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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Predigt über Lukas 19, 1-10

ohne Namen · Thomaskirche Leipzig – Predigten, Ansprachen & Vortraege · 2026-09-06 · Leipzig · Quelle

Gemeinschaft · Hauptbotschaft Barmherzigkeit · tragend Umkehr · tragend

Der Mensch wird dort befreit und verwandelt, wo er sich aus seiner selbsterrichteten Isolation öffnet und in echte Resonanz mit Gott und den Mitmenschen tritt.

Dort also, wo der Mensch sich öffnen lässt, für Gott, für den anderen Mensch, für das, was um ihn herum ist, dort wird er verwandelt.

Die Predigt über Lukas 19,1-10 liest die Geschichte des Zachäus als Beispiel für eine Begegnung, die den Menschen aus seiner selbsterrichteten Isolation befreit. Zachäus wird als jemand beschrieben, der durch Reichtum und Anpassung an die römische Ordnung zwar Macht, aber keine echte Verbundenheit erlangt hat. Der Prediger greift auf das Konzept der Resonanz des Soziologen Hartmut Rosa zurück, um zu erklären, dass Zachäus eine Sehnsucht nach echter Begegnung spürt. Die Ansprache Jesu bricht die Distanz auf und ermöglicht Zachäus, sich zu öffnen und sein Verhalten zu ändern. Der Text verbindet diese biblische Erzählung mit der aktuellen politischen Situation in Sachsen-Anhalt und dem Aufruf, über politische Gegner Gutes zu sagen. Die zentrale Botschaft ist, dass der Mensch dort verwandelt wird, wo er sich für Gott und den anderen öffnet. Die Predigt ruft dazu auf, in Resonanz mit Gott zu sein und Frieden sowie Freiheit zu fördern.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Festhalten, Begehren, Nicht-loslassen-Können; Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen; innere Wandlung, Reue, Sinnesänderung
Was ist der Mensch nach diesem Text?
in Täuschung oder Begehren verfangen, aber befreibar
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf Argument, Logik, Wissenschaft
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Lk 19,1-10 · Röm 8,9

