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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Gastfreundschaft

Pfarrin i. R. Dorothea Zager · Predigtforum · 2026-07-19 · Worms · Quelle

Gemeinschaft · Hauptbotschaft Fürsorge · tragend Barmherzigkeit

Gastfreundschaft ist keine zusätzliche Last, sondern ein Ort, an dem menschliche Verletzlichkeit und göttliche Nähe sich berühren und aus dem geistliche Kraft für die Gemeinschaft fließt.

Gastfreundschaft wächst also nicht aus Selbstsicherheit, sondern aus der Einsicht, dass wir einander dringend brauchen. Und da spannt der Prediger einen Bogen zwischen Irdischem und Himmlischem: In der Begegnung mit dem Fremden kann Gott selbst spürbar werden.

Die Predigt entfaltet Hebräer 13,1-3 und stellt die Gastfreundschaft als Ausdruck geschwisterlicher Liebe in den Mittelpunkt. Der Predigttext wird exegetisch eingeordnet: Der Hebräerbrief wird als Predigt verstanden, die am Ende ihre Theologie in konkrete Gemeindepraxis übersetzt. Die Predigerin beschreibt den historischen Kontext einer bedrängten Gemeinde unter römischer Verfolgung und überträgt die Situation auf die heutige 'erschöpfte Kirche' in Transformationsprozessen. Sie kontrastiert die heutige Einzelhaushaltskultur und das Misstrauen gegenüber unangekündigtem Besuch mit der biblischen Aufforderung zur offenen Gastfreundschaft. Die zentrale These lautet, dass Gastfreundschaft keine zusätzliche Belastung ist, sondern Begegnungen schenkt, aus denen geistliche Kraft fließt. Die Predigt spannt einen Bogen zur Abraham-Erzählung (Gen 18), in der die drei Fremden als Engel Gottes gedeutet werden. Damit wird die menschliche Öffnung zum Ort möglicher Gottesbegegnung. Der Text schließt mit dem Bild des zusätzlichen Tellers am Tisch als Zeichen offener Erwartung.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft; Bedrängnis der eigenen Gemeinschaft von außen
Wo sitzt das Übel?
in der eigenen Gemeinde, Familie, Religion
Was hilft dagegen?
persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen; Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit
Was ist der Mensch nach diesem Text?
vor allem Teil einer Gemeinschaft oder Schöpfung
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Hebr 13,1-3 · Gen 18,1-16 · Röm 12,10 · 1Thess 4,9 · 1Petr 1,22 · 4Makk 13,23.26 · Kol 3,14 · Mt 25,35

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
3 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Predigttext & EinführungPredigtPredigttext: Hebräer 13,1-3 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) 1 Die geschwisterliche Liebe bleibe unter euch erhalten. 2 Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. 3 Gedenkt der Gefangenen, als ob ihr selbst mitgefangen wäret, der Misshandelten als solche, die ebenfalls noch im Leibe sind. Einführung Als Schriftlesung bietet sich Gen 18,1-16 an, auch wenn dieser Text nicht zum Proprium dieses Sonntags gehört. Die Geschichte vom Besuch der drei Männer im Hain Mamre drängt sich aber inhaltlich auf, denn es geht auch hier wie im Predigttext um Gastfreundschaft. Es gäbe dem Gottesdienst eine besondere inhaltliche Stringens, wenn in diesem Gottesdienst auch das Abendmahl gefeiert werden könnte. Ich empfehle zur Vorbereitung der Predigt die exzellente Exegese von Prof. em. Dr. Christian Rose und die konkreten Predigtideen von Melina Racherbäumer unter https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500203, die hier gekürzt wieder gegeben werden: Gastfreundschaft lässt Gott herein 1Ἡ φιλαδελφία μενέτω. 