Die wahre Liebe zwischen Individuen wird nur durch göttliche Gnade in der Kirche vollendet und erfordert eine lange Askese, um von ihrer dunklen Seite befreit zu werden.
Der Text stellt das religionsphilosophische Werk 'Säule und Sockel der Wahrheit' von Pavel Florenskij vor und konzentriert sich auf das Kapitel 'Freundschaft'. Florenskij versteht die Kirche als Fundament der Wahrheit und als Ort, an dem Liebe zwischen Individuen durch göttliche Gnade vollendet wird. Der Autor verknüpft dies mit dem persönlichen Verlust des Freundes Sergej Troizkij, der Florenskij zu diesem Schreiben bewegte. Die Liebe wird als geistige Tätigkeit beschrieben, die durch lange Askese erlangt werden muss und eine dunkle Seite besitzt. Florenskij greift auf die griechischen Liebesbegriffe Eros, Philia, Agape und Storge zurück. Der Text betont, dass Gott nur über die Seele des Anderen gefunden wird und dass die eucharistische Gemeinschaft eine notwendige Ergänzung zur individuellen Liebe bildet. Es wird auch auf Florenskijs 'Philosophie des Kults' verwiesen, in der er die Entleerung des Wortes 'Liebe' in der modernen Zeit kritisiert. Der Text dient als Einleitung und Auslegung, ohne eigene theologische Position zu beziehen.
1. Tim 3,15 · Eph 1,23
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Pavel Florenskij und das Hohelied der Bruderliebe | Hans-Peter Arnold
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Pavel Florenskij und das Hohelied der Bruderliebe | Hans-Peter Arnold
Veröffentlicht am 27. Juli 2023 22. August 2023 von Raphael
Finis amoris, ut duo unum fiant 1
Das Äußerste der Liebe –
Zwei sollen Eins sein.
So beginnt Pavel Florenskij 2 das Kapitel „Freundschaft“ seines wichtigsten religionsphilosophischen Werks „Säule und Sockel (auch: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“, 1914 erstveröffentlicht 3 .
Frontispiz von „Säule und Fundament“ – zwei vereinte Engel
Wer Paulus gelesen hat, weiß, was diese Grundfeste der Wahrheit ist: Es ist die Kirche , die Gemeinde, die Gemeinschaft der Auserwählten des lebendigen Gottes – ecclesia Dei vivi ( 1. Tim 3,15 ).
„Nicht anders wird Gott gefunden
als über die Seele des Anderen.“
So schreibt es Florenskij seinem theosophischen Schriftsteller-Freund Andrej Belyj . Dass der Herr zwischen uns, unter uns weilt, wenn wir wenigstens zu zweit sind, hat Er Selbst gesagt. Kein orthodoxer Priester kann eine Göttliche Liturgie als Einzelperson vollziehen, selbst wenn die Heerscharen der Engel und Erzengel mit ihm dienen. Das ist die Wahrheit der versammelten („katholischen“) Kirche. Florenskij geht es in diesem Kapitel insbesondere um die Liebe und Freundschaft zwischen Individuen, zwischen verwandten Seelen – die kollektive, agapische Liebe, die im eucharistischen Mahl zum Ausdruck kommt, bildet eine dazu notwendige zweite Seite der Medaille.
Wie Pavel Florenskij selbst christlich-liebend mit dem Nächsten umgeht, auf der persönlichen Ebene, mag man seinen Briefen entnehmen ( hier oder hier ) oder dem Schriftwechsel Florenskijs mit A. Belyj , einem Lehrstück christlicher liebender Toleranz.
Haben nun zwei Seelen einander auserwählt , so kann die Herstellung der Gemeinschaft beider nicht wahrhaft vollendet werden, wenn dies nicht von Gott bewirkt wird, aus göttlicher Gnade.
