Menschliche Arbeit, insbesondere in der Landwirtschaft, ist eine heilige Mitwirkung am Schöpferwerk, die in Zeiten der Klimakrise durch gegenseitige Wertschätzung, solidarischen Konsum und politische Verantwortung gestützt werden muss.
Die Predigt verknüpft das biblische Bild Gottes als Gärtner, Töpfer und Arzt mit der Würde menschlicher Arbeit und Liebe. Sie thematisiert die Dürre und Ernteeinbußen des Sommers 2026 als Einschnitt in den natürlichen Rhythmus, der die Landwirtschaft vor große Herausforderungen stellt. Der Text fordert zur Wertschätzung der Landwirte auf und warnt vor Verachtung und Neid in der öffentlichen Debatte. Erntedank wird als Fest der Unverfügbarkeit und der Solidarität verstanden, das auch die Verantwortung der Konsumenten für Lebensmittelverschwendung und Klimawandel einschließt. Die Predigt ruft dazu auf, trotz der Krisen dankbar zu sein und gemeinsam Wege für eine nachhaltige Zukunft zu suchen. Sie betont die Flexibilität der Natur und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Unterstützung für die Anpassung an klimatische Veränderungen.
Gen 2,8 · Jer 18,2-6 · Röm 9,20.21 · Mk 1,23-2,12 · Jes 30,26 · Ex 15,26 · Lk 15,3ff · Joh 10
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Lieben und Arbeiten Predigt beim Gottesdienst zum Erntedankfest mit der Landwirtschaftskammer 20. September 2026, Mariendom
Welche Berufe hat Gott?
Welche Berufe übt Gott aus? Vermutlich klingt diese Frage voraufgeklärt, seltsam oder naiv.
Wenn Gott eine Visitenkarte hätte, dann müsste da als Berufsbezeichnung draufstehen: Gärtner (P. Daniel Sihorsch). Im biblischen Schöpfungsbericht, genauer gesagt im Buch Genesis Kapitel 2 Vers 8 heißt es: „Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten einen Garten an.“ Bekannt ist auch das Bild des Töpfers: Der Töpfer, der sein Gefäß so herstellt, wie es ihm gefällt, ist ein treffendes Bild von der Macht Gottes als Schöpfer, was auf Israel angewendet wird (Jer 18,2-6; Röm 9,20.21). Im Mittelalter hat man Gott mit verschiedenen Berufen verglichen, immer im Bewusstsein, dass jede Ähnlichkeit zwischen Gott und menschlichem Beruf durch die größere Unähnlichkeit hindurchgeht. Gott wird als Architekt dargestellt, als einer, der mit einem Zirkel nach Zahl, Maß und Gewicht die Welt entwirft und plant. Oder er ist Baumeister, Weltenbaumeister, der selbst Hand anlegt und arbeitet. 1 Gott konnte in der Neuzeit nur mehr als Uhrmacher, als Ingenieur oder Programmierer, aber nicht mehr als Akteur gedacht werden, der aktiv in den laufenden Prozess eingreift, geschweige denn jedes einzelne Geschehen unmittelbar initiiert und disponiert. – In der biblischen Tradition hingegen hört Gott die Not seines Volkes Israel. Gott hört die Not des Volkes Israel. Sein Segen bedeutet Heilung in persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Störungen. Auch Jesus wird als Arzt beschrieben (Mk 1,23-2,12). Gott „heilt die Leiden seines Volkes und verbindet seine Wunden“ (Jes 30,26), seine Weisung ist wie heilende Arznei: „Ich bin Jahwe, dein Arzt.“ (Ex 15,26) Schließlich gilt Gott auch als Lehrer und als Erzieher.2 Welche Berufe hat Jesus? Man kann annehmen, dass Jesus Sepphoris als Bautischler gearbeitet hat. Jesus wird als Arzt beschrieben (Mk 1,23-2,12). Gott „heilt die Leiden seines Volkes und verbindet seine Wunden.