Die Reduktion der Wirklichkeit auf Zahlen und Kennziffern verdeckt die lebendige Dimension des Glaubens und der Gemeinschaft; wahre Freiheit und Lebensfreude entstehen erst in der Nachfolge Christi und im Pflegen echter Beziehungen.
Der Text beginnt mit der Frage 'Wie viele?' und stellt die Dominanz von Zahlen, Kennziffern und Rankings in der modernen Gesellschaft heraus. Der Prediger kritisiert, dass durch die Ökonomisierung das Wort und die Sprache an Wert verloren haben und lebendige Dimensionen der Wirklichkeit nicht mehr erfasst werden. Am Beispiel der Professfeier der Franziskanerinnen wird die Ordensberufung als Antwort auf die Gottesfrage verstanden, bei der es um die Gleichförmigkeit mit Christus geht. Franz von Assisi wird als Vorbild der Armut und des Freiwerdens für Gott vorgestellt. Der Text ruft zum Pflegen von Beziehungen und Geschwisterlichkeit auf und verweist auf die universelle Gemeinschaft nach Papst Franziskus. Mit Bonhoeffers Segenswort und Bonaventuras Lobpreisung der Schöpfung schließt der Text mit einem Dank an die Ordensfrauen für ihr Zeugnis.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Von Zahlen und von der Freude an Gott Predigt bei der Professfeier der Franziskanerinnen von Vöcklabruck 5. September 2026, Klosterkirche, Vöcklabruck
Wie viele?
Gestern (4.9.2026) bin ich von einer Solidaritätsreise in den Irak bzw. Kurdistan zurückgekehrt.
Bei vielen Begegnungen mit Pfarren, in Kindergärten, Schulen und Universitäten, Flüchtlingscamps, mit Bischöfen und Patriarchen kam immer wieder die Frage: Who many – wie viele? Wie viele Christen gibt es (noch)? Wie viele sind emigriert? Wie viele wurden ermordet und getötet? Wie viel verdienen die Leute? Wie viele Priester gibt es? Wie viele Studierende und Kinder? Usw. – Auch in unseren Breiten hört man oft die Frage: Wie viele gehen (noch) in die Kirche? Wie viele Kinder und Jugendliche? Wie viele sind ausgetreten? Wie viele Muslime oder Andersgläubige? Wie viele Ordenseintritte oder Weihen? Wie viele Berufungen?
Fragt man nach den Veränderungen, die gegenwärtig die tiefsten Spuren im Gesicht der Gesellschaft hinterlassen, spricht man von der Zunahme an Zahlen. Was kosten bzw. bringen die verschiedenen Bereiche? Ist Kostenwahrheit gegeben bzw. wie kann diese verbessert werden? Sind die jetzigen Kalkulationsansätze richtig? Bilanzen, Auslastungsdaten können erarbeitet werden. Man kann Skalen oder Rankings erstellen. Die Quoten entscheiden in den Medien über Qualität oder Versagen. Das war eine radikale Entwertung des Wortes und der Sprache. Durch die Ökonomisierung ist das Wort marginal geworden, das Politische hat an Wert verloren. Im Anfang war die Zahl? Was wichtig ist, wird erschlossen über Kennziffern, Benchmarks und Rankings, nicht über die Sprache, auch nicht über Bilder. Die in der Moderne notwendig gewordene generelle Übersetzung von Wirklichkeit in Zahlen macht es unwahrscheinlich, dass alle Dimensionen von Wirklichkeit gleichermaßen kommuniziert werden.
Logik und Mathematik können Totes festhalten, nicht lebendiges Brot schmecken und verkosten. Abgeholzt ist die Sprache der Sehnsucht, Worte für personale Begegnung und für den Glauben ausgeblutet oder durch das Vielerlei der unverbindlichen Rede verraten. Was ist mit dem Gesicht, mit dem Antlitz? Zahlen können nicht die erste Liebe einer Ordensberufung erschließen. Mit Statistiken kommt man nicht an den Glauben ran. Zahlen machen noch keine Lebensfreude.