Das Auserwähltwerden ist etwas Besonderes. Florenskij schenkt dem Absondern, Herausheben, Auserwählen in seinem zweiten großen Werk, der „Philosophie des Kults“ (um 1918) großen Raum: Was sakral werden soll, muss besonders sein: ein makelloses Lamm, berufen, auserwählt aus der Herde und abgesondert. Ist es einmal für Gott bestimmt, gibt es kein Zurück in die Masse, zumindest kein ungestraftes (vgl. das Opferlamm, den Sündenbock, Jonas, Priester überhaupt, Christi Leib und Blut …). Wenn zwei in Gott eins werden sollen, so werden diese Liebenden einander aus der Masse aller übrigen Erdenbewohner auserwählen, jeder wird den anderen auf einen Sockel erheben und daraufhin eifersüchtig wachen, dass dann kein dritter mehr auf diesen Sockel steigt …
„Säule und Sockel der Wahrheit“ ist eine merkwürdige Mischung aus Dissertation und romantischen Briefen. Sie ist so stückweise theologisch-trocken wie andererseits poetisch-anrührend – Letzeres bis hin zu expressiven typografischen Finessen in der Originalausgabe von 1914, um die sich Florenskij selbst gekümmert hat.
„Mein sanftmütiger, lichter Freund.“
So beginnt der „Erste Brief“, und traurig heißt es einige Zeilen weiter:
„Ohne Unterlass fällt das Herbstlaub; Blatt für Blatt tanzt über dem Boden im Kreise. Still flackert das ewige Flämmchen der Öllämpchen, und einer nach dem anderen sterben die Nächsten. ‚Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.‘ Und dennoch wiederhole ich mit einer Art sanfter Qual vor unserem Kreuz, welches du aus einem einfachen Stock gemacht hast und das von unserem liebevollen Altvater geweiht wurde: ‚Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.‘ “ 4
Die Trauer Florenskijs hatte einen Grund: den kürzlichen Verlust des besten Freundes, Sergej Troizkij, des Seelenverwandten und Zimmernachbarn in der Studienzeit an der Geistlichen Akademie, und nicht zuletzt auch Schwagers.
(Dass Sergej jemals heiraten würde, hatte niemand erwartet, aber für die Priesterschaft war es Bedingung, wollte man nicht Mönch werden). Wenig mehr als ein Jahr nach der Hochzeit mit Pavels jüngerer Schwester Olga wurde Sergej in Tiflis Opfer einer nationalistisch motivierten Gewalttat.
Doch zurück zu Florenskijs Hauptwerk:
„Säule und Sockel“ ist Florenskijs ganz eigene „Theodizee“ – eine Rechtfertigung Gottes also („Philosophie des Kults“ 5 wird er später als „Versuch einer Anthropodizee“ bezeichnen, über die Frage der Rechtfertigung des Menschen vor Gott). Florenskij sagt, und das erklärt den Titel seines Werks:
Es ist die uns in Christus geschenkte Kirche , die Kirchlichkeit als die Fülle des alles in allem Erfüllenden ( Eph. 1, 23 ), die Undefinierbare (Grenzenlose), die Lebendige, weil Leib Christi. Sie ist eine Schatzkammer:
„Und mit jeder meiner geistigen Anstrengung, mit jedem Seufzen, das mir über die Lippen kommt, strömt mir dieser ganze Vorrat angesammelter Segens-Energie hilfreich entgegen. Unsichtbare Hände tragen mich über die Blumenwiesen der geistigen Welt. Entflammt von Millionen und Abermillionen gleißender, funkelnder, freudig-verspielter Blicke, die sich in Myriaden leuchtender Funkenspritzer ausgießen, versetzen die Schätze der Kirche meine arme Seele in ehrfurchtsvolles Schaudern. Unzählbar, unbeschreiblich sind diese Reichtümer. Ich darf einen Teil davon nehmen zur Nutzung, zu meinem Nutzen – wie sollen einem da nicht die Augen überlaufen?“
(Aus der Einleitung zur „Säule“)
Die Kirche ist Gottes Geschenk an die Menschen. Und der größte Schatz dort ist die Liebe.
Aber was ist – die Liebe?
