Die Unbeweisbarkeit Gottes ist eine notwendige Bedingung für die Freiheit des Glaubens, und theologische Begriffe müssen in die Sprache der modernen Lebenserfahrung übersetzt werden, um relevant zu bleiben.
Der Sprecher reflektiert über die Herausforderung, christliche Glaubensinhalte in der heutigen postmodernen Zeit verständlich zu kommunizieren. Er plädiert dafür, theologische Fachbegriffe wie 'Sünde' neu zu übersetzen, indem er sie als 'Zielverfehlung' statt als Regelbruch beschreibt. Diese Umdeutung soll den moralischen Zeigefinger vermeiden und den Begriff als universelle menschliche Erfahrung der Selbstblockade darstellen. Ein zentrales Argument ist die Unbeweisbarkeit Gottes, die als Schutz der menschlichen Freiheit und der Freiwilligkeit des Glaubens dient. Der Sprecher betont, dass Evangelisation nur in Freiheit funktionieren kann und keine Zwangsmittel oder Beweise kennt. Er verweist auf die persönliche Erfahrung aus Indien, wo Glaube befreiend auf soziale und psychische Ebenen wirkte. Schließlich ruft er dazu auf, durch gelebtes Miteinander zu zeugen, da dies stärker wirkt als theologische Konzepte.
1. Petrus 3,15
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Hallo und herzlich willkommen. Hier ist Andreas und ich melde mich mit einer weiteren Folge des Schwarzbrot Podcasts der Kreuzkirche Mainz. Wir sind ja im Moment in der Podcastreihe zum Thema Mission, Evangelisation und Diakonie. Und meine spontanen Reaktion war, das hat erst mal wenig mit mir zu tun. Ich habe da andere Schwerpunkte. Trotzdem habe ich diesen traditionellen Anspruch im Hinterkopf, dass jeder Baptist ein Missionar ist oder sein sollte. Was mich dann aber doch gereizt hat, ist der Aspekt, um den es heute gehen soll, nämlich um die Frage, wie können wir heute mit Menschen über Gott reden? Meinen unmittelbarsten und eindrücklichsten Kontakt mit christlicher Mission hatte ich in den 90ern, als wir mit einer Gruppe junger Christen nach Süd-Indien gereist waren, um dort die missionarische und diakonische Arbeit einer lokalen Gemeinde kennen zu lernen. Neben dem Kulturschock, den einen Mitteleuropäer im dortigen Straßenverkehr überfällt, durch das gewöhnungsbedürftige Essen und durch die Kontraste zwischen Arm und Reich im Staunen über das unfassbare Engagement der dortigen Gemeinnemitglieder und in den Begegnungen in einer Vielzahl von praktischen Hilfsprojekten wurde mir eines ziemlich klar, mit dem ich vorher nicht gerechnet hatte. Nämlich wie radikal und gleichzeitig praktisch die Annahme des christlichen Glaubens ein Leben verändern und befreien kann. Menschen, die vorher entständiger Angst vor Dämonen gelebt haben, überwinden diese Ängste und damit alle möglichen Selbstblockaden. Menschen, deren Leben durch das Kastensystem eingeschränkt und vorherbestimmt war, entdecken neue Perspektiven für sich. Und die Klassen und Schichten übergreifende Gemeinschaft einer christlichen Gemeinde integriert Menschen, die vorher ausgestoßen waren oder systematisch benachteiligt wurden. Die psychische, soziale und materielle Verbesserung des Lebens, die sich für mich deutlich sichtbar aus der Annahme und dem Ernstnehmen des christlichen Glaubens ergeben haben, hat mich davon überzeugt, dass Mission und Diakonie eine lebensverändernde Hilfe zur Selbsthilfe ist, die, zumindest aus meiner Sicht, besser und nachhaltiger wirkt als jedes klassische Entwicklungshilfe-Projekt. Und diese Erfahrung, dass der Glauben an Gott etwas zu tiefst befreiendes hat, hat dann auch dazu geführt, dass ich Befreiter vom