Paul Gerhardts Lieder bieten eine sprachmächtige Form des Gottvertrauens, die es ermöglicht, auch in tiefem Leid und unter Anfechtung standhaft zu bleiben, da sie aus eigener Erfahrung des Leidens geboren sind.
Die Predigt würdigt Paul Gerhardt als den einflussreichsten Dichter geistlicher Lieder in deutscher Sprache und beleuchtet dessen Bedeutung für Dietrich Bonhoeffers Widerstand im Nationalsozialismus. Im Zentrum steht das Lied 'Befiehl du deine Wege', das als Ausdruck eines tiefen, aus Leid geborenen Gottvertrauens analysiert wird. Der Text verknüpft die historische Biographie Gerhardts, insbesondere seine Konflikte im Berliner Kirchenstreit, mit der theologischen Deutung seines Lebens als 'im Sieb des Satans' gerüttelt. Es wird argumentiert, dass Gerhardts Dichtung eine Sprache für elementare Lebens- und Glaubenserfahrungen bietet, die auch in der heutigen Zeit Trost und Halt gibt. Die Predigt hebt die sprachliche und musikalische Meisterschaft der Lieder hervor und zeigt, wie sie in verschiedenen Lebenssituationen, von der Taufe bis zur Beerdigung, Anwendung finden. Ein Bezug zur Gegenwart wird hergestellt, indem das moderne Misstrauen gegenüber Gott als Garant für ein 'gelingendes Leben' thematisiert und durch Gerhardts widerständiges Vertrauen kontrastiert wird.
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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»In cribro Satanae versatus«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
im Gottesdienst zum 350. Todestag von Paul Gerhardt
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Liebe Gemeinde,
„Verzeiht, dass ich Euch Sorgen mache, aber ich glaube, daran bin diesmal weniger ich als ein widriges Schicksal schuld. Dagegen ist es gut, Paul Gerhardts Lieder zu lesen und auswendig zu lernen, wie ich es jetzt tue.” So heißt es in dem ersten Lebenszeichen Dietrich Bonhoeffers an seine Eltern aus dem Gefängnis Berlin-Tegel nach seiner Verhaftung im April 1943. Seine vielen erhalten gebliebenen Briefe aus den zwei Jahren seiner Haft sind unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ berühmt geworden - ein Klassiker der geistlichen Literatur. Der Bezug auf Paul Gerhardt zieht sich durch diese Gefängnisbriefe wie ein Basso continuo durch eine barocke Sonate.
Noch ein Zitat aus jenem ersten Brief: „In den ersten 12 Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und behandelt wurde, hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt, dazu die Psalmen. Ich bin in diesen Tagen vor allen schweren Anfechtungen bewahrt worden.” Auch anderen wollte Bonhoeffer an dieser Erfahrung mit Versen Paul Gerhardts Anteil geben. Deshalb fügte er seinen Gebeten für Mitgefangene gerne solche Verse bei: „Unverzagt und ohne Grauen / soll ein Christ, wo er ist, / stets sich lassen schauen. / Wollt ihn auch der Tod aufreiben, / soll der Mut dennoch gut / und fein stille bleiben.” Und unmittelbar nach der für ihn niederschmetternden Nachricht vom Scheitern des 20. Juli 1944 heißt es in einem der Verzweiflung abgerungenen Brief: „Es kommen Stunden, in denen man sich mit den unreflektierten Lebens- und Glaubensvorgängen genügen lässt. Dann freut man sich ganz einfach an den Losungen des Tages und man kehrt zu den schönen Paul-Gerhardt-Liedern zurück und ist froh über diesen Besitz.”
I.
Dietrich Bonhoeffer steht mit dieser Erfahrung nicht allein. Über Jahrhunderte hinweg bis heute ist Paul Gerhardt für Ungezählte zum sprachmächtigen Deuter von elementaren Lebens- und Glaubenserfahrungen geworden. Und er hat sich zugleich einen bedeutsamen Platz im Kanon deutscher Literatur erworben. Der vor einem Jahr im biblischen Alter von 100 verstorbene Nestor der Germanistik, der Göttinger Albrecht Schöne urteilte, Paul Gerhardts Lieder gehörten „neben Grimms Märchen und noch vor Luthers Bibelübersetzung und Dichtung zu den bekanntesten poetischen Texten überhaupt”. 26 Lieder Paul Gerhardts enthält unser Gesangbuch. Nur Martin Luther läuft ihm mit 31 den Rang ab. Wahrlich kein geringer Konkurrent - aber Luther hat zu erheblichen Teilen ältere Texte und Hymnen übertragen und bearbeitet. So kann Paul Gerhardt bis heute als der schöpferischste Dichter geistlicher Lieder in deutscher Sprache gelten.
