Das öffentliche Zeigen von Trauer ist keine Schwäche, sondern eine gemeinschaftliche Praxis, die anderen – und sogar Gott – die Erlaubnis gibt, selbst zu trauern, und die durch jüdische Rituale strukturiert wird.
Die Rabbinerin Rebecca Rosenthal hält am Jom Kippur 5787 eine Predigt über das öffentliche Zeigen von Trauer und Schmerz. Sie beginnt mit der persönlichen Erinnerung an ihren weinenden Vater und verallgemeinert auf die Rolle von Vorbildern für Kinder und Erwachsene. Zentrale These ist, dass das Sichtbarwerden von Trauer anderen die Erlaubnis gibt, selbst zu trauern. Als biblisch-midrasischen Beleg führt sie die Geschichte an, in der Gott von den Engeln die menschlichen Trauerrituale lernt und mit 'kach ani oseh' (so werde ich es tun) antwortet. Der Text verbindet diese Überlieferung mit konkreten jüdischen Trauerpraktiken wie Schiwa, Kriyah und Jizkor. Er appelliert an die Zuhörer, selbst zu trauern und anderen in deren Trauer beizustehen. Die Predigt rahmt das Trauern als gemeinschaftliche, strukturierte Praxis, die auch Gott betrifft.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut auf Deutsch
Transkript
Das werde ich tun
Jom Kippur 5787
Rabbinerin Rebecca Rosenthal
Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie jemanden weinen sahen, den Sie für allmächtig hielten?
Nun, mein Vater ist ein Weiner, und man findet ihn oft dabei, wie ihm beim Festmahlstrag die Tränen in die Augen steigen, wenn wir die Schehechijanu rezitieren, aber das erste Mal, als ich seine Trauentränen sah, war anders.
Vielleicht war es auch für Sie ein Elternteil, oder ein Lehrer, oder ein Prominenter oder eine politische Figur.
Vielleicht war es als Reaktion auf eine nationale Krise oder ein persönliches Drama, oder vielleicht erinnern Sie sich gar nicht mehr, warum. Aber das Bild des tränenbefleckten Gesichts bleibt. Die Person, die Sie für einen Fels hielten, die stark war, oder zäh, oder sogar unbesiegbar, die ihren Kummer vor die Welt trug. 1
In meinem Beruf bekomme ich viele Anrufe von Eltern, die etwas Schweres durchmachen und die nicht unbedingt wollen, dass ihre Kinder davon wissen oder ihren Schmerz sehen. Sie wollen, dass ihre Kinder das Bild bewahren, dass sie niemals weinen, oder traurig sein, oder denken, dass es sie irgendwie zu schlechteren Eltern macht, wenn sie sich Zeit für ihre eigenen Gefühle nehmen.
Aber unseren Schmerz zu verbergen kann oft den gegenteiligen Effekt haben.
Die frühpädagogische Erzieherin und Autorin Miriam Beloglovsky lehrt: „Kinder warten nicht einfach darauf, dass Erwachsene ihnen komplexe Ideen erklären. Sie beobachten, fragen, vergleichen, verbinden Erfahrungen und konstruieren Theorien, die ihnen helfen, ihre Welt zu verstehen."
Ohne diese sichtbare Reaktion auf schmerzhafte Momente können Kinder nicht lernen. Umgekehrt, wenn Kinder sicher auf den Kummer und das Trauern der Erwachsenen stoßen, nutzen sie diese Eingaben, um ihren eigenen Ansatz im Umgang mit schwierigen Momenten zu formen.
Und das gilt auch für Erwachsene, auch wenn wir es vielleicht weniger bemerken.
Also trotz dieses schützenden Instinkts, den Eltern gegenüber ihren Kindern haben, und den sogar viele von uns gegenüber den Erwachsenen in unserem Leben haben, sollten wir die Vorteile darüber nachdenken, dass andere unseren Schmerz und Kummer sehen. Besonders wenn wir in Machtpositionen sind, schaffen unsere äußeren Zeichen des Trauerns eine Erlaubnisstruktur für andere, sich mit ihren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen.
Ich schlage nicht vor, dass wir jede Emotion in jedem Moment offenlegen sollten, aber der Tod, oder eine Krankheit, oder sogar die tragischen Ereignisse der Welt können und sollten eine Reaktion hervorrufen.
Indem wir uns erlauben zu trauern, zu weinen, sogar zu toben, lehren wir eine wichtige Lektion darüber, was es bedeutet, authentisch menschlich zu sein. Wir lehren, dass Tod und Kummer ein Teil des Lebens sind, und dass unsere Reaktion darauf keine Last ist.