“ (Jes 30,26) „Ich bin Jahwe, dein Arzt.“ (Ex 15,26) Schließlich gilt Gott auch als Lehrer und als Erzieher. Jesus nimmt in den Gleichnisreden die bäuerliche Welt als Symbol für das Reich Gottes, z.B. im Gleichnis vom Sämann, vom Unkraut und vom Weizen, vom Senfkorn und vom Sauerteig. Auch das Bild vom guten Hirten, der den verlorenen Schafen nachgeht, der die Seinen kennt und einzeln beim Namen ruft (Lk 15,3ff; Joh 10) stammt aus der ländlichen Erfahrungswelt. Im Johannesevangelium bezeichnet Jesus sich selbst als „wahrer Weinstock“, wobei der Vater der Winzer ist. (Joh 15,1) Das Gleichnis vom Weizenkorn ist wie die Eucharistie die Zuspitzung für die enge Verknüpfung von Lebenswelt, Arbeit und Glaube. Gott ist wie ein Bauer, der den Samen des Wortes Gottes auf den Acker der Kirche sät. Damit ist die Überzeugung verbunden, dass diese Berufe als Mitarbeit am Schöpferwerk, als Mitarbeit am Reich Gottes verstanden werden können und sollen. Es geht um die Dignität menschlicher Berufe, um die Würde der menschlichen Arbeit, aber auch um die Vernetzung aller Tätigkeiten und ihrer Grundausrichtung.
1 Opera Omnia ut sunt in Indice Thomistico, curante R. Busa, Vol. I-VII, Stuttgart-Bad Canstatt 1980.
2 Thomas von Aquin, Über den Lehrer - De magistro lat.dt. (PhB 412), Hamburg 1988.
Lieben und arbeiten „Im Wort der göttlichen Offenbarung ist diese fundamentale Wahrheit zutiefst eingeprägt, dass der Mensch, als Abbild Gottes geschaffen, durch seine Arbeit am Werk des Schöpfers teilnimmt und es im Rahmen seiner menschlichen Möglichkeiten in gewissem Sinne weiterentwickelt und vollendet, indem er unaufhörlich voranschreitet in der Entdeckung der Schätze und Werte, welche die gesamte Schöpfung in sich birgt.“ 3 Grundlegende Lebensäußerungen des erwachsenen Menschen sind Arbeit und Sexualität. Menschen erleben durch beide Dimensionen Schmerz und Glück, Scheitern und Gelingen. Was immer den Menschen in diesen beiden Bereichen zustößt, bestimmt ihre Gottesbeziehung und hat somit auch eine religiöse Relevanz. „Wir leben das Mit -Schöpfer-Sein aus in Arbeit und Liebe.“ 4 Der Zusammenhang von Lieben und Arbeiten geht auf Sigmund Freud zurück, der das Wesen einer nicht neurotischen Persönlichkeit durch die Fähigkeit, zu lieben und zu arbeiten, definiert.5
Unterbrechung Die Natur, das Jahr, ist ein Kreislauf. Das sind wir gewohnt. Der Rhythmus der der Natur ist essentiell. Was wir heuer von den Wetterbedingungen erleben mussten hat sich auch wie eine Veränderung, wie ein Einschnitt in den vertrauten Rhythmus angespürt. Auch wenn die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten in diese Richtung gewiesen haben, so ist es doch beklemmend, wenn eine dermaßen massive Dürreperiode unser Land heimsucht. Der Mensch in seiner globalen Vernetzung hat durchaus Anteil an dieser Entwicklung. Wenn wir heute Erntedank feiern, dann tun wir das heuer mit anderen Gefühlen als in vielen Jahren zuvor. Der Sommer 2026 hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele Felder sind ausgetrocknet, Wiesen brachten zu wenig Futter hervor, Hausgärten verdorrten, Bäche und Flüsse führten kaum noch Wasser.
