Jedes Kind mit Fluchterfahrung ist vor Gott unendlich wertvoll und verdient Würde, Bildung und Teilhabe; Gesellschaft und Kirche sind aufgefordert, Verachtung zu überwinden und echte Integration zu ermöglichen.
Die Predigt greift das Motto des 112. Welttags der Migranten und Flüchtlinge auf und verbindet es mit der biblischen Aussage Jesu über die Aufnahme eines Kindes. Sie beschreibt die psychologische und spirituelle Entwurzelung von Kindern in Konflikten und betont, dass Verachtung und Nationalismus zu Gewalt und Krieg führen. Der Text verweist auf die österreichische Erfahrung mit Flucht und Migration seit dem Zweiten Weltkrieg und würdigt die Hilfsbereitschaft von Zivilgesellschaft, NGOs und Kirchen. Er fordert Politik, Gesellschaft und Kirchen auf, Kindern mit Fluchterfahrung Bildung, Teilhabe und Würde zu ermöglichen. Die kirchliche Gemeinschaft soll Migranten als vollwertige Mitglieder integrieren und Vielfalt als Schatz anerkennen. Der Text ruft dazu auf, Menschen nicht auf statistische Zahlen zu reduzieren, sondern ihre Geschichten, Ängste und Träume wahrzunehmen.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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„Auch nur eines dieser Kinder“ Predigt beim Gottesdienst zum Sonntag der Völker am 112. Welttag der Migranten und Flüchtlinge 27. September 2026, Mariendom
Entwurzelung „Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaften, weil sie sich selbst vervielfältigt. Einmal wirklich entwurzelte Wesen haben kaum mehr als zwei Möglichkeiten, wie sie sich betragen sollen: Entweder sie verfallen einer seelischen Trägheit, die fast dem Tode gleichkommt, oder sie stürzen sich in eine hemmungslose Aktivität, die immer bestrebt ist, und zwar mit den Methoden äußerster Gewaltanwendung, auch diejenigen zu entwurzeln, die es noch nicht oder erst teilweise sind.“ (Simone Weil)1 Vor drei Wochen war ich im Irak. Sehr viele Kinder sind „displaced“, psychologisch und auch spirituell. Größte Herausforderung ist die Haltung oder Absage: There is no future. Sie sind alleine gelassen, im Stich gelassen. In der Dunkelheit und in der Angst war niemand da, der sagt: Es wird wieder gut! – Es wird wieder gut! Das sagen Mütter zu ihren Kindern, wenn sie weinen und etwas sehr weh tut. Das ist nicht nur beschwichtigend gemeint. Es wird wieder gut! Dieses Wort ist mit dem Versprechen verbunden:
Ich bin für dich da und ich setze mich ein, dass es für dich gut wird. – Junge Menschen müssen wissen, wer sie sind, was sie wollen, was sie können, wenn sie im Leben einen guten Weg gehen möchten. Der gute Start ins Leben hat mit offenen Türen und echten Gelegenheiten zu tun. Kurz, die Gesellschaft schuldet den jungen Menschen die Möglichkeit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und an einer Existenz zu bauen.
Und sie brauchen einen Lebensplatz. „Lebensplatz“ ist analog zum „Arbeitsplatz“ mehr als nur „Leben“ so wie ein Arbeitsplatz mehr als nur Arbeit ist. Und doch bleibt die Arbeit und die Erwerbsarbeit eine Säule unserer Identität.
Verachtung und Wertschätzung Jules Isaac beschäftigte sich in seinem Werk „L’enseignement du mépris“ (Paris 1962) intensiv mit dem Verhältnis von Verachtung und Gewalt. Schrittweise rechtfertigt Verachtung Gewalt und dann den Krieg. An der Wurzel von Terror und Barbarei stand nicht selten die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod, stand die Verachtung anderer Menschen, die Verachtung von anderen Traditionen und Völkern, die Verachtung von politischen Gegnern, die Verachtung der ‚anderen’. Der Nationalismus entartet zu einer Ersatzreligion und führt zu Arroganz und Sündenbockdenken. Es ist fatal,
1 Simone Weil, Die Einwurzelung. Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber. Übers. von F. Kemp, München 31981, 77.
wenn Menschen und Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Es führt zur Katastrophe, wenn der eigene Narzissmus zu Hass und Neid führen. – Jules Isaac meint, dass die Verachtung in Wertschätzung und Dialog verwandelt werden muss. Krieg beginnt im eigenen Herzen: mit schlechten Gedanken, mit Verachtung, mit Hass.
Anfangssignale sind: Eigentlich bist du unwichtig, überflüssig, ein Nichtsnutz. Oder:
Das Leben wäre viel schöner und angenehmer, wenn du mir nicht in die Quere gekommen wärest. Oder: Ich sehe keinen rechten Grund, warum es dich unbedingt geben sollte. Insgeheim werden Schlüsselbotschaften ausgesendet: Du bist nichts wert, du bist hier nicht erwünscht, du bist der letzte Dreck, ein Abfallprodukt.
