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Orthodox · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Ein Jesuiten-Kolleg auf dem Athos? (Teil 2)

ohne Namen · Analogion – orthodoxes Lesepult · 2023-07-16 · Quelle

Wissen · tragend Gemeinschaft

Die jesuitischen Bemühungen, auf dem Athos Fuß zu fassen, scheiterten an der Kombination aus osmanischer Politik, der Ablehnung der Athosmönche und dem internen Wettbewerb zwischen katholischen Orden.

unter dem Vorwand, den Körper mit Medikamenten zu behandeln, könnten sie an der Erlösung der Seelen und der Ausrottung der Häresien arbeiten, ohne dass sie verdächtigt würden, da sie Griechen wären

Der Text beschreibt drei historische Versuche der Jesuiten, auf dem Athos eine Niederlassung oder Schule zu errichten. Der erste Versuch 1658 durch P. Isaac d’Aultry scheiterte, weil die Athosmönche zwar Land anboten, aber keine Zusagen für die Besetzung der Schule gaben. Der zweite Versuch 1669 mit P. François Richard, einem kontroversen Theologen, der unter anderem über orthodoxe Heilige polemisierte, endete ebenfalls ohne Umsetzung. Richard empfahl stattdessen, griechische Priester als Mediziner nach Karyes zu schicken, um diskret für den Katholizismus zu werben. Der dritte Versuch 1706 mit P. François Braconnier wird nur angerissen. Der Text ist eine historisch-analytische Darstellung, die auf die Forschung von Georg Hofmann SJ (1939) stützt. Es geht um die strategische und diplomatische Dimension der katholischen Missionierung im osmanischen Raum. Der Text enthält keinen expliziten Gegenwartsbezug, sondern ordnet die Ereignisse in den Kontext des Wettbewerbs zwischen verschiedenen katholischen Orden und der Congregatio de Propaganda Fide ein.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
Wo sitzt das Übel?
in Wirtschaft, Politik, gesellschaftlichen Strukturen
Was hilft dagegen?
Einsicht, Lernen, Aufklärung, richtige Erkenntnis; praktisches Handeln am Nächsten, Werke (erschlossen)
Was ist der Mensch nach diesem Text?
gefallen, aus eigener Kraft nicht heil zu machen (erschlossen)
Wohin geht die Geschichte?
es wird schlechter, eine Ordnung geht zu Ende (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf Tradition, Väter, gewachsene Praxis; auf Argument, Logik, Wissenschaft
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens (erschlossen)
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen

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nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Gemessen

Grundhaltung
0 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
1 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
2 von 3, benannt: Orthodoxe Athosmönche und griechisch-orthodoxer Klerus
Zeitbezug
früher 3, jetzt 0, künftig 0

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Zum Inhalt springen Dieser Beitrag wurde ergänzt am 22.07.23. ⸎ Weiterleitung zu Teil 1 . ⸎ 3. Die Jesuiten und der Athos Parallel zur Congregatio de propaganda fide , ja, geradezu im Wettbewerb mit ihr versuchten die Jesuiten ebenfalls, auf dem Athos Fuß zu fassen. Sie konnten sich dazu nicht einfach wie die Congregatio griechischstämmiger Weltgeistlicher bedienen, die im Collegium Graecum ausgebildet worden waren; denn sie gehörten nicht zum Jesuitenorden. Doch war die Gesellschaft Jesu nicht nur durch ihre Niederlassungen (Residenzen) auf vielen griechischen Inseln und in den Städten Athen, Saloniki und Konstantinopel gut vernetzt, sondern übte vor allem über die Absolventen ihrer Schulen bzw. Kollegien einen großen Einfluss in der gesamten Region aus. Der Byzantinist Georg Hofmann SJ (1885-1956) hatte in Rom einen leichten Zugang zu den Dokumenten aus der Geschichte seines Ordens, so dass er drei Versuche der jesuitschen Einflussnahme auf dem Athos intensiv erforschen konnte (vgl. Hofmann 1939). Diese werden im Folgenden dargestellt; die Überlegungen zu einem vierten Versuch – ein „Apostolatsplan“ – werden mangels konkreter Umsetzung nicht weiter erwähnt (vgl. aaO, 26f.). 