Hinter den Zahlen und Berichten stehen Menschen: Bäuerinnen und Bauern, die vor ganz schwierigen Situationen stehen. Es sind nicht nur die ausgetrockneten Felder, es sind nicht nur die Ernteeinbußen. Es ist auch ein Ringen um die wirtsc haftliche Zukunft, die Sorge, wie es in den nächsten Jahren weitergehen wird, welche Entwicklungen absehbar sind, welche nicht. Was heißt das für den Betrieb? Was muss umgestellt werden, was muss neu gedacht werden? Was „lohnt“ sich, was „lohnt sich nicht mehr“?
Erntedank war schon immer ein Fest der Unverfügbarkeit. Wir haben keine Garantien auf Ernteerfolg. Bauern waren immer schon von Wind und Wetter abhängig wie sonst kaum ein Erwerbszweig. Es gibt Optimierungen, technische Weiterentwicklungen und bessere Prognosemöglichkeiten. Es braucht Wissen, Fleiß und Einsatz. Aber am Ende bleiben wir auf Regen, Sonne und das Zusammenspiel der Kräfte der Natur angewiesen . Letztendlich bleibt es außerhalb des unmittelbar Beeinflussbaren.
Das Bewusstsein von der Verfügbarkeit ändert sich. Wenn schlechte Ernten sind, bleiben die Regale nicht leer. Sie werden aufgefüllt mit gleichen Produkten aus Übersee. Der Mangel wird für die Konsumenten nicht wirklich greifbar.
Die Arbeit der Landwirte gehört zu den grundlegenden Diensten für die Lebenskultur, für das Gemeinwohl. Menschen, die täglich mit Boden, Pflanzen, Tieren und Wäldern arbeiten, entwickeln ein feines Gespür für die Schöpfung. Sie lernen zu beobachten, zu warten und die
3 Johannes Paul II., Laborem exercens. Über die menschliche Arbeit, Rom 1981, 25.
4 Dorothee Sölle. Lieben und Arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung, Stuttgart 1985, 169.
5 A.a.O. 13. Sölle nennt keine Referenzstelle bei Sigmund Freud.
Zeichen der Natur ernst zu nehmen. Diese Erfahrung ist ein wertvoller Schatz, den unsere Gesellschaft braucht. Bäuerinnen und Bauern sorgen für Nahrung, pflegen die Kulturlandschaft und tragen Verantwortung für einen Lebensraum, den viele Menschen als selbstverständlich erleben. Dafür verdienen sie Anerkennung und Wertschätzung.
Wertschätzung verträgt sich nicht mit Geringschätzung, nicht mit Verächtlichmachen und auch nicht mit Gleichgültigkeit. Verachtung in der privaten und öffentlichen Rede steckt oft an der Wurzel von Kriegen und Konflikten (Jules Isaac), von Spaltung und Aus grenzung in der Gesellschaft. Das macht ein Zusammenleben auf Dauer unmöglich und gefährdet auch die Demokratie. Wertschätzung geht auch nicht mit dem Neid zusammen. Der Neid ist die Traurigkeit über das Gute, das gelingende Leben anderer. Es geht nicht mit Wertschätzung zusammen, wenn man eine Berufsgruppe gegen die andere ausspielt oder wenn sie für eine soziale Gruppe oder eine Volksgruppe auf Kosten anderer ausgesprochen wird.
Bekommen unsere Bäuerinnen und Bauern, aber auch die Arbeitnehmer:innen in der Lebensmittelerzeugung noch die erforderliche Wertschätzung, die sie für ihre verlässliche und unverzichtbare Arbeit verdienen? Die Bauernschaft hat das Gefühl, das die gesellschaftliche Wertschätzung für ihre oft harte und anstrengende Arbeit und ihr intensives unternehmerisches Engagement oft verloren gegangen ist. Die Zeiten, wo die Ernährungssicherung für die Bevölkerung eine zentrale politische Herausforderung war, sind nun schon längst vorbei. Die hohe Verantwortung in der Agrar - und Lebensmittelproduktion hört aber nicht bei den Bäuerinnen und Bauern auf – es sind wir Konsumentinnen und Konsumenten, die mit unserem Kaufverhalten entscheiden. – Eine Reduktion der Lebensmittelverschwendung stellt eine mittlerweile mehrdimensionale ethische Herausforderung dar. Ja, es geht darum unserer moralischen Verantwortung gegenüber der aufgrund der Krisen wieder steigenden Zahl an Hungernden in der Welt gerecht zu werden, genauso geht es aber bei der Reduktion der Verschwendung um den Schutz der natürlichen Ressourcen, um den Klimaschutz und letztendlich auch um die Frage des fairen Preises für die erzeugten Lebensmittel. Wir tragen Mitverantwortung, welche Transportwege Lebensmittel zurücklegen, welche Standards in der Produktion wir fördern oder auch wie viele Lebensmittel wir letztendlich verschwenden oder auch wegwerfen.
