Das jüdische Volk kann immer wieder neu beginnen, weil der Bund mit Gott über jede einzelne Führungsperson hinausgeht und die Möglichkeit der Umkehr jedem offensteht.
Der Text erklärt den doppelten Toraabschnitt Nizawim-Wajelech als Moment des Übergangs: Das Volk Israel steht vor dem Einzug ins Gelobte Land, Mosche vor seinem Tod und die Tora vor ihrem Abschluss. Der Autor betont, dass mit dem Eintritt ins Land ein spiritueller Übergang verbunden ist: von der Versorgung durch Wunder hin zur eigenen Verantwortung für den Aufbau einer Gesellschaft nach den Geboten der Tora. Der Bund wird nicht nur mit den Anwesenden, sondern auch mit künftigen Generationen geschlossen, was jüdische Identität als wechselseitige Verantwortung beschreibt. Eine rein private Existenz wird als dem jüdischen Verständnis fremd dargestellt. Die Möglichkeit der Teschuwa – Umkehr und Rückkehr zu sich selbst – wird als zentrales Geheimnis des jüdischen Neubeginns vorgestellt. Mosches Übergabe der Führung an Jehoschua dient als Beispiel dafür, dass der Bund über jede Führungsperson hinausgeht. Der Text schließt mit einem ermutigenden Appell: Der Mensch muss kein Engel sein, sondern kann jederzeit umkehren und ein neues Leben beginnen.
5. Mose 29,9 · 5. Mose 29,18 · 5. Mose 30,2 · 5. Mose 30,11-14 · 5. Mose 31,2 · 5. Mose 34,10
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
Wortlaut anzeigen
Der doppelte Toraabschnitt dieser Woche beginnt mit den Worten: »Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gott« (5. Buch Mose 29,9).
Es gibt Momente in der Tora, in denen man spürt: Die Zeit steht still. Sie versetzen in ein Innehalten, in dem ein tiefer Atemzug genommen wird, um auf einen Übergang von historischem Ausmaß vorzubereiten. Solche Momente vermitteln die Texte der Paraschot Nizawim-Wajelech. Das Volk Israel steht vor dem Einzug in das verheißene Land. Mosche steht vor seinem Tod. Die Tora steht vor ihrem Abschluss.
Beim Einzug in das Land Israel handelt es sich nicht nur um einen geografisch markierten Übergang von der Wüste ins Kulturland. Mit ihm verbindet sich ein tiefgreifender spiritueller Übergang.
In der Wüste ernährten sich die Israeliten im wahrsten Sinne des Wortes von den Wundern Gottes
In der Wüste ernährten sich die Israeliten im wahrsten Sinne des Wortes von den Wundern Gottes. Er versorgte sie mit Manna, Wachteln und Wasser. In der Wolken- und Feuersäule wies er ihnen den Weg, den sie ziehen sollten. Das machte jede Auseinandersetzung über den einzuschlagenden Weg überflüssig.
Dies ändert sich grundlegend mit dem Eintritt ins Gelobte Land. Jetzt müssen die Israeliten für sich Verantwortung übernehmen und eine Gesellschaft nach den Geboten der Tora aufbauen. Angesichts dieser Veränderung und Herausforderung betont Mosche: »Ihr steht heute alle.«
Bevor sich das Volk in Bewegung setzt, soll es vor Gott zu stehen kommen. Mosche wendet sich nicht nur an eine geistliche Elite, sondern versammelt alle Israeliten, von den Stammesführern bis zu den Fremden im Lager. Und nicht nur die gegenwärtig Versammelten werden aufgefordert, den Bund mit dem Ewigen zu erneuern. Er wird auch mit jenen geschlossen, die noch nicht geboren sind.
Hier erweist sich jüdische Identität: Nicht ein unverbindliches Interesse zeichnet den Bund seitens des Menschen aus. Jeder ist durch die Zeiten hindurch mit jedem im Volk verbunden, und alle sind füreinander verantwortlich.
