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Humanistisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Mitten im Diesseits

ohne Namen · diesseits – Das humanistische Magazin · 2026-10-13 · Berlin · Quelle

Fürsorge · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Dankbarkeit

Endlichkeit macht das Leben intensiver und kostbarer, und Selbstbestimmung im Sterben wird erst durch die Fürsorge und Solidarität anderer möglich.

Der Text beschreibt einen Nachmittag im Hospiz LudwigPark in Berlin-Buch. Die Autorin beobachtet mehrere Szenen: zwei sterbenskranke Frauen, die im Rollstuhl rennen, ein Mann, der mit seinem Sohn Videospieler spielt, und eine Frau, die ihren Geburtstag feiert. Diese Begegnungen führen zu der Erkenntnis, dass Endlichkeit das Leben intensiver und kostbarer erscheinen lässt. Selbstbestimmung wird als zentraler Wert im Hospiz dargestellt, die jedoch oft erst durch die Hilfe anderer möglich wird. Der Text verknüpft diese Beobachtungen mit einer humanistischen Haltung, die praktische Bedeutung erlangt. Die Autorin nimmt einen geschärften Blick für den eigenen Alltag mit und fragt sich, wie sie selbst leben möchte. Die im Hospiz gestellten Fragen werden als allgemeine Lebensfragen verstanden.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Krankheit, Tod, Vergänglichkeit als Grundproblem
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit; praktisches Handeln am Nächsten, Werke
Was ist der Mensch nach diesem Text?
selbstbestimmt, Urheber seines Handelns
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
1 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 0, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
„Ich über­ho­le dich!“, ruft eine Frau. „Gar nicht“, kon­tert ihre Freun­din. Ihr Roll­stuhl wird schnel­ler. Zwei Pfle­ge­fach­kräf­te schie­ben die Frau­en an einem son­ni­gen Tag über einen Park­weg. Bei­de lachen. Bei­de sind tod­krank. Die Sze­ne spielt im Lud­wig­Park, der Park­an­la­ge des gleich­na­mi­gen Hos­pi­zes in Ber­lin-Buch. „Bei uns ist Leben in der Bude“, sagt Pfle­ge­fach­kraft Chris­tin. Einen Nach­mit­tag lang habe ich sie auf ihrem Spät­dienst beglei­tet. Am Ende bin ich mit vie­len Fra­gen nach Hau­se gegan­gen. Eine davon beschäf­tigt mich bis heu­te: War­um erschien mir das Leben an die­sem Ort des Ster­bens so inten­siv? Je län­ger ich im Hos­piz blei­be, des­to häu­fi­ger begeg­nen mir sol­che Momen­te. Durch eine geöff­ne­te Zim­mer­tür fällt mein Blick auf einen rie­si­gen Fern­se­her. Auf dem Bild­schirm flim­mert das Start­me­nü einer Play­Sta­ti­on. Ein Anblick, den ich in einem Hos­piz nicht erwar­tet hät­te. „Das hat mein Sohn mir ein­ge­rich­tet“, erzählt der Mann stolz. Manch­mal spie­len die bei­den gemein­sam. So wie frü­her. Mir wird klar: Vor mir liegt nicht nur ein Hos­piz­gast. Vor mir liegt ein Vater. Jemand mit Bezie­hun­gen und Lei­den­schaf­ten, die nicht an der Tür des Hos­pi­zes enden. In einem ande­ren Zim­mer ent­de­cke ich zwei sil­ber­ne Bal­lons, die zusam­men eine „33“ bil­den. Die Frau, die hier wohnt, hat­te vor Kur­zem Geburts­tag. Freun­de haben die Bal­lons vor­bei­ge­bracht. Es ist ein selt­sa­mer und berüh­ren­der Anblick: Geburts­tags­de­ko­ra­ti­on in einem Hos­piz. Ein Bild, das mich zunächst irri­tiert. Und zugleich eines, das so viel über die­sen Ort erzählt. Das Leben ist im Hos­piz nicht vor­bei, es wird oft noch gefei­ert. Auch wenn nur noch wenig Zeit bleibt, ist sie lebens­wert. Kostbare Zeit Je kür­zer die ver­blei­ben­de Lebens­zeit, des­to kost­ba­rer erscheint sie. Viel­leicht lässt mich die­ser Nach­mit­tag gera­de des­halb nicht los. Im Hos­piz Lud­wig­Park begeg­ne­te mir End­lich­keit nicht als phi­lo­so­phi­scher Gedan­ke, son­dern als geleb­te Wirk­lich­keit. Plötz­lich wirk­ten all­täg­li­che Momen­te beson­ders. Das gemein­sa­me Roll­stuhl­ren­nen, das Spiel mit dem Sohn oder eine Geburts­tags­fei­er konn­ten zu den letz­ten die­ser Men­schen gehö­ren. Wenn die ver­blei­ben­de Zeit so kost­bar ist, ist es umso wich­ti­ger, selbst über sie bestim­men zu kön­nen. Die Krank­heit setzt den Hos­piz­gäs­ten dabei Gren­zen. Man­ches geht nicht mehr, man­ches nur noch mit Hil­fe. Was möch­te ich essen? Ver­brin­ge ich den Nach­mit­tag lie­ber im Zim­mer oder drau­ßen im Park? Wer soll zu Besuch kom­men? Selbst­be­stim­mung ist im Hos­piz kein abs­trak­ter Begriff. Ver­meint­lich klei­ne Ent­schei­dun­gen kön­nen viel zur Lebens­freu­de bei­tra­gen. Oft geht das nicht allein: Die Freun­din­nen bestimm­ten das Tem­po ihres Roll­stuhl­ren­nens mit – die Pfle­ge­fach­kräf­te ermög­lich­ten die Fahrt. Der Mann woll­te Video­spie­le spie­len – sein Sohn hat­te ihm die Kon­so­le ein­ge­rich­tet. Selbst­be­stim­mung wird oft erst durch ande­re mög­lich. Mich berühr­te, wie lie­be­voll die Hos­piz­gäs­te in ihrer Ver­letz­lich­keit umsorgt wur­den und wie viel Freu­de dar­aus ent­stand. Ein geschärfter Blick Als ich mich abends von Chris­tin ver­ab­schie­de­te, ging mir ihr Satz nicht aus dem Kopf: „Bei uns ist Leben in der Bude.“ Wie recht sie damit hat­te. Ich hat­te gese­hen, wie inten­siv die­se Men­schen hier ange­sichts ihrer End­lich­keit leb­ten – selbst­be­stimmt, dank der Soli­da­ri­tät ande­rer. Sel­ten hat­te ich so deut­lich erlebt, was eine huma­nis­ti­sche Hal­tung prak­tisch bedeu­ten kann. Ich schloss die Hos­piz­tür hin­ter mir und nahm einen geschärf­ten Blick für das mit, was ich im All­tag so leicht über­se­he: Auch für mich gibt es für jedes gemein­sa­me Essen, jedes Gespräch, jede Umar­mung irgend­wann ein letz­tes Mal. Wann das ist, zeigt sich oft erst rück­bli­ckend. Die Fra­gen, die im Hos­piz gestellt wer­den, sind kei­ne Hos­piz­fra­gen. Es sind Lebens­fra­gen. Und so fra­ge ich mich bis heu­te: Wie möch­te ich selbst leben – mit der Zeit, die mir bleibt, und den Men­schen an mei­ner Sei­te?