Judentum · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen
Talmudisches: Frieden mit sich selbst und anderen
Vyacheslav Dobrovych ·
Juedische Allgemeine, Wochenabschnitt ·
2026-10-01
· Quelle
Gemeinschaft · Hauptbotschaft
Umkehr · tragend
Wissen · tragend
Dauerhafter gesellschaftlicher Frieden ist nur möglich, wenn Individuen und Gemeinschaften zunächst inneren Frieden und die Überwindung von Hass in sich selbst erreichen.
Ein Mensch, der innerlich von Hass beherrscht wird, wird nicht dadurch zum Friedensstifter, dass er das Wort »Frieden« oft genug ausspricht.
Der Text reflektiert über die Bedeutung von Frieden (Schalom) im Judentum vor dem Hintergrund des Angriffs vom 7. Oktober 2023. Er unterscheidet zwischen negativem Frieden (Abwesenheit von Gewalt) und positivem Frieden (Gerechtigkeit) und verweist auf die hebräische Wurzel von Schalom, die Ganzheit bedeutet. Zentrale Quelle ist der Talmud, der Schalom als einen Namen Gottes bezeichnet und Toragelehrte als Friedensstifter beschreibt. Der Text nutzt die Lehre Rabbi Nachmans von Bratzlaw, um eine Hierarchie des Friedens zu skizzieren: von innerem Frieden über häuslichen Frieden bis zum umfassenden Frieden. Es wird argumentiert, dass dauerhafter äußerer Frieden nur möglich ist, wenn Menschen und Gemeinschaften innerlich nicht von Hass zerfressen sind. Die Aufgabe der Tora wird darin gesehen, den Menschen zu formen und seine widersprüchlichen Kräfte zu ordnen, um Frieden hervorzubringen.
- Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
-
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
- Wo sitzt das Übel?
-
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
- Was hilft dagegen?
-
innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung; Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis
- Was ist der Mensch nach diesem Text?
-
vor allem Teil einer Gemeinschaft oder Schöpfung
- Wohin geht die Geschichte?
-
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor (erschlossen)
- Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
-
auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis; auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
- Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
-
den eigenen Glaubensgeschwistern
- Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
-
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst
Verwandte Texte aus anderen Traditionen
nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition
Wozu der Text aufruft
- Inneren Frieden zwischen Körper und Seele anstreben (innerlich)
- Widersprüchliche Kräfte durch Tora-Studium ordnen (innerlich)
Genannte Stellen
Mischna Uktzin 3,12 · 4. Buch Mose 6,26 · Berachot 64a · Likutej Moharan 14, 8-9
Gemessen
- Grundhaltung
- 1 von -2 bis 2
- Eindringlichkeit
- 2 von 3
- Reichweite
- 1 von 5
- Konkretheit
- 2 von 3
- Abgrenzung
- 0 von 3
- Zeitbezug
- früher 2, jetzt 2, künftig 1
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Der Schabbatmorgen des 7. Oktober 2023 hat sich in das jüdische Gedächtnis eingebrannt. Unser Volk erlebte den tödlichsten Angriff auf Juden seit der Schoa. In den Jahren danach mussten viele Juden zudem eine kaum erträgliche Umkehr von Täter und Opfer erfahren.
Es fällt schwer, ein solches Ereignis in einen talmudischen Zusammenhang zu bringen. Vielleicht ist es gerade deshalb sinnvoll, sich mit dem genauen Gegenteil von Krieg, Zerstörung und Mord zu beschäftigen: mit Frieden, mit Schalom.
Die moderne Friedensforschung unterscheidet zwischen negativem und positivem Frieden. Negativer Frieden bedeutet zunächst die Abwesenheit unmittelbarer Gewalt und von Krieg. Positiver Frieden bezeichnet eine Ordnung, in der auch strukturelle Gewalt überwunden und soziale Gerechtigkeit verwirklicht wird.
Die jüdische Vorstellung von Schalom erschöpft sich nicht darin, dass gerade niemand schießt
Auch die jüdische Vorstellung von Schalom erschöpft sich nicht darin, dass gerade niemand schießt. Schon die hebräische Sprache weist in eine andere Richtung. »Schalom« (vollständig) und »schalem« (ganz) gehören zur selben hebräischen Wortwurzel. Schalom hat etwas mit Ganzheit zu tun.
Vielleicht erklärt das, weshalb der Frieden in unseren Quellen eine so außergewöhnliche Stellung einnimmt. Der Talmud lehrt, dass Schalom sogar einer der Namen G’ttes ist. Noch weiter geht die Mischna am Ende des Traktats Uktzin: »Der Heilige, gelobt sei Er, fand für Israel kein Gefäß, das den Segen halten kann, außer dem Frieden« (Mischna Uktzin 3,12).
