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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Besonnenes Handeln

Pfarrer Dr. Raphael Zager, wiss. Mitarb. · Predigtforum · 2026-09-20 · Worms-Horchheim · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Demut

Christliche Hoffnung gründet nicht auf eigener Stärke, sondern auf Gottes vorausgehender Gnade und seinem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, der auch in Krisenzeiten trägt.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Der Text ist eine Predigt über 2. Timotheus 1,7–10, die den „Geist der Furcht“ dem „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ gegenüberstellt. Der Prediger verbindet den biblischen Brief mit der Gegenwart, in der viele Menschen unter Unsicherheit und Angst leiden. Er verweist auf Dietrich Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ als Beispiel für Zuversicht in dunklen Zeiten. Die drei Geistesgaben werden jeweils mit konkreten Beispielen aus dem Alltag und dem Gemeindeleben illustriert. Die Kernbotschaft lautet, dass christliche Hoffnung nicht auf eigener Stärke, sondern auf Gottes vorausgehender Gnade und seinem Handeln in Christus gründet. Der Text ermutigt die Gemeinde, ihre von Gott geschenkten Möglichkeiten wahrzunehmen und zu entfalten.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung; Bedrängnis der eigenen Gemeinschaft von außen
Wo sitzt das Übel?
in der Epoche selbst, im Zustand des Zeitalters
Was hilft dagegen?
Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird; Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem als Angenommener und Beschenkter beschrieben
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
der Text kritisiert nicht

