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Katholisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Zwei Flöten Predigt beim Gottesdienst am Beginn des diözesanen Arbeitsjahres 2026/27 16. September 2026, Mariendom

ohne Namen · Dioezese Linz – Predigten und Ansprachen von Bischof Scheuer · 2026-09-16 · Linz · Quelle

Dankbarkeit · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Hoffnung · tragend

Geglücktes menschliches Leben entsteht im Zusammenspiel von Selbstannahme und Selbstlosigkeit, wobei Dankbarkeit und Hoffnung die realen Leiden nicht verdrängen, aber auch nicht von ihnen überwältigt werden dürfen.

Die zwei Flöten: die Flöte des Leidens und des Todes, sowie die Flöte der Hoffnung und Sehnsucht nach Auferstehung und Vollendung.

Der Text ist eine Predigt zum Beginn eines diözesanen Arbeitsjahres und greift die frühere Leitfrage 'Damit mehr Liebe in die Welt kommt' wieder auf. Der Sprecher kritisiert, dass Liebe in den vergangenen Jahrzehnten psychologisch und ökonomisch entwertet wurde und 'gesunder Egoismus' zum Leitbild wurde. Am Beispiel der Lesungstexte wird Nächstenliebe als integraler Bestandteil gelungenen menschlichen Lebens dargestellt, der Selbstannahme und Selbstlosigkeit verbindet. Das Evangelium vom Tanzen und Klagen wird als Orientierung für das Arbeitsjahr gedeutet: Freude und Dankbarkeit sollen nicht die realen Leiden verdrängen, aber auch nicht von ihnen überwältigt werden. Die zentrale Metaphorik sind 'zwei Flöten' – die des Leidens und die der Hoffnung –, die zusammenklingen sollen. Der Text ruft dazu auf, Dankbarkeit als menschliche Grundhaltung zu pflegen und sowohl das Negative als auch das Positive wahrzunehmen.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung; Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
Wo sitzt das Übel?
in der Epoche selbst, im Zustand des Zeitalters
Was hilft dagegen?
Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit; praktisches Handeln am Nächsten, Werke
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf den Stifter oder Propheten der Tradition; auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
ausdrücklich auf beide

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Mk 12,28-34 · Mt 22,34-40 · Lk 10,25-28