2τῆς φιλοξενίας μὴ ἐπιλανθάνεσθε, διὰ ταύτης γὰρ ἔλαθόν τινες ξενίσαντες ἀγγέλους. 3μιμνῄσκεσθε τῶν δεσμίων ὡς συνδεδεμένοι, τῶν κακουχουμένων ὡς καὶ αὐτοὶ ὄντες ἐν σώματι. Hebräer 13,1-3, Übersetzung 1 Die geschwisterliche Liebe bleibe unter euch erhalten. 2 Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. 3 Gedenkt der Gefangenen, als ob ihr selbst mitgefangen wäret, der Misshandelten als solche, die ebenfalls noch im Leibe sind. 1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung Der Hebr umschreibt mit dem Wort φιλαδελφία die „Bruder- bzw. Geschwisterliebe“ (Röm 12,10; 1Thess 4,9; 1Petr 1,22). Der Begriff φιλοξενία drückt in der Antike und in der biblischen Tradition die Hochschätzung der „Gastfreundschaft“ aus. 2. Literarische Gestaltung Im Schlusskapitel 13 nimmt der Prediger vielfach Bezug auf seine gesamte Hebräerpredigt und übersetzt deren „hohe Theologie“ in das konkrete Leben der Gemeinde. Dabei verbindet er in zwei Abschnitten (13,1–19; 13,20–25) urchristliche ethische Unterweisungen (Geschwisterliebe, gemeindliche Solidarität, Eheethos, genügsame Lebensweise) mit Ermahnungen für den Gemeindealltag (Respekt gegenüber Gemeindeleitungen, Achthaben auf Irrlehre, Gegenseitige Wohltätigkeit). 3. Kontext und historische Einordnung Die Aufforderung zur geschwisterlichen Liebe (V. 1) bildet gleichsam die Überschrift zu den anschließenden Ermahnungen, die den Alltag der Gemeinde betreffen. Die Bruder- und Geschwisterliebe bezieht sich ursprünglich auf die Zuwendung zu den Bluts- und Stammesverwandten (4Makk 13,23.26; 14,1 u.ö.). Das Urchristentum weitet die familiäre Verbindung aus auf die christliche Gemeinde (z.B. Röm 12,10; 1Thess 4,9f.; 1Petr 1,22). Im Hebr hat dieser familiäre Zusammenhalt seinen christologischen Grund in der „leiblichen Verwandtschaft“ der Gemeinde mit Jesus, der als treuer und barmherziger Hoherpriester den Menschen zum Bruder wurde (2,17). Es geht um den stärkenden Zusammenhalt innerhalb der bedrängten Adressatengemeinde. Die geschwisterliche Liebe ist das Band, das die Gemeinde zusammenhält (vgl. Kol 3,14). Es droht zu reißen und zu zerbrechen, wenn Gemeindeglieder die Gemeindeversammlungen verlassen. Deshalb sollen die Geschwister aufeinander achthaben und sich gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen (10,24f.). Die folgenden Ermahnungen (V. 2–6) zeigen exemplarisch auf, worin sich diese geschwisterliche Liebe zeigt. Allen voran stellt der Hebr die Gastfreundschaft (V. 2). Ihr kommt in der klassischen Antike, in der biblischen Überlieferung sowie in der außerbiblischen jüdisch-christlichen Literatur eine besondere Hochschätzung zu. Der griechische Begriff φιλοξενία weist in seiner Wurzel über das eigene soziale Umfeld hinaus. Die Verpflichtung zur gastfreien Aufnahme zielt grundsätzlich auf den Fremden (ξένος) und zählt zu den Werken der Barmherzigkeit (Mt 25,35). Der Hebr denkt wohl vor allem an die reisenden Glaubensgeschwister, die auf gefährlichen und abenteuerlichen (Missions-)Reisen im Netzwerk gastfreier Gemeinden sicher unterkommen sollen. Offensichtlich war dies aber nicht selbstverständlich, sonst hätte es keiner Ermahnung bedurft (Röm 12,13; 16, 1f.; 3Joh 5–8). „Fünf sind geladen, zehn sind gekommen ... Gieß‘ Wasser zur Suppe, heiß‘ alle willkommen!