An der Definition von „Liebe“ haben sich schon viele Menschengeschlechter versucht. Vermutlich misslingt die Definition aus denselben Gründen, wie auch bei „Kirche“. Allerdings wird so „Liebe“ schnell zum Freiwild. Man darf dazu an den zornigen Auftakt der „Philosophie des Kults“ (zu Beginn der ersten Vorlesung) erinnern:
„Liebe, Liebe, Liebe und nochmals Liebe… Dieses geheimnisvolle Wort, unendlich oft wiederholt von einer zahllosen Menge derjenigen, die der Schwelle zur Religion nie auch nur nahegekommen sind, hat so jeden Sinn verloren. Wie wucherndes Gewebe hat es den ganzen Raum des religiösen Bewusstseins unserer Zeitgenossen eingenommen und so allen Inhalt der Religion von dort verdrängt. In diesem heiligen Wort ist heute ‚NICHT-RELIGION‘ zum wahren Inhalt geworden, und der geheime Sinn alles Redens über die Liebe ist mehr oder weniger bewusst oder halbbewusst eine Abwehrgeste gegen die Religion. Die scheinheilige Entartung des religiösen Gewebes bezeichnet sich als Reden über die Liebe. Ja, Darüber-Reden – denn wer mag sich schon vergreifen am Lebendigen der Liebe …
(Aus „Philosophie des Kults“, Kap. I.1).
Vergreifen wir uns also an der Liebe …
Nachdem Florenski im zehnten Kapitel der „Säule“ ein Hohelied auf die Weisheit (Sophia) gesungen hat, die er als „beinahe“ vierte Hypostase Gottes bezeichnete (wofür er viel Kritik ertragen musste), betrachtet er in „Freundschaft“, dem elften Brief, das Thema „Liebe“ aus kirchlicher Sicht. Dabei greift er auf den reichen Erfahrungsschatz der alten Griechen zurück, denn die hatten gleich vier Begriffe für Liebe – Eros, Philia, Agape und Storge. Er liefert eine umfassende Betrachtung, aber wer glaubt, nach diesem Kapitel die ultimative Definition zu besitzen, der freut sich zu früh. Denn: Die eigentliche, die wahre, hehre, gnadenhafte Eine Liebe, „die geistige Tätigkeit, in der und durch die Erkenntnis von der Säule der Wahrheit gegeben wird“, hat eine dunkle Seite:
„Man muss sie erst durch eine lange (oh, wie lange!) Askese erlangen.“
(Elfter Brief, wie auch alle nachfolgenden Zitate von Florenski)
Initiation
Um nun diese Mühe aufzubringen, um sich überhaupt zu dieser wahren Liebe auf den Weg zu machen, um unterwegs nicht aufzugeben (fremdzugehen), um zur christlichen Vollkommenheit zu gelangen, wie die Kirchenväter es bezeichnen – dazu bedarf es einer starken Initialzündung. (Man denke etwa an das von Metropolit Anthony (Bloom) gern zitierte Wort: Niemand kann sich von allem lossagen und Christus nachfolgen, wenn er nicht wenigstens im Antlitz eines einzigen Mitmenschen das Leuchten des Heiligen Geistes erblickt hat.)
Hierin hat nun die irdische , die vierfache Liebe in allen Facetten, ihre Berufung. Florenskij zitiert Heine:
„Die Liebe ist das furchtbare Erdbeben der Seele.“
(Aus: Shakespeares Mädchen und Frauen )
Und er zitiert Puschkin ( Я помню чудное мгновенье ), um zu beschreiben, was dieses Erdbeben bewegt und bewirkt:
Ein Augenblick ist mein gewesen:
Du standst vor mir mit einemmal,
Ein rasch entfliegend Wunderwesen,
Der reinen Schönheit Ideal.
Im schmerzlich hoffnungslosen Sehen,
Im ew’gen Lärm der Menschenschar,
Hört ich die süße Stimme tönen,
Träumt ich das milde Augenpaar.
Allein im Kampf mit dem Geschicke
Und in der Jahre düsterm Gang
Vergaß ich deine Engelsblicke
Und deiner süßen Stimme Klang.
