Geduld ist die übergreifende Tugend, durch die Vernunft und religiöse Motive die Launen und Begierden des Menschen begrenzen, und sie erscheint in vielen verschiedenen Tugenden je nach Situation.
Der Text definiert das arabische Wort „Sabr“ etymologisch und theologisch als Zurückhalten, Enthaltsamkeit und ruhiges Ausharren in Prüfungen. Er sammelt verschiedene Definitionen islamischer Gelehrter und unterscheidet zwischen erlaubter Klage bei Gott und unzulässiger Klage bei Menschen. Ibn al-Qayyim widerspricht der Auffassung, man müsse in leichten und schweren Zeiten gleich fühlen, und betont, dass Leichtigkeit grundsätzlich besser ist. Geduld wird psychologisch als Zusammenspiel einer treibenden und einer zurückhaltenden Kraft beschrieben, die Vernunft und Religion über Launen und Begierden stellen sollen. Der Text zeigt, dass Geduld je nach Situation verschiedene Namen trägt, etwa Ehre, Selbstbeherrschung, Diskretion oder Mut. Damit wird Geduld als übergreifende Grundlage des islamischen Lebens dargestellt.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut auf Deutsch
Imam Ibn al-Qayyim
Die Definition der Geduld
„Sabr" ist ein arabisches Wort, das von einer Wurzel stammt, die bedeutet: zurückhalten, sich enthalten und aufhören. Es gibt einen Ausdruck im Arabischen, „so und so wurde sabran getötet", was bedeutet, dass er gefangen genommen und festgehalten wurde, bis er starb.
Im geistigen Sinne bedeutet Geduld, uns davon abzuhalten, in Verzweiflung und Panik zu verfallen, unsere Zungen davon abzuhalten, zu klagen, und unsere Hände davon abzuhalten, uns bei Zeiten der Trauer und des Stresses ins Gesicht zu schlagen und unsere Kleider zu zerreißen.
Was die Gelehrten über die Geduld gesagt haben
Einige Gelehrte haben die Geduld als eine gute menschliche Eigenschaft oder eine positive psychologische Haltung definiert, kraft derer wir uns davon enthalten, das zu tun, was nicht gut ist. Menschen können ohne Geduld kein ordentliches, gesundes Leben führen.
Abu 'Uthman sagte:
„Derjenige, der Geduld hat, ist derjenige, der sich darauf trainiert hat, Schwierigkeiten zu bewältigen."
'Amr ibn 'Uthman al-Makki sagte:
„Geduld bedeutet, sich Allah nahe zu halten und die Prüfungen, die Er sendet, ruhig anzunehmen, ohne zu klagen oder traurig zu sein."
Al-Khawwas sagte:
„Geduld bedeutet, sich an die Regeln des Qur'an und der Sunnah zu halten."
Ein anderer Gelehrter sagte:
„Geduld bedeutet, sich davon zu enthalten, zu klagen."
Ali ibn Abi Talib RA sagte:
„Geduld bedeutet, die Hilfe Allahs zu suchen."
Ist es besser, in einer Zeit der Schwierigkeit Geduld zu haben, oder in einer Situation zu sein, die keine Geduld erfordert?
Abu Muhammad al-Hariri sagte:
„Geduld bedeutet, keinen Unterschied zwischen Zeiten der Leichtigkeit und Zeiten der Härte zu sehen und zu jeder Zeit zufrieden zu sein."
Ich (Ibn Al-Qayyim) sage:
Das ist zu schwierig, und uns wird nicht aufgetragen, so zu sein. Allah hat uns so erschaffen, dass wir den Unterschied zwischen Zeiten der Leichtigkeit und Zeiten der Härte spüren, und alles, was wir tun können, ist, uns in Zeiten des Stresses davon zu enthalten, in Panik zu verfallen. Geduld bedeutet nicht, in beiden, leichten und schwierigen Zeiten, das Gleiche zu fühlen. Das liegt über unseren Kräften und ist nicht Teil unserer Natur. Eine leichte Zeit ist für uns besser als eine schwierige Zeit.
Wie der Prophet (Friede sei mit ihm) in seinem bekannten Bittgebet sagte: „Wenn Du nicht zornig auf mich bist, dann ist mir egal, was mit mir geschieht, aber dennoch würde ich lieber Deine Segnungen und Gnade haben." Dies widerspricht nicht dem Hadith, der sagt: „Niemandem ist je ein besseres Geschenk gegeben worden als die Geduld", denn das bezieht sich auf den Zeitpunkt, nachdem eine Prüfung oder ein Leiden über eine Person hereingebrochen ist. Aber Leichtigkeit ist dennoch besser.