3.1 Erster Versuch 1658: P. Isaac d’Aultry SJ im Wettlauf mit der Propaganda fidei Als ein Schüler des Jesuiten Dionys Guillier 1633 in Konstontinopel Patriarch mit dem Namen Kyrillos II. Kontares wurde, sahen die Jesuiten ihre Chance gekommen, auf dem Athos Fuß zu fassen, da der Heilige Berg dem Ökumenischen Patriarchat kirchenrechtlich unterstellt war und ist. Insbesondere war es der Jesuit Issac d’Aultry, den der Gedanke an eine Niederlassung zwischen den Athos-Klöstern nicht mehr losließ. Doch Kyrillos II. blieb nur kurze Zeit auf dem Patriarchenthron, um ihn in demselben Jahrzehnt noch zwei weitere Male im Wechsel mit den Gegenpatriarchen Athansios III. Patelaros, Kyrillos I. Loukaris und Neophytos III. von Nizäa zu besteigen. Das Vorhaben konnte noch nicht realisiert werden. Ab da befanden sich die Jesuiten zunächst im Wettlauf mit der Congretaio de propaganda fide , die ihren gescheiterten Plan, eine katholische Basilianergemeinschaft mit byzantinischen Ritus auf den Athos einzuschleusen, zugunsten der Gründung einer Schule veränderte. Dies gelang ihr 1634 (s. Teil 1 ). Nachdem dieses Kolleg der Propaganda 1641 jedoch auf Geheiß der Osmanen den Athos verlassen musste, erwog die Kongregation 1645 in einem Gutachten von Valentin Malcetti die Entsendung von Jesuiten auf den Athos. Der ehrgeizig Plan war nun, über den französischen Botschaft in Paris eine Vollmacht bei dem für den Athos zuständigen osmanischen Hofbeamten (dem Bostandji-Bashi) zu erwirken, um eine Missionsstation auf dem Athos zu errichten. Freundschaftliche Kontakt zu einzelnen Athosmönchen sah Malcetti als hoffnungsvolles Zeichen, über die ruthenischen Mönche auf dem Athos – gemeint ist wohl das russiche Kloster Palaiomonastir oder Staryj Russik in den Anhöhen, denn das heutige Rossikon bzw. Kloster des hl. Pantaleon / hl. Panteleimon konnte erst 1765 bezogen werden – sogar auf den russischen Zar einzuwirken und somit auf Dauer nicht nur Griechenland sondern sogar Russland in den Bann des Katholizismus zu ziehen (vgl. Hofmann 1939, 7). Fast zeitgleich hintertrieb die Kongregation ihre eigenen Pläne mit den Jesuiten, indem sie eine „Konkurrenzunternehmung“ der Mindestbrüder (Minimisten, in Deutschland als Paulaner bekannt) unterstützte. Am 17. Juni 1647 erlaubte die Propaganda drei französischen Mindestbrüdern die Überfahrt zum Athos, frug aber diesbezüglich auch beim französischen Botschaft in Konstantinopel an. Die Antwort fiel – dank der besseren Kontakt der Jesuiten? – wahrscheintlich „ungünstig“ aus, denn von einer Ankunft der Brüder auf dem heiligen Berg Athos ist nirgendwo zu lesen (vgl. aaO, 10). Dagegen kann rund drei Jahre später P. Isaac d’Aultry dem General der Jesuiten Piccolomini berichten, Athosmönche hätten ihm ein Areal für 1000 Goldscudi angeboten. Aus einem anderen Brief vom 13. Januar 1651 wird deutlich, dass es sich um eine Kirche samt Ackerland und Weinbergen im Besitz des Klosters Megisti Lavra handelt. 