Gottes Erwählung ist kein exklusives Privileg, sondern ein offenes Angebot der bedingungslosen Liebe, das den Einzelnen von Leistungsdruck befreit und ihn in eine wachsende Gemeinschaft der Zugehörigkeit einbindet.
Die Predigt interpretiert den Bibeltext Deuteronomium 7, 6-12 im Kontext einer Taufe und stellt die biblische 'Erwählung' als Akt der Liebe und des Schenkens dar, nicht als Kauf oder Besitznahme. Der Predigerin gelingt es, das Konzept der Erwählung von einem exklusiven, abgrenzenden Privileg zu einem inklusiven Angebot der Zugehörigkeit und Entlastung umzudeuten. Sie nutzt das Bild des umgekehrten Trichters: Während menschliche Auswahl Prozesse verengt, weitet Gottes Liebe den Kreis der Zugehörigkeit immer weiter aus. Die Predigt betont, dass Identität nicht an Leistung oder Größe gemessen werden darf, sondern an der bedingungslosen Annahme durch Gott. Durch den Bezug auf die Taufe der vierjährigen Letizia wird die theologische Aussage in die konkrete Erfahrung von Eltern und Kind übersetzt. Die Botschaft lautet, dass jeder Mensch einzigartig ist und in einer Geschichte der Liebe und Treue Gottes aufgehoben ist, was vor dem Zwang der Selbstoptimierung schützt.
5. Mose 7,6-12
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Predigttext & EinführungPredigtPredigttext: 5. Mose / Deuteronomium 7, 6-12 (Übersetzung: Basis Bibel)
6 Du, Israel, bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den Herrn, deinen Gott.
Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören.
7 Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker, empfindet der Herr Zuneigung zu euch.
Nicht deswegen hat er euch ausgewählt. Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern.
8 Sondern aus Liebe zu euch hat der Herr es getan.
Er hält sich an den Eid, den er euren Vorfahren geschworen hat.
Darum hat euch der Herr herausgeführt.
Mit starker Hand hat er euch aus der Sklaverei befreit –
aus der Gewalt des Pharao, des Königs von Ägypten.
9 So erkenne nun:
Der Herr, dein Gott, er ist Gott.
Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund. Die ihn lieben und seine Gebote befolgen, erfahren seine Güte noch in tausend Generationen.
10 Doch die ihm untreu werden, zieht er zur Rechenschaft und vernichtet sie.
Ohne zu zögern bestraft er jeden, der ihm untreu wird.
11 Befolge deshalb die Gebote, Gesetze und Bestimmungen, die ich dir heute weitergebe. Handle unbedingt danach!
12 Das wird geschehen, wenn du auf diese Bestimmungen hörst, sie befolgst und danach handelst: Dann bewahrt der Herr, dein Gott, den Bund und hält dir die Treue. So hat er es deinen Vorfahren geschworen.
Exegetische und homiletische Einführung
Die Aussicht, getauft zu werden, schien das vierjährige Mädchen nicht so glücklich zu stimmen. Im Taufgespräch versuchte ich, den Grund herauszufinden. Irgendwann stellte sich heraus, dass das Kind das Wort falsch gehört hatte. Statt „taufen“ hatte es „kaufen“ verstanden. In ihrem Kopf hatte sich das Bild geformt, sie solle bei der Taufe „gekauft“, also verkauft werden! Ich hielt den Atem an. Was für Ängste hatten wir durch unser Gespräch ausgelöst! Nachdem wir probeweise Gegenstände in ein Wasserglas „getaucht“ und spielerisch ihre Puppe „getauft“ hatten, schien das Kind beruhigt. Aber allein dass wir diese Vorstellung in ihm ausgelöst hatten, dass die Ahnung einer solchen Möglichkeit in ihm entstanden war, ging mir lange nach. Wie dünn ist emotional das Eis, auf dem wir stehen!
Ein Kaufpreis ist etwas Messbares, das verschiedene Produkte über den gleichen Kamm schert. Im 5. Mosebuch geht es nicht um Kaufen und Verkaufen, sondern um Liebe und Erwählung.Zum Zeitpunkt der Zusage Gottes am Ende der Wüstenzeit ist Israel dabei, sich durch seine Ankunft in der Sesshaftigkeit zu einem unter mehreren Völkern zu entwickeln, sich also vergleichbar zu machen. Das Verhältnis zu sich selbst steht auf dem Prüfstand zu einer Zeit, in der die eigene Identität noch längst nicht ausgereift ist. Identität und Selbst(wert)gefühl allein an eine Zusage von außen und nicht an die eigene Selbsteinschätzung und Fremdbewertung zu hängen, das ist schwer.