Geduld und Shakwah (Klage)
Shakwah (Klage) unterteilt sich in zwei Kategorien:
Die erste Art bedeutet, bei Allah zu klagen, und dies widerspricht nicht der Geduld. Sie wird von mehreren Propheten demonstriert, zum Beispiel, als Ya'qub ('alayhis-salaam) sagte:
„Ich klage nur meine Zerrissenheit und mein Leid bei Allah an." (Yusuf, 12: 86).
Zuvor hatte Ya'qub ('alayhis-salaam) gesagt: „sabrun jameel", was bedeutet: „Geduld ist am passendsten für mich." Der Qur'an erzählt uns auch von Ayyub ('alayhis-salaam):
„Und (denke an) Ayyub (Hiob), als er zu seinem Herrn rief: 'Wahrlich, die Not hat mich ergriffen.'" (Al-Anbiya 21:83).
Das Inbegriff der Geduld, der Prophet (Friede sei mit ihm), betete zu seinem Herrn: „O Allah, ich klage Dir meine Schwäche und Hilflosigkeit an."
Musa ('alayhis-salaam) betete zu Allah und sagte:
„O Allah, alle Lobpreisung gebührt Dir, und nur bei Dir wird geklagt, und Du bist der Einzige, von dem wir Hilfe suchen und in dem wir unser Vertrauen setzen, und es gibt keine Kraft außer durch Deine Hilfe."
Die zweite Art der Klage umfasst das Klagen bei Menschen, entweder direkt, durch unsere Worte, oder indirekt, durch die Art, wie wir aussehen und uns verhalten. Dies widerspricht der Geduld.
Gegensätzliche Kräfte
Psychologisch betrachtet wirken in jedem Menschen zwei Kräfte. Die eine ist die „treibende Kraft", die ihn zu bestimmten Handlungen antreibt, und die andere ist die „zurückhaltende Kraft", die ihn von anderen Handlungen abhält. Geduld lenkt im Wesentlichen die treibende Kraft darauf, uns zu guten Dingen zu bewegen, und die zurückhaltende Kraft darauf, uns von Handlungen abzuhalten, die für uns selbst oder andere schädlich sein können. Manche Menschen besitzen starke Geduld, wenn es darum geht, das zu tun, was für sie gut ist, aber ihre Geduld ist schwach, was die Enthaltsamkeit von schädlichen Handlungen betrifft. So können wir feststellen, dass eine Person genug Geduld hat, um Handlungen der Anbetung zu vollziehen (z. B. Salaah, Sawm (Fasten), Hajj), aber keine Geduld hat, sich selbst zu beherrschen und sich davon zu enthalten, seinen Launen und Begierden nachzugeben, und auf diese Weise kann er Haraam (Verbotene) Taten begehen.
Umgekehrt können manche Menschen starke Geduld darin haben, sich von verbotenen Taten zu enthalten, aber ihre Geduld im Gehorsam gegenüber den Geboten und in der Verrichtung von 'Ibaadah ist zu schwach. Manche Menschen haben in keinem der beiden Fälle Geduld! Und, selbstverständlich, die besten Menschen sind diejenigen, die beide Arten von Geduld besitzen. So kann ein Mann viel Geduld haben, wenn es darum geht, die ganze Nacht im Gebet zu stehen und welche Bedingungen von Hitze oder Kälte auch immer vorherrschen zu ertragen, aber überhaupt keine Geduld haben, wenn es darum geht, seinen Blick zu senken und sich davon zu enthalten, auf Frauen zu schauen. Ein anderer kann keinen Problem haben, seinen Blick zu beherrschen, aber ihm fehlt die Geduld, die ihn dazu bringen würde, das Gute zu gebieten und das Böse zu verbieten, und er ist so schwach und hilflos, dass er nicht gegen die Ungläubigen und Polytheisten kämpfen kann.
Die meisten Menschen werden in einem der Fälle an Geduld mangeln, und wenige mangeln in allen Fällen.
Weitere Definition der Geduld
Ein Gelehrter sagte:
„Geduld zu haben bedeutet, dass der gesunde Menschenverstand und die religiösen Motive stärker sind als die Launen und Begierden eines Menschen."
