omnist.world

English

Humanistisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Aufbruch, Erwartungen und Entwicklungen

ohne Namen · diesseits – Das humanistische Magazin · 2026-10-20 · Berlin · Quelle

Dieser Inhalt ist noch nicht ausgewertet.

Wortlaut anzeigen
Heu­te vor zwan­zig Jah­ren, am 20. Okto­ber 2006, prä­sen­tier­te sich der Huma­nis­ti­sche Pres­se­dienst (hpd) auf einer Pres­se­kon­fe­renz im Ber­li­ner Roten Rat­haus der Öffent­lich­keit. Der hpd erin­nert seit eini­ger Zeit an die­se Ereig­nis­se, etwa durch ein Inter­view mit Micha­el Schmidt-Salo­mon , Vor­stands­spre­cher der Giord­a­no Bru­no-Stif­tung (gbs). Eine in Tei­len ande­re Sicht von Horst Gro­schopp wur­de dort nicht ver­öf­fent­licht, steht aber auf sei­ner Home­page. Die Redak­ti­on nahm den Vor­gang zum Anlass, mit dem dama­li­gen Bun­des­vor­sit­zen­den des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands (HVD) das fol­gen­de Inter­view zu füh­ren. Du warst 2006 einer der Gründer des Humanistischen Pressedienstes. Was fand da statt? Vier Per­so­nen, je zwei von der gbs und vom HVD, grün­de­ten eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts (GbR) mit dem Namen HUMAG („Huma­nis­ti­sche Arbeits­ge­mein­schaft“), um eine dem Huma­nis­mus die­nen­de Pres­se­agen­tur „hpd“ und einen sozio­lo­gi­schen For­schungs- und Infor­ma­ti­ons­dienst „Fowid“ zu schaf­fen. GbR bedeu­te­te per­sön­li­che Haf­tung der Gesell­schaf­ter Her­bert Stef­fen, Micha­el Schmidt-Salo­mon, Man­fred Ise­mey­er und Horst Gro­schopp. Ein ent­spre­chen­der Ver­trag wur­de schon im März unter­zeich­net und eine Redak­ti­on ein­ge­setzt. Deren frü­hes Wir­ken fing an mit Cars­ten Frerk, einem aus­ge­wie­se­nen Sozi­al­wis­sen­schaft­ler als Chef, und Gabrie­le Gro­schopp, eine Diplom­in­ge­nieu­rin und ehe­ma­li­ge „Maschinenbau“-Chefredakteurin, als Stell­ver­tre­te­rin. Sie ver­ließ ab 2. Juli 2009 die Redak­ti­on, weil der HVD ab April 2009 aus dem inzwi­schen Ver­ein gewor­de­nen Pres­se­dienst aus­schied. Das war die ers­te Tren­nung. Noch 2008 hat­te der Bun­des­vor­stand des HVD an sei­ne Lan­des­ver­bän­de appel­liert und sie um Unter­stüt­zung des hpd gebe­ten. Was fehlte 2006 in der humanistischen Medienlandschaft – und warum war ein Pressedienst die richtige Antwort darauf, obwohl er selbst kein journalistisches Medium sein wollte? Es fehl­te, was noch heu­te fehlt, ein Dienst für und in Medi­en, der sich huma­nis­ti­schen Ange­le­gen­hei­ten wid­met und ent­spre­chen­de Fra­gen und Stand­punk­te in der Öffent­lich­keit beför­dert, der nicht nur breit ange­legt, viel gele­sen und jour­na­lis­tisch genutzt wird, son­dern auch „Schrei­ber­lin­ge“ anzieht, die gedruckt wer­den wol­len und die etwas Inter­es­san­tes mit­zu­tei­len haben. Der hpd woll­te kein Ver­bän­desprach­rohr sein, wes­halb eine ein­fa­che und unbe­ar­bei­te­te Wie­der­ga­be von Orga­ni­sa­ti­ons­nach­rich­ten redak­tio­nell unter­sagt war. Für die Ver­brei­tung von Kom­mu­ni­qués blie­ben die Ver­bän­de selbst zustän­dig, aber erklärt und kom­men­tiert konn­ten sie im hpd erschei­nen. Die­se sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen sahen die Absen­der dann oft kri­tisch, so sach­lich sie immer gehal­ten waren. Die Ver­bän­de pro­du­zier­ten selbst zu wenig für einen Markt der Mei­nun­gen und fühl­ten sich zugleich ver­nach­läs­sigt. Rasch wur­de klar, dass eine „Agen­tur“, die der „säku­la­ren Sze­ne“ dient, unter den Bedin­gun­gen, in denen „Öffent­lich­keits­ar­bei­ter“ für ihre Ver­bän­de meist ehren­amt­lich wir­ken, nicht funk­tio­nie­ren kann. Zwar ver­grö­ßer­te sich die Redak­ti­on, aber es fehl­ten immer ange­mes­se­ne Tex­te von drit­ten Per­so­nen. So kam es zu einer Domi­nanz der­je­ni­gen Mel­dun­gen, die im Umfeld der gbs ent­stan­den, erin­nert sei an die „Bus­kam­pa­gne“ oder den Neu­en Athe­is­mus über Richard Daw­kins „Got­tes­wahn“. Ver­ant­wort­li­che im HVD sahen sich in ihren Posi­tio­nen domi­niert, lie­fer­ten aber wenig zum Kon­trast. Das ursprüng­li­che Anlie­gen, gesell­schafts­po­li­ti­sche The­men auf­zu­grei­fen und sich dar­in zu bewäh­ren, wur­de zwangs­läu­fig ver­fehlt, schon wegen Man­gel an Kapa­zi­tä­ten. Ich selbst habe für den hpd 80 Tex­te unter mei­nem Namen ver­fasst und wei­te­re unter Pseud­ony­men, etwa Fritz Kum­mer . So unterschiedliche Akteure haben den hpd gemeinsam auf den Weg gebracht. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande, und was hat sie am Anfang zusammengehalten? Es waren im Wesent­li­chen zwei Akteu­re mit ihrem jewei­li­gen Umfeld und ihren finan­zi­el­len Poten­zen, gbs und HVD. In der Ver­bän­de­land­schaft war vor­ge­ar­bei­tet wor­den. Seit Janu­ar 2001 rief die „Huma­nis­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin“ zwei­mal jähr­lich die „Sich­tungs­kom­mis­si­on“ zusam­men. Das waren lose Zusam­men­künf­te von Ver­tre­tern der „säku­la­ren Sze­ne“, ein Begriff, den der huma­nis­ti­sche Unita­ri­er Hel­mut Kra­mer ein­führ­te, um das Gemein­sa­me zu kenn­zeich­nen (hier fin­det sich sei­ne dama­li­ge Ana­ly­se , die ursprüng­lich im hpd erschien und eine Kurz­ge­schich­te von deren Schick­sal). Nach Jah­ren der Sprach­lo­sig­keit rede­ten Ver­bän­de­ver­tre­ter wie­der mit­ein­an­der. Das lief auf den KORSO hin­aus, den „Koor­di­nie­rungs­rat säku­la­rer Orga­ni­sa­tio­nen“, der am 16. Novem­ber 2008 ent­stand und den hpd unter­stütz­te, auch ein wenig finan­zi­ell. Aber das war nun ein demo­kra­tisch ver­fass­ter Betrieb mit all den büro­kra­ti­schen Regeln, die das mit sich bringt. Woran hast Du gemerkt, dass sich die Vorstellungen über die Zukunft des Projekts auseinanderentwickelten? Als Prä­si­dent, der bestimm­te Zie­le ver­folgt, merkt man so etwas nicht als ers­ter. Es gab inner­re­dak­tio­nel­le Kri­sen, wie um den Film von Wil­ders „Fit­na“, auf den ich hier nicht wei­ter ein­ge­hen will, auch weil dies im Inter­view mit Micha­el Schmidt-Salo­mon aus­führ­lich behan­delt wird, aus sei­ner Sicht. Wich­ti­ger waren Signa­le aus dem eige­nen Ver­band, beson­ders aus Bay­ern, die in Rich­tung eines eige­nen Pres­se­diens­tes und einer Neu­kon­zep­tio­nie­rung der Ver­bands­zei­tung „dies­seits“ als huma­nis­ti­sches Maga­zin hin­aus­lie­fen. In vie­len Debat­ten