Die Midrasch zum Buch der Klagelieder verankert diese Idee in unserer jüdischen Tradition.
Jedes Jahr am Tischa B'Av lesen wir dieses Buch, das die Zerstörung Jerusalems in erschreckender Detailtiefe beschreibt;
die Stadt physisch weinend, öde, verbrannt, verhungert, den Launen ihrer Feinde preisgegeben.
Ihre Tore, so erzählt uns das Buch, sind in den Boden gesunken und in Stücke zerschmettert. 2
Nichts bleibt außer Qual.
Die Rabbiner stellen sich vor, wie Gott auf diese Landschaft des Todes und der Verwüstung blickt und versucht herauszufinden, wie er angemessen trauern soll. Gott fragt die ministeriellen Engel, wie Menschen trauern, und erhält eine Reihe von Anweisungen, die uns als traditionelle jüdische Trauerpraktiken vertraut klingen mögen.
Zuerst sagen die Engel Gott, dass Menschen Sackleinen in ihren Häusern aufhängen, eine Praxis, die man vielleicht sieht, wenn Menschen Spiegel im Schiwa-Haus abdecken.
Gott antwortet, kach ani oseh, „Das werde ich tun."
Die Engel raten Gott, dass menschliche Trauernde auf niedrigen Bänken oder Stühlen sitzen und schlafen,
und Gott sagt, kach ani oseh, „Das werde ich tun."
Die Engel sagen Gott, dass Menschen ihre Kleidung zerreißen, eine Praxis, die als kriyah bekannt ist,
und Gott antwortet, kach ani oseh, „Das werde ich tun."
Nach einigen weiteren Hin- und Her-Runden sagen die Engel Gott, dass Menschen weinen, wenn sie in Trauer sind, und Gott sagt, kach ani oseh, „Das werde ich tun." 3
Gott weint. Gott weint, weil wir weinen.
Durch unser eigenes Trauern geben wir Gott die Erlaubnis zu trauern. Durch Gottes eigenes Trauern gibt Gott uns dasselbe.
So werde ich es tun, so werde ich es tun, Gottes Refrain aus der Midrasch erinnert uns daran:
Wenn Gott es tun kann, können wir es auch.
Tatsächlich blickt Gott auf die Zerstörung Jerusalems und erkennt, dass das Trauern keine Option ist.
Gott braucht eine Art zu trauern.
Gott braucht eine Struktur und einen Plan, weil die Gefühle der Trauer zu überwältigend sind.
Und wenn Gott das braucht, dann brauchen wir es gewiss auch.
Wenn wir mit persönlichem oder gemeinschaftlichem Verlust konfrontiert sind, brauchen wir etwas zu tun und eine Art zu handeln,
sowohl als der unmittelbar Trauernde als auch als diejenigen, die ihn umgeben.
Diese Midrasch erinnert uns daran, dass es keinen festen Zeitplan für die Trauer nach einem Verlust gibt. Vielleicht bist du gerade in den ersten Tagen oder Wochen des Trauerns um einen geliebten Menschen, wenn der Schmerz seiner Abwesenheit am schärfsten gefühlt wird. Vielleicht bist du im ersten Jahr, oder vielleicht ruft dieser Jizkor-Gottesdienst die Erinnerung an jemanden hervor, den du vor langer Zeit verloren hast, oder sogar an jemanden, den du nie kennengelernt hast.
Der Judentum bietet hilfreich die Struktur der Schiwa und der Schloschim und des ersten Jahres und des Jahrzeit und des Jizkor.
Aber jeder, der jemals jemanden verloren hat, der ihm kostbar war, weiß, dass Erinnerungen und die damit verbundene Trauer in jedem Moment erscheinen können. Erwartet und unerwartet, geplant und ungeplant.
Und so kann Gottes Lehre – kach ani oseh, so werde ich es tun – in jedem Moment angewendet werden.
Wir können auf dem Boden sitzen und die Spiegel bei der Schiwa abdecken, wir können den Kaddisch des Trauernden bei der Jahrzeit rezitieren, aber wir können auch in jedem Moment einen Freund anrufen und sagen: Ich brauche dich. Ich brauche daran erinnert zu werden, dass Trauer kein Drehbuch folgt und dass es in Ordnung ist, traurig zu sein.