Wichtig scheint mir der Hinweis auf die Treue zu den Vätern. Meine Vorfahren gehören ganz zu mir. Aber sie können mich aus meinem Kreisen um mich selbst herauslösen, ohne mich von mir zu trennen. Sie sind mein Außen im Innen. Sie stabilisieren mich und begrenzen gleichzeitig meine heimlichen Absolutheitsansprüche. Sie reihen mich ein. Gottes Liebe zu dem Volk, das jetzt gerade lebt, verbunden mit seiner Treue zu den „Altvorderen“ geben dem Neuankömmling in der Völkerwelt Wurzeln, deren Stärke ohne Dominanz auskommt. Der Auftrag, die Liebe Gottes im Halten der Gebote zu spiegeln, schenkt das Gefühl, wichtig zu sein und eine Aufgabe zu haben, ohne sich am Erfüllungsgrad dieser Aufgabe selber messen zu müssen.
Am Ende bleibt einer übrig. Jedenfalls bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Bis zum Endspiel ist es noch eine Woche. Zwei unserer Nachbarländer sind noch im Rennen. Es kann spannend werden. Am Ende bleibt einer übrig. Ein Land. Ein Team. Dieses Team wird seinen Sieg erkämpft, erstürmt, verteidigt und gehalten haben. Tor um Tor. Am Ende bleibt einer übrig. So ist es bei jeder Art von Auswahl. Egal ob ich im Modegeschäft zwischen drei T-Shirts auswähle oder bei der Einstellung eines neuen Mitarbeiters. Auswahl heißt immer: Da ist ein Weg, ein Prozess. Am Anfang stehen viele. Am Ende steht einer. Bei Gott ist es genau andersherum. Da steht nicht einer am Ende, sondern einer am Anfang. „Du, Israel, bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den Herrn, deinen Gott. Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören.“
Liebe Letizia, du warst ja am Anfang etwas bedenklich, als wir über deine Taufe sprachen. Zum Glück haben wir schnell gemerkt, woran es lag: Du kanntest das Wort „taufen“ gar nicht. Weil du das Wort nicht kanntest, dachtest du, dass wir über etwas anderes sprechen. Du hast statt „taufen“ „kaufen“ verstanden. Da bist du natürlich hellhörig geworden. Man kann doch ein Kind nicht kaufen und schon gar nicht verkaufen!
Liebe Gemeinde, als ich über den Bibelabschnitt nachdachte, kam die Erinnerung an das Gespräch wieder. „Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören.“Klingt das nicht auch so, als ob der liebe Gott in einem Spielzeugladen steht, und das schönste Spielzeug nimmt er vom Regal und sagt: Das da! Das da soll mir gehören, und dann zur Kasse geht und seinen Geldbeutel zieht? Aber, liebe Letizia, und liebe Eltern und Paten: Sie wissen es ja am besten: Kinder gehören einem nicht. „Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht nach sich selbst“, schrieb der Dichter Khalil Gibran. Deine Eltern sind nicht in den Spielzeugladen gegangen und haben dich vom Regal genommen und gesagt: Von all den Spielzeugen, die da stehen, das nehme ich. Das wäre ja ganz schrecklich. Für dich wäre es schrecklich, und für Mama und Papa wäre es auch schrecklich.
Zum Glück hat sich der liebe Gott das ganz anders ausgedacht! Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen, das wissen alle Kinder, und seine Kinder kann man sich auch nicht aussuchen, das wissen alle Eltern. Unsere Kinder gehören uns nicht, sie gehören nur zu uns, ganz fest, das ganze Leben lang. Unsere Eltern gehören uns auch nicht. Wer hat dann ausgesucht und ausgewählt? Das war Gott. Das ist ein wunderschöner Gedanke. Gott hat gesagt: Ich habe die gute Idee, dass Letizia genau zu diesem Papa und dieser Mama kommen soll. Warum und wieso, sagt Gott, das bleibt erstmal mein Geheimnis. Das verrate ich euch nicht. Das findet mal schön selbst heraus! Ihr habt ja ein Leben lang dazu Zeit. Ich bin fast sicher, ein bisschen davon habt ihr schon herausgefunden. Jedes Herausfinden stärkt die Liebe und macht sie wahrer und klarer und schöner.