Glauben an Gott reden kann. Ich bin dadurch nicht zu einem Missionar geworden, das ist immer noch nicht mein Ding, aber wenn sich mal eine Gelegenheit ergibt, dann bin ich inzwischen relativ gut vorbereitet, um dem Rat von Petrus in seinem ersten Brief zu folgen, jederzeit bereit zu sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt. Richtig tiefgehende Gespräche gibt es ja nicht so oft, aber wenn sich Freunde oder Kollegen mir anvertraut haben, weil sie gerade in einer Krise stecken, einer Entscheidungs-Situation oder eine Klärung brauchen, dann war das eine Gelegenheit, meine persönliche Perspektive auf die Welt zu erklären und ihnen dadurch vielleicht ein wenig zu helfen. Und das ist auch schon mein ganzes Ziel. Menschen dabei helfen, sich selbst, ihre Situation und unsere Welt aus einem Blickwinkel zu betrachten, den ich selbst als hilfreich und stimmig empfunden habe. Reden über den Glauben auf eine Art, die weder belehrend ist noch peinlich, ist immer auch eine Übersetzungsleistung. Das, was uns Gemeindekindern so selbstverständlich ist, das Fachvokabular von Sünde, Schuld, Vergebung, Gnade, Hoffnung und Auferstehung hat etwas Verstaubtes an sich, das wenig mit dem Alltag postmoderner Menschen im Spätkapitalismus des 21. Jahrhunderts zu tun hat. Zumindest scheint es so. Die Gefahr besteht darin, dass wir dieses Fachvokabular am Sonntag hören und verwenden, aber in der Woche eine andere Sprache sprechen. Wenn Sprache das Denken bestimmt, dann kann es sein, dass das Sozialleben in der Gemeinde und das im Alltag, in der Ausbildung, an der Uni oder im Beruf schon sprachlich so weit voneinander entfernt sind, dass wir Schwierigkeiten haben, unsere Weltsicht, die uns so hilfreich und selbstverständlich erscheint, so zu kommunizieren, dass sie nachvollziehbar und attraktiv wird. Das muss auch für traditionelle Christen kein Grund zum Verzweifeln sein, denn ich glaube, dass Evangelisation einen starken, nonwerbaren Aspekt hat. Es gibt einen schönen Satz über die Erziehung von Kindern, der sich selbst nicht so ernst nimmt, aber trotzdem in der Tendenz richtig ist. Man kann Kinder nicht erziehen, sie machen einem eh alles nach. Übertragen auf Mission und Evangelisation hieße das, wie wir miteinander und mit anderen umgehen, spricht lauter als alle von Gedanken oder theologischen Konzepte, die wir in Predigten, Vorträgen oder Gesprächen verwenden und wirken wahrscheinlich stärker als jedes Event, das wir organisieren. Trotzdem hilft es natürlich darüber nachzudenken, wie wir Begriffe, Konzepte und Perspektiven übersetzen können. Neulich habe ich mir mal Gedanken drüber gemacht, wie man den Begriff der Sünde so erklären könnte, dass er besser nachvollziehbar ist. Der Begriff Sünde wird von den meisten in erster Linie als Übertretung einer Regel verstanden, sodass er sich im Alltagsgebrauch als Verkehrssünde oder beim Steuersünder wiederfindet. Oder man versündigt sich an seiner Gesundheit, wenn man mal wieder zu viel Schokolade oder Chips gegessen hat. Eine bessere Interpretation des Begriffs Sünde, die näher am ursprünglichen Sinn liegt, wäre Zielverfehlung und nicht Regelübertretung, was eigentlich auch viel näher an der Alltagserfahrung liegt, weil es oft das eigene Verhalten ist, das man vermeiden möchte und das deshalb am meisten schmerzt. Wenn es also eigentlich um Zielverfehlung geht, dann ist Sünde eine Handlung oder eine Einstellung, die langfristig nicht zielführend ist, und zwar vor dem Hintergrund selbst gesetzter Normen. Sünde ist also in erster Linie eine