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Zwei Flöten Predigt beim Gottesdienst am Beginn des diözesanen Arbeitsjahres 2026/27 16. September 2026, Mariendom Vor acht oder neun Jahren haben wir zu Beginn der Strukturreform nach dem Warum, nach dem „Why“ gefragt. Mit Franz Hirschmugl kam dann das Wort heraus: Damit mehr Liebe in die Welt kommt. Zum einen hat es durchaus offene Ablehnung gegeben, zum anderen ist das durch Ignorieren unterlaufen worden. Heute redet kaum mehr eine:r davon. Strukturen können ohnehin nicht lieben und bei den Qualitätsstandards steht die Liebe auch nicht ganz oben. Wir haben die Lesungstexte für heute nicht ausgesucht, sondern uns von der Leseordnung zumuten lassen. Das entlastet und schafft auch neue P erspektiven. Vielleicht bleiben wir dadurch nicht in der Frage stecken, was gegenwärtig „zu uns passt“. „Am Größten ist die Liebe?!“ In den vergangenen 70 Jahren wurde die Liebe auf die Couch gelegt, und zwar sowohl die Liebe im Zusammenhang mit Eros und Sexualität als auch die Nächstenliebe z. B. in der Sozialarbeit. Es war viel die Rede von hilflosen Helfern, von notwendiger Abgrenzung. „Liebe“ stand unter dem Verdacht, krank zu sein, und war tatsächlich eine Patientin. Gesundheit hingegen verband man eher mit dem Egoismus. Ist Eigennutz die Grundlage der Gesellschaft? Solidarität, Nächstenliebe sind nicht nur Störfaktoren auf dem freien Markt, sondern dort schlechterdings sinnlos. – Der „gesunde Egoismus“ ist zu einem Schlagwort geworden, hat aber auch seine Kehrseite: „Armut, Unterentwicklung und Hunger sind oft Ergebnis von Egoismus, der sich – ausgehend vom Herzen des Menschen – in seinem Sozialverhalten, im wirtschaftlichen Austausch, den Marktbedingungen (…) und der Verweigerung des menschlichen Grundrechtes auf Ernährung und Freiheit von Hunger zeigen.“ So Benedikt XVI. bei einer Ansprache an die FAO. Mehr und mehr ging die Fähigkeit verloren, echte Beziehungen einzugehen und sich einem Miteinander zu öffnen. Ein neues Miteinander der Menschen, das sowohl die globalen als auch die persönlichen Probleme vieler Einzelner berücksichtigt, erfordert von allen Menschen große Lernprozesse. Zu diesen gehört nicht nur die gegenseitige Achtung und das Wahrnehmen der Bedürfnisse aller, sondern auch Selbstbeschränkung und der Verzicht, damit das Leben wachsen kann. – Nicht selten höre ich jetzt, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger, auch Mitarbeiter :innen in der Caritas die Leute mögen sollen. Sonst mache ihr Beruf keinen Sinn. Von Jesus her steht die Selbstlosigkeit aber nicht auf der Opferliste eines dämonischen Gottes. Wie gut leben? Und wie gemeinsam glücklich werden? Von Jesus her realisiert sich gelungenes menschliches Leben in der Schwebe und auch in der dramatischen Spannung zwischen Freiheit, Selbstannahme und Selbstlosigkeit. Selbstverwirklichung, Nächstenliebe und Gottbegegnung sind christlich gesehen sicher unterschieden, aber ein einziger Vorgang. Die Wahrheit dieses Vorgangs steht und fällt, ob alle drei Aspekte realisiert werden (Mk 12,28-34; Mt 22,34-40; Lk 10,25-28). Es geht mir besser, wenn ich mich für andere einsetze und dabei auch auf mich achte. Tanzen und Klagen Und dann haben wir im Evangelium vom Tanzen und vom Klagen gehört. Ist das eine Orientierung für unser Arbeitsjahr? Sind das die Alternativen: entweder manisch oder depressiv, entweder radikale Askese oder Schlemmerei? Wozu sind wir da? Damit wir Feste feiern! Zu einem Fest gehören Freude, Lob und Dank. Dankbarkeit befreit von dem zwanghaften und verfehlten Bemühen, das Leben und die Freude selbst „machen“ zu wollen. „Das Leben zu feiern ist wichtiger als die Toten zu beweinen.“1 Das schreibt einer, der selbst durch die Hölle von Auschwitz gegangen ist. In Elie Wiesels Mund ist es keine Anweisung zum seligen Vergessen. Es ist Appell einer Hoffnung, die das Geheimnis der Menschen verteidigt, dass sie mit Gott eins seien und eins sein werden. 2 Wer vom Geheimnis dieses Wesentliche erahnt hat, den drängt es zur Dankbarkeit – trotz allem. Wenn der Mensch aber dankbar wird, dann ist er menschlich – genauso wie wenn er schwach wird, Fehler macht, enttäuscht ist, lacht und liebt. Denn wer „unfähig ist zur Dankbarkeit, ist kein Mensch.“3 Zwei Flöten „Die Schönheit der Welt ist Christi zärtliches Lächeln für uns durch den Stoff hindurch. Er ist wirklich gegenwärtig in der Schönheit des Alls. Die Liebe zu dieser Schönheit entspringt dem in unserer Seele niedergestiegenen Gott und geht auf den im Weltall gegenwärtigen Gott. Auch sie ist etwas wie ein Sakrament.“4 „Die Seele ernährt sich an dem, was sie erfreut.“5 „Das sind wie zwei Flöten mit verschiedenem Ton, aber der eine Geist bläst in beide, einer erfüllt sie beide, und sie ergeben keinen Missklang zusammen.“ 6 Die zwei Flöten: die Flöte des Leidens und des Todes, sowie die Flöte der Hoffnung und Sehnsucht nach Auferstehung und Vollendung. Würde nur die Melodie der himmlischen Vollendung gespielt, so würden die realen Leiden ignoriert und unverwandelt bleiben. Wäre nur das Lied vom Tod zu hören, würden sich Nekrophilie und Resignation breit machen. Zwei Flöten spielen zusammen: die Flöte der Armut, der Klage, des Ausgesetztseins , und die Flöte der Lebensfreude, der Hoffnung, der Zuversicht und des Vertrauens. Seltsamerweise klingt dieses Zusammenspiel nicht falsch und schräg. Unerträglich würde es klingen, wenn die Flöte des Lebens mit dem Lärm der Abstumpfung, der Oberflächlichk eit, des Zynismus und der Resignation zusammenspielen müssten. Verrat und bloßer Schein wäre es, wenn wir aus der Zeit fliehen. 1 Martin Heidegger, Was heißt Denken? 94. 2 Elie Wiesel, Chassidismus – ein Fest für das Leben. Legenden und Portraits. Aus dem Französischen von Hans Bücker, Freiburg-Basel-Wien 2000, 15. 3 Elie Wiesel, Die Weisheit des Talmud. Geschichten und Portraits. Aus dem Französischen von Hanns Bücker, Freiburg-Basel-Wien21996,187 4 Gotthard Fuchs, Schönheit spricht zu allen Menschen“ (Simone Weil). Anmerkung zur religiösen u. ästhetischen Dimension der Wirklichkeit, in: http://www.acv-deutschland.de/module.php5?datei=handout_fuchs.pdf&download=ja&fid=2&mod=files 5 Augustinus, Confessiones XIII, 27. 6 „Illae sunt duae tibiae quasi diverse sonantes; sed unus Spiritus ambas inflat. Uno Spiritu implentur ambae tibiae, non dissonantur.“ (Augustinus, In Epistolam Joannis tractactus 9,9, in: Opera omnia (ed. Parisina altera, emendata et aucta), Paris 1836, Tomus III/2, 2577). Aufgabe der der theologischen Ethik sei es, „ein Bewusstsein von dem, was fehlt“ zu schaffen und „die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ zu erhalten: „Gleichwohl verfehlt die praktische Vernunft ihre eigene Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, in profanen Gemütern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität, ein Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wach zu halten.“7 Es braucht beides, so Melanie Wolfers: „den Blick auf das Negative und auf das Positive; die Aufmerksamkeit für das Schwierige und für das Mutmachende. Nur Letzteres gibt uns die Kraft, wieder aufzustehen, wenn wir uns ohnmächtig fühlen.“8 + Manfred Scheuer Bischof von Linz 7 Jürgen Habermas, Ein Bewusstsein von dem, was fehlt. Über Glauben und Wissen und den Defaitismus der modernen Vernunft, in: NZZ 10. Februar 2007. 8 Melanie Wolfers, in: Kirchenzeitung Diözese Linz 16/2023, S. 15