“ Kennen Sie ihn noch, diesen Sinnspruch aus dem Burgenland!? Ob in Holz geschnitzt oder auf ein Überhandtuch gestickt: Noch zur Zeit unserer Eltern gehörte dieser Spruch in jede nostalgische Küche. Und Gastfreundschaft war – zumindest zu meiner Kindheit – noch gang und gäbe. Wer vorbei kam, für den war immer ein Stuhl frei. Wer vorbei kam, fand immer jemanden, der gerade Zeit hatte für eine Tasse Kaffee oder ein Schwätzchen. Wer vorbei kam – ob mit vollen oder leeren Händen – war willkommen. Sicher, meine Mutter hat schon hin und wieder geseufzt, wenn sie sah, dass eine redselige Nachbarin im Anmarsch war, sie selbst aber gerade viel zu tun hatte. Jedoch für ein paar liebe Sätze an der Haustür oder am Gartenzaun fand sie allemal Zeit. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. In Deutschland leben 17,3 Millionen Menschen als Singles. Das entspricht etwa 42 Prozent aller Privathaushalte. Und die Singles fühlen sich dabei meistens sehr wohl. Wer hier klingelt, hat oft Pech: Entweder sind die Menschen auf der Arbeit, im Sport, oder sie sind zuhause und wollen ihre Ruhe haben. Dass viele Menschen auf das Klingeln an der Haustür nicht mehr reagieren, liegt auch an einem veränderten Sicherheitsgefühl oder dem Wunsch nach bewusster Ruhe. Unerwarteter Besuch wird von vielen als Stress empfunden. Macht man die Tür erst gar nicht auf, vermeidet man das Gespräch mit dem lästigen Nachbarn oder dem nervigen Vertreter. Und man schützt sich: Das vermehrte Aufkommen von Trickbetrügern oder unseriösen Haustürgeschäften macht viele Menschen extrem misstrauisch. Kaum zu glauben, dass wir heute im Hebräerbrief etwas ganz und gar anderes hören. Der Prediger des Hebräerbriefes spricht vom krassen Gegenteil: Wenn Du Deine Tür öffnest, wenn Du Dein Herz öffnest für einen anderen, liegt darin eine Chance, Gott selbst zu begegnen. Was für eine unglaubliche Deutung der Gastfreundschaft! Wie kommt der Prediger des Hebräerbriefes darauf? Zunächst einmal erlauben Sie mir zu erklären, warum ich Prediger und nicht Schreiber des Hebräerbriefes sage. Der Hebräerbrief müsste eigentlich Hebräerpredigt heißen. Denn er ist gemessen an den Evangelien oder den anderen Briefen im Neuen Testament tatsächlich fast eine inhaltlich in sich geschlossene Predigt. Ein Großteil des Hebräerbriefes widmet sich der Theologie. In großangelegten Kapiteln verkündigt der Hebräerbrief Christus als den Sohn Gottes, der wichtiger und höher einzuschätzen ist als alle Propheten und Priester vor ihm. Christus steht über Mose, über Josua, über alle Hohenpriester, ja sogar über den Engeln. Eine tiefsinnige und wundervoll ausformulierte Predigt. Aber um diese „hohe Theologie“ der ersten 10 Kapitel des Hebräerbriefes geht es uns heute nicht. Unser kleiner Teil, der uns als Predigttext vorgeschlagen ist, steht ganz am Schluss. Im Kapitel 13 überträgt der Prediger seine Theologie in das konkrete Leben der Gemeinde. Und hier wird es auch für uns interessant! Die Hebräerpredigt trifft eine Gemeinde, die müde geworden ist. Unter dem Druck der Verfolgungen (zur Zeit des römischen Kaisers Domitian, 81–96 n. Chr.) droht die Gemeinde auseinander zu fallen. Menschen ziehen sich zurück, Vertrauen bricht weg. Das muss man nicht eins zu eins mit der heutigen Kirche gleichsetzen. Aber die Stimmung ist uns vertraut: Unsere „erschöpfte Kirche“ befindet sich in strukturellen Transformationsprozessen, deren Dauer und Intensität sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche ermüden und überlasten. Gleichzeitig kämpfen wir mit dem Nachlassen der Anerkennung unseres kirchlichen Wirkens und dem Desinteresse an der christlichen Botschaft. Genau in diese Situation hinein – ob nun bei den damaligen Adressaten oder bei uns heute – entfaltet der Prediger zwei überraschende