Man mag endlos debattieren, welches von Paul Gerhardts Liedern das bedeutendste oder jedenfalls das schönste ist. Viele werden „Geh aus, mein Herz, und suche Freud” nennen - aber es bleibt eben an die aktuelle „liebe Sommerzeit“ gebunden. „Ich steh an deiner Krippen hier” wird anderen in den Sinn kommen - aber das kann nur zu Weihnachten gesungen werden. Wieder andere werden den wunderbaren Choral „Wie soll ich dich empfangen“ auf den Spitzenplatz setzen, oder „Nun lasst und gehen und treten“ - aber sind ganz auf die Adventszeit bzw. die besondere Schwelle eines Jahreswechsels bezogen. Sie sehen: Den Weg durch das Kirchenjahr kann man von A bis Z mit Paul Gerhardt gehen. Das Gleiche übrigens gilt vom Weg durch den Tag. Von „Die güldne Sonne” am Morgen bis zu dem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder”, das es sogar zu einem echten Volkslied gebracht hat. Und last but not least nicht zu vergessen die Lieder, die das Singen selbst besingen: „Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust”, oder: „Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön”.
Was für ein Reichtum unvergänglicher Lieder! Aber am Ende des Tages ist es wohl so, dass die meisten evangelischen Christ:innen in ihrem persönlichen Glauben, und im Innehalten an den großen Wegmarken des Lebens dann doch immer wieder auf einen Paul-Gerhardt-Choral zurückkommen: sein großes Vertrauenslied „Befiehl du deine Wege“. Wir singen die ersten beiden Strophen.
II.
„So ein ‚Befiehl du deine Wege‘ zum Exempel, das man in der Jugend in Fällen, wo es nicht so war, wie’s sein sollte, oft und andächtig mit der Mutter gesungen hat, ist wie ein alter Freund im Hause, dem man vertraut und bei dem man in ähnlichen Fällen Rat und Trost sucht.” Matthias Claudius hat das gesagt. Dieses Lied gibt einer ganz elementaren Glaubenserfahrung Gestalt: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen“ - heißt es im 37. Psalm. Auch unter uns sind sicher welche, die mit diesem Wort als Denkspruch zur Konfirmation eingesegnet worden ist. Diesen Psalmvers von dreizehn Wörtern hat Paul Gerhardt nun zu einer umfangreichen Dichtung geformt. Er benutzt dabei die Kunstform des sog. Akrostichon und lässt die zwölf Strophen des Lieds der Reihe nach mit den einzelnen Worten des Psalmverses beginnen. Nur die zwei Worte „dem Herren“ lässt er als Beginn der zweiten Strophe zusammen stehen. Diese kunstvolle Form ist besonders einprägsam. Die Älteren unter uns haben deshalb noch das ganze Lied in ihrem Konfirmandenunterricht gelernt; wenn man den Anfang jeder Strophe leicht erinnern kann, merkt sich auch das Ganze leichter.
Aber auch denen, die das Lied nicht im Ganzen behalten, prägen sich die dichten Sprachbilder gut ein: „Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn, / der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann“: welche sprachliche Meisterschaft zeigt sich in diesen jeweils drei Substantiven. Wolken, Luft und Winde - Wege, Lauf und Bahn. Aber auch seelsorglich ist das von hoher Kunst. Bei jeder Bestattung rezitiere ich diese erste Strophe, immer dann, wenn ich von der Trauerfeier zum letzten Weg mit dem Sarg oder der Urne hin zum Grab überleite. Öfters sagen mir die Angehörigen hinterher, dass es ihnen in jenem Moment gut getan hat, das zu hören: „…der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“. - Die hohe Kunst dieser Dichtung zeigt sich aber auch an etwas anderem. Paul Gerhardt hat diesem Choral ein Versmaß, eine Metrik gegeben, die es möglich macht, ihn auch auf etliche weitere Melodien seiner Lieder zu singen. Das wollen wir heute, in diesem Paul-Gerhardt-Jahr, einmal unternehmen. Wir singen jetzt die Strophen drei und vier, und zwar auf die Melodie von Gerhardts Lied „Du, meine Seele, singe“. -
III.