Wenn in der Bibel steht, dass Menschen Gott gehören, ist diese enge Zugehörigkeit gemeint, und dieses Wachsen und Stärken der Liebe. Israel, das Volk, mit dem Gott eine besonders enge Verbindung schließt, ist Gottes Eigentum, heißt es in einer älteren Übersetzung. Eigentum, das klingt wieder nach Erwerben und Kaufen. Aber wenn jemand sagt: Ich habe Eigentum erworben, dann schwingt viel mehr mit. Einige von Ihnen wissen das, weil sie sich selbst Eigentum erworben haben, ein Haus, eine Heimat zum Wohnen. Eigentum, das ist etwas ganz Eigenes.
Eigentum heißt einzigartig. Ich will genau hier wohnen, hier und nicht anders, das ist meine Welt, das gehört ganz zu mir, hier gehöre ich hin, hier kann ich Heimat finden. Jedes Haus, jedes Volk, jedes Kind, jeder Mensch ist etwas ganz Eigenes, mit einer eigenen Vergangenheit und einer eigenen Zukunft. Dieses Eigene, Einzigartige will entdeckt werden in einer langen Geschichte. Zwischen Gott und seinem Volk entsteht eine ganz eigene, einzigartige Geschichte, so wie überall, wo Gefühl und Zuneigung und Liebe im Spiel sind. Wenn Gefühl und Zuneigung und Liebe im Spiel sind – und das sind sie zwischen Gott und seinem Volk wie zwischen Eltern und Kindern –, dann kann diese Geschichte manche Schlagseite vertragen. Sie geht trotzdem weiter und bleibt trotzdem eine Geschichte der Liebe.
Liebe Letizia, dein Name kommt nicht so oft vor, und trotzdem im Hasler Kindergarten gleich zweimal. Du bist die kleine Letizia, und es gibt noch die große Letizia, und Beides ist sehr liebevoll gemeint. Das passt auch zu dem, was Gott zu seinem Volk sagt: Ich habe dich erwählt, nicht weil du groß, sondern weil du klein bist. Gott weiß, dass das nicht so ganz einfach ist. Denn Kleine wollen ungern hören, dass sie klein sind und setzen sich leicht unter den Zwang, deswegen besonders groß und stark sein zu wollen. Gott weiß um die Gefahr. Er sagt gerade deswegen: Ich bin ein Gott, der befreit und der entlastet. Ich habe dich befreit, Israel, aus Ägypten, und ich will dich weiter befreien von allem Zwang, dich nach vorne zu spielen und mithalten zu müssen. Als ob Gott sagt: Ich habe dich erwählt, du Team in der Kreisliga, um dir und allen anderen zu zeigen: Es geht nicht um die Liga und nicht um den Klassenerhalt, es geht um die Freude am Spielen und um die Freude am Leben. Dein Name, Letizia, heißt Freude. Das will Gott: uns davor bewahren, uns selbst die Freude am Leben zu nehmen oder zu verkleinern. Darum erwählt er Israel, das kleine Volk, weil er sagen will: Es geht doch um uns, und es geht um das Leben.
Am Ende bleibt einer übrig, habe ich am Anfang gesagt. So ist es beim Fußball. Erst viele,und am Ende nur einer. Der Trichter so herum: Erst breit, dann immer schmäler. Wenn Gott erwählt, liegt der Trichter genau anders herum. Erst schmal, dann immer breiter. Erst ein Volk und eine Geschichte, die sogar aufgeschrieben wird, damit wir Menschen immer neu hinsehen und lernen können. Dann aber immer mehr. Auch wir sind dabei. Als Gemeinschaft und als Einzelne. Dich als Volk habe ich erwählt, weil ich deinen Vätern treu sein wollte, sagt Gott. Das Volk und die Väter, viele und einzelne. Jede und jeder von uns ist etwas ganz Eigenes, und alle brauchen alle. Wir feiern Taufe und sagen: Auch du bist erwählt und geliebt. Gott hilft dir, dein Leben zu finden und es schön zu finden.