wur­den Unter­schie­de in der poli­ti­schen Stra­te­gie zur gbs deut­lich. Ein immer wie­der zu kor­ri­gie­ren­des Miss­ver­ständ­nis ging auf Ver­wechs­lun­gen im Namen zurück. Schon in der ers­ten und wohl ein­zi­gen Mel­dung in der „dies­seits“ über den hpd, der Herbst­num­mer 2006 (Aus­ga­be 77), S. 11, war es wich­tig mit­zu­tei­len, dass der „Huma­nis­ti­sche Pres­se­dienst“ kei­ne Ein­rich­tung des „Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des“ sei. Das glei­che Pro­blem hat­te auch die „Huma­nis­ti­sche Uni­on“, die zugleich immer wie­der ein­mal demen­tie­ren muss­te, der HVD zu sein, wie auch umge­kehrt. Dann gab es inner­halb des inzwi­schen gegrün­de­ten geschlos­se­nen hpd-Ver­eins nicht öffent­lich ver­han­del­te Fra­gen der Finan­zie­rung, etwa durch Spon­so­ren und deren Mit­be­stim­mung. Es ent­wi­ckel­te sich auch eine neue Funk­ti­ons­wei­se des hpd. Denn par­al­lel zu Zusam­men­künf­ten, die zum KORSO führ­ten, ver­folg­ten Micha­el Schmidt-Salo­mon und die gbs seit 2004, also bereits vor der hpd-Grün­dung, das Ziel eines „Zen­tral­ra­tes der Kon­fes­si­ons­frei­en“. Dahin­ter stan­den ande­re Struk­tur­vor­stel­lun­gen als sie in der „Sich­tungs­kom­mis­si­on“ ven­ti­liert wur­den – und wie sie dann 2021 ein­tra­ten, als der KORSO zum „Zen­tral­rat“ wur­de. Prak­tisch war ein sol­cher Zen­tral­rat von der gbs schon 2007 begon­nen wor­den, als Paul Schulz als mög­li­cher Prä­si­dent in den Raum gestellt wur­de, ein ehe­ma­li­ger Ham­bur­ger Pfar­rer und Autor des mit selt­sa­men The­sen han­tie­ren­den Buches „Codex Athe­os“. Er woll­te ursprüng­lich eine „Initia­ti­ve Säku­la­rer Staat / Säku­la­re Gesell­schaft“. Zudem tra­ten im Herbst 2007 Armin Pfahl-Traugh­ber und Joa­chim Kahl mit einem eige­nen Vor­schlag in die Are­na. Es ist hier dar­an zu erin­nern, dass im glei­chen Jahr 2007, von der gbs unter­stützt, der „Zen­tral­rat der Ex-Mus­li­me“ ent­stand. Je stär­ker die gbs wur­de, des­to mehr setz­te sie auf media­le Insze­nie­run­gen, die the­ma­ti­sche Gegen­stän­de des hpd wur­den. In Deinem jüngsten Rückblick beschreibst Du unterschiedliche Verständnisse von Humanismus. Worin unterschieden sie sich aus Deiner Sicht? Es ging hier weni­ger um „Huma­nis­mus­ver­ständ­nis­se“, all­ge­mei­ne Theo­riefra­gen, son­dern um Kon­se­quen­zen, die aus bestimm­ten poli­ti­schen Zuspit­zun­gen fol­gen. Das zeig­te sich öffent­lich nach­voll­zieh­bar, als aus dem KORSO der „Zen­tral­rat der Kon­fes­si­ons­frei­en“ wur­de und der HVD nun end­gül­tig den hpd ver­ließ, wenn auch noch mit der für mich höf­lich gemein­ten Ver­si­che­rung gegen­über der gbs, man habe noch eine „stra­te­gi­sche Part­ner­schaft“. Genau dies bezweif­le ich, abge­se­hen von der all­ge­mei­nen Über­ein­kunft, für Huma­nis­mus zu sein und gele­gent­li­cher Zusam­men­ar­beit bzw. bei The­men­über­schnei­dun­gen. Wofür soll die eige­ne Orga­ni­sa­ti­on letzt­lich ein­tre­ten, poli­tisch und jour­na­lis­tisch? Der gro­ße, in mei­nen Augen unver­ein­ba­re Unter­schied hat sei­nen Ursprung in der Kon­zep­ti­on der HVD-Grün­dung 1993: Er will Gleich­be­hand­lung mit