Rabbinerin Tali Adler lehrt: „Das ‚Wie' des Trauerns ist nicht intuitiv. Wie so viele andere menschliche Tätigkeiten brauchen wir, um es gut zu tun, jemanden, der es uns zuerst vorlebt." Sie merkt an, dass in unserer Gesellschaft Tränen so sehr als Zeichen von Schwäche betrachtet werden, dass es schwierig ist, die Vorbilder zu finden, die wir brauchen.
Aber ohne sie „werden wir gefangen, unfähig, unseren Schmerz wirklich zu fühlen, ihn in Tränen zu ventilen – aber ebenso unfähig, ihn zu vermeiden." Das Heilmittel findet sich „wenn diejenigen, die wir lieben und respektieren, uns zulassen, sie weinen zu sehen." und uns „ein Geschenk, eine Lektion darin, wie wir durch die Trauer hindurchgehen, wenn wir sie unweigerlich selbst begegnen." 4
Wir wissen, dass dieser Moment für uns kommen wird, wenn wir der Trauernde sein werden, aber oft sind wir diejenigen, die den Trauernden unterstützen.
Wenn wir in unseren eigenen Momenten des Trauerns unsere Traurigkeit zeigen, geben wir anderen die Erlaubnis, vor uns traurig zu sein. Wir zeigen ihnen, dass wir nicht vor ihrem Schmerz Angst haben. Wir erscheinen bei der Schiwa,
oder bieten ein Mahl an, oder melden uns an einem zufälligen Dienstag. Wir weichen unseren leidenden Lieben nicht aus.
Kinder lernen, wie sie auf die Welt reagieren, indem sie ihre Eltern und Lehrer beobachten, wir lernen, indem wir unsere Vorbilder betrachten, oder unsere Tradition, oder sogar Gott.
Und selbst Gott braucht einen Ort, an den er sich wenden kann, um über das Trauern zu lernen. Wer hilft also Gott? Die Midrasch erzählt uns, dass während Gott die Trauerrituale der Menschen lernt, es die dienenden Engel sind, die tatsächlich auf Gottes Frage antworten. Es sind die Engel, die Gott den Weg zeigen,
und dabei Gott daran erinnern, dass Gott nicht allein in der Trauer ist.
Wenn wir unsere Lieben, unsere Gemeinschaft, sogar diejenigen, die wir vielleicht nicht kennen, in ihren schwierigsten Momenten unterstützen, verrichten wir die Arbeit der Engel.
Also, wenn der Verlust unweigerlich für jeden von uns kommt, nimm dir die Zeit zu trauern.
Kach ani oseh – so werde ich es tun.
Und wenn du in der Position bist, jemanden durch seinen Schmerz zu unterstützen,
denke daran, dass du die Arbeit der Engel verrichtest.
Kach ani oseh – so werde ich es tun.
1 https://miriambeloglovsky.subs...
2 Klagelieder 2:9
3 Eicha Rabbah 1:1
4 https://voices.sefaria.org/she...
Wortlaut im Original
Transcript
This is What I Will Do
Yom Kippur 5787
Rabbi Rebecca Rosenthal
Do you remember the first time you saw someone you considered to be all-powerful cry?
Now, my dad is a crier, and you can often find him welling up at the holiday table when we recite the sheheciyanu, but the first time I saw his tears of mourning was different.
Perhaps for you it was also a parent, or a teacher, or a celebrity or a political figure.
Perhaps it was in response to a national crisis or a personal tragedy or perhaps you don’t remember why at all. But that image of the tear-stained face remains. The person who you thought was a rock, who was strong, or tough, or even invincible bearing their grief to the world. 1
In my line of work, I get a lot of phone calls from parents who are going through something difficult and who don’t necessarily want their children to know or to see their pain. They want their children to hold onto the image that they will never cry, or be sad, or think that it somehow makes them worse parents if they take time for their own emotions.
But hiding our pain can often have the opposite effect.
Early childhood educator and author Miriam Beloglovsky teaches, “Children do not simply wait for adults to explain complex ideas to them. They observe, question, compare, connect experiences, and construct theories that help them make sense of their world.”
Without that visible response to painful moments, children cannot learn. Conversely, when children safely encounter the grief and mourning of adults, they use that input to shape their own approach to responding to difficult moments.
And this is true for adults too, even as we might notice it less.
So despite this protective instinct that parents have towards their children, and even that many of us have towards the adults in our lives, we should consider the benefits of others seeing our pain and grief. Especially if we are in positions of power, our outward signs of mourning create a permission structure for others to engage with their own emotions.