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
4 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
PDF zur Predigt HIER Predigttext Lukas 19, 1-10 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Nach der Predigt erklang die Fuge aus der Motette „Jesu meine Freude“, Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, da ja Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Römer 8, Nur Gutes über die Gegner! Liebe Gemeinde, das Bundesland Sachsen-Anhalt ist gespalten, schimpfen wäre einfach. Darum haben Redakteure der Wochenzeitung die ZEIT in den vergangenen Tagen Wahlkämpfer aller Parteien gefragt, was ihnen Gutes über ihre politischen Gegner einfällt. Was zunächst oberflächlich daherkommt, erwies sich in Teilen als ehrliches Ringen um Verstehen und um Prüfen der Standpunkte und der eigenen Worte. Keine schlechte Idee, wenn Menschen nicht mehr miteinander reden, wenn man nicht mehr zuhört und Verstehen als Schwäche gedeutet wird. Gut, dieses kleine und begrenzte Format kann nicht verhindern, dass manche den Vertreter der anderen Partei weiterhin als Feind ansehen. Aber wenn einer versucht zu formulieren, was gut ist an den Argumenten des anderen, kommt etwas in Bewegung. Das fertige Bild wird angefragt. Die Bereitschaft zu Hören und zu Verstehen aktiviert. Es entstehen Resonanzräume, Situationen echter Begegnung. Diesen Resonanz-Raum betreten heißt hier: Hin-Hören, und zwar nicht als Hören des Gewohnten und Bestätigung dessen, was ich kenne und erwarte. Sondern im besten Falle lässt mich hin-hören, was ich höre. Das ist das andere, Neue solcher Resonanz-Beziehungen, wie sie auch der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt. Er gehört zu den Stimmen der Gegenwart, die der christlichen Religion hier eine bleibende Rolle zuschreiben, trotz sinkender Mitgliederzahlen in den Kirchgemeinden. Gemeint ist auch das Christentum mit seinen Erzählungen: Von den Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen und der Erfahrung der Nähe Gottes. Gegenwart des Geistes, Augenblick und Ort des erfahrenen Heils. Wir hörten vom Evangelisten Lukas eine solche Begegnung geschildert. Jesus, der unterwegs ist: wie immer kommen Menschen zusammen, wie fast immer sucht er die Nähe und das Gespräch. Und Zachäus: Er begibt sich aktiv in diesen Resonanzraum, sucht die Nähe, allerdings so wie es für ihn passt. Wir erfahren nicht viel über ihn, aber was hier überliefert ist, genügt, ihn einzusortieren: Er ist klein von Gestalt und er ist reich. Möglicherweise hängt das eine mit dem anderen zusammen, beides macht ihn zum Außenseiter. Klein von Wuchs war er schon immer, vermutlich jedenfalls. Und damit unterlegen, nicht in der Lage, sich mit anderen messen zu können – jedenfalls dort nicht, wo lichte Höhe zählt. Er wählt den anderen Weg: Anerkennung durch Macht. Diese lag bei den Römern, den verhassten Besatzern. Den Preis zahlte Zachäus gern, denn was winkte, war der Lohn, endlich gesehen zu werden. Zachäus gleicht einen Menschen unserer Zeit, gefangen im Geflecht von Verbindlichkeiten und Erwartungen, häufig unfreiwillig erkauft. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, wie wir versuchen, uns die Welt verfügbar zu machen. Wir wollen alles kontrollieren, berechnen, absichern, um ja nicht unterzugehen. Genau das tut Zachäus. Offenbar war es ihm gelungen, geschickt auszutarieren, wie viel mehr er nehmen durfte, um nicht selbst entrechtet und bestraft zu werden. Viel Energie hat er auf diese Methode verwendet und das Ergebnis als seine persönlich erarbeitete Freiheit angesehen: Nicht mehr abhängig zu sein vom Urteil anderer, selbst das Spiel zu bestimmen, und zwar so, dass der Gewinn bei ihm bleibt. Und da scheint er eine gewisse unternehmerische Begabung gehabt zu haben. Die hat er ausgelebt, reich wurde er damit. Aber das Paradoxe ist: Je mehr wir versuchen, die Welt zu beherrschen und verfügbar zu machen, desto fremder wird sie uns. Zachäus hat alles im Griff, aber er hat niemanden mehr. Alle wissen, woher der Reichtum kommt, und drum nennen sie ihn Sünder. Damit ist er raus. Reich, aber einsam. Die Tür zu den anderen, zur Gemeinschaft, hat er sich selbst verbaut. Undurchschaubar ist, was ihn umtreibt. Was bleibt, ist das Bild, dass die anderen von ihm haben sollten, von ihm selbst entworfen. Doch mit genau dem System, das er sich geschaffen hatte, isoliert er sich am Ende selbst. Seine scheinbar heile Welt findet keinen Anklang. - Er begehrt Jesus zu sehen. Also er will es unbedingt. Warum? Etwas in ihm sagt: So, wie es jetzt ist, ist es nicht gut. Er ist den andern fremd, kennt sich selbst nicht mehr. So will nicht weiter machen. Das treibt ihn. Er spürt eine Sehnsucht nach echter Verbundenheit, nach Resonanz. Diese Sehnsucht war wohl nie ganz verstummt. Jetzt macht sie ihm Beine. So läuft er der Menge voraus. Wieder mal ist er vorne an, aber dieses Mal nicht, um das Spiel zu dominieren, sondern um einfach nur gesehen zu werden. Von dem, über den sie sagen, er heilt Blinde, und zwar auch dann, wenn die anderen das gerade nicht passend finden. Wie wird dieser ihn ansehen? Wird er seine Lage erkennen – lächerlich, wie er da klemmt, ein Erwachsener im Baum versteckt! Wird er ihm ansehen, was ihn da hinauftreibt? Und dann geschieht, was als das Wesen der Resonanz beschrieben wird: Ein Moment, der unser Leben berührt, ein Geschenk. Und doch bedarf dieser Moment der Bereitschaft, zu hören. Also innezuhalten, auf mich zu hören, auf die Welt um mich her, und dabei offen zu sein für das Unverfügbare, also Auf- zu- Hören im Wortsinn und sich öffnen für das ganz andere. In unserer Geschichte kommen darum der Zöllner Zachäus und Jesus zusammen. Für Zachäus beginnt hier der Weg seiner Heilung. Jesus sieht ihn an, genauso, wie er ist. Mit einem Satz befreit er ihn: „Steig herab vom Baum!“ Zeig dich, wie du bist. Du musst nicht länger mühsam daran festhalten, über den anderen zu stehen. Du musst dich nicht länger überheben, um nicht unterzugehen. Du musst die Welt und die Menschen nicht mehr beherrschen, um sicher zu sein. Die persönliche Ansprache Jesu bricht die Distanz auf. - Zachäus verliert die Kontrolle, aber er lässt sich darauf ein und gibt das Absichern auf. Denn er bekommt geschenkt, wonach er sich zutiefst gesehnt hat: Die Freiheit zu sein. Angesprochen zu werden, zu antworten, sich berühren zu lassen. Die mühsam und auch sorgsam errichtete Mauer der Sicherheit: Er braucht sie nicht mehr. Das Gestrüpp aus Abgrenzungen und Absicherungen: Alles fällt ab. „Denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Dieser Moment wird zu einem bleibenden Versprechen, wird Zukunft. Der Mensch Zachäus wird zum großartigen Gastgeber: Diese Rolle macht ihn glücklich. Denn er hält eine bemerkenswerte Rede, ist nun offensichtlich wahrhaft bei sich und seinen Gaben: Unrecht Erworbenes gibt er vierfach zurück und die Hälfte des Besitzes geht an die Armen. In all dem Durcheinander rechnet er dennoch so, dass ihm genug zum Leben bleibt. Denn: Er muss gegenüber seiner Welt nichts mehr anhäufen, weil er jetzt mit ihr verbunden ist. Dazu entscheidet er sich, befreit durch die Begegnung mit Jesus, findet zu sich, kann sein eigenes Maß wiederentdecken und damit den Maßstab für sein zukünftiges, selbstbestimmtes Leben. Dort also, wo der Mensch sich öffnen lässt, für Gott, für den anderen Mensch, für das, was um ihn herum ist, dort wird er verwandelt. Er wird „geistlich“. So bezeichnet es Paulus, - ihr, liebe Thomaner, singt uns die Fuge über den Vers aus dem Römerbrief: „Geistlich gesinnt sein“ heißt, in Resonanz mit Gott sein. Wir werden uns ansprechen und verändern lassen von seinem Geist. Wir werden anderen in diesem Geist begegnen. Das aber bedeutet Leben zu bewahren und allem Lebensfeindlichen entgegenzustehen. Diese Haltung zeigt sich darin, dass wir den Frieden für alle Menschen als das höchste Gut ansehen und immer zuerst für eine friedliche Lösung von Konflikten eintreten. Und Freiheit ist damit gemeint, wenn wir den Geist Gottes unter uns ernst nehmen und Manipulation und Ausgrenzung nicht zulassen. So kann es sein, wenn unsere Begegnungen echte Resonanzräume werden: Offen füreinander, offen für das Wirken Gottes mitten unter uns. Amen.