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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!«

Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt · Frauenkirche Dresden – Kanzelworte · 2026-10-18 · Dresden · Quelle

Dankbarkeit · tragend Gemeinschaft · tragend Hoffnung

Der Sonntag ist kein Tag der Pflicht, sondern ein göttliches Geschenk, das dem Menschen hilft, seine Identität jenseits der Produktivität zu finden und eine Verbindung zu Gott herzustellen.

Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

Der Predigter Markus Engelhardt reflektiert über die Bedeutung des Sonntags in der modernen Arbeitswelt und stellt fest, dass die religiöse Bindung an diesen Tag oft als veraltet gilt. Er verweist auf den biblischen Sabbat und Jesu Aussage, dass der Feiertag um des Menschen willen gemacht sei, um ihn als Gabe und nicht als Last zu verstehen. Der Text kritisiert die Tendenz, den Sonntag durch Freizeitstress und Produktivität zu füllen, was den eigentlichen Zweck der Erholung und des Innehaltens verfehlt. Engelhardt plädiert dafür, den Sonntag als Zeit für die Seele und für die Begegnung mit Gott zu heiligen, auch wenn dies nicht zwingend durch kirchliche Rituale geschehen muss. Er betont, dass der Mensch mehr ist als seine Leistung und dass die Stille des Sonntags hilft, einen inneren Hunger nach Sinn zu spüren. Die Predigt ruft dazu auf, den Sonntag als Geschenk zu begreifen, das dem Menschen hilft, zu sich selbst und zu Gott zu finden.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Gier, Konsum, unstillbares Verlangen nach mehr; Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Gebet, Gottesdienst, Meditation, wiederholte Übung; Genügsamkeit, Fasten, freiwilliges Opfer, Loslassen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
von Gott gewollt, mit Aufgabe und Verantwortung
Wohin geht die Geschichte?
die Botschaft steht außerhalb der Geschichte
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf den Stifter oder Propheten der Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

3. Mose 23,1-3 · Markus 2,27-28

Gemessen

Grundhaltung
1 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
1 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 3, künftig 1