Dementsprechend ergeht die Warnung: »Und niemand, der die Worte dieses eidlichen Vertrages hört, soll sich selbst in seinem Herzen beschwichtigen, indem er spricht: Befriedigung wird mir sein, so ich in der Verstocktheit meines Herzens wandeln werde« (29,18).
Eine Privatexistenz im strengen Sinne des Wortes gibt es im Judentum nicht
Hier werden alle nachdrücklich gewarnt, die die Bundesflüche wohl hören, sich aber dennoch in Sicherheit wiegen und ihrem eigenen Willen folgen. Es werden die gewarnt, die zu sich sprechen: »Friede soll mir sein«, und die sich über ihr privates Umfeld hinaus in keiner sozialen Verantwortung eingebunden sehen. Eine Privatexistenz im strengen Sinne des Wortes gibt es im Judentum nicht. Es verwehrt dem Einzelnen, sich der Verantwortung für die Gesamtheit des Volkes zu entziehen und nur das eigene Durchkommen zu verfolgen.
Sollte es aber dazu kommen, dass die Israeliten durch ihr Verhalten den Fluch statt den Segen wählen, eröffnet Mosches Rede die Möglichkeit der Teschuwa: »Dass du zurückkehrst zu dem Ewigen, deinem Gott, und Seiner Stimme gehorchst, ganz so, wie ich dir heute gebiete, du und deine Kinder, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele« (30,2).
Maimonides, der Rambam (1138–1204), lehrt, dass die Umkehr das Fundament der menschlichen Existenz ausmacht. Und die Tora spricht nicht nur von einer individuellen Umkehr. Sie wird dem ganzen Volk eröffnet. Kein Exil, keine Bedrückung durch andere Völker wird von Dauer sein, wenn Israel sich wieder zu seinem Gott bekehrt.
So kann man die Geschichte des Judentums auch nicht auf einer gerade verlaufenden Linie nachzeichnen. Sie charakterisiert sich eher durch eine Zick-Zack-Bewegung von Nähe und Distanz gegenüber dem Ewigen, durch Fallen und Aufstehen.
Auch wenn es viele mächtige, hochgerüstete Imperien im Laufe der Weltgeschichte gab, die meisten sind für immer von der Landkarte verschwunden. Anders verhält es sich mit Israel. Wie tief es auch fiel, und wie vernichtend es geschlagen wurde, es fand immer wieder die Kraft zum Neubeginn. Das Geheimnis seines Neubeginns war und ist die Kraft der Teschuwa.
Unter Teschuwa versteht die Tora auch eine Rückkehr zu sich selbst
Unter Teschuwa versteht die Tora nicht nur die Reue über eine Sünde, sondern auch eine Rückkehr zu sich selbst. Oft denkt der Mensch, seine Heiligung sei eine komplizierte Sache, die sich für ihn in einem unerreichbar höheren Himmel abspielt. Doch dem widerspricht die Tora: »Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagst: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns, und macht es uns kund, dass wir es tun. Sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun« (5. Buch Mose 30,11 – 12,14).
Um Gott zu begegnen, bedarf es aufseiten des Menschen keiner weiten Wege. Seine Heiligung beginnt vor der Haustür, mit jedem wohl überlegten Wort, das ihm über die Lippen kommt, mit einem Herzen, das sich korrigieren lässt, und jeder kleinen Tat, die die Welt besser macht. Dabei zwingt Gott den Menschen nicht zum Guten. Ihm bleibt die Freiheit der Wahl. In dieser Wahlfreiheit gründet sich der Wert der Taten, für die sich ein Mensch bewusst entscheidet.
Im Abschnitt Wajelech wendet sich Mosche an das Volk mit den Worten: »120 Jahre bin ich heute alt; nicht vermag ich ferner auszuziehen und einzuziehen, auch hat der Ewige zu mir gesprochen: Du wirst nicht gehen über diesen Jordan« (5. Buch Mose 31,2). Mosches schmerzlicher Abschied steht bevor. Nachdem er das Volk 40 Jahre lang angeführt hat, darf er nicht mit in das verheißene Land einziehen. Er wird vorher sterben. Doch zögert er keinen Augenblick, die Führung des Volkes rechtzeitig an seinen Nachfolger Jehoschua zu übergeben. Eine Gesellschaft, die keinen Übergang von einer charismatischen Figur zur nächsten zu gestalten weiß, wird zerfallen.