Und lange Kerkertage kannt ich,
Es ward die Brust mir stumm und leer,
Für keine Gottheit mehr entbrannt ich,
Nicht weint ich, lebt ich, liebt ich mehr.
Es darf die Seele nun genesen:
Und du erscheinst zum zweitenmal,
Ein rasch entfliegend Wunderwesen,
Der reinen Schönheit Ideal.
Und wieder schlägt das Herz voll Weihe.
Sein Todesschlummer ist vorbei,
Für eine Gottheit glüht’s aufs neue,
Es lebt, es weint, es liebt aufs neu.
A. S. Puschkin: An ***
(Übertragung von Karoline Pawlowa, 1833)
Sehnsucht
Nach der Liebes-Initiation steht die Seele vor einer Entscheidung. Und wenn sie alles richtig macht (nämlich nicht der Depression erliegt), kann sie nun nicht mehr anders, als der in ihr entfachten ewigen Sehnsucht zu folgen und „sich mit himmlischer Schönheit zu schmücken“. Jetzt eröffnet sich hinter dem Eros die Philia …
Denn es gibt ja im Irdischen nicht „die“ Liebe, nicht nur heiße Nächte, sondern auch glückselige Nähe …
Im Griechischen sind es die besagten vier Arten: Der eros ist (nach Florenskij) dabei die verlangende, leidenschaftliche Liebe zu Gegenständlichem (!), philia aber die innerliche Zuneigung zu einer Person , der Wunsch nach Nähe und das Zufriedensein durch diese Nähe – sie erfüllt sich in dieser NÄHE der Seelen. Ferner haben wir noch storge für die Verwandtheit und Vaterlandsliebe, sowie agape für eher verstandesmäßige Wertschätzung, die auf mehrere, viele oder alle bezogen sein kann.
„Für die antike Gesellschaft waren dabei der eros als persönliche Kraft und die storge als das gattungsmäßige Prinzip sozusagen eine doppelte Klammer; gerade sie bildeten die metaphysische Grundlage des gesellschaftlichen Seins. Für die christliche Gesellschaft als solche bildeten dagegen die philia im persönlichen und die agape im gesellschaftlichen Bereich den natürlichen Boden.“
Florenskij sieht das bereits im Alten Testament und bei den vorchristlichen Griechen angelegte „Liebes-Paar“ agape-philia im Neuen Testament (und in der späteren christlichen Definition des Begriffspaares durch die Kirchenväter) als bestimmende Antinomie des Leibes Christi. Es ist die Realisierung von „Kirche“ in zwei Aspekten, die nur auf den ersten Blick, in ihrer unreinen Form, ineinanderzufließen scheinen. In ihrer vollendeten Schönheit aber bilden sie die zwei Pole der Einen Liebe, die wir jetzt schon in ihren verschiedenen Gestalten erstreben können.
Philia ist dabei personale Liebe – hundert Menschen können Kommunion zusammen haben, aber Seelennähe immer nur zwei.
Kommen wir zum Kern …
Wir erinnern uns: Kein orthodoxer Priester kann eine Liturgie allein feiern … Das in Christus fleischgewordene Liebesprinzip funktioniert nicht mit einem Einzel-Individuum:
„Die Grenze der Fragmentierung ist nicht das menschliche Atom, das sich von sich und aus sich auf die Gemeinschaft bezieht, sondern das Gemeinde-Molekül, das Freundespaar als Aktionsprinzip, ähnlich wie die Familie ein solches Molekül der heidnischen Gemeinschaft war. Das ist eine neue Antinomie, nämlich die Antinomie der PersonalsDyade. Einerseits ist die einzelne Person alles; aber andrerseits ist sie etwas nur dort, wo ‚zwei oder drei‘ sind. ‚Zwei oder drei‘ ist etwas qualitativ Höheres als ‚einer‘, obwohl gerade das Christentum die Idee des absoluten Wertes der einzelnen Person begründete. Absolut wertvoll kann die Person nur in einer absolut wertvollen Gemeinschaft sein, obwohl man nicht sagen kann, dass die Person der Gemeinschaft vorausgehe oder die Gemeinschaft der Person.“
Mit den Worten des Herrn:
„Weiter sage Ich euch: Alles, was zwei (δύο) von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von Meinem himmlischen Vater erhalten. Denn (γάρ) wo zwei oder drei in Meinem Namen (εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα) versammelt sind, da bin Ich mitten unter ihnen.“
(Mt 18,19-20 )
Es geht also um Zusammen- und Beisammensein, mindestens paarweise.