I’m not suggesting that we should lay every emotion out there at every moment but death, or illness, or even the tragic events of the world can and should elicit a response.
In allowing ourselves to mourn, to cry, even to rage, we teach an important lesson about what it means to be authentically human. We teach that death and grief are a part of life, and that our response to it isn’t a burden.
The midrash on the book of Lamentations roots this idea in our Jewish tradition.
Every year on Tisha B’Av, we read this book, which describes the destruction of Jerusalem in horrifying detail;
the city physically weeping desolate, burned, starving, abandoned to the whims of her enemies.
Her gates, the book tells us, have sunk into the ground and are smashed to bits. 2
Nothing remains but anguish.
The rabbis imagine God looking out at this landscape of death and devastation trying to figure out how to appropriately mourn. God asks the ministering angels how human beings mourn and is given a series of instructions that may sound familiar to us as traditional Jewish mourning practices.
First the angels tell God that human beings hang sackcloth in their homes, a practice that you may see as people covering mirrors in the shiva house.
God responds, kach ani oseh, “This is what I will do.”
The angels advise God that human mourners sit and sleep on low benches or chairs,
and God says, kach ani oseh, “This is what I will do.”
The angels tell God that human beings tear their clothing, a practice that is known as kriyah,
and God responds, kach ani oseh, “This is what I will do.”
After a few more back and forths, the angels tell God that human beings weep when they are in mourning, and God says, kach ani oseh, “That is what I will do.” 3
God cries. God cries because we cry.
Through our own mourning, we give God permission to mourn. Through God’s own mourning, God gives us the same.
Kach ani oseh, this is what I will do, God’s refrain from the midrash reminds us:
If God can do it, so can we.
In fact, God looks around at the destruction of Jerusalem and realizes that mourning is not optional.
God needs a way to mourn.
God needs a structure and plan, because the feelings of grief are too overwhelming.
And if God needs that, we certainly do.
When faced with personal or communal loss, we need something to do and a way to behave,
both as the direct mourner and those who surround them.
This midrash reminds us that there is no set timeline for grief after loss. Maybe you are currently in the first few days or weeks of mourning a loved one, when the pain of their absence is felt most acutely. Maybe you are within the first year, or maybe this yizkor service is bringing back the memory of someone you lost long ago, or even someone you have never met.
Judaism helpfully provides the structure of shiva and shloshim and the first year and the yahrzeit and yizkor.
But anyone who has ever lost someone precious to them knows that reminders and their accompanying grief can appear at any moment. Expected and unexpected, planned and unplanned.
And so God’s lesson – kach ani oseh , this is what I will do – can be applied at any moment.
We can sit on the floor and cover the mirrors at shiva, we can recite the mourner’s kaddish at the yahrzeit, but we can also call a friend at any moment and say I need you. I need to be reminded that grief doesn’t follow a script and that it is ok to feel sad.
Rabbi Tali Adler teaches, “The “how” of mourning is not intuitive. Like so many other human activities, to do it well, we need someone to model it for us first.” She notes that in our society tears are so considered a sign of weakness, making it difficult to find the role-models we need.
But without them, “we become trapped, unable to truly feel our pain, to vent it in tears—but equally unable to avoid it.” The remedy is found “when those we love and respect allow us to see them cry.” and give us, “a gift, a lesson in how to move through grief when we inevitably meet it ourselves.” 4
We know that moment will come for us, when we will be the mourner, but often we are the ones supporting the mourner.
If, in our own moments of mourning, we show our sadness, we give others permission to be sad in front of us. We show them that we are not afraid of their grief. We show up for shiva,
or offer a meal, or check in on a random Tuesday. We do not shy away from our loved ones in pain.
Children learn how to react to the world by watching their parents and teachers, we learn by looking to our role models, or to our tradition, or even to God.
And even God needs somewhere to turn to learn about mourning. So who helps God? The midrash tells us that while God learns the mourning practices of human beings, it is the ministering angels who actually respond to God’s query. It is the angels who show God the way,
and in doing so, remind God that God is not alone in mourning.
When we support our loved ones, our community, even those we might not know in their most difficult moments we are doing the work of angels.
So when loss inevitably comes for each of us, take the time to mourn.
Kach ani Oseh – this I will do.
And when you are in the position to support someone through their grief,
remember that you are doing the work of angels.
Kach ani Oseh – this I will do.
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2 Lamentations 2:9
3 Eicha Rabbah 1:1
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