Der Bund mit dem Ewigen ist bedeutender als jede Führungspersönlichkeit
Auch wenn es von Mosche heißt: »Und es stand fortan nicht auf ein Prophet in Israel wie Mosche« (5. Buch Mose 34,10), dann ist es gerade ihm gelungen, jeden Personenkult in Israel zu verhindern. Der Bund mit dem Ewigen ist bedeutender als jede Führungspersönlichkeit, und er verbindet jeden mit jedem in Israel.
Halten wir das in jeder Auseinandersetzung fest: Wenn ein Volk nicht in diesem Bewusstsein zusammensteht, kann es auch nicht zusammen vorwärtsgehen und eine Gesellschaft gestalten, die Zukunft hat.
Vielleicht könnte das die befreiende Botschaft vor den Hohen Feiertagen sein: Der Mensch muss kein Engel sein. Er kann jederzeit umkehren und ein neues Leben beginnen. Das ist das Vermächtnis Mosches: Am Ende stehen nicht Drohung, Angst und Enttäuschung, sondern die Möglichkeit, das Leben und das Gute zu wählen, der tiefe Glaube des Einzelnen, des ganzen Volkes an den Wert und die Bedeutung eines Lebens mit dem Ewigen. Unser Stehen vor ihm verleiht uns Wurzeln, die in seiner Ewigkeit gründen.
Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).
inhalt
Im Zentrum des Wochenabschnitts Nizawim steht der Bund des Ewigen mit dem gesamten jüdischen Volk. Diesmal sind ausdrücklich auch diejenigen Israeliten miteinbezogen, die nicht anwesend sind: die künftigen Generationen. Gott versichert den Israeliten, dass Er sie nicht vergessen wird, doch sie sollen die Mizwot halten.
5. Buch Mose 29,9 – 30,20
In dem Wochenabschnitt Wajelech geht es um Mosches letzte Tage. Er erreicht sein 120. Lebensjahr und bereitet die Israeliten auf seinen baldigen Tod vor. Er verkündet, dass Jehoschua sein Nachfolger sein wird. Die Parascha erwähnt eine weitere Mizwa: In jedem siebten Jahr sollen sich alle Männer, Frauen und Kinder im Tempel in Jerusalem versammeln, um aus dem Mund des Königs Passagen aus der Tora zu hören. Mosche unterrichtet die Ältesten und die Priester von der Wichtigkeit der Toralesung und warnt sie erneut vor Götzendienst.
5. Buch Mose 31, 1–30
Simanim
Äpfel, Erbsen, schwingende Hühner
Die Feiertage sind voller symbolischer Speisen und Rituale. Ist das Aberglaube? Nicht unbedingt, sagen die Weisen
von Rebbetzin Chana Baumel
10.09.2026
Hohe Feiertage
»Die Sterne neu berechnen«
Aster Taylor über Astrophysik, die Berechnung des Himmels und den Ausgang der Festtage
von Mascha Malburg
10.09.2026
9/11
Suche nach Gewissheit
Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe
von Rabbiner Dovid Gernetz
08.09.2026
Talmudisches
Sitzen
Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten
von Detlef David Kauschke
04.09.2026
Interview
»Meine Musik soll Herzen öffnen«
Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen
von Jan Feldmann, Mascha Malburg
02.09.2026
Ki Tawo
Demut ist größer als Erfolg
Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt
von Rabbiner Elie Dues
28.08.2026
Rezension
»Eine ziemlich dramatische Zeit«
Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben
von Detlef David Kauschke
28.08.2026
Talmudisches
Die Folgen des Hasses
Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten
von Chajm Guski
27.08.2026
Schule
Jüdisch alphabetisiert
Zum ersten Mal seit der Schoa entstehen in Deutschland Arbeitsbücher für den jüdischen Religionsunterricht. Der erste Band widmet sich der Tora und ist nun erschienen
von Mascha Malburg
25.08.2026
zurück