200 Scudi müssten noch zum Bau der Residenz aufgebracht werden – und eine Erlaubnis des eben genannten Bostandji-Bashi (vgl. aaO, 11). Endes des Jahres 1657 erfahren wir, dass die Finanzierung dank verschiedener französischer Adliger gesichtert war und die Mission unter dem Schutz sowohl des Herzogs der Toskana als auch des Großmeisters der Malteser stand. Es war also ein umfangreiches diplomatisches Agieren im Vorfeld nötig gewesen. Mittlerweile hieß der Jesuiten-General Goswin Nickel, der zwar das Vorhaben d’Aultrys unterstütze, aber vor einem Kauf der Areals dazu riet, ad experimentum zu erproben, „ob die apostolische Arbeit der Jesuiten auf dem Athos aussichtsreich sei“ (aaO, 13). Inzwischen war d’Aultry am 17. März 1658 zum Athos aufgebrochen. Zwar waren die Athosmönche noch zur Hergabe ihres Landes bereit (war es ein Verkauf oder eine Vermietung?), doch wollten sie keine Zusagen geben, die zu gründende Schule mit ihren Mönche zu beschicken. Damit war das Unternehmens geplatzt, und d’Aultry verließ bald darauf den Heiligen Berg. Es blieb sein letzter Versuch, denn am 16. Januar 1659 starb er im Alter von 63 Jahren in der Jesuitenresidenz auf Naxos. 3.2 Zweiter Versuch 1669: P. François Richard SJ, der Vampir- und Orthodoxie-Experte Ein weiterer Versuch der römischen Athos-Missionierung war im Grund von Beginn an zum Scheitern verurteilt, da die Jesuitenoberen mit François Richard (1612-1673) einen Pater auswählten, der auf der Insel Santorin wirkte. Der Name Santorin ist eine Mischung aus Sant’Irene , wie die Venezianer die Insel nannten, und der griechischen Heiligen Irini (Ἄγια Εἰρήνη). Auf Türkisch heißt sie „Degelmenik“ („wir kommen nicht zurück“) – ein Name wie ein Programm nach der Erfahrung mit einem Vulkanausbruch. Dort auf Santorin machte sich P. Richard bald nach seinem Eintreffen bei den Einheimischen durch seine Polemiken und in der gesamten Orthodoxie durch sein Buch Targa tes Pisteos (Der Schild des Glaubens) verhasst. Mit dem griechischen Klerus von Santorin stritt Richard heftig über die bedeutsamen orthodoxen Heiligen und Leitfiguren Markos Evgenikos (Markus von Ephesus) und vor allem über Gregor Palamas, den er unverhohlen als Ketzer und Schismatiker verurteilte. Im Jahr 1650 veröffentlichen die Jesuiten von Santorin ein Büchlein, in dem sie nicht nur die Verurteilung Palamas‘ wiederholten, sondern auch argumentierten, dass der Vulkanausbruch, der die Insel im selben Jahr heimgesucht hatte, eine göttliche Strafe für die Verehrung dieses Ketzers durch die Griechen sei 1 . Wird heiß wie ein Vulkan auch das Fegefeuer sein, in dem die Seelen gereinigt werden müssen? Das von Père Richard 1657 herausgegebenen Buch À propos des âmes du purgatoire über die Seelen im Fegefeuer konnte leider nicht eingesehen werde, doch hat sein Denken bestimmte Muster, die sich wiederholen. Dementsprechend interessierten den Jesuiten die Wrykólakas , Wiedergänger oder Vampire, die im Aberglaubens des Balkans und Mittelmeerraums existierten 2 . Denn ihr Auftreten auf Santorin war für ihn ein Beweis dafür, dass die im „Irrglauben der Häresie“ – so sah er den orthodoxen Glauben – verstorbenen Orthodoxen nach dem Tod nicht zur Ruhe kämen. Dies thematisierte er im 15. Kap. unter Des faux resuscitez, que les Grecs appellent βρουκολάκους des Buchs Relation de ce qui s’est passé de plus remarquable a Saint-Erini (pp. 208-226), einer Beschreibung der Geographie, Geschichte sowie Sitten und Bräuche Santorins aus dem Jahr 1657 3 . Er griff das Thema „orthodoxe Vampire“ ein Jahr später wieder auf in seinem Buch Targa tes Pisteos tes Romaikes ekklesias (Τάργα τῆς Πίστεως…, Paris 1658) unter Überschrift Διὰ τοὺς βουρκολάκκους [sic! Hier zu den unterschiedlichen Schreibweisen] (Bd. 2, Kap., Absch. 