Paare
Einige Väterzitate aus Florenskis elftem Brief seien angeführt:
„Wer weiß nicht, dass der Mensch ein sanftes und geselliges Wesen ist, aber kein einsames und wildes? Nichts ist unserer Natur so eigentümlich, wie miteinander Gemeinschaft zu haben, einander zu bedürfen und die zu lieben (agape), die von der eigenen Art sind.“
(Hl. Basilios der Große)
„Wer einen Freund hat, der hat ein anderes Selbst.“ – „Der Geliebte ist für den Liebenden dasselbe wie er selbst. Die Eigenschaft der Liebe ist solcher Art, dass der Liebende und der Geliebte schon nicht mehr zwei getrennte Personen zu bilden scheinen, sondern einen einzigen Menschen.“
(Hl. Johannes Chrysostomos)
„Über dreißig Jahre lebten wir mit ihm in engster freundschaftlicher Gemeinschaft, die letzten drei Jahre war es aber so, dass wir gleichsam ein Leib und eine Seele wurden.“
(Mönchspriester Antonios vom Kiewer Höhlenkloster, über Archimandriten Meletios)
„So strebt denn danach, euch dichter zu sammeln zum Dank an Gott und zu seinem Ruhme. Denn wenn ihr an einem Orte dicht versammelt seid, dann werden die Kräfte Satans fortgefegt, und sein Verderben wird beseitigt in der Ein-Mütigkeit eures Glaubens. Es gibt nichts Besseres als den Frieden, in dem aller Krieg des Himmlischen mit dem Irdischen aufhört.“
(Hl. Ignatios Theophoros an die Epheser)
Dazu Florenskij:
„Hier wird offen darauf hingewiesen, dass das ‚Zusammen‘ der Liebe sich nicht nur auf den abstrakten Gedanken allein beschränken darf, sondern unerlässlich spürbare, konkrete Manifestationen erfordert, bis einschließlich der Nähe des Berührens. Man soll nicht nur einander „lieben“, sondern man muss auch nah (πυκνῶς) beisammen sein, sich bemühen, nach Möglichkeit näher (πυκνότερον) beieinander zu sein. Aber wann sind Freunde näher beieinander als beim Kuss?
Beim Kuss?
Es lässt sich nicht von den Lippen weisen: philein heißt im Griechischen nichts anderes als küssen. Allerdings dürfen wir es unserem sündigen Denken zuschreiben, wenn wir hier gleich wieder an Rumknutschen denken. Philia ist eine (seelen)verwandtschaftliche Beziehung, das Küssen eines unter Brüdern.
„Arbeitet miteinander, strebt miteinander, lauft miteinander, leidet miteinander, ruhet miteinander, wachet miteinander als Verwalter Gottes, als Seine Gäste und Diener.“
(Hl. Ignatios an Polykarp von Smyrna)
Der Bogen ist geschlagen, und wir gehen erneut auf Anfang: zurück zu der Geschichte vom verlorenen Freund:
„Am Grabe eines meiner Verwandten hat sich mir diese Sehnsucht nach Freundschaft tief im Herz eingeprägt . Selbst dann, so dachte ich, wenn alle Rechnungen mit dem Leben abgeschlossen sind, denkt man mit glühendem Verlangen an ein gemeinsames Leben, an das Ideal der Freundschaft. Alles ist dahin, das Leben selbst ist entschwunden! Und dennoch bleibt die Sehnsucht nach der Gemeinschaft von Freunden. Folgt nicht daraus,