Was bin ich in meinem innersten Inneren? – „Kind Gottes“ (so sage ich; zuerst dachte ich allerdings: „Nichts“).1 – Wir feiern bei dieser Profess von Sr. Isabel und bei den Jubelprofessen, was wir im Innersten sind, was unsere Würde ausmacht.
Ich bin nix mehr. So sagen Alte. Und zu Jungen wird gesagt: Aus dir wird nix. Oder: No future.
Nix is?! Wenn ich das Gefühl habe, ich bin zu nichts mehr gut, dann tut es gut, wenn ich gelobt werde. Das gilt für Kinder, die sonst nicht wachsen, das gilt für eine gelungene Arbeit, auch für ein gutes Essen, das hören auch Männer gern. Gerade Jugendliche wachsen, wenn positiv über sie gedacht wird. Ein nörgelndes und mit allem unzufriedenes Zeitalter bringt kranke Menschen hervor. Ohne Lob wird der Mensch krank. Man kann auf Dauer nicht recht und gesund
1 Peter Handke, Am Felsfenster morgens (und andere Ortszeiten 1982 – 1987), Berlin 2019, 78. – Diese Hinweise verdanke ich Erich Ortner.
Mensch sein, wenn man nicht selber loben kann und nicht gelobt wird. Geben und Empfangen gehören da zusammen.
Denn wo dein Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein (Lk 12,34) Franz von Assisi schreibt in der ‚Früheren Regel’ aus den Jahren 1210- 1221: „Regel und Leben dieser Brüder ist so: … zu leben und der Lehre und Spur unsres Herrn Jesu Christi zu folgen. Der sagt: Willst du vollkommen sein, geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib‘ s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir.“ Bei Absage an die Sorge geht es um das „Zuerst“ des Reiches Gottes, um die Gottesfrage: Gott oder Götze. „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde.“ (Mt 6,19) – Franz von Assisi will arm und nackt dem armen und nackten Christus nachfolgen. In einer Bettelexistenz ohne etwas Eigenes (sine proprio) weiß Franz sich hautnah und ausgesetzt in allem auf Gott und die Nächsten angewiesen und von diesen beschenkt. Franz kennt die Verpflichtung zur Arbeit, jedoch ohne einen Anspruch auf einen (gerechten) Lohn. Er lebt aus der Freude des Empfangens und des Verschenkens. Ziel dieser Armut als totalem Freiwerden für Gott ist die Gleichförmigkeit mit dem geliebten Christus. Bei der Ordensberufung geht es ganz radikal um die Gottesfrage. Gott allein ist die Erfüllung menschlicher Sehnsucht. Und er ist der Grund menschlicher Freiheit. Von Gott her wird der Mensch erst frei von allen Abhängigkeiten, Süchten und Fixierungen. Mitte de r Franziskanerinnen ist die Liebe zu Christus und die daraus folgende Nachfolge Jesu.
Pflegen wir Beziehungen!
Geschwisterlichkeit hat einen guten Klang. Man verbindet damit Kommunikation auf Augenhöhe, herrschaftsfreie Beziehungen, vielleicht auch die Absetzung der Eltern, die Überwindung eines Gefälles zwischen den Generationen, Freiheit und nicht Gehorsam. Freil ich schaut die Wirklichkeit anders aus als die Idee. Die Heilige Schrift kennt neben der Bruderliebe auch die Geschwisterrivalität, Egoismus, Begehrlichkeit und Gier: Kain und Abel, Jakob und Esau, Josef und seine Brüder, der verlorene Sohn und sein Bruder (Lk 15). Bekannt ist auch, dass Romulus seinen Bruder Remus umbringt. Zwischen Kain und Abel ist es der Hass auf den Bruder, der Neid auf dessen Vorzug und der Zorn über die Benachteiligung.