den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten nach Arti­kel 137,7 des Grund­ge­set­zes. Das bedeu­tet Abschied von den frei­den­ke­ri­schen Ver­su­chen, die voll­stän­di­ge Staat-Kir­che-Tren­nung zu errei­chen, aber auch, um es aktu­ell zu machen, mus­li­mi­sche und anders reli­giö­se Unter­neh­mun­gen in grund­ge­setz­lich ver­brief­te Struk­tu­ren ein­zu­bin­den, so müh­se­lig dies auch sein mag. Zuge­spitzt: Nicht alle Reli­gio­nen raus aus der Bun­des­wehr, son­dern huma­nis­ti­sche und mus­li­mi­sche Seel­sor­ger den bei­den christ­li­chen und der begon­ne­nen jüdi­schen hin­zu­fü­gen; ähn­lich beim Reli­gi­ons­un­ter­richt usw. Du schreibst, der praktische Humanismus sei im Laufe der Zeit in den Hintergrund geraten. Was verstehst Du unter praktischem Humanismus – und woran hast Du diese Entwicklung erlebt? Dar­auf bin ich oben schon kurz ein­ge­gan­gen. Aber ich muss grund­sätz­li­cher an die Fra­ge her­an­ge­hen. Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass „prak­ti­scher Huma­nis­mus“ ein wei­tes Feld bil­det. Er ist zunächst ein­mal täti­ge Huma­ni­tät und auf die­ser Ebe­ne kann dies auf ver­schie­de­ne Wei­se auch reli­gi­ös moti­viert sein, Haupt­sa­che geüb­te Barm­her­zig­keit, von wo sich ja das Wort „huma­ni­tas“ ablei­tet. Hier gibt es Tätig­kei­ten, die den Prin­zi­pi­en rei­ner Mensch­lich­keit fol­gen. Aber wir Men­schen sind gesell­schaft­li­che Wesen und inso­fern nicht nur auf ver­schie­de­ne Arten unter­teilt in Geschlech­ter, Regio­nen, Eth­ni­en, Klas­sen, Staa­ten, Sozi­al­ge­mein­schaf­ten, Gene­ra­tio­nen, Fami­li­en usw. Wir leben vor allem in unter­schied­li­chen Grup­pen- und Welt­kul­tu­ren, in denen wir unse­re Wert­vor­stel­lun­gen bezüg­lich Geschlech­ter usw. aus­bil­den und zei­gen, bestä­tigt oder abge­lehnt fin­den. Es hat sich dabei, übri­gens unter ver­schie­de­nen Begrif­fen, wie die For­schun­gen von Jörn Rüsen und ande­ren über „inter­kul­tu­rel­len Huma­nis­mus“ gezeigt haben, his­to­risch eine welt­wei­te Kul­tur­strö­mung aus­ge­bil­det, die wir Huma­nis­mus nen­nen, die wir als Ver­band welt­an­schau­lich orga­ni­sie­ren, unse­ren Teil leis­ten. Hier haben wir bestimm­te Prin­zi­pi­en (ein Selbst­ver­ständ­nis) for­mu­liert, die das, was vom Ver­band aus prak­tisch getan wird, sei­ne Arbeits- und Fei­er­fel­der, unse­rem Huma­nis­mus zuord­nen und „prak­ti­schen Huma­nis­mus“ nen­nen. Was hat Dich in der Geschichte des hpd am meisten überrascht? In mei­nem Alter über­rascht mich nichts mehr, es sei denn, es läuft mal alles wie geplant, was aber schon des­halb ein blö­der Spruch ist, weil immer meh­re­re Leu­te pla­nen und han­deln, auch gegen­ein­an­der. Daher kommt die Sehn­sucht nach Füh­rer­schaft. Ich weiß nicht, ob es im hpd eine Publi­kums­ana­ly­se gibt. Da sei­ne „Ein­schalt­quo­ten“, wie Cars­ten Frerk neu­lich gezeigt hat , aber höher sind als die von ande­ren Anbie­tern in der „Sze­ne“, wäre mei­ne Fra­ge, wer die Nut­zer sind, wel­che Inter­es­sen sie lei­ten, wel­chen Ein­fluss sie auf Mei­nungs­bil­dung haben, wie der HVD sie anspre­chen könn­te oder ob sie auf einem ganz ande­ren Trip sind?