Die Leichtigkeit dieser Dichtung ist freilich kein Selbstzweck. Ein Vertrauen in Gottes Güte wird vermittelt, das den Wunden, die uns geschlagen werden, standhält. Keinem Leben bleiben bittere Enttäuschungen erspart. Uns allen widerfährt, was mit unseren Vorstellungen von uns selbst, vom gelingenden Leben nicht zusammengeht. Der schlimmste Schmerz ist, wenn der Tod zur Unzeit kommt. Paul Gerhardt hat ihn an vier seiner fünf Kinder und an der eigenen Frau erlitten. Ein Hiobsschicksal! Sein Gottvertrauen ist aus der Tiefe eigenen Leidens geboren. Das spürt man dem Lied ab. „Und ob gleich alle Teufel / hier wollten widerstehn, / so wird doch ohne Zweifel / Gott nicht zurücke gehen“: wir singen die Strophen fünf und sechs, auf die Melodie, die Bach in der Matthäuspassion unserem Choral gegeben hat, nämlich von „O Haupt voll Blut und Wunden“. -
IV.
Wir leben in einer Zeit, die Gott nicht mehr akzeptiert, es sei denn, er ist erkennbar der Garant für ein „gelingendes Leben“. Keine Frage, dass da ein solches Gottvertrauen schnell Widerspruch provoziert. Kein Geringerer als Bertolt Brecht hat versucht, in einer Imitation von Paul Gerhardts Sprachform dessen Gottvertrauen durch das Vertrauen des Menschen auf sich selbst zu überbieten und damit zugleich zu verspotten. Eine der drei Strophen seines „Lobgesangs“ geht so: „Es kann dir nichts geschehen / Solang du nicht entfliehst / Im Guten wie im Wehen / Den gleichen Himmel siehst / Und Wolken, Luft und Winden / Hast du ja nichts getan / Es wird sich niemand finden / Der dich verstoßen kann.“ Da wird ein unerschütterlich optimistischer Glaube an den Menschen, der auf Gott nicht angewiesen ist, trotzig dem Vertrauen entgegengestellt, dass allein Gottes Güte unser Leben in Segen verwandelt. Aber noch einmal: ein oberflächliches Vertrauen ist das nicht. Es ist widrigen Erfahrungen abgerungen. „Ihn, ihn lass tun und walten, / er ist ein weiser Fürst / und wird sich so verhalten, / dass du dich wundern wirst.“ Wir singen die Strophen sieben und acht, nach der Melodie von „Lob Gott getrost mit Singen“. -
V.
Im Jahr 1643 kam Paul Gerhardt von seinem Studienort Wittenberg nach Berlin. Dort entstanden seine ersten geistlichen Gedichte, die er noch als „Student der Theologie“ zeichnete. Er war da zwar schon 36 Jahre alt, aber sein Brot verdiente er, wie das damals für examinierte Jungtheologen so üblich war, keineswegs schon als Pfarrer, sondern als Hauslehrer, beim Kammergerichtsadvokaten, dessen Tochter er später heiratete. Schon auf diese Zeit geht die Verbindung zu dem Kantor der Berliner Innenstadtkirche St. Nicolai Johann Crüger zurück. Crüger, ein genialer Musiker und Komponist, gilt als der eigentliche ‚Entdecker’ Paul Gerhardts. Er brachte ein eigenes Gesangbuch heraus, das damals weit verbreitet war. In ihm wurden viele Texte Gerhardts veröffentlicht, oft mit Melodien Crügers, in dem Gerhardt sein kongeniales musikalisches Pendant gefunden hatte.