Situationsbeschreibung, keine Schuldzuweisung. Und wenn man den Begriff Sünde so erklärt, hat man nicht nur den ganzen Staub eines alten Begriffs weggepustet, sondern damit auch gleich den erhobenen Zeigefinger vermieden, der ansonsten mit dem Sündenbegriff einhergeht. Da ist dann kein alter Mann mit Badmeer, der im Himmel sitzt und die Erbsen meiner vielen Übertretungen zählt. Stattdessen wird hier beschrieben, worunter ich selbst eigentlich am meisten leide, nämlich dass ich meine eigenen Ziele und Ideale nicht erreiche. Dass eine solche aktuelle Lebenserfahrung eigentlich eine universelle Erfahrung aller Menschen ist, um die sich Menschen schon vor tausenden von Jahren sinnvolle und hilfreiche Gedanken gemacht haben, wäre dann eine interessante Konsequenz einer solchen Begriffsklerung und könnte zur Erkenntnis führen, dass es vielleicht keine ganz schlechte Idee ist, mal wieder in die Bibel zu gucken. Eine solche Interpretation des Sündenbegriffs hat dann aber auch theologische Konsequenzen für mich als ein Christ, der sich so gerne auf der sicheren Seite fühlt. Denn wer bin ich schon, dass ich guten Gewissens jemanden anklagen könnte? Wenn der Mensch nichts dafür kann, dass er seinen Idealzustand nicht erreicht oder um es theologisch auszudrücken, dass er von seinem Gott getrennt ist, dann kann er auch nicht dafür verurteilt werden, sondern höchstens dafür, weiter von Gott getrennt bleiben zu wollen. Oder um das Ganze in der Sprache der Psychologie auszudrücken, es geht hier um einen Entwicklungsprozess, der gleichzeitig ein Erkenntnisprozess ist. Ich bewege mich von der Dependenz über die Independenz, also die Unabhängigkeit, zur Interdependenz, also in einen Zustand hinein, in dem mir bewusst geworden ist, dass ich niemals völlig unabhängig bin, weder von den Umständen meines Lebens noch von meinen Unzulänglichkeiten, noch von meinen Mitmenschen und auch nicht von Gott. Wer diesen Entwicklungsprozess, aus welchen Gründen auch immer, nicht oder noch nicht nachvollziehen kann, dem bleibt dann immer noch die Gnade des gerechten Gottes. Wer diesen Entwicklungsprozess aber nicht will, der will halt nicht. C.S. Lewis hat das mal so zusammengefasst, am Ende wird entweder der Mensch zu Gott sagen, dein Wille geschäre, oder Gott wird zu Menschen sagen, dein Wille geschäre. Und das ist dann für mich auch die natürliche Grenze, die jede Evangelisation hat. Mission funktioniert nur da, wo beim anderen eine Offenheit da ist, für Antworten auf grundsätzliche Fragen, nach Sinn in der gefühlten Sinnlosigkeit, nach Auswegen aus ausweglosen Situationen oder nach Heilung in unheilvollen Beziehungen. Und, wo für alle Beteiligten klar ist und klar sein muss, dass das Sinn an Gebot, das sich aus der christlichen Perspektive auf die Welt ergibt, nur in Freiheit funktioniert. Diese Freiheit des Denkens, der Entscheidung und des Handelns, ist die unbedingte Voraussetzung dafür, dass eine Entscheidung für ein Leben, das sich an den Ideen und am Leben von Jesus orientiert, nicht unter Zwang getroffen werden kann, nicht in Folge emotionaler Manipulation und auch nicht durch die Drohung mit mittelalterlichen Höllenvorstellungen, sondern eben in jeder Beziehung freiwillig sein muss. Zu dieser Freiheit gehört meiner Ansicht nach unbedingt, dass wir die Existenz Gottes nicht beweisen können, weil Gott eben immer jenseits ist und also auch jenseits jeglicher Beweisbarkeit ist. Ich bin überzeugt davon, dass jemand, der versucht Gott zu beweisen, Gott zu tiefst missverstanden hat. Denn mal angenommen, man