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!« Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt -- Liebe Gemeinde, „Ohne Sonntag gibt s nur noch Werktage“. So stand es vor 20, 30 Jahren auf den Heckscheiben mancher PKW’s. Ähnlich wie beim Fisch-Symbol wusste man dann: in dem Wagen sind Christ:innen unterwegs. Den Fisch hatten wir damals auch auf unserem PKW, aber den Sonntag-Slogan hatten wir uns nicht aufgeklebt. Das lag nicht daran, dass Freiburg, wo wir damals lebten, eine der letzten Großstädte war, wo der Stadtrat verkaufsoffene Sonntage mehrheitlich abgelehnt hatte. „Ohne Sonntag gibt s nur noch Werktage“: Dieses Wording stimmt zwar, aber es war uns irgendwie, wie man heute so sagt, zu unterkomplex. Es trifft nicht die Vielfalt der heutigen Arbeitswelt, in der es für etliche Menschen den klassischen Sonntag längst nicht mehr gibt, weil es gar nicht anders geht. Und auch für die vielen, die am Sonntag arbeiten müssen, besteht die Woche deshalb ja nicht aus sieben Werktagen. I. Mancher hat vielleicht beim Hören des heutigen Predigttextes innerlich abgewinkt. Der Sabbat, der Sonntag als Thema einer Predigt? Es gibt spannenderes. „Du sollst den Feiertag heiligen“: das dritte der 10 Gebote. Das Thema gehört also zum Kernbestand der jüdisch-christlichen Tradition. Nun ja! Dass wir nicht töten, den Partner nicht betrügen, uns nicht an fremdem Eigentum vergreifen sollen, das ist immer noch ein allgemeiner Konsens, auch jenseits von Religion. Bei der Feiertagsheiligung aber sieht es anders aus. Die wird nicht mehr als Gebot empfunden. Allenfalls so, wie der Sonntag in unserer Verfassung definiert ist: als „Tag der seelischen Erhebung“. Eigentlich eine gute und kluge Formulierung, eine Verfassung muss ja weltanschaulich neutral, darf also nicht im Sinne einer Religion gefasst sein. Zugleich steckt in diesem Ausdruck „Tag der seelischen Erhebung“ doch einiges drin von dem, was die Rede vom biblischen Menschen- und Gottesbild meint. Man arbeitet nicht, man tut sich Gutes, was im Alltag zu kurz kommt, man pflegt Beziehungen in Familie und mit Freunden: das und noch mehr hatte auch Gott für den Menschen im Sinn, als er am siebten und letzten Tag seines Schöpfungswerks den Sabbat als Tag der Ruhe und Erholung schuf. Aber dass es eben Gottes Tag ist, also dass er Gott gehört - das ist ja mit dem „heiligen“ gemeint -, und dass auch wir uns bewusst machen, dass wir (zu) Gott gehören: das spielt heute auch in kirchlichen Milieus kaum mehr eine Rolle. Bei den katholischen Christ:innen ist im Kirchenrecht zwar immer noch die „Sonntagspflicht“ kodifiziert - aber die meisten von ihnen sehen es nicht mehr als verpflichtend für sich an. Jedenfalls: Dass sonntags die meisten brav und selbstverständlich in die Kirche gehen, ist ein Klischee der Vergangenheit. Ich kenne es aus alten Heimatfilmen wie den „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma: Sonntags in Oberbayern zieht man seine Tracht an und sitzt brav nach Geschlechtern getrennt in der vollen Kirche. Wenn man nicht kommt, ist man ein räudiges verlorenes Schaf und wird von Hochwürden robust in die Schafsherde zurückgepfiffen. Oder, aus einem evangelischen Dorf: Die Großfamilie sitzt sonntags nach der Kirche beisammen. Immer einer muss sich in der Kirche sehen lassen und zu Hause erzählen: Wer war heute da? Und wer nicht? Und dann wird getratscht: Wer hätte es denn dringend nötig, mal wieder zu kommen? Tempi passati - dass ein Gottesdienstbesuch eine soziale Konvention ist, das war einmal. Und jedenfalls als Protestant sage ich: gut so, dass das vorbei ist. Dabei geht es mir persönlich wirklich so, dass ein Sonntag ohne Gottesdienst - egal ob ich ihn als Liturg oder als Teil der Gemeinde feiere - gefühlt irgendwie kein echter Sonntag ist. Ich brauche den Gottesdienst, es geht mir anders, besser danach. Aber das ist eben mein Ding. Religion darf keine Pflichtübung, sie soll ein Herzensanliegen sein. Und Gottesdienst soll wirklich ein Feiern sein. Zu einem Fest aber darf man nie zwingen. II. In unserem Predigttext hat Jesus ein Streitgespräch mit den Pharisäern über die Frage: Was macht den Sabbat denn zum Sabbat? Einig sind sie sich darin: Der Sabbat ist der siebte Tag der Woche. Alle Arbeit soll ruhen - denn heute ruht Gott selbst aus von seiner Arbeit bei der Erschaffung