Dankbarkeit alleine reicht nicht aus. Erntedank ruft auch zur Solidarität auf. Dankbar zu sein heißt, die Arbeit der Menschen wertzuschätzen, die unsere Lebensmittel erzeugen. Dankbar zu sein heißt, Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen. Dankbar zu sein heißt auch, jene nicht allein zu lassen, die unter den Folgen von Trockenheit und Klimaveränderungen besonders leiden. Dankbar zu sein heißt, dem auch mit dem eigenen Konsumverhalten Rechnung zu tragen. Wer regionale Produkte kauft, der handelt solidarisch mit der heimischen Landwirtschaft.
Die Natur ist sehr flexibel, die Knospen für die nächste Vegetationsperiode sind trotz der Trockenheit schon angelegt. Die diözesane Forstmeisterin hat mir berichtet, dass bei forstlichen Gewächsen junge Pflanzen sich in jungen Jahren durch ihr Wurzelwachs tum an den sinkenden Grundwasserspiegel anpassen, die älteren Bäume schaffen das nicht mehr, weswegen auch der Waldumbau ein großes Thema in ihrer täglichen Arbeit ist. Bauern und Bäuerinnen sind meist die ersten, die Veränderungen in der Natur direkt erleben und erfahren. Sie sind es auch, die wie kaum ein anderer Berufsstand zu Flexibilität und zu Innovation gezwungen sind.
Das ist eine Herausforderung und dafür braucht es ein verstärktes gesellschaftliches Bewusstsein und bestmögliche Unterstützung von der öffentlichen Hand. Das ist aber auch ein Grund, mit Selbstbewusstsein und Stolz auf das zu blicken, was angesichts der klimatischen Veränderungen im Bereich der Land- und Forstwirtschaft an Anpassung und Umstieg gelungen ist, um ihren Aufgaben in der Lebensmittelproduktion und Kulturlanderhaltung nachzukommen.
Und dennoch dürfen wir heute danken. Nicht für alles, was geschehen ist. Aber für alles, was trotz der Schwierigkeiten gewachsen ist. Wir danken für die Kräfte, die Menschen aufbringen.
Für den Zusammenhalt in den Gemeinden. Für die Solidarität der Landwirtinnen und Landwirte untereinander. Für die Heimat, in der wir leben dürfen. Und wir bringen vor Gott die Hoffnung, dass er uns die Weisheit schenkt, sorgsam mit seiner Schöpfung umzugehen und gemeinsam Wege in eine gute Zukunft zu finden.
„Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen, denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können. Der Schöpfer verlässt uns nicht, niemals macht er in seinem Plan der Liebe einen Rückzieher, noch reut es ihn, uns erschaffen zu haben. Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus auf zubauen. Ich möchte allen, die in den verschiedensten Bereichen menschlichen Handelns daran arbeiten, den Schutz des Hauses, das wir miteinander teilen, zu gewährleisten, meine Anerkennung, meine Ermutigung und meinen Dank aussprechen. Besonderen Dank verdienen die, welche mit Nachdruck darum ringen, die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung im Leben der Ärmsten der Welt zu lösen. Die jungen Menschen verlangen von uns eine Veränderung. Sie fragen sich, wie es möglich ist, den Aufbau einer besseren Zukunft anzustreben, ohne an die Umweltkrise und an die Leiden der Ausgeschlossenen zu denken.“ (Papst Franziskus, Laudato si‘, Nr. 13) + Manfred Scheuer Bischof von Linz