Fluchtbewegungen und Migration Österreich hat in den vergangenen Jahrzehnten seit dem Z weiten Weltkrieg vielfach erlebt und erfahren, wie politische und wirtschaftliche Konflikte in den Nachbarländern und auch in weiter entfernten Weltgegenden nicht nur Schlagzeilen in den Medien blieben. Menschen flüchteten zu uns und sie fanden Aufnahme. D ie Ungarn-Krise, die Kriege am Balkan, die Kriege im Nahen und Mittleren Osten, Kriege und wirtschaftliche Not am afrikanischen und asiatischen Kontinent, der Krieg in der Ukraine. Menschen kamen und blieben. Sie fanden hier Heimat und bereicherten unsere Kultur und Gesellschaft. Sie erlebten Solidarität und Unterstützung, aber auch Skepsis und Ablehnung. Wenn ich etwa auf den Sommer 2015 schaue: Dieser war von einer enormen Hilfsbereitschaft der Menschen in Österreich mit Blick auf die vielen ankommenden Flüchtlinge geprägt. Neben staatlichen Maßnahmen war es damals vor allem auch das Engagement von NGOs, der Zivilgesellschaft und der Kirchen, die das Ankommen, die Betreuung und die Integration dieser Menschen ermöglichte. Viele damals begonnene Initiativen haben heute zu erfolgreichen Bildungs- und Arbeitsbiographien geführt.2 Wir feiern heute den „Sonntag der Völker“ und zugleich den „112. Welttag der Migranten und Flüchtlinge“, der von Papst Leo XIV. unter das Motto gestellt wurde: „Auch nur eines dieser Kinder“. Dieser Titel nimmt Bezug auf die Aussage Jesu im Matthäusevangelium: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Mt 18,5). Angesichts der weltweiten Migrationsdebatte, in der über Aufnahmestopps und Abschiebequoten diskutiert wird, erinnert der Papst daran, dass jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Nationalität und seinem Aufenthaltsstatus, vor Gott unendlich wertvoll ist.
Wenn wir von Migration sprechen, sprechen wir nicht zuerst über Zahlen, Statistiken oder politische Debatten. Wir sprechen über Menschen. Über Kinder, Jugendliche und Familien. Über Hoffnungen und Ängste. Über den Wunsch nach Sicherheit, Zukunft und Zugehörigkeit. Kinder mit Fluchterfahrung bringen Hoffnungen, Begabungen und Zukunftspotenzial mit. Damit sie diese Chancen entfalten können, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, Zugang zu Bildung und echte Möglichkeiten zur Teilhabe.
2 Vgl. der Bericht von der Asylkoordination Österreich 2025: Lisa Wolfsegger, Kinder mit Fluchtbiographie in Österreich 2025. Bericht zur kinderrechtlichen Situation von Kindern mit Fluchtbiographie in Österreich, online veröffentlicht im Mai 2026 (www.asyl.at/files/uploads/1151/01-2025berichtkinderfluechtlinge2025_small.pdf).
Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Gesellschaft, Kirchen und allen Menschen guten Willens, dazu beizutragen, dass jedes Kind mit Würde, Sicherheit und Zuversicht seinen Platz in unserer Gesellschaft und finden kann. Darauf macht auch Papst Leo XIV . in seiner Botschaft zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge 3 aufmerksam. Er fordert uns auf „unsere Augen und unser Herz zu öffnen, um die Geschichte, die Ängste und die Träume eines jeden von ihnen aufmerksam anzuhören und jene Distanz zu überwinden, die den Menschen auf eine statistische Zahl reduziert, die uns nicht direkt betrifft. Es ist eine Aufforderung, jedes Kind in seiner Würde anzuerkennen – noch vor seinem Schicksal als „Migrant“ – und seine grundlegenden Rechte zu schützen: das Recht auf Leben, auf Bildung und auf Lebensbedingungen, die es ihm ermöglichen, sich körperlich, geistig, seelisch, moralisch und sozial voll und ganz zu entfalten.“ Und auch die kirchliche Gemeinschaft ist gefordert, ihre Vielfalt als Schatz wahrzunehmen und anzuerkennen. Papst Leo: „Es ist nötig, die christlichen Gemeinschaften dazu zu ermutigen, Flüchtlinge und Migranten als vollwertige Mitglieder der kirchlichen Familie zu integrieren und zu fördern, indem neue, auch individuell gestaltete Bildungswege und geistliche Wege gefördert werden, die über die Logik einer reinen Hilfsleistung hinausgehen. Insbesondere ist es von grundlegender Bedeutung, Einsamkeit, Isolation und Ablehnung, die nicht selten auch die Kinder von Migranten betreffen, vorzubeugen, indem Begegnungs- und Integrationsprozesse ermöglicht werden“.
Der Sonntag der Völker macht sichtbar, wie vielfältig unsere Kirche ist. Viele Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und in Österreich leben, suchen nicht nur Arbeit oder Sicherheit, sondern auch Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Gerade die muttersprachlichen Gemeinden leisten hier einen wichtigen Beitrag. Sie bewahren ein Stück kultureller und religiöser Heimat und schaffen Räume, in denen Menschen Unterstützung und Zusammenhalt erfahren.
Der Sonntag der Völker erinnert uns daran, dass die Kirche von Anfang an international war. Sie lebt von der Vielfalt ihrer Mitglieder. Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Traditionen und Sprachen bereichern das kirchliche Leben und bringen neue Perspektiven ein. Deshalb geht es heute nicht nur darum, Migrantinnen und Migranten wahrzunehmen, sondern auch darum, dankbar anzuerkennen, was sie in unsere Pfarrgemeinden und in unsere Gesellschaft einbringen. Wo Menschen einander offen begegnen, wächst Verständnis. Wo man miteinander betet und feiert, entsteht Gemeinschaft. Der Sonntag der Völker lädt uns ein, diese Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen und miteinander jene Einheit zu leben, die nicht auf Gleichförmigkeit beruht, sondern auf gegenseitigem Respekt und auf dem gemeinsamen Glauben an den einen Gott.
+ Manfred Scheuer Bischof von Linz
3 Botschaft Seiner Heiligkeit Leo XIV. zum 112. Welttag der Migranten und Flüchtlinge 2026