könnte die Existenz Gottes zweifelsfrei beweisen, dann bliebe einem ja gar nichts anderes übrig, als an ihn glauben zu müssen. Und das wäre zwang. Wenn die zentrale Eigenschaft des Gottes, an den wir als Christenglauben tatsächlich Liebe ist, die sich in der Liebe zu jedem einzelnen Menschen äußern will und die sich in der Erwiderung dieser Liebe durch den einzelnen Menschen erfüllt, dann funktioniert das nur unter der Bedingung der Freiheit. Unfreiwillige Liebe kann ich mir zumindest logisch nicht vorstellen. Genauso wie die Liebe zwischen zwei Menschen nicht zweifelsfrei naturwissenschaftlich bewiesen werden kann und jeder versucht diesen Beweis zu bekommen, ein Ausdruck des Zweifels an dieser Liebe ist, der so weit gehen kann, dass er diese Liebe zerstört. Genauso kann also auch die Liebe Gottes und damit Gott selbst nicht bewiesen werden. Und genau dadurch ist unsere Freiheit als Geschöpfe Gottes garantiert, dass wir durch nichts dazu gezwungen werden können, an ihn glauben zu müssen. Die Unbeweisbarkeit Gottes ist kein Barg. Im Gegenteil, it's a feature. Und wir sollten dankbar dafür sein. Diese Erkenntnis richtet sich aber nicht nur an die Skeptiker, sondern auch gerade an die Superfrommen. Jeder, der glaubt, Gott in der Tasche zu haben oder ihn sogar auf seine Versprechen festnageln zu können, sollte den Hammer schnell wieder aus der Hand legen. Vor 2000 Jahren hat man schon mal versucht mit Hammer und Nägeln zu beweisen, dass Gott existiert, als man den angeblichen Gotteslästerer Jesus ans Kreuz gehängt hat. Das hat auch nicht so richtig geklappt. Wenn wir über Beweise reden, dann geht es um Wahrheit. Die christliche Wahrheit ist aber keine, die sich beweisen lässt. Denn Wahrheit ist genauso wie Freiheit und Liebe etwas, das nur in einer vertrauensvollen Beziehung zwischen zwei Personen lebt. Das gilt für existenzielle Wahrheiten, aber wenn man es zu Ende denkt, letztlich sogar für wissenschaftliche Wahrheit. Im Moment werden wieder Nobelpreise vergeben für besondere Leistungen in Physik, Chemie und Medizin. Und trotz der Fähigkeiten von Wissenschaftsjournalisten, die bahnbrechenden Erkenntnisse großartiger Wissenschaftler möglichst anschaulich zu erklären, wissen wir alle, dass wir uns bei fast allem darauf verlassen müssen, dass die Informationen über neue Erkenntnisse und Wahrheiten von Menschen stammen und von Menschen vermittelt werden, denen wir letzten Endes vertrauen müssen. Ohne Vertrauen funktioniert unser Leben nicht und weil das so ist, funktioniert auch die Wissenschaft ohne Vertrauen in die Rätlichkeit ihrer Akteure nicht. Vertrauen ist also die Voraussetzung für fast alles und Vertrauen im zwischenmenschlichen Bereich wächst nicht, wenn wir Dogmen postulieren, sondern wenn wir unsere Erfahrungen und Geschichten mitteilen. Wir leben inzwischen in einer postmodernen Gesellschaft, die immer weniger durch Institutionen strukturiert ist und immer mehr durch Identitäten, in der unser Verhalten immer weniger durch Traditionen gesteuert wird und immer mehr durch Algorithmen, in der die Kommunikation immer weniger persönlich ist und stattdessen immer digitaler wird und dummerweise das digitale immer unzuverlässiger. Wie können wir in einem solchen Kontext authentisch und überzeugend von unserem Glauben reden, ohne in Klischees zu verfallen? Meiner Ansicht nach geht es am besten, indem wir eigene Erfahrungen weitergeben, indem wir das persönlich und damit nahbar und hinterfragbar machen und uns darin einüben, diese Erfahrungen in einen weltanschaulichen Rahmen einzubetten. Was heißt das denn jetzt konkret? Die wichtigste Erfahrung mit Gott in den letzten Jahren war für meine Frau und mich sicher, dass Joschko nach drei Jahren der Lähmung und anderen Long Covid-Symptomen an Pfingsten 2025 nach einem Gebet der Gemeinde spontan geheilt wurde. