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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

»Sich gottunmittelbar tanzen«

Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt · Frauenkirche Dresden – Kanzelworte · 2026-09-20 · Dresden · Quelle

Demut · Hauptbotschaft Dankbarkeit · tragend Gemeinschaft

Der selbstvergessene Tanz Davids um die Bundeslade ist ein biblisches Vorbild dafür, dass vor Gott das Aus-der-Rolle-Fallen und die unmittelbare Freude über seine Gegenwart erlaubt und gefordert sind.

Wer vor Gott keine Rolle mehr spielen will, den schließt Gott ganz bestimmt in sein Herz. Wer sich vor Gott selber vergisst, darf sich als von Gott erwählt ansehen, wie David das ja auch selbstbewusst ausspricht.

Die Predigt nimmt die biblische Erzählung vom Tanz Davids um die Bundeslade (2. Samuel 6) auf und liest sie in drei Schichten: historisch-politisch, sozialrepräsentativ und theologisch. Historisch wird Davids Handeln als strategische Verlagerung des Kultzentrums nach Jerusalem gedeutet. Sozial wird die Szene über die Reaktion der Königin Michal als Bruch von Repräsentationspflichten und Rollenverpflichtung beschrieben. Theologisch wird Davids Selbstvergessenheit im Tanzen als Ausdruck unmittelbarer Gottesbegegnung und als Freiheit des Christenmenschen gedeutet. Der Prediger überträgt diese Deutung auf die Gegenwart, indem er Tanz und Körperlichkeit als legitime Formen religiöser Erfahrung in der evangelischen Kirche zurückführt. Bezugspunkte sind afrikanische Gottesdienstpraxis und ein moderner Tanz in der eigenen Gemeinde. Die zentrale Botschaft lautet, dass vor Gott das Aus-der-Rolle-Fallen und Sich-Selbst-Vergessen erlaubt und sogar gefordert sei.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Abkehr von Gott, Gleichgültigkeit, Götzendienst
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen; Gebet, Gottesdienst, Meditation, wiederholte Übung
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem als Angenommener und Beschenkter beschrieben
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

2. Sam 6

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3, benannt: bürgerliche Protestanten, die den Tanz als unangemessen empfinden
Zeitbezug
früher 3, jetzt 2, künftig 0

