Demut ist keine Unterwerfung unter Menschen, sondern die grundsätzliche Ablehnung jeglicher Rangordnung unter Menschen gleicher Würde und ein Zeichen des Respekts gegenüber Gott und dem Mitmenschen.
Die Motettenansprache nimmt das Gleichnis Jesu über die Rangordnung beim Festmahl auf und fragt, wie Demut heute zu verstehen ist. Der Sprecher verweist auf die Bach-Kantate 'Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedriget werden' und zeigt, wie Bach die These musikalisch umsetzt. Demut wird nicht als Unterwerfung unter Menschen, sondern als Ablehnung jeglicher Rangordnung unter Menschen gleicher Würde gedeutet. Die christologische Begründung liegt in der Selbsterniedrigung Jesu am Kreuz und seiner Erhöhung durch die Auferstehung. Demut wird als Mut zum Dienen und als Grundlage der Nächstenliebe verstanden. Der Text grenzt Demut von historisch missbrauchter Unterordnung ab und verbindet sie mit Menschenwürde unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religion. Das anschließende Gebet bittet um Stärke für Schwache, Demut für Mächtige und Dank für die Musik.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Liebe Motettengemeinde,
Demut ist auch so ein Wort. Ein Wort, wie aus einer anderen Zeit. Was würden wir heute dazu sagen? Genügsamkeit? Bodenständigkeit? Unterwürfigkeit? Bescheidenheit? Demut ist keine Tugend, die in den Medien eine große Rolle spielt. Da sind die Schönen und Reichen im Mittelpunkt. Wir wundern uns über die Aufgeblasenheit und Arroganz manch eines Staatsoberhauptes, manch einer Politikerin. Jesus erzählt dieses Gleichnis, bei dem es um die Rangordnung beim Festmahl geht. Der Ehrenplatz ganz oben am Tisch gehört dem Ranghöchsten. Jesus gibt zu bedenken: Was machst Du, wenn Du diesen Platz eingenommen hast und es kommt einer, der höher ist als du? Da musst du runterrutschen, das kann peinlich sein. Da ist es angenehmer, zunächst mal weiter unten Platz zu nehmen und dann eingeladen zu werden aufzurutschen. Das ist Jesu Rat. Eigentlich eine strategische Entscheidung.
Warum sind wir Menschen eigentlich so? Dass wir Rangordnungen feststellen. Ich bin besser als Du. Ich bin stärker als Du? Ich bin wichtiger als Du? Oder auch: ich fühle mich geringer als Du. Ich bin weniger wert als Du? Stammt das aus der Steinzeit, wo es zum Überleben dazugehörte, möglichst der Stärkste zu sein, oder zumindest von den anderen als der Stärkste anerkannt zu sein – damit sich keiner traut, sich mit mir zu messen… bei den Tieren ist das so. Die bei Hühnern übliche Hackordnung soll es aber auch im Büro oder in Schulklassen geben.
Johann Sebastian Bach hat vor genau 300 Jahren die Kantate „Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedriget werden“ komponiert, auf einen Text von Johann Friedrich Helbig, der ein paar Jahre älter ist. Sehr munter hat Bach die These Jesu musikalisch dargestellt: Wenn man als Thomaner forsch in die Höhe singt –muss man auch wieder herunter. Jeder Versuch hinauf endet im Abstieg. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt. Bach rät mit Jesus zur Demut. Auch das zeigt er musikalisch. In der Sopranarie scheint es so, als ob die Orgelstimme ein bisschen zu selbstbewusst um die Gesangsstimme herum tänzelt und doch immer wieder dazu gezwungen wird, bescheiden in die Reihe zurückzukehren. Hören Sie gut hin! Dann hören Sie auch gleich, was Bach von der Hoffart hält. Hoffart ist das Gegenteil von Demut: Hochmut, Stolz, Hybris, würden wir heute sagen. Und im Rezitativ, da werden Helbich und Bach ganz explizit: Der Mensch ist Kot, Staub, Asch und Erde. Du armer Wurm, suchst dich zu brüsten? Geh, schäme dich, du stolze Kreatur, tu Buß und folge Christi Spur: Wirf dich vor Gott im Geiste gläubig nieder.
