Die moderne Ratlosigkeit und die Erosion kirchlicher Strukturen können durch eine erneuerte Praxis des 'guten Rats' überwunden werden, die in der demütigen Aufmerksamkeit Marias und der aktiven Begegnung mit Jesus als Quelle der Freiheit und Gnade begründet liegt.
Der Text thematisiert den wachsenden Druck und die Ratlosigkeit in der heutigen Gesellschaft, insbesondere bei jungen Menschen, sowie die Erosionsprozesse innerhalb der Kirche. Er zitiert Franz Werfels 'Lied von Bernadette', um zu zeigen, wie eine spirituelle Erfahrung das Gewicht des Alltagsleids relativieren und Entlastung bringen kann. Der Prediger kritisiert die Überflutung durch professionelle Räte und die Tabuisierung existenzieller Fragen, die zu Isolation und Abhängigkeit von Gurus führen kann. Als Gegenentwurf wird Maria als 'Mutter vom guten Rat' vorgestellt, die durch ihre Aufmerksamkeit und ihren Verweis auf Jesus den Weg weist. Der 'gute Rat' wird dabei nicht als Bevormundung, sondern als Einladung zum aktiven Mitvollzug der göttlichen Gnade verstanden. Die Ignatianen Exerzitien dienen als Methode, um in der Zwiesprache mit Jesus die eigene Berufung und die Wahrheit zu erkennen. Der Text ruft dazu auf, die geistigen Werke der Barmherzigkeit, insbesondere das Raten und Trösten, in der Kirche wieder zu beleben.
Kohelet 4,10 · Jakobus 5,20 · Matthäus 18,15 · Johannes 2 · Johannes 1,14 · Johannes 14,6 · Offenbarung 3,14 · Philipper 2,3
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Mutter vom guten Rat Predigt bei der Andacht zur Wallfahrt als Auftakt der Visitation in der Pfarre TraunerLand 11. Oktober 2026, Wallfahrtskirche „Maria vom guten Rat“, Dörnbach
Auf den Menschen, gerade auf vielen jungen Leute lastet viel Druck. Und in der Kirche erleben wir viel Unsicherheit und auch Prozesse der Erosion. Bei Franz Werfel, im „Lied von Bernadette“ habe ich während einer Lourdeswallfahrt von der Erfahrung der Bernadette, aber auch der einfachen Menschen in der Umgebung gelesen: „Der Sobirous -Tochter ist es mit Hilfe unbegreiflicher Mächte gelungen, noch ein größeres Wunder zu vollbringen als die Entdeckung einer Quelle. Ohne es zu wissen und zu wollen, teilt Bernadette den Armen etwas von jener erbarmungsvollen Getrostheit mit, die sie noch imm er überflutet, wenn sie die Dame wiedersehen darf. In einer unerklärten Übertragung gibt sie den Massen von dem Himmelihrer Liebe einen Anteil. … Diese Annäherung einer anderen Welt an diese Welt verändert viel.
Nicht mehr ist die Not ein Granitblock im Rucksack, den man von der Sinnlosigkeit der Geburt bis zur Sinnlosigkeit des Todes schleppt. Der Granit ist porös geworden und seltsam leicht.
Selbst der dumpfe Verstand des Hirten Leyrisse empfindet etwas von dem tänzerischen Bewusstsein der festlichen Zweideutigkeit des Lebens, die alle Seelen erfüllt. Das ganze Leben, Hass, Feindschaft, Habsucht, Neid, Angst, Misstrauen, Eifersucht, all das verliert ein beträchtliches Gewicht von seinem Ernst. Jeden Morgen erscheint die Dame, um zu beweisen, dass es noch andre Verhältnisse gibt als die irdischen. … In die Arbeit mischt sich ein spielerisches Element. Man melkt die Ziegen anders. Man wäscht die Wäsche anders.“1
Mutter vom guten Rat Was soll ich tun? Wie soll ich mich entscheiden, beruflich, familiär, beim Urlaub? Welchen Weg wollen wir nehmen? Wie soll es weiter gehen? Wir alle haben schon die Erfahrung des Anstehens gemacht, dass wir selber nicht mehr weiter wissen. Aus dem eigenen Bauch heraus und aus eigener Kraft finden wir keine Lösung, das eigene Denken ist oft wirr, sodass eine klare Entscheidung nicht möglich ist. Man ist hin- und hergerissen. Vielleicht halten wir dann Ausschau nach einem Freund, der uns beisteht, oder wir schauen auf die Erfahrung und die Kompetenz eines sach- und fachkundigen Experten.
Es gibt viele, die vorgeben Bescheid zu wissen, es gibt zu viele, die meinen zu wissen, wo es lang geht. Manche beanspruchen: da weiß ich einen guten Rat. Das ist nicht nur bei Erkrankungen so. Und dann haben viele Berufsgruppen, die Räte haben: Medizinalr at, Betriebsrat, Kammerrat, Kommerzialrat, Ökonomierat, Studienrat, Hofrat, Geistlicher Rat, Konsistorialrat.
Viele Gremien haben die Aufgabe und den Anspruch, Rat zu geben und Rat zu wissen:
Gemeinderat, Stadtrat, Landesrat, Nationalrat, Bundesrat, Pfarrgemeinderat, Pastoralrat, Laienrat, Priesterrat.
