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Katholisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

ev.-ref., Pfarrer Philipp Roth, Binningen-Bottmingen

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) · SRF Radiopredigt · 2026-10-04 · Zuerich · Quelle

Dankbarkeit · Hauptbotschaft Hoffnung · tragend Demut

Die Schöpfung bleibt trotz ihrer Unvollkommenheit und trotz der Bedrohung durch den Menschen gut, und sie lädt dazu ein, das Empfangene mit Dankbarkeit anzunehmen statt es an Perfektion zu messen.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, steht da. Und Gott hat nichts verworfen, was mit Dankbarkeit angenommen wird.

Der Text beginnt mit dem alltäglichen Bild von reifenden Früchten und Fruchtfliegen zu Hause und kontrastiert dies mit der perfekten Auslage im Supermarkt. Der Sommer mit Hitze, Dürre und ausgetrockneten Wasserläufen wirft die Frage auf, ob der vertraute Rhythmus der Jahreszeiten noch verlässlich ist. Der Sprecher verknüpft diese Erfahrung mit der biblischen Noah-Erzählung und dem göttlichen Versprechen, dass Saat und Ernte, Sommer und Winter bestehen bleiben. Am Erntedank wird Dankbarkeit als Praxis geübt, an der Kirche wie am Thanksgiving-Tisch in Chicago. Das Gemälde eines Früchtekorbs von Caravaggio wird als Bild für die Schönheit des Unperfekten gedeutet. Der Text schließt mit dem Zitat aus dem 1. Timotheusbrief, dass alles, was Gott geschaffen hat, gut ist und mit Dankbarkeit angenommen werden soll.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Gier, Konsum, unstillbares Verlangen nach mehr; Krankheit, Tod, Vergänglichkeit als Grundproblem (erschlossen)
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen; Genügsamkeit, Fasten, freiwilliges Opfer, Loslassen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
Wiederkehr, kein Ziel, immer dasselbe Muster
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
auch Tieren, Pflanzen, der ganzen Schöpfung
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
ausdrücklich auf beide