Das ist dann schon ganz schön heftig, was uns da gepredigt wird: Dreck bist Du Mensch, schäme dich, wirf dich in den Staub. Das irritiert uns heutige dann doch. So gern wir es sehen, wenn selbstverliebte Mächtige über ihre eigenen Fehler stürzen oder wenn der Klassenstreber zum ersten und einzigen Mal in Mathe eine 6 bekommen hat – wenn es uns selbst gesagt wird, dass wir mal still und bescheiden sein sollen, dann hören wir das nicht so gern. Vor allem irritiert es uns, wenn wir das von jemandem gesagt bekommen, der selber vornedran ist. So ist das in der Weltgeschichte leider oft gewesen – da haben die Reichen den Armen gesagt: Bleibt mal brav und bescheiden, damit wir Wohlhabenden ungestört unser Leben genießen können. Oder die politisch Mächtigen haben zu ihren Untertanen gesagt – wirf dich vor mir nieder, Gott will, dass Du Buße tust und das machst, was ich sage.
Bach verortet die Aufforderung, sich nicht selbst zu erhöhen, christologisch. Derjenige, der sich vor allen anderen erniedrigt hat und dann erhöht wurde, das ist Jesus Christus selbst. Am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden.Deshalb kann er, der ganz unten war, auch uns zur Demut auffordern. Er, Jesus Christus, sonst niemand. Und dann ist Demut auch keine Unterordnung unter andere Menschen, keine Selbsterniedrigung, sondern ein Zeichen des Respekts gegenüber Gott, aber auch gegenüber dem Mitmenschen. Ich mache mich nicht wichtiger, als du es bist. Demut zeigt sich in der grundsätzlichen Ablehnung jeglicher Rangordnung unter unsresgleichen. Demut anerkennt die Menschenwürde, die für jeden und jede gleichermaßen gilt, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Religion oder anderer nebensächlicher Unterschiede. Demut ist Grundlage und Ausprägung der Nächstenliebe. Wer demütig ist, erhöht sich nicht und erniedrigt sich nicht, und er erniedrigt niemanden sonst. Wer demütig ist, der freut sich an den Stärken und der Schönheit der anderen, ohne sich selbst schlecht zu machen oder zu reden.
Hat Demut eigentlich mit Mut zu tun? Sprachgeschichtlich anscheinend schon: Es ist der Mut zum Dienen. Das mag es wirklich sein: Aus einer Position der Stärke heraus sich zum Dienst an Gott und am Mitmenschen bereit erklären. Sich dem anderen wirklich zuwenden. Dieses Risiko eingehen. Dazu braucht es Mut. Ich wünsche uns diesen Mut, Mut zur Demut.
Amen.
Gebet
Gott, wir danken Dir, dass Du uns annimmst, wie wir sind. Wir müssen nicht die Besten sein. Wir dürfen wachsen und erfolgreich sein. Wir dürfen scheitern und von vorn beginnen.
Wir bitten Dich: Sei mit allen, die sich für zu gering halten. Stärke die, die sich schwach fühlen. Ermutige die, die kleinlaut sind. Schenke Zukunft denen, die keine Hoffnung haben. Gib Arbeit denen, die nichts zu tun haben. Gib eine Bleibe denen, die kein Zuhause haben. Schenke Nahrung denen, die hungern. Schenke Frieden, die in Streit und Krieg leben. Schenke denen, die zweifeln, neuen Glauben.
Erinnere alle, die sich für besser, schlauer, wichtiger halten, an die Grenzen menschlicher Möglichkeiten. Wehre dem Hochmut, der Arroganz, der Besserwisserei. Schenke denen, die Macht haben, Augen und Ohren, um den Mitmenschen zu sehen, mit seiner Not, seinen Wünschen und Träumen, seinen Gaben.
Wir danken Dir für die Musik, für all diejenigen, die für uns singen und spielen, für all die, die Mittel bereitstellen und Wege eröffnen, damit sie erklingen kann, hier in St Thomas und anderswo.
Amen.