der Welt. Der Sabbat soll ganz Gott gehören, die Menschen sollen ihn „heiligen“, d.h. an diesem Tag erkennbar anders leben als an den anderen Tagen. Aber was heißt das konkret? Was geht und was geht nicht? Daran entzündet sich der Disput. Darf man, wenn einen Hunger quält, aufs Feld gehen und dort Ähren ausraufen, wie es die Jünger Jesu machen? Für die gesetzestreuen Pharisäer ein absoluter No go. Hunger hin oder her. Jesus antwortet auf die Verwarnung durch die Pharisäer auf dreifache Weise. Zunächst mit einer historischen Erinnerung: an Israels großen König David, wie der in einer dramatischen Hungerlage sogar die heiligen Brote im Tempel, die nur den Priestern vorbehalten sind, mit seinen Leuten verzehrte. Eigentlich ein Sakrileg - aber in Jesu Augen durch eine Notlage legitimiert. Das untermauert Jesus als zweiten Schritt mit einer grundsätzlichen Aussage: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Er will damit sagen: Der Sabbat ist eine Zeit für den Menschen. Eine leibliche, geistige und geistliche Frei-Zeit. Frei von Pflichten und frei für Gott, und füreinander. Der Sabbat ist also nicht zuerst Aufgabe und Forderung an den Menschen, sondern er ist Gabe, reines Geschenk. Er soll gut tun, die Menschen aufbauen. Und all das haben die frühen Christen dann 1:1 auf den Herrentag, wie sie den ersten Tag der Woche nannten, den Tag der Auferstehung Jesu, den Sonntag übertragen. Leider hat der Evangelist Markus nichts von der Reaktion der Pharisäer auf Jesu Worte überliefert. Das hätte mich schon interessiert. Aber die Diskussion um Sinn und Unsinn religiöser Vorschriften dient Markus nur als Hintergrund: und zwar für Jesus als Menschensohn, wie er sich hier in seinem dritten und wichtigsten Wording bezeichnet: „So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat“. Der Titel „Menschensohn“, den nur Jesus selbst für sich verwendet hat, war in der neutestamentlichen Zeit einer bestimmten Person vorbehalten. Dem nämlich, der am Ende aller Zeiten in Gottes Namen Gericht halten wird und damit Gottes Reich einleitet. Was der Evangelist seiner Gemeinde sagen will, ist: Dieser erwartete Gottesgesandte ist Jesus. Jetzt also zeigt sich, wer das Gesetz Gottes wirklich im Herzen hat. Ironischerweise war genau dies ja das Anliegen der Pharisäer. Sie wollten die überkommenen Gesetze alltagstauglich machen. Sie waren überzeugt: Nur das gehorsame Einhalten der gottgegebenen Gesetze macht den Menschen zu dem, was er ist: ein Geschöpf Gottes. Die Gebote sind keine Sanktionen, sondern sie erlauben dem Menschen, Mensch zu sein. In abgeschwächter Weise gibt es, denke ich, diese Position auch heute noch. Menschen, denen es lebens-wichtig ist, dass es den Sonntag gibt. Als Tag, wo sie zu Gott und damit auch zu sich selbst kommen können. Der Gang zur Kirche, die andere Kleidung, das bessere Essen und eben der Verzicht auf Arbeit drücken aus: Die Quelle meiner Lebenskraft liegt in Gott, nicht in mir selbst. III. Aber das ist eben längst nicht mehr Mainstream, sondern eine absolute Minderheitenhaltung. Sonntag, Wochenende sind für viele immer noch, ja mehr denn je Freizeit - aber eben nicht im religiösen Sinn. Was sich auch darin zeigt, dass die Freizeit des Wochenendes besonders betriebsam, von allen möglichen Aktivitäten ausgefüllt ist. Was ich durchaus auch von mir selbst kenne: Der Sonntag nicht nur als Gottesdienst-Tag, sondern auch als eine Art Zeit-Joker: Was ich in der Woche nicht fertig bekommen habe, kann ich ja noch am Sonntag machen. Eine Freundin mit zwei kleinen Kindern, beide Eltern voll berufstätig, erzählte mir, wie stressig gerade das Wochenende für sie oft ist. Sie wollen ganz für die Kinder da sein, einkaufen, den Haushalt in Ordnung bringen, in der Wohnung was ausbessern, die Großeltern besuchen, und auch was vom Job nacharbeiten. „Nach dem Wochenende“, sagte sie, „sind wir echt froh, wenn die Kita wieder auf hat“. Freizeitstress: ich bin zwar frei von festen Arbeitszeiten - aber bin ich auch als Mensch frei? Oder bestimmen ein „Immer besser, immer mehr, immer schöner“ klammheimlich meinen Sonntag? In unserer biblischen Episode vom Sabbat geht es auch um die Frage: Wie verbringe ich die von Gott geschenkte freie Zeit? Und ganz konkret: wie gestalte ich die Zeit mit Gott? Welche religiösen Rituale und Gebote brauche ich und