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

1 Tim 4,4

Gemessen

Grundhaltung
2 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
1 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Es ist der Wurm drin, liebe Hörerin, lieber Hörer. Die kleinen Mücken schwirren um die Äpfel, zwetschgen und feigen in der Früchte-Schale zu Hause. Sie liegen weich und schrumpelig in der Hand. Man sieht dunkelmatschige Stellen. Kann ich das noch essen? Und dann gehe ich einkaufen und staunen. Alles ist da perfekt. Gleich beim Eingangsalat und Gemüse und Früchte und Pilze in Hülle und Fülle frisch knackig und fein säuberlich in ihre Kisten sortiert in bestem Licht. Nimm mich. Schau, wie rein und fein rufen sie. Auf meinem Zettel steht Äpfel. Ich muss mich zwischen vier Sorten entscheiden. Bei den Kartoffeln gibt es fest und mehlig kochend kleiner, grosser Sack Bio oder nicht. Bei den Champignons braun und weiß. Beim Salat auch welchen regional. Daneben Ingwer, Radieschen, Avogados und Sorten und Farben und Formen, die ich nicht mal kenne. Wo sind nur all die Mücken von zu Hause? Die Falten und Flecken, Risse und Runzeln. Nirgends der Wurm drin. Alles perfekt hier und in Fülle. Es wäre da nicht dieser Sommer gewesen. Die Hitze, die Dürre, der Beton harte Boden, das gespenstische Schweigen von Vögeln und Insekten. Das glühende Hauswand noch mitten in der Nacht. Es wären da nicht die braunen Felder gewesen, die ausgetrockneten Wasserläufe, die abgebrochenen Äste im Park und die Notrufe aus der Landwirtschaft. Es war zum Fürchten. Ist es nun auch damit vorbei? Frage ich mich. Etwas blieb dunkel in mir hängen. Ist er vorbei mit dem Verlass auf den Wechsel der Jahreszeiten, das stete rhythmische Schwingen von Temperaturen und Niederschlägen? Ist es nicht schon genug, dass die Menschenwelt verrückt spielt mit Kriegen, sollen ausschlägen ins Extreme mit uraltem Hass und neuesten Technologien? Ist es nicht schon genug, dass meine kleine Welt manchmal verrückt spielt, die Familien, Freundschafts, Arbeits, Freizeitwelt, die Körper, Seelen und Gedankenwelt? Nun auch noch die Natur? Ohne die wir nicht, ohne die wir alle nicht sind. So ähnlich muss Noah empfunden haben, denke ich, seine alte Welt von der Sintflut verschlungen, was bisher immer war mit einem Mal ganz anders der große Lebensrahmen entstücken. Und dann geht das Tor der Arche auf. Blick frei, Weg frei für die Zukunft alternativ. Ersetzen Fuß ins Neue. Was gilt nun und trägt? Gott setzte damals den Bogen in die Wolken, erzählt die Bibel, sich selbst zur Erinnerung und zur Entwaffnung statt Kriegsgerät ein Friedenszeichen. Und er nahm sich selbst ein Versprechen ab und gab es Noah. Nie wieder will ich die Erde wegen der Menschen verfluchen, steht da. Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Ist auch Gott alt und müde geworden, vergesslich wie ich manchmal? Ich flüstere das nach und nehme in mein Wort. Nie wieder die Erde wegen der Menschen, Saat und Ernte, Sommer, Winter, Tag, Nacht. In meinem Kirchenkalender steht heute Erntedank, eines meiner liebsten Feste. Nicht schwülstig wie Weihnacht, nicht traurig oder verrückt wie Karfreitag oder Ostermorgen, zum Anfassen, Sehen und Riechen. Der Tisch in der Kirche ist eine richtige frische Ladentheke. Am Ende wird alles geteilt, schmeckt und seht. Ist es nicht gut? Heute denke ich an unsere Freunde in Chicago. Wir waren zu Thanksgiving eingeladen, ein großer Tisch vollbesetzt, drei Generationen, meine Frau und ich, und ein fetter gefüllter Druthahn in der Mitte frisch aus dem Ofen. Weit unten sah man durchs Fenster die Straßenschluchten, Menschennahmeisen und Autos. Wie Teilchen in einer gigantischen Sortiermaschine bewegten sie sich lautlos und nervös. Und wofür bist du in diesem Jahr besonders dankbar? Fragte der Gastgeber und gab die Frage reihum wie ein Korb. Alle sagten was, auch die Kinder, meine Mama, mein erfolgreicher Abschluss, meine überstandene Operation, die Klimaanlage. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Ich hatte tausend Dankbarkeiten vor Augen. Der Korb wurde auf jeden Fall voll, randvoll, wiedertischender Kirche. Und die Auslage in meinem Laden. Was nicht gut ist, stellt sich ja ständig in Rei und glied auf, unaufgefordert, versperrt die Sicht. Auch viele im Grunde gute Dinge sind dabei. Doch ein Wurm ist ja immer irgendwo drin, ein paar Fruchtfliegen. Und schon ist es nicht mehr einfach gut. Und das jammeren Empören, Bemängeln und Meckern fällt uns leicht. Kommt wie von selbst, doch das andere. Was kommt bei Ihnen in den Korb? Vor einem Monat unterwegs. In Mailand besuchen wir einen alten Palast. Kostbare Möbel, Statuen, teppische Bilder. An einer dunklen Wand hängt ein kleines Bild von einem Spot beleuchtet. Ein Früchtekorb. Ich gehe näher und beginne zu staunen. Ich sehe Trauben, Feigen, Quitten, einen Apfel, einen Pfirsich. Nicht alle davon reifen ja gleichzeitig in diesem Korb aber schon. Es sind noch Blätter dran zum Teil. Birnenblätter, Weinlaub. Sie greifen über den Bildrand hinaus in meine Welt. Es ist so präzise gemalt, als hätte jemand mit einer hoch auflösenden Kamera ein Bild gemacht. Es ist einfach wunderschön. Und was es noch schöner macht? Es ist nicht perfekt. Eine Quitte ist deutlich angeschlagen. Im Apfel steckt tatsächlich ein Wurm. Zwei Feigen sind schon überreif, Traubenbeeren hängen, schlaff. Das Laub ist zum Teil verdrocknet, eingerollt oder wie vom Hagel beschädigt. Ein Korb, voller Früchte, wie bei mir zu Hause ist das. Man riecht es fast, hört die Mücken summen. Perfekt gemalt, aber nicht perfekt. Erst jetzt bemerke ich das Schild in der dunklen Ecke. La Canestra di Frutta, Garavaccio, circa 1600, steht da. Früchtekorb. Und mir geht durch den Kopf, was ich vom Maler Garavaccio weiß. Er war ein Draufgänger, heißblütig und streitlustig. Er hatte einen Menschen erschlagen und verbrachte einen Großteil seines Lebens auf der Flucht. Viel Drama, Licht und Schatten. Perfekt ist wirklich anders. Und trotzdem ein voller Korb, als mehreren Jahreszeiten. Und trotzdem nein, erst so ein fantastisches Bild. Süß und saftig, Dankbarkeitsgründe und Vergänglichkeitszeichen. Wunderschön, unvollkommen. Das Bild ruft mich zur Ordnung, spüre ich zum Erntedank. Es muss nicht alles perfekt sein. Es ist es hier im Grunde nie. Bei allem ist irgendwo der Wurm drin, im Großen und im Kleinen. Gegenwärtig vielleicht besonders. Es ist und bleibt ein Wunder, auch so. Wieder zu Hause stoße ich im kleinen ersten Timotiosbrief, weit hinten in der Bibel, auf einen Satz. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, steht da. Und Gott hat nichts verworfen, was mit Dankbarkeit angenommen wird. Das bleibt hängen. Da kann ich noch dazulernen. Ich staune und möchte damit nicht aufhören. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut mit Dankbarkeit angenommen. Also danke, Garavaggio. Danke, Chicago. Und danke Gott, du Guter. Das war ein Podcast von SF. Produziert im Auftrag der SAG.