1 Franz Werfel, Das Lied von Bernadette, Frankfurt a. M. 2013, 242f.
Beratungen auf psychologischer Ebene haben gute Konjunktur. „Lebensberater“ sind eine eingetragene Berufsbezeichnung. Dann gibt es auch Vermögensberater, Steuerberater, Gesundheitsberater, Eheberater, Familenberater, Fitnessberater, Stilberater … Und doch: bei vielen Gremien, bei vielen Räten heißt es in letzten, wichtigen und entscheidenden Fragen: Das musst du mit dir allein ausmachen. Da musst du mit dir selbst zurecht kommen. In vielen Bereichen sind Tabus errichtet, wo es kein Gespräch, keinen Rat, keine Beratung gibt. Das Herz möchte nicht allein sein. Vae soli! Wehe dem, der allein ist, heißt es schon im Buch Kohelet (4,10). Wenn vieles tabuisiert wird, wenn sich die Ratlosigkeit breit macht, wenn man sich alleine gelassen fühlt, dann lässt das nicht wenige bei schlechten Ratgebern Zuflucht nehmen, zu Gurus pilgern, die aber Abhängigkeit schaffen und auch finanziell ausnehmen. „Da ist guter Rat teuer“, heißt es nicht umsonst. Oder eine Beratung läuft nach dem Motto: Wie hätten Sie‘s denn gern?
Auch in der Kirche traut man sich nicht mehr recht. Wer kennt noch die geistigen Werke der Barmherzigkeit? Sünder zurechtweisen (Jak 5,20; Mt 18,15) Unwissende lehren; Zweifelnden recht raten; Betrübte trösten; Unrecht geduldig erleiden; Beleidigern gern v erzeihen; Für die Lebenden und Toten Gott bitten. – Ist nicht das Raten und Trösten außer Kurs gekommen?
Die Kirche wird in vielen Bereichen als Ratgeberin nicht mehr gefragt.
Von Maria bekennen wir in der lauretanischen Litanei bzw. wir rufen sie an als Muttergottes vom guten Rat. Wenn wir das Evangelium anschauen, so gibt sie den entscheidenden Hinweis, den entscheidenden Rat: „Was er euch sagt, das tut.“ (Joh 2) Maria merkt, dass der Wein ausgeht. Sie hat ein Gespür für die Situation, sie ist aufmerksam für die Not, sie bekommt mit, was läuft. Sie hat ein Sensorium, eine Antenne für das, was in der Luft liegt. Beim guten Rat geht es nicht darum, anderen etwas aufzusetzen oder überzustülpen, alles besser zu wissen.
Maria ist ganz Auge, ganz Ohr und ganz Herz für die Menschen. Sie gibt den Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ Sie stellt sich also nicht selbst in den Mittelpunkt, sie hält nicht andere Menschen an der Leine, sie will sich auch nicht profilieren. Es geht ihr nicht um ein taktisches Spiel, nicht um ihre Interessen durchzusetzen, auch nicht um Kampf. Der gute Rat ist nicht Maria, sie ist seine Mutter, sie gibt uns ihn, Jesus als den guten Rat. Jesus sagt zu den Leuten:
„Füllet die Krüge mit Wasser.“ Wenn uns Maria auf Jesus verweist und Jesus der gute Rat ist, dann ist unsere Freiheit, unser Mittun, unsere Anstrengung gefragt. Der göttliche Rat macht uns nicht rein passiv und schon gar nicht faul. Göttliches und menschliches Handeln treten in eine dialektische Verhältnisbestimmung: „Vertraue so auf Gott, als ob der Fortgang der Dinge ganz von dir und nichts von Gott abhinge; wende jedoch alle Mühe auf, als ob du nichts und Gott allein alles bewirken werde.“2 Das menschliche Tätigsein wird als Mitvollzug der göttlichen Gnade verstanden. Im Tätigsein des Menschen zeigt sich das Vertrauen in die zuvor kommende Gnade Gottes.
Was sollen wir tun? Welche Entscheidung sollen wir treffen? Grundlegendes Kriterium für die Unterscheidung der Geister ist Jesus Christus selbst. Jesus Christus vergegenwärtigt das Reich Gottes in Person. In der menschlichen Gestalt Jesu leuchtet die Wahrheit und Herrlichkeit Gottes auf (Joh 1,14), er ist der Weg zum Vater (Joh 14,6), er ist der treue und wahrhaftige Zeuge (Offb 3,14). Jesus der Zeuge beauftragt wiederum Menschen zum Zeugnisgeben.
2 Gabriel Hevensi, Scintillae ignatianae, Wien 1705, 2.
So steht christlich verstandene Berufung im Zwiegespräch mit Jesus Christus. In den ignatianischen Exerzitien geht es um das Vertrautwerden mit dem Herrn wie um die Einübung in die „Gesinnung, die dem Leben in Christus ent spricht“ (Phil 2,3), um das Erspüren der Gestaltwerdung Jesu in uns. In der Begegnung mit Jesus, in der Zwiesprache mit ihm kristallisiert sich das Bild und Gleichnis Gottes in mir heraus. Ignatius leitet immer wieder zur Zwiesprache mit Jesus an.3 Es braucht ein Vertrautwerden mit dem Evangelium, um den guten Rat Jesu im Leben zu vernehmen.
+ Manfred Scheuer Bischof von Linz
3 Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, in: Deutsche Werkausgabe übers. von Peter Knauer Bd. 2.:
Gründungstexte der Gesellschaft Jesu, Würzburg 1998, 98.109.117.147.156.168.