Es ist natürlich, dass Menschen eine Neigung zu ihren eigenen Begierden haben, aber der gesunde Menschenverstand und der religiöse Antrieb sollten diese Neigung begrenzen. Die beiden Kräfte stehen im Krieg: Manchmal siegen Vernunft und Religion, und manchmal haben Launen und Begierden die Oberhand. Das Schlachtfeld ist das Herz des Menschen.
Geduld hat je nach Situation viele andere Namen.
Wenn die Geduld darin besteht, die sexuelle Begierde zu zügeln, wird sie Ehre genannt, deren Gegenteil Ehebruch und Unkeuschheit ist.
Wenn sie darin besteht, den eigenen Magen zu beherrschen, wird sie Selbstbeherrschung genannt, deren Gegenteil Gier ist.
Wenn sie darin besteht, über das zu schweigen, was nicht offenbart werden sollte, wird sie Diskretion genannt, deren Gegenteil das Offenbaren von Geheimnissen, Lügen, Verleumdung oder Verunglimpfung ist.
Wenn sie darin besteht, sich mit dem zufriedenzugeben, was für die eigenen Bedürfnisse ausreicht, wird sie Mäßigkeit genannt, deren Gegenteil Habsucht ist.
Wenn sie darin besteht, den eigenen Zorn zu beherrschen, wird sie Nachsicht genannt, deren Gegenteil Impulsivität und hastige Reaktion ist.
Wenn sie darin besteht, sich von Hast zu enthalten, wird sie Anmut und Gelassenheit genannt, deren Gegenteil ist, hitzköpfig zu sein.
Wenn sie darin besteht, sich davon zu enthalten, wegzulaufen, wird sie Mut genannt, deren Gegenteil Feigheit ist.
Wenn sie darin besteht, sich von Rache zu enthalten, wird sie Vergebung genannt, deren Gegenteil Rache ist.
Wenn sie darin besteht, sich von Geiz zu enthalten, wird sie Großzügigkeit genannt, deren Gegenteil Geiz ist.
Wenn sie darin besteht, sich von Faulheit und Hilflosigkeit zu enthalten, wird sie Dynamik und Initiative genannt.
Wenn sie darin besteht, sich davon zu enthalten, andere Menschen zu beschuldigen und anzuzeigen, wird sie Ritterlichkeit genannt {muroo'ah wörtlich „Männlichkeit"}.
Verschiedene Namen können der Geduld in verschiedenen Situationen beigelegt werden, aber alle werden vom Begriff der Geduld umfasst.
Dies zeigt, dass der Islam in seiner Gesamtheit auf Geduld beruht.
Wortlaut im Original
Imam Ibn al-Qayyim
The Definition of Patience
‘Sabr’ is an Arabic word which comes from a root meaning to detain, refrain and stop. There is an expression in Arabic, “so-and-so was killed sabran,” which means that he was captured and detained until he died.
In the spiritual sense, patience means to stop ourselves from despairing and panicking, to stop our tongues from complaining, and to stop our hands from striking our faces and tearing our clothes at times of grief and stress.
What Scholars have Said about Patience
Some scholars have defined patience as a good human characteristic or a positive psychological attitude, by virtue of which we refrain from doing that which is not good. Human beings cannot live a proper, healthy life without patience.
Abu ‘Uthman said:
“The one who has patience is the one who has trained himself to handle difficulties.”
‘Amr ibn ‘Uthman al-Makki said:
“Patience means to keep close to Allah and to accept calmly the trials He sends, without complaining or feeling sad.”
Al-Khawwas said:
“Patience means to adhere to the rules of the Qur’an and Sunnah.”
Another scholar said:
“Patience means to refrain from complaining.”
Ali ibn Abi Talib RA said:
“Patience means to seek Allah’s help.”
Is it better to have patience at a time of difficulty, or to be in a situation which does not require patience?
Abu Muhammad al-Hariri said:
“Patience means not seeing any difference between times of ease and times of hardship, and being content at all times.”
I (Ibn Al-Qayyim) say:
This is too difficult, and we are not instructed to be like this. Allah has created us in such a way that we feel the difference between times of ease and times of hardship, and all that we can do is refrain from panicking at times of stress. Patience does not mean feeling the same at both easy and difficult times. That is beyond us, and is not part of our nature. Having an easy time is better for us than having a difficult time.