Papst Franziskus spricht im Gefolge von Franz von Assisi in seiner Enzyklika „Laudato si“ 2 von einer universalen Gemeinschaft und Geschwisterlichkeit. Gleichgültigkeit oder die Grausamkeit gegenüber den anderen Geschöpfen dieser Welt spiegeln viel von dem wider, wie wir die anderen Menschen behandeln. Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf „widerspricht der Würde des Menschen.“ 3 Alles ist aufeinander bezogen, und alle Menschen sind als Brüder und Schwestern gemeinsam auf einer wunderbaren Pilgerschaft, miteinander verflochten durch die Liebe, die Gott für jedes seiner Geschöpfe hegt und die uns auch in zärtlicher Liebe mit „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, Bruder Fluss und Mutter Erde vereint.“ (Nr. 92) „In einer Zeit, die zu Beschleunigung und Fragmentierung neigt, verlangt der menschliche Körper weiterhin nach Fürsorge und Anerkennung durch Hände, die zu Zärtlichkeit fähig sind, durch aufmerksame Menschen und durch freundliche Worte. Die digitale Kultur vervielfacht
2 Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Vatikan Juni 2015.
3 Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2418
Verbindungen und bietet neue Möglichkeiten der Begegnung; dennoch bewahrt das menschliche Herz ein unverzichtbares Bedürfnis nach Nähe. Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, an der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, am Besuch bei einsamen Menschen und am Dienst an den Armen.“ (Leo XIV., MH 239) Unsere real existierenden Familien und Gemeinschaften sind kein idealistisches Paradies. In der konkreten Wirklichkeit gibt es gestörte, zerstörende und zerstörte Beziehungen, Behinderungen, Belastungen, Kränkungen, Machtverhältnisse im Miteinander. Die neurotischen Verzerrungen und Behinderungen sind bei Paulus Material der Beziehung und der Gemeinschaft.
Er rühmt sich seiner Schwächen (2 Kor 12,9; 1 Kor 1,18 -31). Es wäre gerade die Herausforderung, mit den Licht- und mit den Schattenseiten, mit Stärken und Defiziten, mit Begabungen und Behinderungen, mit den Rosen und Neurosen beziehungsreich umzugehen.
Segen und Gebet Dietrich Bonhoeffer (1906–1945): „Die Antwort des Gerechten auf die Leiden, die ihm die Welt zufügt, heißt: segnen. Das war die Antwort Gottes auf die Welt, die Christus ans Kreuz schlug:
Segen. Gott vergilt nicht Gleiches mit Gleichem, und es soll auch der Gerechte nicht tun. Nicht verurteilen, nicht schelten, sondern segnen. Die Welt hätte keine Hoffnung, wenn dies nicht wäre. Vom Segen Gottes und der Gerechten lebt die Welt und hat sie eine Zukunft. Segnen, das heißt die Hand auf etwas legen und sagen: Du gehörst trotz allem Gott. So tun wir es mit der Welt, die uns solches Leiden zufügt. ... Wir haben Gottes Segen empfangen in Glück und im Leiden. Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders als diesen Segen weitergeben, ja er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden; dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.“4
Schluss „Wer vom Glanz der geschaffenen Dinge nicht erleuchtet wird, ist blind; wer durch dieses laute Rufen der Natur nicht erweckt wird, ist taub; wer von diesen Wundern der Natur beeindruckt, Gott nicht lobt, ist stumm; wer durch diese Signale der Welt nicht auf den Urheber hingewiesen wird, ist dumm. Öffne darum die Augen, wende dein geistliches Ohr ihnen zu löse deine Zunge und öffne dein Herz, damit du in allen Kreaturen deinen Gott entdeckest, hörest, lobest, liebest ..., damit nicht der ganze Erdkreis sich anklagend gegen dich erhebe!“ (Bonaventura) 5 – Vergelt’s Gott für e uer Zeugnis als Ordensfrauen, dass Gott selbst die Mitte menschlicher Existenz ist. Ihr habt viele Spuren der Liebe, der Sympathie und des Wohlwollens hinterlassen.
Ich danke euch, den Franziskanerinnen, für die Spuren der Geschwisterlichkeit, der Achtung und des Friedens. Durch euch ist der Lobgesang, der Sonnengesang des Franz von Assisi lebendig geworden.
+ Manfred Scheuer Bischof von Linz
4 Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften 4, 595f.
5 Bonaventura, Itinerarium mentis in Deum I,15 (Opera omnia V,299).