Gott erwählt nicht die moralisch Perfekten, sondern die Gescheiterten und Ausgegrenzten, und die Gemeinde muss ein Ort sein, an dem solche Menschen aufgenommen und als Menschen behandelt werden, nicht als Sündenböcke des Systems.
Der Text ist eine Predigt zum Trinitatis-Sonntag, die das Gleichnis vom Zöllner Zachäus (Lukas 19) mit der Erzählung von Jakob verknüpft. Die Kernbotschaft lautet, dass Gott keine perfekten oder moralisch einwandfreien Menschen erwählt, sondern gerade solche, die gescheitert, isoliert oder gesellschaftlich ausgegrenzt sind. Anhand von Zachäus, der als Zöllner für die römische Besatzung arbeitet und von seiner Gemeinschaft als Verräter und Sünder abgelehnt wird, wird gezeigt, wie eine persönliche Begegnung mit Jesus ihn verändert. Der Prediger zieht einen deutlichen Bezug zur Gegenwart, indem er die Ausgrenzung von Menschen in Schlüsselpositionen (Politik, Verwaltung, Medien) als moderne Form der 'Volksverräter'-Rhetorik beschreibt. Er warnt vor Entmenschlichung und Sündenbock-Mechanismen in der heutigen Gesellschaft. Die Predigt ruft dazu auf, die christliche Gemeinde als Ort der Aufnahme und des Dialogs zu verstehen, an dem Menschen von ihren 'Bäumen' herabsteigen können. Gleichzeitig grenzt sie sich klar von politischen Extremen ab, die dieses 'Wächteramt' der Kirche verbieten wollen.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen. Liebe Gemeinde, es ist kein Gerechter, den Gott sich erwählt. Er hat einiges auf dem Kerbholz, wenn man so will. Nicht irgendwen. Den eigenen Vater, den eigenen Bruder hat er übers Ohr gehauen. Unmöglich hat er sich gemacht bei der ganzen Familie. Seines Bleibens zu Hause ist nicht länger. Und so zieht er los. Alleine. Ganz am Rand angekommen. Und doch ist er nicht am Ende. Es geht gerade erst richtig los. Denn alleine, das ist er und ist es doch nicht. Gott ist bei ihm. Er begegnet ihm in einer Vision bei Nacht und sichert ihm zu, so lange du unterwegs bist, so lange bin auch ich bei dir. Jakob. Ein Gerechter? Es scheint nicht korrekt, das so zu sagen. Und doch ist es wahr. Wahr in einem tieferen Sinn, als der Anschein seiner Taten es vermuten lässt. Für Gott ist Jakob gerecht, ohne dass er das aus sich selbst schon wäre. Und Gott hat Jakob erwählt. Keinen perfekten Menschen. Keinen, der über jeden Zweifel erhaben ist. Keinen, der zur Lichtgestalt taugt. Und gerade darin einen Menschen, mit dem man sich irgendwie verbunden fühlen kann. In all seinen Schwächen. In all seinen Fehltritten. Heute würde man vielleicht sagen, er ist relatable dieser Jakob. Denn wer von uns ist schon perfekt. Irgendwie kennen wir das doch alle. Und so können wir den Satz vielleicht auch etwas weiten. Es sind nie Gerechte, die Gott sich erwählt. Denn welcher Mensch ist schon wirklich gerecht? Wer das von sich glaubt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nur selbst gerecht. Jakob, der sich den Segen seines Vaters erschleicht. Mose, der einen Ägypter im Zorn erschlägt. David, der einen seiner besten Soldaten in den Tod schickt, um dessen Frau zu bekommen. Sie alle sind ganz sicher keine moralischen Helden. Und doch hält Gott an ihnen fest. Auch in unserem Predigtext geht es um einen solchen Menschen. Und darum, wie gerade er, von dem man das gar nicht glauben würde, und dem man das eigentlich auch nicht gönnt, von Jesus erwählt wird. Hören wir die Worte aus dem Lukas Evangelium im 19. Kapitel. Und er, gemeint ist Jesus, ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachheus. Der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre. Und konnte es nicht wegen der Menge, denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbärfeigenbaum, um ihn zu sehen. Denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm. Zachheus, steig Eilent herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg Eilent herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murten sie alle und sprachen. Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachheus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn, Ziehe her, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen. Und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm, heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschenssohn ist gekommen, zu suchen und seelig zu machen, was verloren ist. Genau, unser Zachheus falsch gemacht hat. Das erfahren wir nicht. Zöllner, damit ist die Sache für den Evangelisten offenbar hinreichend erklärt. Zöllner und Zünder, oft werden die beiden in einem Atemzug genannt, als ob beide Worte am Ende dasselbe bezeichneten. Zachheus arbeitet als Zöllner mit einem System zusammen, das den Menschen im tiefsten Herzensgrund verhasst ist. Denn er treibt Steuern ein für die römischen Besatzer. Und das ist für die Israeliten, die ja eine lange und schmerzhafte Geschichte der Fremdbestimmung durchgemacht haben, eines der schlimmsten Vergehen gegen die Gemeinschaft. Nur um sich das einmal vorzustellen, im Talmut werden die Zöllner und Steuereintreiber gleichgestellt mit Mördern und Räubern. Vor einem religiösen Gericht sind sie als Zeugen disqualifiziert. Und es ist ihnen noch nicht einmal erlaubt ihr Geld an der Tempelkasse umzutauschen. Man empfindet es als zu schmutzig. Zusammengefasst gelten die Zöllner als Verräter am eigenen Volk. Als Volksverräter. Liebe Gemeinde, als ich in meiner Vorbereitung an diesen Punkt gekommen war, da geriet ich schon ins Grübeln. Denn der Begriff kommt uns als Menschen von heute nur wieder allzu bekannt vor. Volksverräter. Und es ist bei Lichte betrachtet vielerorts eine ganz ähnliche Situation zu beobachten, wie damals in Jericho. Da werden Menschen an den Rand gedrängt und verbal ausgebürgert, die nichts anderes tun als das bestehende System, die Gemeinschaft, die Gesellschaft zu stützen und am Leben zu erhalten. Aber halt. Damals war es eine fremde Herrschaft, eine Diktatur könnte man auch sagen. Heute ist es unsere eigene, frei gewählte Demokratie, die so viele an den Pranger stellen. Weil das System nicht perfekt ist, weil es auch Fehler macht. Weil eben überall Menschen am Werk sind, von denen manchmal auch einer nichts Gutes im Schilde führt. Oder es einfach nicht besser weiß und kann. Aber dann ist das Urteil oft sofort beinhart und unversöhnlich. Und immer lauter werden die Stimmen, die fordern, weg mit ihnen, weg mit dem ganzen System. Sicher. Zacheos schaut auch auf seinen eigenen Vorteil. Und wir haben gehört, das System hat ihn reich gemacht. Unschuldig ist er gewiss nicht. Aber am Ende erledigt eben auch er eine Aufgabe, die getan sein muss, damit die Struktur einer Gemeinschaft erhalten bleibt. Ohne steuern, keine Infrastruktur, kein öffentliches Leben. Das galt damals genauso wie heute. Und die Ausgrenzung, die Zacheos widerfährt, die erleben auch viele Menschen in Schlüsselpositionen unserer Gesellschaft. Sei es in der Politik, in der Verwaltung, bei der Polizei und den Rettungskräften, im Gesundheitswesen, im Nahverkehr oder in den Medien. Sie halten den Laden am Laufen, oft unter einem hohen persönlichen Einsatz. Und doch übertragen manche ihren Frust über das System, die da oben, direkt auf diese Personen. Sie werden als Sündenböcke missbraucht, beschimpft und an den Pranger gestellt, der heute oft im Digitalen zu verorten ist. Da, wo wir andere nur noch als Erfüllungsgehilfen eines Systems wahrnehmen, das wir nicht mögen. Da droht uns der Blick dafür verloren zu gehen, dass hinter allem immer noch Menschen stehen. Da wird entmenschlicht. Und die Sprache ist schon verräterisch. Von Volksschädlingen ist wieder die Rede in Deutschland. Man hätte denken können, diese Zeiten wären vergangen. Auch Zacheos ist in den Augen der anderen in Jericho nur ein solcher Schädling. Ein Sünder. So murren die Leute in der Menge, als Jesus ihn zu sich ruft. Seine Namen nennen sie schon gar nicht mehr. Vielleicht wissen sie ihn auch nicht. Es ist halt der, der an der Zollstation steht. Der Abzocker, der Betrüger. Der da oben. Der willige Handlanger des Systems. Die Gesellschaft, sie hat Zacheos schon längst verworfen. Irgendwie, liebe Gemeinde, merkt man das auch daran, wie Zacheos selbst sich verhält. Er klettert auf einen Baum. Klar, er ist nicht der Größte. Und natürlich will er Jesus sehen. Es ist also Neugier, die ihn da im Po attreibt. Aber es kann auch ein Schutzinstinkt sein. Die Menge, die da unten steht, ist ihm nicht wohlgesonnen. Ganz im Gegenteil. Sicher stehen da so einige, die