Auch unsere Gebete geben dem Frieden eine besondere Stellung. Die Amida schließt mit der Bitte um Frieden und mit der Beracha, dass G’tt Sein Volk Israel mit Frieden segnet. Im aschkenasischen Birkat Hamason begegnet uns gegen Ende erneut die Bitte: »Er, der Frieden in Seinen Höhen schafft, möge Frieden über uns und über ganz Israel schaffen.«
Auch der priesterliche Segen erreicht seinen Höhepunkt mit den Worten: »Der Ewige erhebe Sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden« (4. Buch Mose 6,26). Vor diesem Hintergrund erscheint ein berühmter Satz am Ende des Talmudtraktats Berachot besonders bemerkenswert: »Toragelehrte mehren den Frieden in der Welt« (Berachot 64a).
Was hat der Mensch, der über einer Gemara sitzt, mit dem Frieden zwischen Völkern zu tun?
Warum gerade Toragelehrte? Die Frage ist nicht nebensächlich. Schließlich werden Kriege in der sichtbaren Welt durch politische Entscheidungen geführt und durch politische oder militärische Entscheidungen beendet. Was hat also der Mensch, der über einer Gemara sitzt, mit dem Frieden zwischen Völkern zu tun?
Eine mögliche Antwort findet sich bei Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772–1810). In Likutej Moharan (14, 8–9) beschreibt er verschiedene Ebenen des Friedens. Zuerst, so Rabbi Nachman, müsse ein Mensch danach streben, »Schalom ba’azmaw«, Frieden in sich selbst, zu erreichen. Diesen inneren Frieden versteht er als Harmonie zwischen Körper und Seele.
Von dort führt sein Gedanke weiter. Schalom Bajit, Frieden im eigenen Haus, ermöglicht Gebet. Und durch das Gebet gelangt der Mensch schließlich zum »Schalom haklali«, zum umfassenden Frieden (14, 10–11).
Rabbi Nachman verbindet diesen Gedanken ausdrücklich mit der messianischen Vision des Propheten Jeschajahu. Und Rabbi Nachmans Gedanke richtet unseren Blick auf eine tiefere Ebene. Äußerer Frieden kann auf Dauer nur dort entstehen, wo Menschen überhaupt fähig sind, Frieden hervorzubringen.
Eine Gemeinschaft kann nur Schalom hervorbringen, wenn sie nicht selbst von Hass zerfressen wird
Ein Mensch, der innerlich von Hass beherrscht wird, wird nicht dadurch zum Friedensstifter, dass er das Wort »Frieden« oft genug ausspricht. Ebenso wenig kann eine Gemeinschaft dauerhaft Schalom hervorbringen, wenn sie selbst von grundlosem Hass zerfressen wird.
Vielleicht lässt sich nun auch der Satz der Gemara besser verstehen. Toragelehrte mehren den Frieden nicht deshalb, weil sie anstelle von Diplomaten Friedensverträge unterschreiben. Ihre Aufgabe liegt tiefer. Die Tora soll den Menschen formen. Sie soll ihm zeigen, wie er seine widersprüchlichen Kräfte ordnet.
Schweiz
Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben
Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG
von Jonathan Kreutner
01.10.2026
Feiertage
Gut gefüllt
Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?
von Daniela Rusowsky
29.09.2026
Schweiz
Eine Sukka voller Fragen
Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch
von Nicole Dreyfus
25.09.2026
Zusammenhalt
Was uns verbindet
Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft
von Rabbiner Elischa Portnoy
25.09.2026
Sukkot
Mit Herz und Sinnen
Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen
von Rabbiner Avraham Radbil
24.09.2026
Sukkot
»… und du sollst nur fröhlich sein«
Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt
von Vyacheslav Dobrovych
24.09.2026
Debatte
Wehret den Anfängen gilt rechts und links
Ein Offener Brief an Bischof Christian Stäblein vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Berlin/Brandenburg
von Cornelia Seibeld
24.09.2026
Aktualisiert
Laubhüttenfest
Ein Fest der Natur
Vom Feiern der Schöpfung zur Verantwortung für ihre Bewahrung
von Rabbiner Yehoyada Amir
23.09.2026
Sukkot
Wenn der Himmel unser Dach wird
Vielleicht können wir Israelis nach Jahren in Schutzräumen die Bedeutung der fragilen Laubhütte heute noch besser verstehen. Ein Essay
von Rabbiner Raphael Evers
23.09.2026
zurück