Gedanken: Er lobt die Gemeinde für ihre bisherige Durchhaltekraft. Die Hebräerbriefgemeinde hat Liebe geübt und den Menschen gedient. Jetzt ist sie in einer Situation, in der sie dazu vielleicht nicht mehr die Kraft hat. Deshalb erinnert sie der Prediger daran: Ihr wart vorbildlich in dem, was ihr getan habt. Vergesst das nicht. Ihr wart treu im Dienst der Liebe. Erinnert euch daran. Macht so weiter! Lasst nicht nach! Und: Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Und da kommt der zweite überraschende Gedanke: Gastfreundschaft ist keine zusätzliche Aufgabe, die uns noch mehr Kraft raubt, sondern schenkt uns Begegnungen, aus denen wir selbst neue geistliche Kraft schöpfen können. Das ist neu. Wir als Gastgeber oder Gastgeberinnen empfinden das Empfangen von Gästen eher als anstrengend. Wissen wir es vorher, dass sie kommen, wird alles perfekt vorbereitet, gekocht, Wein gekühlt, ausgeräumt, Kerzen und Blumenschmuck arrangiert. Kommen die Gäste unangekündigt, ist es nicht weniger anstrengend. Ein Plätzchen suchen, wo es aufgeräumt ist, etwas zu trinken anbieten und dann alles beiseite schieben, was wir uns eigentlich für diesen Zeitraum vorgenommen haben. Also, wie man es dreht und wendet: Besuch ist einfach anstrengend. Und hier hören wir Unerhörtes: Gemeinschaft entlastet; sie fordert nicht. Ist es Ihnen nicht auch schon einmal so gegangen, dass sie durch den Besuch eines Menschen reicher, fröhlicher und hoffnungsfroher geworden sind? Gerade in der Einsicht, dass ein Besuchender ja nicht nur kommt, um zu nehmen, um zu essen, um sein Herz auszuschütten oder Trost zu empfangen – sondern durchaus auch, um etwas zu bringen: ein offenes Ohr für meinen Kummer, ein Trostwort für meine Trauer, ein Pflaster auf meine Wunden, ein Grund mit mir zu lachen, eine Aussicht, um mich das Hoffen wieder zu lehren. Gerade darin besteht ja das Geheimnis eines Besuches: wir beide sind verletzlich, wir beide brauchen Gemeinschaft, wir beide benötigen Solidarität. Genau aus diesem Grund schreibt der Prediger: Denkt doch mal an die Gefangenen und an die Misshandelten. Sie sind Menschen, die genauso verletzlich sind wie ihr selbst. Gastfreundschaft wächst also nicht aus Selbstsicherheit, sondern aus der Einsicht, dass wir einander dringend brauchen. Und da spannt der Prediger einen Bogen zwischen Irdischem und Himmlischem: In der Begegnung mit dem Fremden kann Gott selbst spürbar werden. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ So wie Abraham und Sara Gottes Engel beherbergt haben, ohne dass sie es wussten. Die drei Fremden sind Gottes Boten gewesen. Und diese Gäste haben Gott hereingebracht in das Zelt des alten und hoffnungslosen Ehepaares. Wer weiß, vielleicht haben sie sich daran erinnert, als sie ein Jahr später ihren kleinen Sohn in ihren Armen hielten. Dieses Bild sagt: In der Öffnung füreinander liegt die Möglichkeit einer Gottesbegegnung. Menschliche Verletzlichkeit und göttliche Nähe berühren sich in dem Moment, wenn wir unsere Türen und unsere Herzen öffnen. Ich habe mit dem Sinnspruch vom Wasser in der Suppe begonnen – und möchte auch mit einem solchen Sinnspruch enden. In vielen Familien, besonders in ländlichen Gegenden, war es selbstverständlich, „ein bisschen mehr“ einzukaufen. „Es könnte ja jemand vorbeikommen.“ Der zusätzliche Teller am Tisch war keine Verschwendung, sondern ein Zeichen der offenen Erwartung. Man rechnete damit, dass jemand kam – und wusste: „Einer mehr macht den Topf nicht leer.“ Dorothea Zager, Pfarrerin i.R., Friedrichsgemeinde Worms