welche nicht? Jesus ist hier liberal und streng zugleich. Er interpretiert die Gebote gar nicht milder als andere Rabbis. Jesus erinnert daran: Der Sabbat ist für den Menschen da. Und der Mensch braucht Rituale, eine wöchentliche freie Zeit für Gott und die Seele, für das, was mein Leben im Innersten zusammenhält. In dem Sinn: Gib der Seele einen Sonntag, und dem Sonntag eine Seele! Das muss noch gar nicht mal besonders religiös gefüllt werden. „Mein Alltag ist furchtbar anstrengend, ich arbeite mehr, als gut für mich ist. Wenigstens am Sonntag soll Zeit für mich, die Familie, für Körper und Seele sein. Ausschlafen, in Ruhe gemeinsam frühstücken, vielleicht eine Runde joggen gehen und dann mit den Kindern was Schönes unternehmen. Dann komme ich wieder zu mir selbst.“ Alle, die das etwa so für sich beanspruchen, sind gar nicht so weit weg von dem, was die Bibel mit der Sonntagsheiligung meint, auch wenn Gott und Glaube bei ihnen nicht vorkommen. Denn sowohl der religiösen wie dieser eher „säkularen“ Sicht geht es darum, dass der Mensch als Person im Zentrum dieses Tages steht, nicht der Mensch als Macher, als Treiber von Produktivität. Du bist mehr als deine Leistungen, mehr als die Summe deiner Erfolge oder Niederlagen: Darauf will uns das Geschenk des Sonntags ansprechen. Insofern stimmt es, was ein bedeutender Theologe einmal gesagt hat: „Der Sonntag ist die zeitliche Gestalt der Rechtfertigungsbotschaft.“ (Eberhard Jüngel) IV. Eines stellt Jesus nirgends in Frage: Nämlich das Gebot: Du sollst den Sabbat, den wöchentlichen Feiertag heilig halten. Jesus lebt es so: Er geht am Sabbat in die Synagoge; er feiert den Synagogengottesdienst mit, hört Predigten und wundert sich bestimmt auch mal drüber. Und manchmal predigt er als Rabbi selbst. Jesus lebt ganz in den liturgischen Traditionen des Judentums. Er will sie nicht abschaffen, sondern vertiefen. Indem er darauf abhebt, dass Sabbat bedeutet: Ich lasse mich als homo faber, als Macher und Produzent unterbrechen, heilsam unterbrechen. Um mich und dann hoffentlich auch in mir wird es ruhiger und klarer. In der Stille meldet sich ein Hunger, der nicht mit Ähren, mit einem üppigen Frühstück oder einem Eventbesuch gesättigt wird. Die Stille des Sonntags hilft, dass ich diesen Hunger spüre. Diese Stimme unter der Oberfläche meines funktionierenden Alltags, die sagt: Ich brauche noch etwas Anderes. Den Sonntag heiligen, heißt für mich: Wöchentlich Zeit frei halten für meinen Hunger nach dem, was ich nicht habe, was ich mir nicht selbst geben kann, was ich vermisse, was noch offen ist in meinem Leben. Ich selbst habe das Gefühl, je älter ich werde, desto mehr ist mir der Gottesdienst, ob ich ihn halte wie jetzt, oder ob ich ihn in der Gemeinde mitfeiere, eine große Hilfe dazu. Weil dort eben das gesagt und gefeiert wird, was ich mir selbst nicht sagen und geben, sondern mir nur von außen sagen lassen kann. Der Sabbat, für uns der Sonntag, ist um den Menschen willen gemacht, damit ich erfahre, dass Gott wirklich da und lebendig ist, nicht nur ein schöner Gedanke oder eine hilflose Projektion. Und dass er unermüdlich für mich da ist. Natürlich, das ist eine Binsenwahrheit: Es gibt Gottesdienste, in denen von dieser pulsierenden Kraft Gottes wenig zu spüren ist. Die Kirche befriedigt nicht meine Bedürfnisse, sie enttäuscht sie oft; und doch hält sie einen Hunger wach, den nur Gott stillen kann. Allein schon dadurch, dass es sie so verlässlich gibt, Sonntag für Sonntag, von der Frauenkirche hier bis zur entlegenen Lausitzer Dorfkirche, diese wunderbare Chance, sich gemeinsam sagen und erinnern zu lassen, dass Jesus lebt und unbedingt für uns ist. „Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.“ Den letzten und wichtigsten Satz Jesu in unserem Text will ich heute so hören: Wann immer wir uns bewusst machen, dass wir nicht aus eigener Kraft da sind und leben, sondern weil Gottes Atem in uns fließt, feiern wir Sabbat, feiern wir schon einen kleinen Gottesdienst. Egal wo wir gerade sind. Dann haben wir Jesus schon dabei. Zu einem großen Gottesdienst wird es, wenn wir gemeinsam mit anderen so feiern. Mit Jesus im Zentrum, dem Herrn über den Sabbat und den Sonntag. Und in diesem Sinne kann ich mit dem jetzt folgenden Lied an diesem Tag gerne singen und sagen: „Ruht nur, meine Weltgeschäfte“. Amen.