3 , pp. 249-254). Auf Deutsch übersetzt bedeutet der vollständige Titel Der Schild des Glaubens des römischen Kirche zur Verteidigung der Orthodoxie . Das Wort targa (τάργα) ist ein Lehnwort aus dem Italienischen; der klassische griechische terminus technius für der Schild ist ἀσπίς. Bereits den Buchtitel des in zeitgenössischem Griechisch verfassten Buches müssen die Griechen als polemisch-provokativ aufgefasst haben, als ob ausgerechnet der Katholizismus die wahre Orthodoxie darstelle und vor Konstantinopel verteidigen müsse. Allerdings war das Buch eine Antwort auf ein „sakrilegische Buch“, das in Moskau gedruckt worden war und die Katholiken attackierte 4 . Der Targa war schnell ausverkauft, denn ein Erlass des Ökumenischen Patriarchen Parthenios IV. für den gesamten griechischsprachigen Orient sorgte dafür, dass die meisten Exemplare des Buch aufgekauft und vernichtet wurden. Noch vierzig Jahre danach glaubte Patriarch Dositehos II. von Jerusalem mit seinem dickleibigen Τόμος ἀγάπης den Palamismus gegen Richards Schmähungen verteidigen zu müssen (vgl. Hoffmann, 14 Anm. 22; Podskalsky, 251) Seine Athos-Reise kann hingegen im Ergebnis knapp zusammengefasst werden, obwohl sie wahrscheinlich mehrere Wochen gedauert haben wird, da in seinen Bericht Eindrücke aus allen 22 Athosklöster einfließen. Diesen gliedert Hofamann in drei thematische Einheiten (vgl. aaO, 15-17): 1) Beschreibungen der Klöster und Lebensweisen der Mönche auf dem Athos. 2) Theologische Gespräche mit Bischof Seraphim und den Mönchen der Lavra, die ihn übrigens trotz allem freundlich aufnahmen. Es ging dabei um den Ausgang des Heiligen Geistes (also das von Karl dem Großen ins lateinische Credo eingefügte Filioque ), den Primatsanspruch des Papstes, das ungesäuerte Brot der Eucharistie, auch um Gregorios Palamas und natürlich um Richards favorisiertes Thema, das Fegefeuer (aaO, 19). 3) Eine Beantwortung der Frage, welche Chancen die Gründung eines Kollegs auf dem Athos hat. Er beantwortet sie negativ. Eine Möglichkeit „des Apostolats“ sieht er einzig darin, zwei junge Priester aus dem Collegium Graecum nach Karyes zu schicken, die zusätzlich in Heilkunde ausgebildet wären und sich auf diese Weise in doppeltem Sinn nützlich machen könnten: als Pfleger und als trojanische Pferde des Katholizismus. Freilich wählt er andere Metaphern, wenn er die bitteren Pillen seiner Sicht verabreicht: „[…] et soub pretexte de médiciner les corps, ils pourroient travailler au salut des ames, et a l’extirpation des heresies, sans estre suspects, veu qu’ils seroint grecs“. „[…] und unter dem Vorwand, den Körper mit Medikamenten zu behandeln, könnten sie an der Erlösung der Seelen und der Ausrottung der Häresien arbeiten, ohne dass sie verdächtigt würden, da sie Griechen wären“. Als Richards erfuhr, dass die Kongregation als Reaktion auf seinen Bericht vorhabe, Mindestbrüder auf den Athos zu schicken – wie 22 Jahre zuvor –, um ihren Plan zu realisieren, sah er plötzlich zwei Hindernisse: zum einen die Abneigung der Athosmönche gegen eine Niederlassung lateinischer Mönche (die Jesuiten sind dagegen keine Mönche); zum anderen zweifelte er, ob die Mindestbrüder das entbehrungsreiche Leben der Eremiten aushalten könnten (sicher hätten sie sich gelegentlich auch um die Eremiten an der Südspitze kümmern müssen; aber laut Plan sollte ihre Niederlassung doch in Karyes sein). Sei es dank seiner „Hinweise“ oder nicht, die Reise der Mindestbrüder wurde ad calendas graecas verschoben und fand dementsprechend nie statt. 3.3 Dritter Versuch 1706: P. François Braconnier SJ, Mitentführer von Patriarch Avetik P. François Braconnier SJ (1656-1716) trat 1674 in das Noviziat der Jesuitenprovinz Champagne ein und wirkte ab 1698 bis zu seinem Tod im griechischsprachigen Osten. Von 1698 bis 1703 war er Generalsuperior der griechischen Jesuitenmission und gründete die Jesuitenresidenz in Salonki (vgl. Les Jésuites à Salonique ). Seine scharfe Beobachtungsgabe, die ihm bei seinen Beschreibungen der Reisen in Mazedonien und auf den Athos nützte, wurde gerühmt. Um ihn weiter vorzustellen, wird im Folgenden die Schilderung