As the Prophet (peace be upon him) said in his well-known supplication: “If You are not angry with me, then I do not care what happens to me, but still I would rather have Your blessings and favour.” This does not contradict the hadith which says, “No-one has ever been given a better gift than patience,” because that refers to after a test or trial has befallen a person. But ease is still better.
Patience and Shakwah (complaint)
Shakwah (complaint) falls into two categories:
The first type means to complain to Allah, and this does not contradict patience. It is demonstrated by several of the Prophets, for example, when Ya’qub (‘alayhis-salaam) said:
“I only complain of my distraction and anguish to Allah.” (Yusuf, 12: 86).
Earlier, Ya’qub (‘alayhis-salaam) had said “sabrun jameel”which means “patience is most fitting for me.”The Qur’an also tells us about Ayyub (‘alayhis-salaam):
“And (remember) Ayyub (Job), when he cried to his Lord, ‘Truly distress has seized me.” (Al-Anbiya 21:83).
The epitome of patience, the Prophet (peace be upon him) prayed to his Lord: “O Allah, I complain to You of my weakness and helplessness.”
Musa (‘alayhis-salaam) prayed to Allah, saying:
“O Allah, all praise is due to You, and complaint is made only to You, and You are the only One from Whom we seek help and in Whom we put our trust, and there is no power except by Your help.”
The second type of complaint involves complaining to people, either directly, through our words, or indirectly, through the way we look and behave. This is contradictory to patience.
Opposing forces
Psychologically speaking, every person has two forces at work within him or her. One is the “driving force”, which pushes him towards some actions, and the other is the “restraining force”, which holds him back from others. Patience essentially harnesses the driving force to push us towards good things, and the restraining force to hold us back from actions that may be harmful to ourselves or others. Some people have strong patience when it comes to doing what is good for them, but their patience is weak with regard to restraint from harmful actions, so we may find that a person has enough patience to perform acts of worship (e.g. Salaah, Sawm (Fasting), Hajj), but has no patience in controlling himself and refraining from following his whims and desires, and in this way he may commit Haraam (Impermissible) deeds.
Conversely, some people may have strong patience in abstaining from forbidden deeds, but their patience in obeying commandments and performing ‘Ibaadah is too weak. Some people have no patience in either case! And, needless to say, the best people are those who possess both types of patience. So, a man may have plenty of patience when it comes to standing all night in prayer, and enduring whatever conditions of heat or cold may be prevalent, but have no patience at all when it comes to lowering his gaze and refraining from looking at women. Another may have no problem in controlling his gaze, but he lacks the patience which would make him enjoin the good and forbid the evil, and he is so weak and helpless that he cannot strive against the Disbelievers and Polytheists.
Most people will be lacking in patience in any one case, and a few lack it in all cases.
Further Definition of Patience
A scholar said:
“To have patience means that one’s common sense and religious motives are stronger than one’s whims and desires.”
It is natural for people to have an inclination towards their own desires, but common sense and religious motive should limit that inclination. The two forces are at war: sometimes reason and religion win, and sometimes whims and desires prevail. The battlefield is the heart of man.
Patience has many other names, according to the situation.
If patience consists of restraining sexual desire, it is called honour, the opposite of which is adultery and promiscuity.
If it consists of controlling one’s stomach, it is called self-control, the opposite of which is greed.
If it consists of keeping quiet about that which it is not fit to disclose, it is called discretion, the opposite of which is disclosing secrets, lying, slander or libel.
If it consists of being content with what is sufficient for one’s needs, it is called abstemiousness, the opposite of which is covetousness.
If it consists of controlling one’s anger, then it is called forbearance, the opposite of which is impulsiveness and hasty reaction.
If it consists of refraining from haste, then it is called gracefulness and steadiness, the opposite of which is to be hot-headed.
If it consists of refraining from running away, then it is called courage, the opposite of which is cowardice.
If it consists of refraining from taking revenge, then it is called forgiveness, the opposite of which is revenge.
If it consists of refraining from being stingy, then it is called generosity, the opposite of which is miserliness.
If it consists of refraining from being lazy and helpless, then it is called dynamism and initiative.
If it consists of refraining from blaming and accusing other people, then it is called chivalry {muroo’ah literally “manliness”).
Different names may be applied to patience in different situations, but all are covered by the idea of patience.
This shows that Islam in its totality is based on patience.