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

2. Tim 1,7-10 · Joh 3,16

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Predigttext & Einführung Predigt Predigttext: 2. Tim 1,7-10 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) 7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, Exegetische und homiletische Hinführung zum Predigttext 2. Tim 1,7–10 ermutigt Timotheus angesichts seines anspruchsvollen Auftrags. „Geist der Furcht“ meint dabei nicht diffuse Angst, sondern das Zurückweichen vor einer schwierigen Aufgabe. Demgegenüber schenkt Gottes Geist Kraft, Liebe und die Fähigkeit zu besonnenem Handeln. Durch diesen Geist gestärkt soll Timotheus mutig zum Evangelium stehen und den Bedrohungen trotzen. Seine Zuversicht gründet dabei nicht in eigener Stärke, sondern in Gottes vorausgehender Gnade und seinem rettenden Handeln in Christus. Mit Christus ist das ewige Leben sichtbar geworden; der Tod hat nicht das letzte Wort (Passend zum Proprium und auch zur Lesung: Lazarus). Im Zusammenhang von V. 6–14 wird deutlich, dass der Briefeschreiber ‚Paulus‘ (2. Tim ist ein Pseudepigraph) aus diesem Vertrauen auf Gott heraus Timotheus etwas zutraut. Gottes auch durch Tod und Leid erwiesene Treue in Christus ist somit die Grundlage für den Mut und für das Vertrauen in Gottes Treue auch in der Gegenwart. Für die Predigt sollte der Text weniger als Aufforderung verstanden werden, Angst einfach zu überwinden oder – modern gesprochen – resilienter zu werden. Vielmehr stellt er die Frage, worauf christliche Hoffnung angesichts von Unsicherheit und Krisen gründet. Der Blick wird von der eigenen Begrenztheit auf Gottes Handeln in Christus gelenkt und zugleich auf die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen. ‚Paulus‘ stärkt Timotheus nicht zuletzt dadurch, dass er ihm etwas zutraut. Dies verbindet sich mit einem Gemeindeverständnis, in dem Glaube durch gegenseitige Ermutigung, Zurechtweisung (σωφρονισμός) und Vertrauen getragen wird. Wie Timotheus werden auch wir heute dazu ermutigt, unsere eigenen von Gott geschenkten Möglichkeiten wahrzunehmen und zu entfalten. Der Intention der Perikope folgend sollte die Predigt versuchen, der Gemeinde Mut zu machen. Gegen den allüberall spürbaren Geist der Furcht stellt sie Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schlagworte : Furcht; Herausforderung; Kraft Gottes; Gnade Lektürehinweise Felix Roleder, 2. Timotheus 1,7–10. Resilient glauben, mutig handeln, in: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2025/2026, Perikopenreihe II – 2. Halbband, Freiburg i.Br.: Herder 2026, S. 170–174. Jörg Schneider, 2. Timotheus 1,7–10 (B: „Entgegnung“), in: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2025/2026, Perikopenreihe II – 2. Halbband, Freiburg i.Br.: Herder 2026, S. 174–176. Stefan Krauter, Exegese kompakt: 2. Timotheus 1,7–10 u. Sabine Joy Ihben-Bahl, Praktisch-theologische Resonanzen (URL: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500213 ) Lieder „In dir ist Freude“ (EG 398) „Von guten Mächten“ (EG 65 oder mit Fietz-Melodie: EG+ 6) Bei der Beschäftigung mit dem Predigttext ging mir eine Liedstrophe von Dietrich Bohnoeffer durch den Kopf: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag". Dietrich Bonhoeffer hat diese Zeilen in seiner Gefängniszelle in Berlin 1944 geschrieben. Mich beeindruckt die Glaubenskraft, die große Zuversicht, die sie ausstrahlen. Selbst in dieser denkbar schlimmsten Lage, getrennt von Familie und Freunden, in einem von Gewalt beherrschten Land, in einer dunklen Zelle im Kellergefängnis fühlt sich Dietrich Bonhoeffer "von guten Mächten wunderbar geborgen". Er glaubt fest daran, Gott ist bei uns. An jedem Tag, in jeder Nacht, egal, was kommen mag, Gott ist da. Aus einer ganz anderen Zeit kommt unser Predigttext. Es ist ein Brief, geschrieben an Timotheus, einem Mitarbeiter des Paulus. Timotheus verkündigte wie Paulus das Evangelium an vielen Orten. Dabei wurde er oft abgelehnt, verspottet und sogar verfolgt. Paulus war am Ende seines Lebens gefangen genommen worden und dies nicht zum ersten Mal. Auch sein Mitarbeiter Timotheus fürchtete sich offenbar davor. Der Timotheusbrief will ihm Mut machen, das Evangelium trotz all dieser Widerstände zu verkünden: (Lesung des Predigttextes, 2. Timotheus 1,7-10) Timotheus, Dietrich Bonhoeffer, wir Christinnen und Christen heute. Das sind zunächst einmal ganz unterschiedliche Personen und Situationen. Timotheus, ein früher christlicher Missionar, der unter großen Gefahren das Evangelium predigte. Bonhoeffer, der für seinen Glauben einstand und in den Widerstand ging. Wir heute, im Jahr 2026. Ich glaube, was uns verbindet, ist das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Zwar werden wir nicht verfolgt wie Timotheus. Wir sitzen auch Gott sei Dank in keinem Gefängnis in einem Unrechtsstaat wie Bonhoeffer. Und doch haben sich in den letzten Jahren Krisen verschärft, sind Konflikte eskaliert, sodass einem der „Geist der Furcht“ ziemlich bekannt vorkommt. Mir jedenfalls geht das in letzter Zeit oft so, wenn ich mit Menschen verschiedenen Alters rede. Egal, ob es dabei um unser Bildungssystem geht, um das Klima, um die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt, um die Zukunft unserer Demokratie, es fällt immer schwerer, zuversichtlich zu bleiben. Es fällt schwer, anderen Mut zu machen. Der „Geist der Furcht“ macht sich breit in diesen Gesprächen. Da liegt die Verbindung zu unserem Bibeltext. Denn auch der Brief an Timotheus spricht zu einem Menschen, dessen Leben gerade voller Probleme ist. Timotheus steht vor einer Aufgabe, die ihn überfordert, vor der Angst hat. Er soll das Evangelium verkündigen. Er soll für seinen Glauben einstehen, obwohl er erlebt, wie gefährlich das werden kann. Paulus ist dafür schon ins Gefängnis gekommen. Der Brief spricht diese Angst offen an. Doch er erinnert Timotheus daran, dass der „Geist der Furcht“ nicht die einzige Kraft ist, die sein Leben bestimmt. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Ich finde, das ist ein unglaublich starker Satz. Er zählt nicht umsonst zu den beliebtesten Segensprüchen bei Trauungen und Konfirmationen. Bis heute begleitet er Menschen, die sich auf den Weg machen, ihr Leben als Christen zu führen. Mit all den Herausforderungen, die dieses Leben bereithält: Als Konfirmand, der die ersten Schritte in die Erwachsenenwelt geht. Oder als junges Paar, das sich auf das Abenteuer einlässt, zusammen durchs Leben zu gehen. Auf Beidem liegt der Segen Gottes. Er schenkt den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wir leben in einer Zeit, in der Vieles unsicher geworden ist. Wir sorgen uns um die Zukunft unserer Demokratie. Wir fragen uns, wie der Klimawandel und die künstliche Intelligenz unsere Welt verändern werden. Dazu kommen die ganz persönlichen Sorgen: Krankheit, Einsamkeit, der Verlust eines lieben Menschen. Es gibt genug Gründe, sich zu fürchten. Der "Geist der Furcht" ist uns, glaube ich, allen gut bekannt. Der Glaube verlangt nicht von uns, dass wir diese Furcht ausklammern. Er eröffnet uns aber eine andere Perspektive. In uns wirkt ein Geist, der stärker ist als der Geist der Furcht. Der Brief an Timotheus setzt dem Geist der Furcht etwas entgegen: den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Der "Geist der Kraft" bedeutet: Wir wagen unseren nächsten Schritt, auch wenn der ganze Weg noch verborgen bleibt. Ich denke an einen Menschen, der nach einer schweren Krankheit wieder langsam beginnt, seinen Alltag aufzunehmen. Vielleicht schafft er es am Anfang nur, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Einige Zeit später macht er dann den ersten kleinen Spaziergang. Für ihn ist dieser Spaziergang ein großer Schritt, und mit jedem Schritt wächst die Zuversicht: Ich kann wieder etwas tun. Mein Leben geht weiter. So kann Gottes Geist der Kraft wirken, in jedem neuen Schritt. Dazu kommt der "Geist der Liebe". Gerade in unsicheren Zeiten wird dieser Geist der Liebe zu einer starken Kraft. Menschen brauchen einander, wenn so viel anderes in Frage steht. Eine Familie, in der man sich liebt und unterstützt. Freundinnen und Freunde, auf die man sich verlassen kann. Auch eine Gemeinde ist ein wichtiger Ort, an dem der Geist der Liebe wirkt: Menschen treffen sich, erzählen voneinander, hören einander zu. Gemeinsam tragen sie, was einer alleine nur schwer tragen kann. Wenn ich die Veranstaltungen am Ende des Gottesdienstes abkündige, freue ich mich jedes Mal, wie viele unterschiedliche Menschen hier in unserer Gemeinde eine Heimat haben. Gemeinsame Essen, Plauderbank, Konfis und Jugendgruppen, Angebote für junge Familien, Krabbeln, Tanzen, Singen, und nicht zuletzt unsere Gottesdienste. Der Geist der Liebe, er wirkt unter uns. Timotheus wird an diesen Geist erinnert. Gottes Geist der Liebe. Es ist Gottes Geist, auf dem alle anderen Beziehungen beruhen. Im Johannesevangelium (3,16) heißt es von dieser besonderen Liebe: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“. Das macht das Band unter Christinnen und Christen so stark: Wir sind von Gott angenommen, von ihm geliebt. In Jesus Christus hat sich diese Liebe Gottes gezeigt. Jesus hat zugehört und hat die frohe Botschaft verkündet. Er hat geheilt und seine Liebe an die Menschen verschenkt. In diesem Geist, dem Geist der Liebe, leben wir auch heute. Schließlich der "Geist der Besonnenheit". Wir leben in einer Welt, die sich ständig verändert. In den vielen Veränderungen stecken Gefahren und Chancen zugleich. Kinder und Jugendliche wachsen mit technischen Möglichkeiten auf, die wir vor kurzem noch unvorstellbar waren. Auch unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft verändert sich. Familien und Liebesbeziehungen sind heute anders als früher. Auch in einer Gemeinde kann sich viel verändern. Gerade erleben wir das in unserer Kirche. Dafür brauchen wir Besonnenheit. Sie hilft uns, aufmerksam wahrzunehmen. Wahrzunehmen, wo wir als Christen gefragt sind, mit unserem Geist der Kraft und unserem Geist der Liebe. Die Besonnenheit mahnt uns, Schritt für Schritt voranzugehen. Gerade in unserer beschleunigten Welt ist die Besonnenheit wertvoll. Timotheus bekommt den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit zugesprochen. Dieser Zuspruch gilt auch uns. Richten wir unseren Blick auf das, was Gott uns anvertraut und was er uns zutraut. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Timotheus wusste es ebensowenig. Seine Zukunft war ungewiss. Doch er konnte sich darauf verlassen: Gott ist bei ihm, sein Geist wirkt in ihm. Auch wir können unsere Zukunft im Vertrauen auf Gott gestalten. Sein Geist begleitet uns. Seine Kraft stärkt uns. Seine Liebe verbindet uns. Seine Besonnenheit hilft uns, den richtigen Weg zu finden. Und wenn unser Weg auf der Erde endet, wird Gott uns weitertragen. "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."