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
»Sich gottunmittelbar tanzen« Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt -- Liebe Gemeinde, wenn Könige, oder heutzutage Präsidenten, ein Tänzchen wagen, dann ist immer noch eine Nachricht wert. Mindestens ein Reel auf Insta und TikTok. Als - wie wir’s eben in der Lesung gehört haben - vor 3.000 Jahren Israels großer König David ungeniert und jedes Protokoll missachtend um die Lade seines Gottes tanzte, da war das allemal gut für eine Geschichte: eine biblische Geschichte. Die unterscheiden sich von anderen Geschichten darin, dass sie sich, auch wenn sie von Königen erzählen, um Gott drehen. In dieser Geschichte ist das wörtlich zu nehmen: Ein König dreht sich um seinen Gott! David, Israels König, tanzt, springt und dreht sich um die Lade, das Symbol der Gegenwart seines Gottes. Indem er tanzt, feiert er seinen Gott. Die uralte Einheit von Religion und Tanz, von der ich eingangs sprach: hier begegnet sie uns mitten in der Bibel. In einer etwas wilden Geschichte. In der Kirche - jedenfalls in der evangelischen - hat man immer einen Bogen um sie gemacht. Dabei hat sie in ihrer Wildheit etwas Befreiendes. Jedenfalls dann, wenn man sie mit den richtigen Augen betrachtet. I. Man kann diese Geschichte sehr rational mit den Augen des Historikers sehen. David, noch in der Konsolidierungsphase seiner Regentschaft als Israels zweiter König, will Jerusalem, die Stadt auf den Bergen, zum Herrschaftszentrum machen. Als seine, als Davidsstadt soll Jerusalem die Einheit des Reiches symbolisieren. Aber dem politischen Zentrum fehlt noch der religiöse Mittelpunkt. Dem Thron fehlt der Altar, ein zentrales Heiligtum. Ein um die Einheit seines Reiches besorgter König konnte nichts Besseres tun, als das zentrale Kultheiligtum der Stämme Israels, die etwas in Vergessenheit geratene Bundeslade, aus der Provinz nach Jerusalem zu holen. Denn diese Bundeslade, äußerlich ein umher tragbarer länglicher Kasten, galt den Israeliten als Ort von Gottes Gegenwart. Ein bisschen vergleichbar mit dem Tabernakel in der katholischen Kirche. Hatte die Davidsstadt diese Lade in ihren Mauern, dann war sie zugleich auch die heilige Stadt. Und wenn wir heute von Jerusalem als der heiligen Stadt reden, dann wegen dieser uralten biblischen Geschichte. Man kann dann auch ein bisschen nachempfinden, warum es heute dem Staat Israel so wichtig ist, in der Stadt Davids seine Hauptstadt zu haben. II. Nun kann man den tanzenden David aber auch mit ganz anderen Augen sehen - nämlich mit denen seiner Frau Michal. Die findet die tänzerische Performance ihres königlichen Gatten gar nicht lustig. Sie schämt sich fremd. Repräsentanten eines Staates riskieren ja etwas, wenn sie aus der Rolle fallen, und sei es tanzend. Man stelle sich vor, wenn Trumps pompöser Ballsaal im Weißen Haus mal fertiggestellt ist und die Regierenden wie König David anfangen würden zu tanzen: in einem viel zu kurzen Hemd oder Kleid mit viel zu heftigen Bewegungen zu viel zu lasziver Musik… Die Protokollchefs wären not amused, so wie damals Michal ihren Augen nicht traute, als sie aus dem Fenster dieses dionysische Schauspiel sah. Das muss ganz schön wild ausgesehen haben. Nicht mit gemessenen Schritten und beherrschten, gebändigten Bewegungen, wie es für den Gesellschaftstanz charakteristisch ist und einer Prozession mit dem Allerheiligsten angemessen wäre. Sondern „mit aller Macht“, wie es im Text heißt, sehen wir David hier „springen und tanzen“. Und das „mit Leiern und Harfen, mit Pauken und Schellen und Zimbeln“. Kein Festmarsch à la Aida, von einer liturgischen Prozession wie an Fronleichnam ganz zu schweigen. Nichts für empfindsame Augen und Ohren. Und das alles, um die Gegenwart Gottes in der Bundeslade anzuzeigen. Für bürgerliche Protestanten ein verstörender Vorgang. Und für Davids um die Reputation ihres Hauses besorgte Frau ein Skandal: Ihr königlicher Gatte ist aus der Rolle gefallen, er hat sich vergessen. Ein absoluter Herrscher kann sich zwar sehr viel leisten. Aber eines dürfen hohe Repräsentanten eben nicht: sie dürfen nie vergessen, dass sie Könige, Staatsmänner, also Rollenträger sind. Sie dürfen nie ihre Rolle, und niemals sich selbst vergessen. III. Und so kann man diese alte Geschichte noch einmal anders sehen. Als biblische Geschichte nämlich. Dann ist das eine Geschichte, wie sie Gott selbst sieht. David, als er auf die Vorwürfe seiner Frau reagiert, verweist dann auch auf Gott selbst. Er rechtfertigt sich nicht, er entschuldigt sich nicht. Im Gegenteil, David räumt ein, dass er sich erniedrigt hat, aus der Rolle gefallen ist. Und er tut das mit Worten, die ähnlich ungestüm in seinem Mund tanzen wie zuvor sein Körper getanzt hatte. David vergisst sich aufs Neue - und preist Gott: „Ja, tanzen will ich vor dem Herrn! Gepriesen sei der Her, der mich erwählt hat. Vor ihm will ich springen und tanzen und mich erniedrigen mehr noch als diesmal. Doch bei den Mägden, von denen du sprachst, will ich gerade so zu Ehren kommen.“ Wer so redet, ohne jede Rücksicht auf sein hohes Amt, seine staatsmännische Rolle, und vorher auch tanzt, der ist in Wahrheit ein königlicher Mensch. Ich meine, das ist es, was uns die Bibel hier sagen will. Wer so ungestüm lobt wie er losgelöst tanzen kann, der ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan, wie Martin Luther den Christen genannt hat. Weil er begriffen hat, dass man vor Gott das darf und soll, was man sonst im Leben besser nicht darf, und kaum wagt: Vor Gott darf man aus der Rolle fallen. Vor Gott dürfen wir uns - im besten Sinn des Wortes - selbst vergessen. Wer vor Gott keine Rolle mehr spielen will, den schließt Gott ganz bestimmt in sein Herz. Wer sich vor Gott selber vergisst, darf sich als von Gott erwählt ansehen, wie David das ja auch selbstbewusst ausspricht. Gott ist wirklich da, er ist bei mir: das war die Erfahrung, die der König David gemacht hat, die ihm regelrecht in die Glieder gefahren ist , so dass er zu tanzen anfing. Wahre Freude fährt einem immer in die Glieder. Weshalb dann nicht die Freude über Gottes Da-Sein? Wer einmal einen Gottesdienst mit afrikanischen Christen erlebt hat, wo nicht nur der Tanz selbstverständlich dazugehört, weiß, was ich meine. Da wird‘s Ereignis: Selbstvergessenheit aus Gottesfreude. IV. Ob wir das noch können, liebe Gemeinde? Es müssen ja nicht die wildesten Tänze in den kürzesten Hemden sein, mit denen wir unsere Freude über Gott und sein Dasein inszenieren. Die Zeit Davids liegt 3.000 Jahre zurück. Religion und Tanz sind für uns zweierlei geworden. Wir leben ja nicht nur klimatisch eher in der gemäßigten Zone. Zumal wir Protestanten. Angesichts unserer (mindestens meiner) Tanzkünste ist das wahrscheinlich auch besser so. Aber noch besser ist es, wenn wir uns manchmal daran erinnern lassen, dass Religion und Tanz in ihrem Kern miteinander zu tun haben und nicht nur in der Bibel, sondern auch in der Kirche selbst-verständlich zusammengehören. So wie uns heute unsere Künstlerin Sophie so anrührend daran erinnert. Anrührend auch darum, weil ihr Tanz – der sog. Modern Dance - eben auch kein durch festgelegte Schrittfolgen gebändigter Gesellschaftstanz ist, in dem der Körper durch Regeln, also letztlich durch den Geist dominiert wird. Sondern hier gibt die Tänzerin ihrem Körper die Überhand über den Geist, und damit auch über sich. So entsteht Selbstvergessenheit. Und Gottunmittelbarkeit. Und so gesehen ist zum guten Schluss das Tanzen, man höre und staune, dann doch eine gut protestantische Sache. Amen.