sauer auf Zacheos sind und womöglich noch glauben, eine Rechnung mit ihm offen zu haben. Eine wütende Gesellschaft, die Zacheos zwar nicht auf die Palme, aber doch auf einen Maulbärfeigenbaum bringt. Auf die Palme bringen auch wir uns immer wieder gegenseitig. Der Frust und Zorn über den Staat und seine Repräsentanten, der sich bei so vielen aufgestaut hat, führt bei manchen, die er trifft, zu genau dieser Reaktion. Rückzug. Nicht in die Baumkrone, aber in das sichere Zuhause, solange es noch sicher ist. Andere ziehen sich auf ihrem Arbeitsplatz, der doch für das System so relevant ist. Zurück tun nur noch das, was sie müssen bis hin zur heimlichen, inneren oder wirklichen Kündigung. Wenn die Belastung und die Feindseligkeit zu groß werden. Ein Safe Space im Wipfel. Isolation als Selbstschutz. Zacheos weiß genau, da unten hat er nichts Gutes zu erwarten. All so schafft er sich seinen Rückzugsort, von dem aus er in sicherer Distanz alles beobachten kann. Aber das geht gründlich daneben. Denn vom Baume aus wird er schnurrstraxt zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Und Schuld ist Jesus, denn er ruft ihn. Jesus hat Zacheos nicht aufgegeben. Nein, er hat ihn sich ausgesucht. ihn geradezu erwählt aus dieser großen Menge in Jericho. Und man merkt es schon an dem ersten Wort, das er sagt. Zacheos. Jesus nennt Zacheos beim Namen. Für ihn ist er nicht einfach, der da oben, der namenlose Vollstrecker der römischen Ordnung. Zacheos ist eigentlich Viacup. Er hat Fehler begangen, sich in den Augen anderer unmöglich gemacht. Aber trotzdem. Nein, gerade deswegen schaut Jesus auf ihn. Er sieht den Menschen und nicht das System. Und er bleibt nicht dabei, sondern lädt sich ohne Umschweife zu Zacheos nach Hause ein. Das verändert etwas. Die Menschen sind entsetzt zuerst einmal. Verständlich. Da wird ein ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt. Der war doch der Böse. Und jetzt geht Jesus zu ihm nach Hause. Die Irritation der Leute ist fast mit Händen zu greifen. Aber dabei bleibt es nicht. Denn diese Geste der Menschlichkeit, die Jesus zeigt, die macht auch etwas mit Zacheos. Sie verändert ihn von innen heraus. Und er sieht, ja, auch ich habe manchmal Fehler begangen. Vielleicht kommt ihm der Gedanke in diesem Moment zum allerersten Mal. Aber er kommt ihm. Und er verspricht, da wo ich andere ungerecht behandelt habe, will ich es wieder gut machen. Es ist nicht die Verhärtung, die Veränderung bringt. Es ist nicht die Wut und der Hass auf Zacheos, die ihn zum Umdenken bringen, sondern die blanke Tatsache, dass da endlich einer ist, der ihn als Mensch sieht und behandelt. Kein System der Welt wird besser dadurch, dass die Menschen, die es tragen, an den Pranger gestellt werden. Nur Begegnung, Austausch und Dialog bringen uns vorwärts. Sicher. Das bedeutet manchmal auch, dass wir, die wir sicherlich zum größten Teil die liberale und demokratische Ordnung befürworten werden, uns mit Menschen und Positionen auseinandersetzen müssen, die uns nicht gefallen. Und doch ist es erlaubt und nötig, Klar Position zu beziehen und auch Grenzen zu ziehen, überall da wo andere verächtlich gemacht, ausgegrenzt oder entmenschlicht werden. Die christliche Gemeinde kann und muss der Ort sein, an dem Menschen von den Bäumen, auf die sie sich flüchten mussten, herabsteigen können, wo sie angstfrei verschieden und sie selbst sein können. Wo sie nicht nach ihrer Funktion, sondern einzig und allein als Mensch bewertet werden. In dieser Zeit werden Stimmen lauter, die uns als Kirchen auffordern, genau dies nicht länger zu tun. Stimmen von den politischen Extremen, die uns gar verbieten wollen, dieses Wächteramt für die ausgegrenzten wahrzunehmen. Und die damit drohen, sich selbst, des von ihnen so verhassten Systems zu bemächtigen, um uns daran zu hindern. Liebe Gemeinde, ihnen können und dürfen wir nicht folgen. Ihnen hat unser Widerstand zu gelten. Aus Treue zu dem, der diese Kirche begründet hat. Weil unser Gott sich eben keine Lichtgestalten sucht, sondern den betrügerischen Jakob, den isolierten Zachäos und uns heute. Wir folgen darin Jesus Christus nach und frei nach Hans-Dieter Hüsch. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.