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der an Heilungswunder glaubt, aber wenn ich eines direkt miterlebe, kann ich nicht anders als es vielen Leuten genau so zu erzählen, wie es passiert ist. Auch wenn das bedeutet, dass ich mich gegenüber Leuten, die das vielleicht merkwürdig oder skurril finden werden, als Teil einer christlichen Gemeinde outen muss, die so antiquierte Dinge wie gemeinsame Gebete und Lobgesänge auf Gott praktiziert. Den weltanschaulichen Rahmen, den ich eben angesprochen habe, kann ich inzwischen auch besser begründen als noch vor ein paar Jahren und er kontextualisiert dieses persönliche und individuelle Wundererlebnis auf eine Weise, die den Begriff des Wunders selbst begreiflicher und nachvollziehbarer macht. Wie auch immer jemand, dem ich von unserer Wundererfahrung erzähle, darauf reagiert, es ist ein guter Anlass, darauf hinzuweisen, dass wir alle manche Dinge für ganz selbstverständlich halten, die man nur als Wunder bezeichnen kann. Streng wissenschaftlich gesehen gibt es zumindest vier unumstößliche Tatsachen, die niemand bestreiten kann und die selbst von überzeugten Atheisten als ein außergewöhnliches, erstaunliches Ereignis identifiziert werden können, dass sich mit dem menschlichen Verstand oder den bekannten Naturgesetzen nicht oder nur schwer erklären lässt. So zumindest lautet die Definition von Wunder in der Wikipedia. Erstes Wunder, dass das All, also alles, aus Nichts entstanden sein soll. Zweitens, dass aus totalem Chaos Strukturen, also Ordnung entstanden ist. Drittens, dass aus toter Materie Leben entstanden ist. Und viertens, dass auf der Basis dieses Lebens Bewusstsein entstanden ist. Wir alle leben, denken und handeln, also in der Gegenwart von vier Wundern, selbst wenn wir nicht an Gott glauben können. Für eingefleischte Atheisten ist das ziemlich bitter, aber irgendwie auch lustig. Der Wissenschaftsjournalist Heuma von Dietfurt hat das einmal mit dem kurzen Satz zusammengefasst. Wir leben im Augenblick der Schöpfung. Und ich finde, knapper und präziser kann man kaum beschreiben, dass der angebliche Gegensatz zwischen Evolution und Schöpfung nur ein großes Missverständnis ist. Jonathan Sacks, der ehemalige britische Oberrabiner, Philosoph, Theologe und Politiker, hat über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion ein hervorragendes Buch geschrieben. Ich zitiere hier mal einige Passagen. The Great Partnership beginnt mit der Feststellung. Die Geschichte, die ich erzählen werde, handelt vom menschlichen Geist und seiner Fähigkeit, zwei ganz unterschiedliche Dinge zu tun. Das eine ist die Fähigkeit, Dinge in ihre Bestandteile zu zerlegen und zu erkennen, wie sie ineinandergreifen und zusammenwirken. Das andere ist die Fähigkeit, Dinge so miteinander zu verknüpfen, dass sie eine Geschichte erzählen und Menschen so zusammenzubringen, dass sie Beziehungen eingehen. Das beste Beispiel für Ersteres ist die Wissenschaft, für Letzteres die Religion. Die Wissenschaft zerlegt Dinge, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Die Religion fügt Dinge zusammen, um ihre Bedeutung zu erfassen. Ohne auf neurowissenschaftliche Details einzugehen, Ersteres ist eine Tätigkeit, die vorwiegend der linken Gehirnhälfte zuzuordnen