1653, im Jahr, in dem „Befiehl du deine Wege“ entstand, verließ Paul Gerhardt Berlin wieder, um in Mittenwalde seine erste Pfarrstelle anzutreten. Die Zeit dort war fruchtbar, aber auch von Konflikten durchzogen. Gerhardt war kein einfacher Zeitgenosse. Vor allem mit der Verwaltungsarbeit tat er sich schwer. Das war damals nicht anders als heute. Er war auch noch Propst und hatte die umliegenden Pfarreien zu beaufsichtigen, für ihn eine lästige Sache. Schon nach vier Jahren kehrt er erleichtert nach Berlin und zu Crüger zurück, weil er zum Pfarrer an der Innenstadtkirche St. Nicolai gewählt worden war. Dort erfährt er bald große öffentliche Resonanz. Er wird aber auch einer der härtesten Kämpfer im „Berliner Kirchenstreit“. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, wollte den andauernden Querelen zwischen der lutherischen Mehrheit und der reformierten Minderheit im Preußen ein Ende machen. Vor allem im Blick auf die Pfarrerschaft. Die rabies theologorum, wie der darunter leidende Melanchthon das 100 Jahre vorher genannt hatte, das Gezeter und Gekeife unter den Theologen über dogmatische Streitfragen war dem Kurfürst ein Dorn im Auge. Ihm war, auch aus politischen Gründen, an einer geschlossenen Geistlichkeit gelegen.
Paul Gerhardt gehörte zu denen, die sich der von oben verordneten Toleranz nicht fügen wollten. Er berief er sich auf seine Ordinationsverpflichtung, die ihn ans lutherische Bekenntnis band, ebenso wie auf seine Gewissensfreiheit. Zu einem Gewissensheroen wie Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms sollte man ihn aber nicht stilisieren. Paul Gerhardt war auch nicht frei von querulantischen Zügen. Jedenfalls wurde er wegen seiner Kompromisslosigkeit seines Amtes enthoben, trotz großer Proteste in der Berliner Öffentlichkeit. Zuflucht fand er in Lübben im Spreewald - weil das damals nicht zu Preußen, sondern zum erzlutherischen Sachsen gehörte. Das Dasein als Pfarrer dort erlebte er aber eher mühsam, es gibt auch keine Dichtungen mehr aus jener Zeit. Nach zehn Jahren starb er. Unter seinem Bildnis in der Stadtkirche von Lübben ist zu lesen: Theologus in cribro Satanae tentatus et versatus - Ein Theologe, im Satans Sieb versucht und duchgerüttelt. Das spielt an auf ein Jesuswort zu Petrus, das beunruhigend und tröstlich zugleich ist: „Simon, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, das dein Glaube nicht aufhöre“ (Lk 22,31f). Dieses Angefochtensein durch das Böse in seinen vielen Gestalten, aber auch die Kraft, gegen den verborgenen Gott an den im Gekreuzigten uns zugewandten Gott glauben, sich an ihm festhalten zu können: beides hat Paul Gerhardt in seinem Leben überreich erfahren. Wir singen die Strophen neun und zehn, auf die Melodie seines Chorals „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“.
VI.
Von den 70 Lebensjahren Paul Gerhardts waren dreißig von Kriegsgeschrei erfüllt. Todeserfahrungen bestimmten seinen Lebensweg; dem Konflikt um seines Bekenntnisses willen wich er nicht aus; den Verlust des Pfarramts an St. Nicolai in Berlin mit Johann Crüger nahm er dafür in Kauf. Ein Leben, das wir nach unseren Maßstäben kaum „erfüllt“ und „gesegnet“ nennen würden. Aber in seinem Testament dankt Paul Gerhard Gott „zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat.“ Aus dieser Dankbarkeit heraus bittet er Gott, „er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen und meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen.“ Und seinem einzigen überlebenden Sohn gibt er mit auf den Weg: „Bete fleißig, studiere ehrlich, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis, so wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich.“
Eine solche Sprache ist uns gänzlich fremd geworden. Aber was sie meint, die Sehnsucht nach dem guten Leben, einer klaren Gestalt desselben, das ist uns gar nicht fern. Und es bleibt möglich, dem eigenen Leben eine so klare Gestalt zu geben. Paul Gerhardts Ermutigung dazu trifft auch noch, 350 Jahre nach seinem Tod: „Wohl dir, du Kind der Treue, / du hast und trägst davon / mit Ruhm und Dankgeschreie den Sieg und Ehrenkron; / Gott gibt dir selbst die Palmen / in deine rechte Hand, / und du singst Freudenpsalmen / dem, der dein Leid gewandt.“
Amen.
Wir singen die beiden letzten Strophen 11 und 12, die - wie immer bei Paul Gerhardt - den Blick auf die Ewigkeit hin öffnen, und zwar auf die Melodie seines Adventsliedes „Wie soll ich dich empfangen“.