seiner Beteiligung an der Entführung des armenischen Patriarchen Avetik von Tokat ( Avedik Evdokiatsi ) am 6. Mai 1706 und dessen Verschleppung nach Frankreich in die Pariser Bastille wiedergegeben, an der Braconnier 5 vor seiner Athosreise im Jahr 1706 beteiligt gewesen sein dürfte. Hofmann (1939) schweigt dazu, doch sprechen andere Quellen. Natürlich hat er hier „als Kind seiner Zeit“ und „aus Staatsräson“ für Frankreich gehandelt, was nicht losgelöst von den damaligen Zeitumständen zu sehen ist. Aber immerhin belegt es lebhaft die Diskussion über die Beteiligung von Jesuiten an kirchenpolitischen Intrigen, die im Absolutismus Frankreichs zugleich immer auch Staatsffären des Allerchristlichsten Königs waren. Simon Nicolas Henri Linguet (1736-1794), scharfzüngiger Freund Voltaires, begabter Jurist und Opfer der Französischen Revolution, der die Bastille von innen kannte, kam in seinen Mémoires sur la bastille (London 1783) auf Braconnier und die Entführung Avediks zu sprechen. Er taugt allerdings nicht als Augenzeuge, da zwischen dem Ereignis und seiner Erwähnung durch Linguet rund 80 Jahre liegen, was jedoch bedeutet, dass es noch nicht vergessen war. Zudem kann er aufgrund seiner Schmähschrift über die Jesuiten Histoire impartiale des Jésuites (Paris 1768) nicht gerade als ihr Freund gelten. Hier folgen wir dem Kommentar, mit dem die deutsche Übersetzung seiner Denkwürdigkeiten über die Bastille (1885, 517f. ) ergänzt wurde: „»Eine der außerordentlichsten Begebenheiten,« erzählt Bonnac, »die sich während der Gesandtschaft des Herrn von Ferriol zutrugen, und die hier nicht übergangen werden darf, ist die Entführung Avediks, des Patriachen der schismatischen Armenier. Dieser Patriarch war ein Todfeind unseres Glaubens und der Anstifter der grausamen Verfolgung, welche die katholischen Armenier erduldet hatten. Mit Hilfe des Geldes fanden diese jedoch Mittel und Wege, ihn ins Exil zu bringen. Als dies auf den Rat des Jesuitenpaters Braconnier in Konstantinopel und durch Vermittlung des Paters Tarrillon , gleichfalls eines Jesuiten, der sich in Chios befand, geschehen war, kamen sie auf den Gedanken, um sich jenes Mannes für immer zu entledigen, müsse der Beamte, der beauftragt war, ihn ins Exil zu führen, bewogen werden, auf der Höhe von Chios eine französische Barke aufzusuchen, die den Patriarchen nach Frankreich bringen sollte, wo man ihn in ein Gefängnis stecken würde, aus dem es kein Entrinnen für ihn gäbe. So sonderbar dies Unternehmen erscheint, wurde es doch durch den Vicekonsul in Chios, den Sieur Bonnal , sehr gut durchgeführt. Avedik traf in Frankreich ein und wurde zuerst nach der Insel Sainte-Marguerite und von dort nach der Bastille geführt, wo er gestorben ist […]«“. Während die Entführung von Patriarch Avedik historisch gesichert ist, machten den »Mann mit der eisernen Maske« erst die gleichnamigen Romane von Alexandre Dumas‘ d. Ä. (passenderweise heißt einer seiner drei Musketiere Athos , während ein anderer, nämlich Aramis , am Ende Generaloberer der Jesuiten wird), Victor Hugo, Marcel Pagnol u.a. berühmt. Inwieweit die Jesuitenpatres Braconnier und Tarrillon tatsächlich daran beteiligt waren, müsste weiter historisch geprüft werden. Die hier genannten Behauptungen stützen sich auf die Mémoire historique sur l’Ambassade de France à Constantinople (ed. Charles Schefer, Paris 1894) des Jean-Louis d’Usson, Marquis de Bonnac , der von 1716 bis 1724 Jahre französischer Gesandter an der Hohen Pforte in Konstantinopel gewesen war und damit ebenfalls als Augenzeuge ausscheidet. Aber auf S. 56 zitiert Bonnac seinen Vorgänger de Ferriol an der Hohen Pforte, von dem er wohl einen schriftlichen Bericht vorliegen hatte (vgl. 48-60):