiven geschieht und dann letztendlich wunderbarerweise manchmal doch etwas Gutes und Richtiges bewirkt. Manchmal entsteht Hilfe einfach, weil es zu lästig ist, sich nicht zu bewegen. Das ist möglicherweise auch die Logik der vielen Spendenbitten, die jetzt gerade in unseren Briefkästen landen. Brot für die Welt, Ärzte ohne Grenzen, und – und – und. Vielleicht rechnen die Spendensammler einfach damit, dass die Briefe uns lästig werden und wir irgendwann, um unser Gewissen zu beruhigen, dann doch eine Überweisung ausfüllen und dann entsteht doch tatsächlich etwas Gutes. Vielleicht kann man darin auch die heitere Weisheit Gottes erkennen, der auch auf krummen Linien gerade schreibt und aus miesen Motiven Gutes wachsen lässt und so Licht in diese Welt zaubert auf wundersame Weise. So regiert er diese Welt auf verschiedene und nicht immer lauter Weise und hält sie überlebensfähig.
Ich finde, das alles ist ermutigend, und ich glaube, Jesus will uns mit dieser Geschichte auch wirklich Mut machen. Er will uns Mut machen, einzustehen für unser Recht und vor allem einzustehen für das Recht der Rechtlosen und darauf zu vertrauen dass am Ende doch etwas Gutes dabei herauskommt.
Die Witwen der ersten Christenheit und die Elenden und Armen in der Gemeinde hat diese Geschichte bestimmt zu allen Zeiten ermutigt. Es ist nicht falsch für seine Rechte einzustehen. Jesus will nicht, dass ich die Klappe halte und alles mit mir machen lasse.
Es ist eine Geschichte gegen die Resignation gegen das Achsel-Hochziehen und sagen ‚Da kann man nichts machen‘. Man kann eben doch etwas machen.
Wir heute hier in Deutschland, wir leben – Gott sei Dank – in einem Rechtsstaat, und unser Land gehört zu den Ländern weltweit, die am sichersten und am wenigsten von Korruption befallen sind und dafür sollen und dürfen wir sehr dankbar sein. Und weil wir nicht um unser Recht kämpfen müssen, haben wir Zeit und Kraft und Geld, um Menschen zu unterstützen, die um ihr Recht auf Leben kämpfen. Und ich glaube, uns reichen und sicher lebenden Christen will diese Geschichte auch dazu ermutigen. Seid solidarisch und erhebt eure Stimme für die Rechtlosen und öffnet eure Geldbeutel für die am Rand, die verhungern, die gefoltert werden und denen die Todesstrafe droht. Es gibt so viele Möglichkeiten, unsere Solidarität zu zeigen, und die wenigsten kosten uns mehr als eine Unterschrift und eine Spende.
Allerdings hat diese Geschichte auch einen Haken. Einen Satz, der ins Auge sticht, und der uns vielleicht ein bisschen verzweifelt zurücklässt. Was wird über den Richter gesagt? ‚Und er wollte lange nicht‘. Ja, das kennen wir, oder? Dass lange nichts passiert. Er wollte lange nicht. Da wird der Krebs trotz aller Gebete nicht geheilt, da zerbricht die Ehe trotz aller Bitten und Fürbitten, trotz aller Therapien und Begleitung.
Da kommt kein Kind, trotz aller Versuche, trotz aller Medizin, trotz aller Gebete und Tränen. ‚Und er wollte lange nicht‘. Ist das so bei Gott? Ist Gott in dieser Geschichte der ungerechte Richter? Ich glaube nicht. Denn wenn wir auf das Ende der Geschichte schauen, was Jesus sagt, dann merken wir, dass Jesus Gott gerade nicht mit den ungerechten Richter vergleicht. Jesus sagt nämlich: ‚Sollte Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch er wird ihnen Recht schaffen in Kürze‘.
Gott ist kein ungerechter, kein zynischer Richter. Er ist uns Vater und Mutter, voll Liebe zugetan. Und deshalb dürfen und können wir Gott mit unseren Gebeten bestürmen.
Wir können ihm unser Leid klagen und ihn immer wieder herausfordern. Gott will keine frommen, gottergebenen Schäfchen, die in wohlformulierten und gesetzten Gebeten ihm das sagen, was er schon sowieso lange weiß. Gott will uns spüren, und er will auch unsere Leidenschaft spüren. Gott will, dass wir auf den Punkt kommen. Schaffe mir Recht, schaffe denen Recht, die rechtlos sind, schaffe den Flüchtlingen Raum, die Potentaten stoße vom Thron, den Geldgeilen stopfe das Maul.
Beende, was wir selber nicht vermögen. Heile unsere Seelen, bewahre uns von dem Bösen, rette uns vom Tod. So dürfen und sollen wir beten und schreien, und dann erreichen wir etwas. Sollte Gott nicht Recht schaffen? Gott will Recht schaffen. Gott will Recht schaffen, und er will nicht lange warten. Das Ankommen von Jesus in dieser Welt ist das Eingreifen Gottes in unsere Strukturen von Recht und Unrecht.
Mitten in all dem, was wir hier erleben, ist doch schon das Reich Gottes angebrochen.
Das Reich Gottes, das war ist und nicht totzukriegen. Es ist klein wie ein Senfkorn und doch wächst es durch alle Zeiten. Es wächst in der Kirche und auch außerhalb der Kirche. Gottes Reich, Gottes Recht wächst inmitten aller Bosheit. Menschen vergeben einander. Einer Witwe wird Recht gesprochen, Menschen werden versorgt, Flüchtlinge überleben, Mauern öffnen sich, Familien finden zueinander. Achten wir das nicht gering. Gott wird Recht schaffen, von dieser Hoffnung leben wir und wenn wir das sehen – immer wieder mal – dann dürfen wir uns daran festhalten. Das ist wie eine Anzahlung, wie ein Versprechen, dass Gott sich durchsetzen wird und sein Recht das Unrecht und Not und Elend besiegen wird. Gottes Reich ist angebrochen, und wir können sicher sein, Gott wird den Rest auch noch erledigen. Er wird seine Hausaufgaben machen, nicht weil er muss, sondern weil er es versprochen hat. Das Reich Gottes ist jetzt schon angebrochen, es ist aber eben noch nicht vollendet, und als Christen leben wir aus dieser Hoffnung, dass das Gottesreich kommt, dass Gott am Ende der Zeiten alles in Ordnung bringt, zurechtrückt, was in dieser Welt rechtlos und verrückt ist, dass Gott ins Lot bringt was aus dem Lot geraten ist. Diese Hoffnung macht uns stark, diese Hoffnung ist grösser als alles, was uns klein hält. Martin Luther hat es einmal so formuliert:
Dieses Leben ist nicht eine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden. Nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Nicht ein Wesen, sondern ein Werden. Nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind es noch nicht, werden es aber. Es ist noch nicht alles getan und geschehen; es ist aber in Gange und im Schwange. Es ist nicht das Ende; es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es fegt sich aber alles.
Amen