ist und Letzteres der Rechten. Beides ist notwendig, doch sie unterscheiden sich grundlegend. Die linke Gehirnhälfte ist gut darin, Dinge zu ordnen und zu analysieren. Die rechte Gehirnhälfte ist gut darin, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Ganze Zivilisationen begingen Fehler, weil sie diese beiden Bereiche nicht auseinanderhalten konnten und die Logik des einen auf den anderen anwandten. Wenn man Dinge so behandelt, als wären sie Menschen, entsteht ein Mythos. Das Licht stammt vom Sonnengott, der Regen vom Himmelsgott, Naturkatastrophen entstehen durch den Zusammenprall von Gottheiten und so weiter. Die Wissenschaft entstand, als die Menschen aufhörten, Geschichten über die Natur zu erzählen und bedannen, sie zu beobachten, als sie kurz gesagt den Mythos hinter sich ließen. Wenn man Menschen so behandelt, als wären sie Dinge, führt dies zur Entmenschlichung. Menschen werden nach Hautfarbe, Klasse oder Glauben kategorisiert und dementsprechend unterschiedlich behandelt. Die Religion Abrahams entstand, als die Menschen aufhörten, ihre Mitmenschen als Objekte zu betrachten und begannen, jeden Einzelnen als einzigartig unantastbar und als Ebenbild Gottes zu sehen. Was Jonathan Sacks hier in wenigen Sätzen macht, ist genial. Er zeigt erstens, dass Religion und Wissenschaft sich nicht gegenseitig ausschließen und bekämpfen müssen, sondern sich ergänzen. Er zeigt zweitens, dass beide Perspektiven Teil unserer Alltagserfahrungen sind. Drittens haben diese Erfahrungen etwas mit der Struktur unseres Gehirns zu tun und deshalb eine biologische Basis. Viertens übersetzt er das Ganze dann auch noch in ethische Grundregeln, die sich daraus ergeben. Und selbst einen fünften Aspekt bietet er an, denn das Ganze hat auch im weitesten Sinn eine politische Dimension. Die Zivilisation des Westens, rot auf ganz bestimmten religiösen Fundamenten, schreibt er. Verlieren wir diese, so verlieren wir vieles von dem, was das Leben würde voll frei und menschlich macht. Ich glaube, wir wären dann nicht mehr in der Lage, das Konzept der Menschen würde aufrecht zu erhalten. Wir würden eine bestimmte Art von Politik verlieren, die Politik des Gemeinwohls. Wir wären außer Stande an einer gemeinsamen Moralfest zu halten. Und Moral muss geteilt werden, wenn sie das leisten soll, was sie schon immer geleistet hat. Uns zu Gemeinschaften zu verbinden, die auf gemeinsamen Prinzipien und Werten beruhen. Zwei konkurrierende Sichtweisen, jede für sich schlüssig und in sich stimmig? Gewiss vereinfacht, doch sie markieren die große Wahl, die beiden grundlegenden Visionen der menschlichen Existenz. Die eine behauptet, das Leben sei sinnlos. Die andere besagt, das Leben habe einen Sinn. Die Fakten sind in beiden Szenarien dieselben, ebenso die Wissenschaft, die diese Fakten erklärt. Doch die Welt wird unterschiedlich erlebt, je nachdem, ob man die erste oder die zweite Erzählung vertritt. So weit Jonathan Sacks in The Great Partnership. Ich habe vor ein paar Jahren mal versucht, das, was an K. Freitag passiert ist, in eine Sprache zu übersetzen, mit der ein Skeptiker im 21. Jahrhundert was anfangen könnte. Ausgehend von der Arbeitshypothese, das Gott existiert, habe ich das Ganze in fünf Punkte aufgeteilt. Punkt 1. Was uns grundsätzlich von Gott unterscheidet, sind zunächst zwei Dinge. Wir sind erstens den Grenzen von Zeit und Raum unterworfen, mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt. Und wir sind zweitens von einem höheren Wesen geschaffen worden, dass diesen Grenzen nicht un